Priesterweihe

  1. Mose 8, 1 – 13

1 Und der Herr redete mit Mose und sprach: 2 Nimm Aaron und seine Söhne und die Kleider und das Salböl und den jungen Stier zum Sündopfer, die beiden Widder und den Korb mit ungesäuertem Brot 3 und versammle die ganze Gemeinde vor dem Eingang der Stiftshütte.

             Wieder spricht Gott mit Mose. Zum zehnten Mal im 3. Buch Mose: Und Jahwe redete. (Es ist schade: Die Lutherbibel 2017, so wie sie im Internet verfügbar ist, setzt den Gottesnamen Jahwe nicht mehr um in Großbuchstaben: der HERR, so dass der Bibelleser im Internet eben nicht sieht: Hier steht im Hebräischen keine Gattungsbezeichnung oder eine Höflichkeits- oder Unterwerfungsformel, sondern der offenbarte Name. JAHWE. In der Papierversion, dem guten alten Buch, ist das – Gott sei Dank – anders. Da steht auch in Luther 2017: Der HERR.)   

             Alles dreht sich um Aaron und seine Söhne. Mit ihnen soll Mose handeln. Wer die Bibel fortlaufend liest, der ahnt, worum es gehen wird. Weil es schon zuvor einmal gesagt worden ist: „Und du sollst Aaron und seine Söhne vor den Eingang der Stiftshütte treten lassen und sie mit Wasser waschen und Aaron die heiligen Kleider anziehen und ihn salben und weihen, dass er mein Priester sei; und du sollst seine Söhne auch herzuführen und ihnen die Untergewänder anziehen und sie salben, wie du ihren Vater gesalbt hast, dass sie meine Priester seien.“ (2. Mose 40, 12 – 15) Was da in Kurzform als Auftrag Gottes überliefert ist, wird jetzt, im Buch Leviticus breiter als Geschehen wiederholt. 

            Die ganze Gemeinde soll vor dem Eingang der Stiftshütte versammelt sein. Das ist der Hinweis: Was folgen wird, geht ganz Israel an. Es ist ein öffentlicher Akt von weitreichender Bedeutung. Über die Zeiten hinweg.  

 4 Mose tat, wie ihm der Herr geboten hatte, und versammelte die Gemeinde am Eingang der Stiftshütte 5 und sprach zu ihnen: Dies ist’s, was der Herr geboten hat zu tun.

             Die Gemeinde wird gerufen. Mose sagt: Was jetzt geschieht, ist nicht unser Einfall. Sondern wir folgen dem,  was der Herr geboten hat zu tun. Es ist die unbedingt nötige Legitimation.

            Es gibt immer wieder Situationen, in denen Menschen handeln, weil sie eine Sicht der Dinge haben, die sie zum Handelt treibt. Aus ihrer Einsicht speist sich ihr Tun. Hier aber wird darauf abgehoben: Es ist nicht die Einsicht des Mose, die ihn handeln lässt. Sondern es ist das, was der Herr geboten hat. Hinter dem Geschehen der nachfolgenden Weihe steht Gott selbst.

            Das ist unserem Denken fremd, auch in der Kirche. Wir handeln liturgisch, weil wir sagen: so ist es sachgemäß. So entspricht es der „liturgischen Kompetenz.“ Das bezieht sich auf Worte, Gesänge, Gesten. Der Anspruch, der in diesen dürren Sätzen des biblischen Textes sichtbar wird, ist anders, größer und engt zugleich den Spielraum des Menschen ein: Es geht um ein Handeln, das dem Gebieten Gottes folgt.

          In der orthodoxen Kirche ist dieses Denken in anderer Weise als bei uns im Westen lebendig geblieben. Da gibt es die seit Jahrtausenden unveränderte „Heilige Liturgie des Chrysostomos“. Unverändert nicht aus Liebe zur ehrwürdigen Tradition, sondern aus dem Bewusstsein: hier folgt eine Liturgie den Vorgaben Gottes.

 6 Und Mose ließ herzutreten Aaron und seine Söhne und wusch sie mit Wasser 7 und legte ihm das leinene Gewand an und gürtete ihn mit dem Gürtel und zog ihm das Obergewand an und tat ihm den Priesterschurz um und gürtete ihn mit dem Gurt des Schurzes. 8 Dann tat er ihm die Brusttasche an und legte in die Tasche die Lose »Licht und Recht« 9 und setzte ihm den Kopfbund auf sein Haupt und befestigte an dem Kopfbund vorn das goldene Stirnblatt, den heiligen Reif, wie der Herr es Mose geboten hatte.

             Waschung, Einkleidung, Gürten, der Kopfbund – Aaron und seine Söhne sind jetzt anderen und anders. Sie sind nicht mehr die Alltagsmenschen. An ihnen geschieht durch diese einzelnen Schritte so etwas wie eine „Verwandlung“. Wer so eingekleidet wird, ist ein anderer Mensch. Wieder ist es so, nach meiner Beobachtung: In der katholischen Kirche und mehr noch in den orthodoxen Kirchen ist etwas davon bewahrt, dass „Kleider Leute machen“. Das Einkleiden mit den Gewändern zur Messe, zum Gottesdienst, ist schon ein Teil des Gottesdienstes. Wie anders im evangelischen Bereich, wo der Talar ja nur übergeworfen wird. Durchaus sachgemäß, weil er ja kein Priestergewand ist, nicht mehr ist als das Zeichen des Gelehrten, „eingeführt in Preußen im Jahr 1811 und seither weltweit übernommen. (R.Volp, die Kunst, Gott zu feiern, Liturgik 1, Güterlsoh 1992, s, 455)    

 10 Und Mose nahm das Salböl und salbte das Heiligtum und alles, was darin war, und weihte es; 11 er sprengte damit siebenmal an den Altar und salbte den Altar mit all seinem Gerät und das Becken mit seinem Gestell, dass alles geweiht würde.

             Es ist die Salbung des Heiligtums, die jetzt zunächst vorgenommen wird. Erst das Haus. „Darin kommt zum Ausdruck, dass Gottes Haus den Vorrang vor der Priesterschaft hat.“ (G. Maier, das Dritte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT, AT2; Wuppertal 1994, S,149) Offen bleibt für mich die Frage: Um welches Heiligtum geht es hier? Um die Stiftshütte? Oder wird an dieser Unklarheit deutlich: Was hier erzählt wird, ist kein historischer Bericht über die erste Priesterweihe, sondern es ist das „Formular“ einer jeden Priesterweihe in Israel, das aber hier „historisiert“ wird.

12 Und er goss von dem Salböl auf Aarons Haupt und salbte ihn, dass er geweiht würde, 13 und brachte herzu Aarons Söhne und zog ihnen das leinene Gewand an und gürtete sie mit dem Gürtel und setzte ihnen Priesterhüte auf, wie ihm der Herr geboten hatte.

            Schließlich wird Aaron und werden seine Söhne gesalbt, um so geweiht zu werden. Geheiligt. Von nun an sind sie beschlagnahmt. Auch für die Söhne Aarons gilt, was für Aaron gilt: „Von jetzt an ist Aaron ein besonderer Mensch. Er steht Gott zur Verfügung und wird von Gott gebraucht – das ist der Sinn des „Weihens“ oder „Heiligens“. Er wird dadurch nicht besser oder weniger sündig.“ (G. Maier, aaO.;  S,150) Es ist wohl so – der Priester ist anders und bleibt doch gleichzeitig ein Mensch wie du und ich.

            Auffällig; Es ist Mose, der die Priester weiht. Er, der selbst keine Weihe empfangen hat.  „Mose ist so nahe bei Jahwe, so sehr durchdrungen von Jahwes Geist und Kraft, dass er keine besondere Weihe braucht.“ (E.S. Gerstenberger, Das 3. Buch Mose Leviticus, ATD 6, Göttingen 1993, S. 103) Bevor man diesen Satz falsch versteht, als würde die Weihe der Priester ein Defizit an Geist und Kraft kompensieren, der Hinmweis: dahinter steht eine andere Einsicht: Mose ist der Mittler der Tora, der Weisungen Gottes – und diese Weisungen haben Vorrang, Priorität auch gegenüber allem priesterlichen Dienst. Vielleicht ist ja noch der Anfang des Johannes-Evangeliums ein Reflex auf diesen Vorrang der Weisungen: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ (Johannes 1,1)

 

Mein Gott, sind Priester etwas Besonderes? Sind Pfarrerinnen und Pfarrer heiliger als andere? Erwartest Du das von uns?

Wir entlasten uns gerne einmal dadurch, dass wir von anderen das heilige Leben einfordern, zu dem wir selbst uns außerstande fühlen.

Ich danke Dir, dass Du Menschen in Anspruch nimmst, so wie sie sind, Heilige und Unheilige, fehlbare und fehlerhafte Leute. Sonst könnte ja keiner für Dich eintreten. Amen