Sei uns wieder gut

  1. Mose 1, 1 – 9

 1 Und der Herr rief Mose und redete mit ihm aus der Stiftshütte und sprach:

            Gewiss redet Gott überall. Jeder Ort ist gut genug, um ein Ort für das Reden Gottes zu werden. Aber doch gibt es auch die herausragenden Orte der Gottesbegegnung. Den Berg, später den Tempel  – und eben die Stiftshütte. „Für Stiftshütte steht der Ausdruck ´ohel mo´ed, auf Deutsch „Zelt der Zusammenkunft“ oder Zelt der Begegnung.“(G. Maier, das Dritte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT, AT2; Wuppertal 1994, S,48)  In der Zeit der Wüstenwanderung ist die Stiftshütte das Zelt der Begegnung, der Ort, an dem Gott sich finden lässt. Von Mose. Genauer: von dem aus Gott spricht.

           Über dieses Reden Gottes erfahren wir keine Begleitumstände. Nur eben den Ort. Und dass Gott redet. Das freilich gibt dem Folgenden ein unermessliches Gewicht. Das ganze folgende Regelwerk ist nicht menschlicher Vernunft entsprungen, auch nicht das Ergebnis menschlicher Vereinbarung. Es ist Wort Gottes. Weisung Gottes. Anordnung Gottes.

 2 Rede mit den Israeliten und sprich zu ihnen: Wer unter euch dem Herrn ein Opfer darbringen will, der bringe es von dem Vieh, von Rindern oder von Schafen und Ziegen. 3 Will er ein Brandopfer darbringen von Rindern, so opfere er ein männliches Tier, das ohne Fehler ist. An den Eingang der Stiftshütte soll er es bringen, damit es ihn wohlgefällig mache vor dem Herrn. 4 Und er lege seine Hand auf den Kopf des Brandopfers, damit es ihn wohlgefällig mache und für ihn Sühne schaffe.

             Mose ist, wie schon am Sinai – „Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten“(2. Mose 19,3) –  verkündigender Mittler der Worte Gottes an das Volk. Das ist sein Auftrag: Die Weisungen Gottes weiterzugeben.

            Was er weitergeben soll, betrifft den Umgang mit  Opfern, die einer unter euch dem Herrn  darbringen will. Es geht durchweg um „Privat-Opfer“, nicht um das im Tempel regelmäßig stattfindende „offizielle Opfer.(E.S. Gerstenberger, Das 3. Buch Mose Leviticus, ATD 6, Göttingen 1993, S. 23) Es geht um die Opfer, die nicht durch irgendeine Verpflichtung kultischer Art gefordert sind.

            Auch für Opfer aus dem freiwilligen Wollen sind die Anforderungen hoch: ein männliches Tier, ohne Fehler. Für Gott ist das Beste gerade gut genug. Aber das Beste für Gott kostet. „Ein gesundes Rind im Brandopfer Gott zu übergeben, ohne auch nur im Mahl daran teilzuhaben, das bedeutete im Normalfall einen Aderlass für den Opfernden, heute nur vergleichbar mit der Aufgabe eines Teils des Vermögens.“ (E.S. Gerstenberger, aaO.; S. 26)

            Während die Umstände des Opfers, Zeit, Ort, Anlass eher spärlich bis überhaupt nicht benannt werden, wird das Ziel des Opfers sehr präzise formuliert. Es soll den/die Opfernden    wohlgefällig machen und Sühne schaffen. Es soll bei Gott Anerkennung finden – ihm ein „lieblicher Geruch“ sein, bei ihm Wohlgefallen finden: „Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer.“ (1.Mose 4, 4) Für Sühne schaffen steht das hebräische Wort kipper, das im Buch Leviticus insgesamt 50mal verwendet wird, also etwas wie ein Leitmotiv für die gesamte Opferpraxis umschreibt. Es geht um die „in den Kultriten zu erstrebende Auslöschung von Sünde und Schuld“. (E.S. Gerstenberger, aaO.; S. 27) Dahinter steht das Wissen, dass Sünde und Schuld von Gott trennt, von ihm fernhält und den Weg zu ihm versperrt. Was hier erzählt wird ist ein früher Vorläufer des „Jom Kippur“, des großen Versöhnungstages, der bis heute gefeiert wird, heute allerdings ganz ohne blutige Opfer.

 5 Dann soll er das Rind schlachten vor dem Herrn, und die Priester, Aarons Söhne, sollen das Blut herzubringen und ringsum an den Altar sprengen, der vor dem Eingang der Stiftshütte ist. 6 Und er soll dem Brandopfer das Fell abziehen und es in seine Stücke zerlegen.

             Jetzt erst kommen die Priester ins Spiel. Da, wo es um das Blut geht. „Das Blut gehört also in den Verantwortungsbereich der Priester. „Blut“ bedeutet Leben und Vermittlung des Lebens und Abwehr des Todes sind priesterliche Aufgaben. .“(G. Maier, aaO.; S. 52)Sofort aber ist wieder der Laie als Opfernder im Blick: Er soll das Brandopfer häuten und zerteilen. In dieser so aktiven Rolle des Laien beim Opfer meldet sich die Erinnerung zu Wort. In den Anfangserzählungen Israels sind es wie selbstverständlich die Sippenhäupter, die Altäre bauen und Opfer bringen, Noah (1. Mose 8), Abraham (1. Mose 22), oder in der Richterzeit Manoach (Richter 13).  Die Zeit der Priester als der für das Opfer faktisch allein Zuständigen kommt erst später, mit der Königszeit und dem Tempel und ganz ausgeprägt mit dem Wiederaufbau des Tempels nach dem Exil.

 7 Und die Söhne Aarons, des Priesters, sollen ein Feuer auf dem Altar machen und Holz oben darauflegen 8 und sollen die Stücke samt dem Kopf und dem Fett auf das Holz legen, das über dem Feuer auf dem Altar liegt. 9 Die Eingeweide aber und die Schenkel soll er mit Wasser waschen, und der Priester soll das alles auf dem Altar in Rauch aufgehen lassen.

             Es ist der Wechsel zwischen Aktivität der Laien und der Priester, der dem Abschnitt ein Gepräge gibt. Direkt am Altar agieren wieder die Priester. Alles soll im Rauch aufgehen. Alles ist für Gott bestimmt. Nichts an diesem Opfer fällt den Menschen zu. Wir fragen einigermaßen irritiert und auf Abstand: „Was muss das für ein Gott sein, der sich durch derlei Gaben beeinflussen lässt. Wieso kann der Opferrauch „beschwichtigender Geruch“ für Jahwe sein?“ (E.S. Gerstenberger, aaO.; S. 35)

            Ich werde den Verdacht nicht los, dass diese Fragen falsch gestellt sind. Es geht im Opfer nicht darum, irgendwie die „Stimmungen Gottes“ zu beeinflussen. Sondern es geht darum, das Verhältnis des Menschen zu Gott zurecht zu bringen. Das Opfer verändert uns, weil wir durch das Opfer glauben: Jetzt ist Gott uns wieder gut. Es ist mehr Selbstvergewisserung: Zwischen uns ist alles wieder in Ordnung als Wandlung Gottes. Nach meiner Beobachtung ist diese Vorstellung vom Opfer auch heute noch höchst vital vorhanden.

            Es ist die Frage des Kindes, das weiß, dass es etwas falsch gemacht hat: „Du bist mir doch wieder gut“ und das sich nach der Frage, noch vor jeder Antwort, wieder an den Vater, die Mutter kuschelt. Es ist die Selbstvergewisserung: weil ich mich anständig verhalten habe, spricht nichts mehr gegen mich. Niemand kann mir mehr an den Karren fahren.

Das ist ein Brandopfer, ein Feueropfer zum lieblichen Geruch für den Herrn.

           Es geht um ein Opfer, das, so wörtlich: hinaufsteigt, ´olah. In der Septuaginta wird dafür das Wort λοκατωμα verwendet, das die lateinische Übersetzung der Vulgata mit holocaustum wieder gegeben wird. Man kann nur erschreckt feststellen: aus dem Opfer, das der Freude den Weg bereiten soll, ist der Schrecken geworden, der alle Freude bis heute in tiefe Schatten drückt. Vom Holocaust unserer Zeit geht kein lieblicher Geruch aus.

           Zu guter Letzt: es fällt auf, dass die Sätze über das Opfer hier nicht als Gesetzestexte neutral doziert werden, Sie werden persönliche Anrede. Die Vorstellung ist, dass Mose sie so zu den Israeliten sagt und sie hören. Anrede und nicht Veröffentlichung im Amtsblatt. So wird die Gemeinde Israel in Anspruch genommen, die Hörergemeinde in der vorgestellten Wüstensituation genauso wie die Lesergemeinde des Buches Leviticus, die es wohl erst nach dem Exil in der Form, wie wir es vor uns haben,  empfangen und gelesen hat. So ist die Sicht der Autoren: Diese Ordnungen kommen aus der Gründerzeit Israels und verpflichten uns alle heute.

            Wir heute leben nicht mehr mit solchen blutigen Opfern. Damit ist die Frage, was uns mit dieser Erinnerung gesagt ist. Die eine Aussagerichtung: Im Opfer geht es um Hingabe, die kostet. Nicht um ein Abtreten von Überfluss.  Nicht um Abfindungsmaßnahmen. In dieser Hingabe, die aufs Ganze geht, wird etwas sichtbar vom Herzen, von dem, worauf ich mein Vertrauen setze. Halte ich Gott gegenüber fest, was mich sichert oder gebe ich an ihn, was mich sichern könnte.

            Das andere: hier ist ein Zusammenspiel von Laien und Priestern im Blick, das jedem seinen Raum lässt. Das nicht nur die eine Seite sieht, sondern eben beide Seiten in ihrem Zusammenspiel. Priester sind Unterstützer, auch im Bereich des Opfers, in ihrem originären Arbeitsfeld. Sie sind nicht Alleinunterhalter. Wahrscheinlich haben wir auch an dieser Stelle neu zu lernen.  Aufmerksam zu werden für das, was Laien tun wollen und tun können.

 

Heiliger Gott, ich weiß nicht, was ich Dir opfern soll. Ich glaube auch nicht, dass Du auf mein Opfern angewiesen bist.

Was ich weiß und glaube, dass ich davon lebe, dass Du Dich hingegeben hast an Deine Welt, dass Du uns auf  Dich genommen hast, unser Leben, unser Lieben, unsere Schuld, unser Wollen und Gelingen, genauso wie unser Versagen und Verzagen. Dafür danke ich Dir. Amen

 

Ein Gedanke zu „Sei uns wieder gut“

  1. Nachdem wir nun den Evangelisten Lukas verlassen haben und uns wieder dem Alten Testament zuwenden, möchte ich sagen, wie sehr uns die Texte lebendig gemacht wurden, duch Ihre Kommentare und wie bereichernd die zahlreichen Parallelen und dazu ergänzenden Gedanken gewesen sind. Die Fülle an Hinweisen ist spannend, wenngleich auch manchmal sehr voluminös, daß der Zeitrahmen des „Studiums“ eng wird!! Danke für Alles!!

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