Mehr Leben

Lukas 12, 13 – 21

 13 Es sprach aber einer aus dem Volk zu ihm: Meister, sage meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teile. 14 Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschlichter über euch gesetzt?

                Es ist merkwürdig. Es gibt Themen, die sind vielen Menschen unendlich wichtig. Aber sie interessieren Jesus nicht. Er hat sich nicht wirklich um die Politik  seiner Zeit gekümmert. Die Suche nach kritischen Worten über Rom, über Pilatus, selbst über Herodes läuft ziemlich in die Leere.  Und ein existentiell so wichtiges Thema wie Erbschaften wehrt Jesus einfach ab. In der Sprache unserer Zeit: Das ist nicht mein Job. Etwas seriöser, biblischer: Das ist nicht mein Auftrag.

Dabei klingt es doch gut, worum er gebeten wird. Er könnte Friedenstifter sein. Er könnte der Gerechtigkeit auf die Beine helfen. Er könnte womöglich zwei Brüder, die dabei sind, sich zu zerstreiten, miteinander Wege zur Versöhnung leiten. Das alles steckt doch in der Bitte mit drin. „Hilf uns, wir packen das nicht alleine.“  Es muss ja gar nicht sein, dass der Bittende Jesus als seinen Parteigänger will. Es kann doch auch ehrlich so sein, dass er ihn als Schlichter sucht, dass er ihn als die Autorität sucht, der sie sich beide anvertrauen können.

Wenn Jesus diese Bitte abwehrt, dann nicht aus einer Geringschätzung der „irdischen Gegebenheiten“. Wer seine Jünger bitten lehrt: „Unser tägliches Brot gib uns Tag für Tag.“ (11,3) missachtet die Erde und ihre Aufgaben, ihre Herausforderungen nicht. Wer so beten lehrt, ist nicht gleichgültig gegenüber den sozialen Fragen. Und Erbschafts-Fragen sind ja auch soziale Fragen. Sie belasten das Miteinander oft unerträglich.

Wenn es keine Gleichgültigkeit ist – was dann? Es ist nicht der Auftrag Jesu. Dazu ist er nicht in die Welt gesandt. Dazu hat er kein Wort des Vaters. Solche Dinge zu regeln ist Sache des kühlen Menschenverstandes und nicht der himmlischen Gerechtigkeit. Das könnt ihr selbst – so höre ich Jesu Antwort. Dazu braucht ihr mich nicht.

15 Und er sprach zu ihnen: Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.

Und dann bleibt nur noch die kurze Warnung: Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat. Es ist, als würde Jesus im Nachtrag sagen: Auch wenn ich hier nichts kläre – das Problem hinter eurem Problem der Erbschaft benenne ich doch: Es ist das Haben Wollen, die Habsucht. Die Habgier verdirbt, was ihr habt. Sie macht immerzu unzufrieden mit dem, was ihr habt. Sie macht immer gierig nach mehr. Und sie ist die große Lüge: Denn ihr lebt nicht mehr, wenn ihr mehr habt.

Ich würde das Wort Jesus gerne auch so aufnehmen: Niemand lebt dafür, dass er viele Güter hat. Der Grund unseres Lebens ist das Geschenk Gottes, der Anhauch, der Odem Gottes. Das Fundament des Lebens ist nicht, was wir haben, sondern was wir von Gott her sind. Und das Ziel unseres Lebens ist nicht Besitzstandmehrung oder Besitzstandverwaltung. Wer so vom Leben denkt, denkt zu klein vom Leben. Wir leben aus der Güte Gottes. Wir leben aus dem Geschenk, dass uns Menschen ihre Zeit gönnen, ihre Aufmerksamkeit gönnen, dass sie uns Gemeinschaft schenken.

Wir leben davon, dass wir angesehene Leute sind:

Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.                        Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                                                   das du, HERR, nicht schon wüsstest.                                                                                     Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. …                              Denn du hast meine Nieren bereitet                                                                                  und hast mich gebildet im Mutterleibe.                                                                      Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin;                                                wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.                                                 Es war dir mein Gebein nicht verborgen,                                                                            als ich im Verborgenen gemacht wurde,                                                                              als ich gebildet wurde unten in der Erde.                                                                                 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war,                                            und alle Tage waren in dein Buch geschrieben,                                                                die noch werden sollten und von denen keiner da war.        Psalm 139, 3-4. 13 – 16

                Davon lebe ich: ich bin ein angesehener Mensch. Ob ich ein Bettler bin – das ist ja wahr – oder ein reicher Mensch – auch das ist wahr: beides ist nicht so wichtig. Aber dass ich angesehen bin, angesehen von Gott, das ist Grund und Hoffnung meines Lebens.

 

Jesus, Du siehst mich an, meine Hoffnungen, meine Enttäuschungen, meine Ängste. Du siehst mich an mit meinen Erwartungen an Dich, dass Du mir hilfst das Leben zu regeln, das Miteinander auf die Reihe zu kriegen, all die Kleinigkeiten, die das Leben oft genug belasten und auch bitter machen können.

Du sagst mir: Regelt was ihr regeln könnt. Kümmert euch und achtet darauf, dass Euer Herz frei bleibt, nicht besessen wird vom Besitz, nicht unfrei in der Gier, nicht maßlos im Habenwollen.

Lernt aus dem Geschenk zu leben, aus meinem Geschenk des Lebens und der Liebe. Amen

             Einmal auf der Spur, in der Auseinandersetzung mit dem Reichtum, bleibt Jesus an diesem Thema dran. Es ist ja Lebensthema ungezählter Menschen, damals und heute. Es ist der Glaube ungezählter Leute, damals und heute, gesellschaftlich vermittelt und Antriebskraft hinter so vielen Entscheidungen: Ich bin, was ich habe und wenn ich mehr habe, bin ich auch mehr. Und je mehr ich habe, desto besser.

 

            Es ist die Signatur eine gesegneten Lebens: Erfolg. Reichtum. Volle Genüge. Autarkie. Der Segen Gottes zeigt sich auch in den materiellen Erfolgen. Davon erzählt das Alte Testament wieder und wieder. Abraham, Jakob, Joseph – sie alle sind gesegnete Leute Gottes und der Segen zeigt sich auch darin, dass ihre Pläne gelingen, dass sie reich werden. Es ist ein äußeres Zeichen des Segens Gottes, dass sich Reichtum einstellt. Das weiß Jesus – darum erzählt er die folgende Geschichte.

 

16 Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen. 17 Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. 18 Und sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte 19 und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!

               Wer wollte nicht gerne mit dem reichen Mann tauschen? Wer wollte nicht gerne sein Problem haben – Erweiterungen, größere Vorratsräume, den Segen auf Dauer stellen. Es ist keine Undankbarkeit, die ihn so denken lässt. Es ist keine Unbesonnenheit, die ihn sagen lässt: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte. Es ist die Logik des erfolgreichen Wirtschaftens. Stillstand ist Rückschritt. Nur wer sich nicht auf den Erfolgen der Vergangenheit ausruht, wird auch in Zukunft erfolgreich sein. Es ist – merkwürdig genug – auch ein Zeichen der Dankbarkeit, dass er sich so vorsorgend um die guten Gaben kümmert und sie nicht unbeachtet oder selbstverständlich hinnimmt und unvorbereitet verkommen lässt

               Jesus malt das Bild eines Menschen, der gesegnet ist und der sich von diesem Segen nicht zur Trägheit verführen lässt. Damit der Erfolg dieser Zeit keine Eintagsfliege bleibt, muss er vorsorgen. Er könnte sich auf biblische Vorbilder berufen: „Und das Land trug in den sieben reichen Jahren die Fülle. Und Josef sammelte die ganze Ernte der sieben Jahre, da Überfluss im Lande Ägypten war, und tat sie in die Städte. Was an Getreide auf dem Felde rings um eine jede Stadt wuchs, das tat er hinein. So schüttete Josef das Getreide auf, über die Maßen viel wie Sand am Meer, sodass er aufhörte zu zählen; denn man konnte es nicht zählen.“ (1. Mose 41, 47-49) Werden uns die alten Geschichten nicht deshalb erzählt, damit wir aus ihnen lernen? So lernt der reiche Mann von Joseph, dem Gesegneten Gottes.

               Es ist die Versuchung des reichen, des erfolgreichen Menschen, dass er die Warnung Jesu in den Wind schlägt: „Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“(12,15) Er vergisst, dass seine Seele mehr braucht als gut gefüllte Scheunen, Vorratskammern, Bankkonten. Er vergisst in seinem Zuspruch an seine Seele, dass „der Mensch nicht vom Brot allein lebt“ (4,4) dass sich sein Leben aus anderen Quellen speist als aus denen, die er selbst in der Hand hat.

            „Wir produzieren nicht nur Energie und Strom, sondern auch Zukunft“ so lese ich es auf Bussen in meinem Lebensumfeld. Das ist die Haltung des reichen Mannes: Du hast ausgesorgt. Du hast deine Zukunft selbst in die Hand genommen. Du bist auf dem richtigen Weg.  Du hast verantwortlich gehandelt und gut vorgesorgt. Niemand darf Dir einen Vorwurf machen – alles wird gut. Der reiche Kornbauer hat viele Nachbarn, Freunde und Verwandte bis in unsere Zeit hinein. Und wenn man ihm etwas nicht vorwerfen kann, dann dies, dass er kein Gespür für Nachhaltigkeit hätte. Sollte Jesus ihn nicht von ganzem Herzen dafür loben?

            Mit allen diesen Worten wehre ich mich gegen eine andere Auslegung: „Der verhängnisvolle Plan des Reichen betrifft zuerst eine Tat: durch die Logik des Profits verleitet, will er den Erfolg seines Unternehmens durch die Vergrößerung seiner Scheunen krönen. Hier an diesem Punkt hat er schlecht gewählt und sein sündiges wesen zutage treten lassen. Auf das, was er von der Natur und durch seine Arbeit erhalten hat, hätte er mit Geben und nicht mit Anhäufen antworten sollen.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.283) Für diese Auslegung finde ich nicht den geringsten Anhaltspunkt in der Erzählung Jesu. Da ist kein Vorwurf für unterlassene Nächstenliebe. So denken wir vielleicht im Blick auf superreiche Leute – die sollen gefälligst stiften. Aber Jesus erzählt nichts von verpassten Stiftungen, die dem reichen Kornbauern zum Verhängnis werden.

20 Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast? 21 So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.

             Wie erschreckend geht die Geschichte im Mund Jesu weiter. Genauer: nicht weiter, sondern jäh zu Ende. „Mit der Anrede „Tor“ spricht Gott dem Reichen in sein Selbstgespräch hinein. Die Anrede macht ihm deutlich, dass er Gott vergessen hat…. Er hat Gott und den Nächsten vergessen und nur an sich selbst gedacht, weil er den Tod vergessen hat.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.258) Der für viele Jahre ausgesorgt hat, hat übersehen, dass er seinem Leben nicht eine Sekunde zusetzen kann. Er hat übersehen, dass die Zukunft kein Produkt seines Wirtschaftens ist, dass sie nicht in seine Scheune eingefahren werden kann. Wir können nur Vergangenheit sammeln – Zukunft nicht. Wir können Zukunft nur als Geschenk empfangen, mit offenen Augen und offenen Herzen.

            „Was will ich hinterlassen?“ das sei die Frage, die ihn im Augenblick sehr beschäftigt, hat mir jüngst einer anvertraut. Und er hat keinen Zweifel daran gelassen, dass er damit nicht die gerechte Verteilung seiner Bücher und sonstiger Besitztümer meint. Wem bin ich so begegnet, dass diese Begegnung eine gute Spur in seinem Leben ist? Was ist der Ertrag meines Lebens – jenseits aller materiellen Zugewinne? Oder – noch schlichter: Wo habe ich Liebe ausgeteilt, so dass sie anderen gut getan hat? Das ist seine Frage – und ich kann sie gut verstehen.

               Wer hat etwas davon, dass er mir in seinem Leben begegnet ist? Wer ist getröstet worden, ermutigt, aufgerichtet, gestärkt, mit Gott ins Reine gekommen, näher zu Christus, weil er mit mir zu tun hatte? Das ist eine Frage, der ich mich nicht entziehen will und von der ich doch weiß: Die kann ich nicht beantworten. Die Antwort auf diese Frage können nur die geben, die mir begegnet sind. Mit den Selbstberuhigungen des reichen Mannes ist hier endgültig vorbei.

               Es ist heutzutage verantwortlicher Umgang, so lerne ich aus  dem Hören vieler Stimmen, ordentliche Erbregelungen zu treffen, beizeiten festzulegen, wer was bekommen soll. Es ist verantwortlicher Umgang, die Güter des Lebens, die den Ertrag des Lebens ausmachen, rechtzeitig als Erbe zu „verplanen“. Ist das also der Fehler des reichen Mannes, dass er keinen Erbplan gemacht hat – und jetzt bricht das Chaos unter den Erben aus?

               Oder ist nicht das sein Fehler, dass er nicht die gleiche Aufmerksamkeit, die er dem materiellen Besitz gewidmet hat, dem zugewendet hat, dass der Reichtum eines Lebens in der   Gottesgegenwart besteht, darin, dass er in das Gedächtnis Gottes eingezeichnet ist. Auf seinen Besitz hat er geachtet, aber nicht darauf, wem er mit seinem Leben gehört.

               Das aber ist die Frage, auf die es Jesus ankommt: Glaubst Du, dass Dein Leben in aller Armut und Armseligkeit in Gott geborgen ist? Wenn Du das glauben kannst, dann bist Du merkwürdig frei, jeden Tag Deines Lebens als Geschenk aus Gottes Hand zu nehmen – in seiner Fülle und in seiner Armut.

Jesus, manchmal erschrecke ich, weil mir, was ich habe, so viel Aufmerksamkeit abverlangt. Ich mache mir Sorgen um unbezahlte Rechnungen, um Waschmaschinen, Kühlschränke, Automotoren, um meine Bücher und CDs.

Ich mache mir Sorgen, ob meine Kinder etwas davon haben werden, behalten werden oder ob es ihnen gleich ist, was da alles so da ist.

Manchmal ahne ich, dass Du mir mehr Freiheit gönnst, mehr Leben, als ich es mir zugestehe und dass ich mir dazu nur gefallen lassen müsste, was Du mir schenkst. Amen