Wie es der Herr geboten hat – kein Zwei-Klassen-Gesellschaft

  1. Mose 9, 1 – 24

1 Und am achten Tage rief Mose Aaron und seine Söhne und die Ältesten in Israel 2 und sprach zu Aaron: Nimm dir einen jungen Stier zum Sündopfer und einen Widder zum Brandopfer, beide ohne Fehler, und bringe sie vor den Herrn. 3 Und rede mit den Israeliten und sprich: Nehmt einen Ziegenbock zum Sündopfer und ein Kalb und ein Lamm, beide ein Jahr alt und ohne Fehler, zum Brandopfer 4 und einen Stier und einen Widder zum Dankopfer, dass wir sie vor dem Herrn opfern, und ein Speisopfer, mit Öl vermengt. Denn heute wird euch der Herr erscheinen.

             Sieben Tage hat das Weihefest gedauert. Jetzt ist der achte Tag, der Tag des neuen Anfangs: Mose ist der, von dem alle Initiativen ausgehen. Er ist der, der die Anordnungen trifft. Er bestimmt das „Material“, das geopfert wird. Einen jungen Stier, einen Widder, einen Ziegenbock, ein Kalb und ein Lamm. Genauso bestimmt er auch den Charakter der Opfer: Sündopfer, Brandopfer, Dankopfer, Speisopfer. Sorgfältig wird auch unterscheiden zwischen den Opfern der Priester und den Opfern des Volkes. Auf Aaron und seine Söhne entfallen die Priesteropfer, auf die Ältesten, so denke ich, entfällt es, für die Opfer des Volkes die Tiere zu besorgen.

            Diese Tendenz, alle Regeln und Ordnungen innerhalb des Judentums auf Mose zurück zu führen, hat es mit sich gebracht, dass manchmal von der mosaischen Religion geredet wird. Dem Selbstverständnis des Judentums entspricht das nicht – denn Mose ist nur der „Mund Gottes.“  Es sind Gottes Gebote, seine Regeln, seine Ordnungen, nicht die des Mose.

5 Und sie brachten, was Mose geboten hatte, vor die Stiftshütte, und es trat herzu die ganze Gemeinde und stellte sich auf vor dem Herrn. 6 Da sprach Mose: Das ist’s, was der Herr geboten hat, dass ihr es tun sollt, auf dass euch des Herrn Herrlichkeit erscheine. 7 Und Mose sprach zu Aaron: Tritt zum Altar und bringe dar dein Sündopfer und dein Brandopfer und entsühne dich und das Volk. Danach bringe dar die Opfergabe des Volks und entsühne es auch, wie der Herr geboten hat.

            Wieder wird betont: alles soll so gemacht werden, wie der HERR es geboten hat. Mose ist der, der die Anweisungen gibt, Aaron ist „nur“ ausführendes Organ.  Es wirkt, als sei das die Voraussetzung dafür, dass die Herrlichkeit des HERRN erscheint. Obwohl alle Texte der Bibel, auch die des Alten Testamentes, wissen: Gott ist unverfügbar. Und damit auch das Erscheinen seiner Herrlichkeit. Im Hintergrund steht der Gedanken: Das Volk muss ebenso rein sein wie die Priester. Es gibt keine Zwei-Klassengesellschaft der Reinheit vor Gott. Wohl aber ist die Reinheit der Priester zeitlich und möglicherweise auch aus der Sache heraus der erste Schritt.

 8 Und Aaron trat zum Altar und schlachtete den jungen Stier als sein Sündopfer. 9 Und seine Söhne brachten das Blut zu ihm, und er tauchte mit seinem Finger ins Blut und tat es auf die Hörner des Altars und goss das Blut an den Fuß des Altars. 10 Aber das Fett und die Nieren und den Lappen an der Leber vom Sündopfer ließ er in Rauch aufgehen auf dem Altar, wie der Herr es Mose geboten hatte. 11 Und das Fleisch und das Fell verbrannte er mit Feuer draußen vor dem Lager.

             So wie es Mose angeordnet hat, geschieht es. Es ist das erste Opfer, das von Aaron berichtet wird – sein Sündopfer. Mit diesem Sündopfer wird Aaron selbst „gereinigt, entschuldet“. Damit ist der Weg frei für alle weiteren Opfer.

 12 Danach schlachtete er das Brandopfer; und Aarons Söhne brachten das Blut zu ihm, und er sprengte es ringsum an den Altar. 13 Und sie brachten das Brandopfer zu ihm, Stück um Stück, und den Kopf, und er ließ es in Rauch aufgehen auf dem Altar. 14 Und er wusch die Eingeweide und die Schenkel und ließ sie in Rauch aufgehen oben auf dem Brandopfer auf dem Altar. 15 Danach brachte er herzu die Opfergabe des Volks und nahm den Bock, das Sündopfer des Volks, und schlachtete ihn und machte ein Sündopfer daraus wie das vorige. 16 Und brachte das Brandopfer herzu und tat damit der Ordnung gemäß. 17 Und brachte herzu das Speisopfer und nahm eine Handvoll und ließ es in Rauch aufgehen auf dem Altar, außer dem Brandopfer am Morgen. 18 Danach schlachtete er den Stier und den Widder als Dankopfer des Volks. Und seine Söhne brachten ihm das Blut; das sprengte er ringsum an den Altar. 19 Aber das Fett vom Stier und vom Widder, den Fettschwanz und das Fett am Eingeweide und die Nieren und den Lappen an der Leber, 20 all dieses Fett legten sie auf die Brust, und er ließ das Fett auf dem Altar in Rauch aufgehen. 21 Aber die Brust und die rechte Keule schwang Aaron als Schwingopfer vor dem Herrn, wie der Herr es Mose geboten hatte.

             Danach, danach, danach… Eine Opferhandlung folgt der anderen. Erst das Opfer Aarons, dann das Brandopfer seiner Söhne, dann die Opfergabe des Volkes, dann das Dankopfer des Volkes. Es muss alles seine Ordnung haben. Darauf legt die detaillierte Schilderung Wert. Es geht bei diesen Opfern nicht so, dass jeder machen kann, was er will und wie er will. Alles geschieht so, wie der Herr es Mose geboten hatte.

           Darauf läuft es auch im Opfergeschehen hinaus: „Die Gemeinden sind in ihrem Selbstverständnis Hörerinnen des göttlichen Wortes und folgsame Dienerinnen des Gottes Jahwes.“ (E.S. Gerstenberger, Das 3. Buch Mose Leviticus, ATD 6, Göttingen 1993, S. 103) Das gilt in gleicher Weise für die Gemeinde des Anfangs in der Wüste wie für die Gemeinde, die dieses Buch Leviticus liest, wohl erst in der Zeit nach dem Exil.

            Wobei man sagen muss: die Polemik, die wir heute gegenüber solchen Gehorsamsschilderungen in uns tragen, ist den biblischen Büchern fremd.  Noch Bonhoeffer hat sagen können: „Nur der Glaubende ist gehorsam und nur der Gehorsame glaubt.“ (D. Bonhoeffer, Nachfolge, München 1937, S. 35) Damit ist er näher an Buch Leviticus als wir, die wir gerne den Gehorsam ein bisschen suspekt finden. Verdächtig. Das Einhalten der Anweisungen des Mose, der „Spielregeln“ bei den Opfern ist eben gerade nichts Äußeres. Sondern die äußere Sorgfalt in den Vollzügen bildet die innere Hingabe an den Willen Gottes ab.

 22 Und Aaron hob seine Hände auf zum Volk und segnete sie und stieg herab, nachdem er das Sündopfer, Brandopfer und Dankopfer dargebracht hatte. 23 Und Mose und Aaron gingen in die Stiftshütte. Und als sie wieder herauskamen, segneten sie das Volk.

             Es ist ein Segen für das Volk, was da geschieht. Und der Segen für das Volk wird ausdrücklich im Segen, den Mose und Aaron zusprechen, den sie austeilen. „Die Tatsache, dass jedes einzelne Mitglied des Volkes unter Gottes Segen stehen konnte, schob der Verachtung einzelner Klassen und Gruppen einen Riegel vor.“ (G. Maier, das Dritte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT, AT2; Wuppertal 1994, S,174) Es ist der Segen Gottes, der auf das Volk gelegt wird – mit den erhobenen Händen. Nicht der Segen des Aaron oder des Mose. „Die erhobenen Hände sind ein Zeichen dafür, dass der Priester nicht seinen eigenen Segen auf die Gemeinde legt, sondern Gottes Segen.“ (G. Maier, ebda.)  Gott ist die Quelle allen Segens.

  Da erschien die Herrlichkeit des Herrn allem Volk. 24 Und ein Feuer ging aus von dem Herrn und verzehrte das Brandopfer und das Fett auf dem Altar. Da alles Volk das sah, frohlockten sie und fielen auf ihr Antlitz.

             Der Lichtglanz Gottes leuchtet auf. Die Septuaginta übersetzt: Δόξα. Und das Wort „erschien“ wird später, wieder in der griechischen Sprachform, eine große Rolle spielen bei den Berichten von der Auferstehung Jesu. Das heißt es auch jedes Mal: der Herr erschien. Es ist mir bewusst, dass ich hier die Grenze enger, textgebundener Exegese übersteige – aber die Parallele ist allzu auffällig. Hier wie dort geht es um ein Aufleuchten und Erscheinen, auch um sein Sichtbarwerden, das den Normal-Horizont übersteigt. „Die Anwesenden nahmen also mit ihren gewöhnlichen Augen wahrt, dass etwas Unerklärlich-Überirdisches aufleuchtet.“ (G. Maier, aaO.; S,176)

             Es wird sich später auf dem Karmel wiederholen (1. Könige 18,38), dass ein Feuer ausging von dem Herrn und verzehrte das Brandopfer und das Fett auf dem Altar.  Hier ist es das erste Mal und damit fällt von hier aus Licht auf das spätere Geschehen am Karmel: Es ist der gleiche Gott und Israel kommt mit seinen Gotteserfahrungen nie über diesen Anfang hinaus. Muss es auch nicht. Weil im Anfang schon alles da ist, was für den Weg nötig ist.

 

Heiliger Gott, wir warten auf Dein Kommen, auf das Aufleuchten Deiner Herrlichkeit. Wir warten darauf, dass im Dunkel der Welt Dein Licht sichtbar wird, Deine Liebe spürbar wird, dass Dein Segen auf alles Volk gelegt wird, die Gerechten und die Ungerechten, die Frommen und die Ungläubigen.

Gib Du, dass wir uns in der Zeit des Wartens vorbereiten, so dass wir Dich empfangen können, weil unsere Hände leer und unsere Herzen offen sind. Amen