Frei werden

Lukas 12, 22 – 34

             Weiter geht es im Text. Jesus bleibt nicht bei dem negativen Beispiel des reichen Kornbauern stehen. Er möchte seine Jünger zu einem Leben „verleiten“, das die größere Freiheit atmet, das sich nicht erschöpft in der Sorge um die Lebensmittel.

22 Er sprach aber zu seinen Jüngern: Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen sollt, auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen sollt. 23 Denn das Leben ist mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung.

            Ausdrücklich: Jüngeranrede. Obwohl es doch sinnvoll wäre, es allen Menschen zu sagen. Ja, man könnte doch auch auf die Idee kommen: Die Jünger haben ja alles hinter sich gelassen. Sie haben der alltäglichen Sorge ums Auskommen Abschied gegeben. Sie sind doch auf dem Weg der Nachfolge. Aber diese Anrede zeigt: Es ist nicht selbstverständlich und ist auch nicht mit dem einen Schritt in die Nachfolge getan. Auch wer alles aufgegeben hat, kann leicht wieder der Sorge anheim fallen um Essen und Trinken, um Kleidung und Aussehen.

               Mir fallen Besuche bei Kommunitäten ein – und die Unterschiedlichkeit  im Tragen der einheitlichen Tracht. Da ist der Verzicht auf das individuelle Gepräge von Kleidung Programm und doch: Die einzelnen Leute sind durchaus individuell in ihrer Einheitstracht. Auch hinter der Tracht zeigt sich der wählende und gestaltende Wille der Einzelnen. Ich sehe das und denke: Wie schön, dass hier Individualität sichtbar wird. Gut so! dass eine und einer auch auf sein Äußeres achtet.

               Darum ist die Erinnerung Jesu für seine Jünger nicht des Guten zu viel. Sie ist wichtig, damit die naturgemäße Sorge nicht auf einmal unter der Hand und unter dem frommen Deckmantel doch wieder das Regiment übernimmt.

24 Seht die Raben an: sie säen nicht, sie ernten auch nicht, sie haben auch keinen Keller und keine Scheune, und Gott ernährt sie doch. Wie viel besser seid ihr als die Vögel! 25 Wer ist unter euch, der, wie sehr er sich auch darum sorgt, seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte? 26 Wenn ihr nun auch das Geringste nicht vermögt, warum sorgt ihr euch um das andre? 27 Seht die Lilien an, wie sie wachsen: sie spinnen nicht, sie weben nicht. Ich sage euch aber, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. 28 Wenn nun Gott das Gras, das heute auf dem Feld steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet, wie viel mehr wird er euch kleiden, ihr Kleingläubigen!

                Sieht Jesus in der Natur, was er sieht, weil er genauer hinschaut? Oder sieht er, was er sieht, weil er in allem Gott am Werk sieht? Vögel leben von der Fürsorge Gottes. Sie machen sich keine Gedanken. Blumen haben ihre Schönheit aus der verschwenderischen Lust Gottes am Schönen. Sie müssen sich nicht selbst verschönern. „Die beiden Beispiele möchten gewissermaßen wie zwei Zeugen zeigen, dass Gott in der Tat die Fürsorge für seine Geschöpfe übernommen hat, dass sie durch ihn von der Sorge um ihr Leben und für ihr Leben befreit sind.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 161) Hinter allem sieht Jesus Gott am Werk. Alles Irdische ist gleichnisfähig, durchsichtig auf das Werk Gottes hin.

               Und wieder schließt Jesus, wie er es in der Schule des biblischen Denkens gelernt hat: Wenn Gott schon für das Geringe, für die Vögel, für das Gras so Sorge trägt – wie viel mehr für die Geschöpfe, die sein Bild tragen. Dieses Denken hat Anteil an der weisheitlichen Denktradition Israels, an einem Verstehen Gottes, das in den Vorgängen des Alltags seine Fürsorge immer neu entdeckt. Es ist ein Denken, das die Zuverlässigkeit der Welt allen Wechselfällen des Lebens gegenüber glaubt, weil es Gott zuverlässig auf der Seite der Welt glaubt. Gottes Ordnungen dienen dem Leben – davon ist Jesus tief überzeugt.

               Das ist weit entfernt von Naturmystik und idyllischem Natur-Verständnis. Aber es ist tief hinein verwurzelt in ein Denken, wie es sich in manchen Psalmen zeigt:

Du lässest Wasser in den Tälern quellen,                                                                            dass sie zwischen den Bergen dahinfließen,                                                                       dass alle Tiere des Feldes trinken                                                                                         und das Wild seinen Durst lösche.                                                                                       Darüber sitzen die Vögel des Himmels                                                                                und singen unter den Zweigen.                                                                                             Du feuchtest die Berge von oben her,                                                                                    du machst das Land voll Früchte, die du schaffest.                                                           Du lässest Gras wachsen für das Vieh                                                                                 und Saat zu Nutz den Menschen,                                                                                        dass du Brot aus der Erde hervorbringst,                                                                          dass der Wein erfreue des Menschen Herz                                                                           und sein Antlitz schön werde vom Öl                                                                                   und das Brot des Menschen Herz stärke…..                                                                         Du hast den Mond gemacht, das Jahr danach zu teilen;                                                die Sonne weiß ihren Niedergang.                                                                                        Du machst Finsternis, dass es Nacht wird;                                                                         da regen sich alle wilden Tiere,                                                                                                die jungen Löwen, die da brüllen nach Raub                                                                        und ihre Speise suchen von Gott.                                                                                      Wenn aber die Sonne aufgeht,                                                                                           heben sie sich davon und legen sich in ihre Höhlen.                                                        So geht dann der Mensch aus an seine Arbeit                                                                    und an sein Werk bis an den Abend.                                                                               HERR, wie sind deine Werke so groß und viel!                                                                     Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.                                                             Psalm 104, 10 -15.19 – 24

            In dieser Ordnung Gottes weiß Jesus sich und seine Jünger aufgehoben. Darum kann er sie ermutigen zur Sorglosigkeit. Die Welt Gottes hat Bestand und ist ein guter Ort.

29 Darum auch ihr, fragt nicht danach, was ihr essen oder was ihr trinken sollt, und macht euch keine Unruhe. 30 Nach dem allen trachten die Heiden in der Welt; aber euer Vater weiß, dass ihr dessen bedürft.

            „Ich komme nicht mehr damit zurecht, unser Geld zu verwalten. Ich drehe mich nachts schlaflos herum. Das macht mich fertig. Ich will das nicht mehr.“ Auch fromme Leute können in die Falle geraten, die der Besitz darstellt. Es ist wie ein Befreiungsschlag in großer Not, einen anderen, dem man da mehr Abstand zutraut, zu bitten: Mache mich frei aus diesen Sorgen. Es ist eine tiefe geistliche Erkenntnis, wenn es einem Menschen aufgeht: Mein Besitz besitzt mich und bestimmt mich in einer Weise, die mir die Freude raubt.

               Es wäre wie ein Misstrauens-Antrag gegen Gott, ein Verhalten, wie es bei den Heiden zu finden ist, sich sorgend zu verzehren, sich das Leben sichern zu wollen aus der eigenen Mühe und aus dem eigenen Tun. Es ist nicht so, dass  Jesus allem Tun das Recht abspricht. Aber wenn es heidnisch wird – „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“ –  dann leben seine Jünger unter dem Niveau, das Jesus für die Kinder Gottes eröffnet und ihnen zuspricht: „Alles, was mein ist, ist doch auch dein.“ (15,30) So lebt Jesus und zu solchem Leben will er seine Jünger ermutigen. Er will die Freiheit, die sich von Gottes Güte umsorgt weiß und nicht die Gefangenschaft unter all das, was wir haben.

            Es gehört zur nüchternen Erkenntnis: Es macht einen Unterschied, ob ich zu den 15 Prozent im Land gehöre, die wohlhabend sind oder zu den 15 Prozent, die als arm gelten und jeden Euro dreimal umdrehen müssen. Wer gut abgesichert ist, finanziell und was seine Lebensposition angeht, der kann einigermaßen sorglos leben.  Es gibt Sorgenfreiheit aus dem gut versorgt sein, weil es nicht mehr um das tägliche Überleben geht. Aber das schließt in keiner Weise die anderen Sorgen aus: um den Weg der Kinder und Enkel, um den Weg der älteren Generation. Das schließt die Sorge um den Bestand der Freiheit und des Respektes voreinander in der Gesellschaft nicht aus. Die Sorge um die Klima-Veränderung und die zunehmende Ungerechtigkeit weltweit.

Das alles kann einem schon so zusetzen, dass man sich Unruhe macht, so tut, als könnte man das alles selbst klären. Als könnte man „hoch daher fahren“ – so die genaue alte Luther-Übersetzung (1912) für das Wort μετεωρζω, „in die Höhe heben, sich erheben, stolz werden“ (Gemoll, aaO.; S. 500) Ich höre hier keinen Aufruf zur Bescheidenheit, so wie man das Wort wohl früher auch ausgelegt hat. Es geht in diesem Wort auch nicht um die Abwehr schlafloser Nächte, sondern um Abwehr eines Unglaubens, der nur sich selbst in der Verantwortung sieht und der Fürsorge Gottes nicht mehr traut.

 

AUF, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen Gute Nacht!
Lass fahren, was das Herze betrübt und traurig macht;
bist du doch nicht Regente, der alles führen soll:
Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.  P. Gerhardt 1653, EG 361

          Das muss man nicht unbedingt täglich singen, wohl aber täglich üben! Mehrfach und immer wieder von neuem.

31 Trachtet vielmehr nach seinem Reich, so wird euch das alles zufallen. 32 Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn es hat eurem Vater wohlgefallen, euch das Reich zu geben.

            Statt sich um das Auskommen zu kümmern ist angesagt, das Reich Gottes zu ersehnen.  Es zu suchen, sich daran zu hängen, ζητ es „zu erstreben, sich darum zu bemühen.“ (Gemoll, Griech.-Deutsches Schuld- u. Handwörterich, München 1957, S. 356) Das griechische Wort ist kein passives Gewährenlassen, sondern ein aktives Sehnen, Erwarten, Erhoffen. Es ist die Sehnsucht Gottes, dass wir ein erfülltes Leben haben, dass wir Freude und Frieden erfahren, dass wir Gerechtigkeit erlangen und Gerechtigkeit üben. „Darum ist der Mensch frei, ganz der Herrschaft Gottes sein Leben zu geben.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.262) Es ist die Sehnsucht Gottes, dass sich in unserem Leben seine Güte abbildet, seine Kraft zum Tragen kommt, seine Wahrheit und sein Erbarmen unser Miteinander bestimmen.

               Was Gott so geben will, das wird im Leben der Jünger schon Wirklichkeit. „Sie sind die kleine Herde, deren Hirt Jesus ist.“ (W. Grundmann, ebda.)Das wird im Leben der bedrängten Gemeinden, die das Lukas-Evangelium lesen, schon Wirklichkeit. Da gibt es geschwisterliche Liebe. Da gibt es Vergeben und Versöhnen. Da gibt es das Achten auf die, die schwach sind, angefochten, mutlos – und ihnen wird der Rücken gestärkt. Die Wirklichkeit des Reiches Gottes bricht sich in der Gemeinde schon Bahn.

               „Jesus verkündete das Reich Gottes und es kam die Kirche.“ (Alfed Loisy)  Wenn ich diese Worte Jesu an seine Jünger ernst nehme, dann hat Loisy recht: In der Gemeinde wird das Reich Gottes anfangs-weise sichtbar.  Es ist noch nicht in voller Blüte, aber es ist im Anbruch.

  33 Verkauft, was ihr habt, und gebt Almosen. Macht euch Geldbeutel, die nicht veralten, einen Schatz, der niemals abnimmt, im Himmel, wo kein Dieb hinkommt, und den keine Motten fressen. 34 Denn wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein.

               Darum ist dieses Gegenmodell gegen die Habsucht auch lebens-möglich: Mit dem eigenen Besitz Gutes tun, mit dem eigenen Besitz freigiebig umgehen, um anderen zu helfen – das alles ist möglich. „Anstelle des Verbots von Bereicherung setzt Lukas die Großzügigkeit.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.312) Was Jesus hier als Weisung an seine Jünger sagt, das wird ein Zachäus aus der Begegnung mit Jesus heraus tun: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. (19,8)

            Es ist ein starkes Bild: Beutel, die nicht veralten. Besitz, der nicht verloren geht. Der nicht gestohlen werden kann. Die Erinnerung an wunderbare Begegnungen, an glückliche Stunden, an gelungenes Miteinander überdauert die Zeiten. Solche Erinnerungen sind Schätze, die den Himmel auf die Erde holen. Diebstahlsicher und ohne Verfallsdatum.

                Kann es sein, dass gerade der Umgang der Reichen mit ihrem Reichtum ein deutliches Zeichen für den Anbruch des Reiches Gottes sein kann? Kann es sein, dass Lukas gar nicht so gegen den Reichtum ist, wie man das gerne unterstellt, sondern dass er vielmehr die besondere Verantwortung der Reichen im Blick hat, mit ihrem Reichtum Gutes zu tun? Aber freilich auch die Versuchung, dass der materielle Reichtum zum Schatz wird, der das Leben besetzt?

               Im „Herrn der Ringe“ wird diese Versuchung des Schatzes mehrschichtig deutlich – an Gollum, der am Ring als seinem „Schatz“ hängt, aber auch an Frodo, der sich nicht vom Ring trennen kann, der noch in dem Augenblick, für den er den ganzen Weg auf sich genommen hat, am Schicksalsberg, vor der Feuerschlucht, in die er den Ring werfen soll, in Gefahr gerät, vom „Schatz“ besessen zu werden? Es ist wie eine erzählerische Darstellung des Wortes Jesu: Wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein. Es braucht eine Befreiung von dieser Macht des Besitzes, zu der wir selbst nicht fähig sind, die nur durch eine tief greifende Wandlung des Herzens möglich wird. Letztlich: durch eine Gotteserfahrung wie bei Zachäus.

 

Herr Jesus, Du willst uns frei, frei von der Angst, von der Sorge, von der Gier, von der Sucht, frei von der Versuchung der Macht.

Du willst, dass wir teilen können, lieben, schenken, loslassen.

Du hast uns diese Freiheit vorgelebt und rufst uns hinein in ein Leben mit Dir, in dem sie Einzug hält in unser Denken und Tun.

Gib mir das Vertrauen ins Herz, das sich lösen kann von dem, was so festhält und Deine Freiheit gewinnt. Amen