Einer musste es ja tun

Lukas 22, 1 – 6

 1 Es war aber nahe das Fest der Ungesäuerten Brote, das Passa heißt. 2 Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten trachteten danach, wie sie ihn töten könnten; denn sie fürchteten sich vor dem Volk.

Das Passah naht. Lukas setzt es in eins mit dem Fest der Ungesäuerten Brote. Weiß er es nicht besser? „Es handelt sich von Hause aus um zwei Feste, den Passatag und das anschließende Fest der süßen Brote, das eine ganze Woche dauerte.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S.239) Pesach auf Hebräisch. Fest der Verschonung. Fest des Aufbruchs aus der Gefangenschaft. Fest des Opfers der Lämmer. Fest der Erfahrung Gottes als eines Gottes, der in die Freiheit führt. Es ist ein heiliges Fest, in Israel das große Fest der Freude. Ohne das Passah gäbe es Israel nicht.

Und doch sind die Hohenpriester und Schriftgelehrten nicht mit der Passahvorfreude beschäftigt, sondern mit Mordgedanken und Mordplänen. Das ist nicht neu. „Der Sanhedrin hatte schon früher beschlossen, Jesus umzubringen (LK 19,37;20,20).“ (F .Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.494) Diese Mordpläne werden jetzt weitergetrieben.  Die Zustimmung der Schriftgelehrten zu den Worten Jesu, als er mit den Sadduzäern redet, erweist sich als kurzfristig. Jetzt sind sie klar: Sie wollen ihn töten. Sie suchen nach einer günstigen Gelegenheit.

Was sie aufhält ist allein eine taktische Rücksichtnahme auf das Volk. Jesus ist beliebt. Die „große Menge hörte ihn gern.“(Markus 12,37)Die beiden anderen Evangelisten, Matthäus und Markus gehen weiter als Lukas auf dieses Hindernis für die Pläne des Hohen Rates ein. Lukas dagegen betont anders als sie.  „Einer musste es ja tun“ weiterlesen

Übe dich ein

Lukas 21, 29 – 38

 29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: 30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist. 31 So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.

                                Es ist ein Gleichnis, das sofort einleuchtet, aus der allen zugänglichen Erfahrung genommen: Wenn die Bäume ausschlagen, sehen alle, welche Zeit ist. An den Knospen, die jetzt aufgehen, erkenne ich den herannahenden Frühling, an den Blüten den nahenden Sommer. Das überträgt Jesus: Wenn der Feigenbaum – der Baum der Erkenntnis – ausschlägt, wird sichtbar, was an der Zeit ist. Dann können die, die sehen, wissen:  „Jesus kommt so gewiss zu ihnen – und mit ihm die Herrschaft Gottes – wie der Sommer zu seiner Zeit kommt.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 238) Darum ist der Blick auf die Schrecknisse der Zeit kein Angst-gejagter -Blick, sondern  es ist der Blick, der sieht,  dass das Reich Gottes nahe ist.

Es gilt, die Zeichen der herannahenden Zeit zu erkennen, nicht die Augen vor dem kommenden zu verschließen. Welche Zeichen sehe ich? Es gibt Zeichen für Wege unserer Gesellschaft, die mich ängstigen und besorgen. Die wachsende Rücksichtslosigkeit in Worten und Taten. Der fehlende Respekt vor der Integrität und der Unverletzlichkeit des Anderen, auch wenn er mir fremd ist. Die Rohheit in Hassparolen. Die zunehmende Ichbezogenheit und Selbstverliebtheit, die alles in der Gesellschaft danach misst, was ich davon habe. Wo aber das „Ich“  auf dem Thron sitzt, geht die lebensnotwendige Solidarität vor die Hunde. Ich sehe eine selbstbezogene Gesellschaft, in der immer weniger nach dem „Du“ und „wir“ gefragt und gesucht wird. Du ich sehe unter en Staaten die gleiche Tendenz: Nationalismus ist selbstbezogen nur auf die eigene Klientel  der Deutschen oder Yankees oder Briten. Die anderen gehen uns nichts an.

Das alles aber ist nur Vorspiel. Es sind noch nicht die „Wehen des Messias.“

 32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. 33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.

                         Das ist stark in seiner Formulierung: Dieses Geschlecht, diese Weltzeit wird nicht vergehen, bis das geschieht. Mir leuchtet es ein, dass Lukas mit diesem Geschlecht nicht die gegenwärtige Generation meint, trotz des Gebrauchs des griechischen Wortes γενεά, das meist mit Geschlecht, Stamm, Nation übersetzt wird,  sondern das Zeitalter jetzt. Das Menschengeschlecht. Ob er dabei auf ein in der Antike  verbreitetes Denken in Zeitaltern anspielt,  mag dahingestellt bleiben. Wichtiger ist „Einen Termin bekommen sie nicht.“ (K.H. Rengstorf, ebda.)  Stattdessen die Zusage: selbst wenn Himmel und Erde vergehen – die Worte Jesu bleiben.

Was hier als eine Zusage Jesu klingt, ist zugleich die feste Glaubensüberzeugung der Gemeinde, die Lukas bestärkt. Die Worte Jesu haben Bestand – und diesen Worten zu trauen macht beständig. Weil die Worte nicht vergehen, vergehen auch die nicht, die sich ihnen anvertrauen. Mitten in einer Welt, die von den Zeichen der Vergänglichkeit in Furcht und Erschrecken versetzt wird, haben die Christen Anlass zur Gewissheit, weil die Worte ihres Christus nicht vergehen und sie selbst in diesem Wort gehalten sind.    „Übe dich ein“ weiterlesen

Augen, die die Angst durchschauen

Lukas 21, 20 – 28

 20 Wenn ihr aber sehen werdet, dass Jerusalem von einem Heer belagert wird, dann erkennt, dass seine Verwüstung nahe herbeigekommen ist. 21 Alsdann, wer in Judäa ist, der fliehe ins Gebirge, und wer in der Stadt ist, gehe hinaus, und wer auf dem Lande ist, komme nicht herein. 22 Denn das sind die Tage der Vergeltung, dass erfüllt werde alles, was geschrieben ist.

Hier ist deutlich die Belagerung Jerusalems im Jahr 70 im Blick. Dafür spricht die detaillierte Schilderung der Nöte und Vorgänge. Ob das auch gleich heißen muss, dass diese Worte nachträglich Jesus in den Mund gelegt werden, weiß ich nicht. Ich kann durchaus auch denken, dass ein wacher Beobachter der Zeit, der Jesus zweifellos gewesen ist,  sich ausmalen kann, was es heißen wird, wenn eine Stadt sich Rom in den Weg stellt oder gegen Rom aufständisch wird. Es geht in diesen Worten um Geschehen im Horizont der Geschichte

Was ich nicht richtig verstehe ist der Ausdruck Tage der Vergeltung und die Anspielung auf die Erfüllung alter Prophetien. Wofür wird da Vergeltung geübt – für den Unglauben der Jerusalemer, die Jesus nicht gewollt haben? Oder für den Aufstand gegen die Staatsmacht? Oder für das ganze aufrührerische Wesen, das sich nie einfügen konnte? Jerusalem, und ganz Israel galten ja in Rom immer als eine schwierige Provinz.

Es wird sich wiederholen, was zuvor schon an Jerusalem geschehen ist: „Da führte er gegen sie heran den König der Chaldäer und ließ ihre junge Mannschaft mit dem Schwert erschlagen im Hause ihres Heiligtums und verschonte weder die Jünglinge noch die Jungfrauen, weder die Alten noch die Greise; alle gab er sie in seine Hand. Und alle Geräte im Hause Gottes, große und kleine, die Schätze im Hause des HERRN und die Schätze des Königs und seiner Oberen, alles ließ er nach Babel führen. Und sie verbrannten das Haus Gottes und rissen die Mauer Jerusalems ein und alle ihre Burgtürme brannten sie mit Feuer aus, sodass alle ihre kostbaren Geräte zunichte wurden.“ (2. Chronik 36, 17-19) Das ist wohl das eigentlich Unheimliche: Dass Gott auch hier auf dem Plan ist, auch in diesem erneuten Untergang. Was kommt, ist Gericht.

Es gibt Zeiten, in denen nur noch Flucht angesagt ist. Es gibt Zeiten, in denen auch der heilige Ort Jerusalem keinen Schutz mehr bietet. Die Zeit der Belagerung ist so eine Zeit und Jerusalenm in der Belagerung ist so ein Ort.  Flucht wäre in solchen Zeiten dann so etwas wie eine Beugung unter das Gericht Gottes. Wer es fassen kann, der fasse es. „Augen, die die Angst durchschauen“ weiterlesen

Behütet und getröstet wunderbar

Lukas 21, 5 – 19

5 Und als einige von dem Tempel sagten, dass er mit schönen Steinen und Kleinoden geschmückt sei, sprach er: 6 Es wird die Zeit kommen, in der von allem, was ihr seht, nicht ein Stein auf dem andern gelassen wird, der nicht zerbrochen werde.

               Wer einmal auf dem Ölberg gestanden hat und den Tempelbezirk in Jerusalem gesehen hat, der versteht die, die über die Schönheit des Tempels staunen. Und der Tempel, den die sehen, die um Jesus herum sind, muss unglaublich schön gewesen sein. Wie schroff klingt angesichts dieses Staunens das Wort Jesu: Kein Stein wird auf dem anderen gelassen werden. Das ist ja nicht die Aussage, dass alles Schöne vergänglich ist. Sondern es wird zerbrochen werden, zerstört, geschleift, gewaltsam abgebrochen. „Lukas versteht dieses Orakel nicht einfach als einen Ausdruck von Pessimismus, sondern als prophetischen Ausdruck von Gottes Willen.“ (F. Bovon, EKK III/4, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 19,28 – 24,53, Neukirchen 2009, S.176) Jesus reiht sich mit seinen Worten ein in die Untergangspropheten des Alten Bundes. Was Jerusalem vor fast 600 Jahren widerfahren ist  – die Zerstörung des Tempels und der Stadt, das große nationale und religiöse Trauma Israels – das wird sich wiederholen.

 7 Sie fragten ihn aber: Meister, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein, wenn das geschehen wird?

               Es ist wirklich kein Wunder, dass Jesu Begleiter fragen: Wann? Und weiter fragen: Gibt es Signale, Vorzeichen, so dass man sich darauf einstellen kann? Wenn so eine Katastrophe sich nähert, dann kommt sie ja nicht aus heiterem Himmel. Und das, was Jesus sagt, ist doch, unterstellt das Nachfragen, nicht so ins Blaue hinein gesagt. Wie kann man erkennen, dass dieser Untergang sich nähert? In Zeiten, in denen es drunter und drüber geht, fragen Menschen, damals wie heute, nach Zeichen, die Orientierung geben, die im Chaos Haltepunkte sein könnten.

8 Er aber sprach: Seht zu, lasst euch nicht verführen. Denn viele werden kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin’s, und: Die Zeit ist herbeigekommen. – Folgt ihnen nicht nach! 9 Wenn ihr aber hören werdet von Kriegen und Aufruhr, so entsetzt euch nicht. Denn das muss zuvor geschehen; aber das Ende ist noch nicht so bald da.

Jesus antwortet nicht auf die Frage nach den Vorzeichen, jedenfalls nicht direkt. Aber seine Antwort enthält schon einen Hinweis: Es werden Viele auftreten und Göttlichkeit beanspruchen. Ich bin’s ist ja die Bezeichnung des Ewigen, schon vom Dornbusch her. „Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.“ (2. Mose 3, 13-14) Das hat jeder Israelit im Ohr, wenn er hört: Ich bin’s.

             Aber auch das andere mag mit klingen, dass es eine Fülle an Messias-Ansprüchen geben wird – so wie es historisch ja auch gekommen ist. Es gab nicht nur Bar Kochba, der sich zum Messias erklärte. Das gab es oft und das Volk war immer auf dem Sprung, diesen Ansprüchen nachzulaufen, wenn sie nur Freiheit von den verhassten Römern versprachen. „Behütet und getröstet wunderbar“ weiterlesen

Unvernünftig geben

Lukas 21, 1 – 4

1 Er blickte aber auf und sah, wie die Reichen ihre Opfer in den Gotteskasten einlegten. 2 Er sah aber auch eine arme Witwe, die legte dort zwei Scherflein ein.

Fast könnte man denken: Der Worte sind genug gewechselt. Eine Debatte hat die andere gejagt, eine Auseinandersetzung die nächste hervorgerufen, eine Wort-Falle ist durch die nächste abgelöst worden. Immer nur reden. Jetzt ist es doch einmal gut. Und man atmet als Leser fast erleichtert auf: Endlich geschieht wieder etwas. Endlich wird wieder etwas erzählt.

Jesus tut, was man nicht tut. Er sitzt im Tempel und schaut, was sich rund um den Gotteskasten – γαζοφυλκιον – abspielt. Es gab wohl reichlich Gelegenheit, im Tempel sein Geld zu spenden – für Tempelangelegenheiten, für soziale Zwecke, für den Unterhalt derer, die dort arbeiten. „Der Talmud berichtet, dass das „gazophylakion“ aus 13 trompetenförmigen ehernen Kästen (schopharoth) estand, das sich im Vorhof der Frauen befand.“ (F. Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.475) Vorhof der Frauen, weil Frauen freigiebiger sind als Männer? Oder damit sie auf jeden Fall auch Zugang zum Opferkasten haben? Die Phantasie für das Einwerben von Spenden war wohl früher genauso groß wie sie es heute noch ist.

Der Zuschauer Jesus sieht, was man nicht sehen soll: Reiche legen reichlich ein in den Opferstock, Arme eher ärmlich. Das ist kein verwunderlicher Vorgang. Entgegen der landläufigen Meinung gibt es durchaus freigiebige reiche Leute. Auch damals schon. Und Jesus sieht das.

Aber sein Blick bleibt nicht auf ihnen haften. Die reichen Spender bleiben irgendwie anonym, verschwinden in der Masse. Aus dieser Masse aber hebt der Blick Jesu eine hervor. Eine arme Witwe. Das ist erst einmal nichts Besonderes, sondern eher der Normalfall. In einer Gesellschaft, in der Frauen von ihren Männern abhängig sind, auch in dem was sie haben, sind Witwen arm dran. Diese arme Witwe zieht den Blick Jesu auf sich und sein Blick rückt sie ins Blickfeld. Sie gibt zwei Scherflein. Zwei Lepta. „Ein Lepton ist etwa ein halber Pfennig“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S.232)Das ist, objektiv betrachtet, nicht viel. Der Tempel würde auch ohne diese Gabe gut über die Runden kommen. Obwohl: `Kleinvieh macht auch Mist.‘ hieß es bei uns Zuhause immer.  „Unvernünftig geben“ weiterlesen

Vorsicht vor dem falschen Schein

Lukas 20, 41 – 47

 41 Er sprach aber zu ihnen: Wieso sagen sie, der Christus sei Davids Sohn? 42 Denn David selbst sagt im Psalmbuch (Psalm 110,1): »Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, 43 bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache.« 44 David nennt ihn also einen Herrn; wie ist er dann sein Sohn?

               Eben haben die Schriftgelehrten Jesus noch Beifall gezollt. Aber nun wendet er sich ihnen zu und lässt sie spüren: Es ist mit den Beifall nicht getan. Er holt sie ab bei einem Lehr-Satz, der ihnen wichtig ist: Der Christus ist ein Davids-Sohn. Das ist die Erwartung, die die Schriftgelehrten vertreten. Sie hilft ihnen auch, unliebe Messias-Ansprüche zurück zu weisen.  Wer der Messias sein soll, der muss eine Herkunft aus dem Davids-Haus „nachweisen“ können.

                    Wer das Evangelium liest, kommt leicht auf die Idee, dass das für Lukas keine abgefahrene Forderung ist, erzählt er doch deutlich, dass Jesus aus dem Geschlecht Davids stammt. „Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war. (2,4) Und der Stammbaum, den Lukas in 3,23 – 38 vorführt, enthält auch die Passage: „...der war ein Sohn Davids, der war ein Sohn Isais,…“(3, 31-32). Jesus erfüllt also nach Lukas die schriftgelehrte Forderung. Und doch polemisiert er mit seiner Frage dagegen. Warum?

Vielleicht geht es wirklich darum, dass „die mangelnde Klarheit des Messiasbildes im schriftgelehrten Spätjudentum“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S.229) aufgedeckt wird. Dann wäre das Ziel der Frage ein Zugewinn an gedanklicher Klarheit. Eine andere Möglichkeit, die näher liegt, scheint mir: hier wird vorgeführt – mit der Autorität Jesu – dass man sich heillos in Schwierigkeiten bringt, wenn man am Buchstaben klebt, wenn man aus Respekt vor dem buchstäblichen Klang eines Wortes  darauf verzichtet, nach dem Horizont zu fragen, in dem ein Wort zu verstehen ist. Wenn man so will, treibt Lukas hier innerkirchliche Auslegungskritik. Der „David-Sohn“ schließt nach dieser Logik den „David-Herrn“ aus. Entweder – oder möchte man rufen. „Vorsicht vor dem falschen Schein“ weiterlesen

In ihm leben sie alle

Lukas 20, 27 – 40

 27 Da traten zu ihm einige der Sadduzäer, die lehren, es gebe keine Auferstehung, und fragten ihn und sprachen: 28 Meister, Mose hat uns vorgeschrieben (5.Mose 25,5-6): »Wenn jemand stirbt, der eine Frau hat, aber keine Kinder, so soll sein Bruder sie zur Frau nehmen und seinem Bruder Nachkommen erwecken.«

Der Tempel als Ort der Diskussion – das setzt sich in der folgenden Szene fort. Diesmal sind es keine geschickten Denunzianten. Diesmal sind es die Skeptiker, die Aufgeklärten, die  Anti-Traditionalisten. Es sind die, die die Lust an der Debatte zum Selbstzweck erhoben haben und die nur die eigene Vernunft als Maßstab gelten lassen möchten. Die Sadduzäer sind keine Hinterwäldler. Sie sind erfolgreich, Aufsteiger in der Gesellschaft und allem religiösen Fanatismus abhold. „In ihrem Glauben stellen sie sich einen selten in die Geschichte eingreifenden Gott und voll verantwortliche Menschen vor.“ (F. Bovon, EKK III/4, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 19,28 – 24,53, Neukirchen 2009, S.111) Sie suchen gerne nach den logischen Schwachpunkten in den frommen Vorstellungen von Gott und der Welt.

Der Ansatzpunkt für ihr Fragen ist eine Bestimmung des mosaischen Gesetzes: „Wenn Brüder beieinander wohnen und einer stirbt ohne Söhne, so soll seine Witwe nicht die Frau eines Mannes aus einer andern Sippe werden, sondern ihr Schwager soll zu ihr gehen und sie zur Frau nehmen und mit ihr die Schwagerehe schließen. Und der erste Sohn, den sie gebiert, soll gelten als der Sohn seines verstorbenen Bruders, damit dessen Name nicht ausgetilgt werde aus Israel.“ (5. Mose 25, 5-6) Levirats-Ehe nennt man das und es geht um den Fortbestand der Sippe. Zu Seiten, in denen die Sippe das soziale Sicherheitsnetz war, hatte diese Bestimmung ihren Sinn.

Das ist die Regel, die die Sadduzäer im Blick haben. Um das Gespräch über diese Regel nicht nur als „intellektuellen Schulstreit“ (F. Bovon, aaO. S.112) führen zu müssen, fügen sie ein Beispiel an. So können sie sicher sein, dass auch die unbedarften Zuhörer des Gespräches verstehen, was verhandelt wird. „In ihm leben sie alle“ weiterlesen

Fallensteller

Lukas 20, 20 – 26

 20 Und sie belauerten ihn und sandten Leute aus, die sich stellen sollten, als wären sie fromm; die sollten ihn fangen in seinen Worten, damit man ihn überantworten könnte der Obrigkeit und Gewalt des Statthalters.

               Wer solche Geschichten erzählt wie die von den rebellierenden Weingärtnern, muss sich nicht wundern, dass seine Loyalität befragt wird. Das klingt doch – trotz des Schlusses – sehr nach Sympathie mit denen, die ihr Recht auf einen eigenen Weg den jüdischen Obrigkeiten gegenüber behaupten. Und damit wird man zum Fall für die Sicherheitsbehörden. Fast versteckt kommen hier die Staatsorgane ins Spiel, die Obrigkeit und der Statthalter. Ihre Gesprächsversuche folgen dem „Wunsch, Jesus in Konflikt mit Pilatus zu bringen und ihn dadurch zu erledigen.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S.226)

Es finden sich immer Menschen, die in solchen Situationen als Materialsammler unterwegs sind. Sie geben sich einen seriösen Anstrich, stellen sich , als wären sie fromm;  interessiert, aufgeschlossen, gesprächsbereit. Sie sind am Diskurs interessiert. Sie wollen Meinungen erkunden. Sie treten als religiöse Fachleute auf, als spirituell Interessierte, als ehrliche Suchende. Aber in Wahrheit suchen sie nach Beweismitteln, zitierfähigen Sätzen, Material als gerichtsverwendbare Beweise.

Heutzutage finden sich solche Leute gerne im großen Heer der Journalisten, Meinungsmacher, öffentlichen Kommentatoren. Sie treten auf in den sozialen Netzwerken und entfesseln gerne auch einmal einen Aufschrei der Betroffenheit. Sie sind weit entfernt, der Justiz Beweise zu liefern. Aber sie füttern das Tier „öffentliche Aufmerksamkeit“ und den Pranger, an den alle kommen, die sich eine abweichende Meinung erlauben, die nicht so denken, wie es die politische Korrektheit einiger selbsternannten Moraljuroren verlangt.

Das Ergebnis ist aber dort wie hier gleich: es ist die Denunziation von Leuten, die nicht sagen, was sie nch dem Willen der Mächtigen sagen sollten. Und  diese Denunziation wird Folgen haben, weil sie gerne Worte verdreht, bis sie justiziabel und verwertbar sind in rechtlichen und pseudo-rechtlichen Prozessen.     „Fallensteller“ weiterlesen

Eine neue Weinberg-Geschichte

Lukas 20, 9 – 19

 9 Er fing aber an, dem Volk dies Gleichnis zu sagen:

             Als wäre alles gesagt in diesem Gespräch wendet Jesus sich wieder dem Volk zu. Fast scheint es: Er lässt die Pharisäer und Schriftgelehrten stehen. Mögen sie mithören oder nicht – das ist nicht so wichtig. Jetzt lehrt er wieder das  Volk.

 Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes für eine lange Zeit. 10 Und als die Zeit kam, sandte er einen Knecht zu den Weingärtnern, damit sie ihm seinen Anteil gäben an der Frucht des Weinbergs. Aber die Weingärtner schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. 11 Und er sandte noch einen zweiten Knecht; sie aber schlugen den auch und verhöhnten ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. 12 Und er sandte noch einen dritten; sie aber schlugen auch den blutig und stießen ihn hinaus.

               Es ist reale Situation, die viele der Zuhörer Jesu kennen. Großgrundbesitzer sind nicht immer vor Ort. Sie gehen dorthin, wo es sich angenehm lebt. Die Verwaltung ihrer Habe ist ja sicher gestellt.  Muss man es ausdrücklich sagen: Sie sind nicht unbedingt beliebt. Sie gelten als Blutsauger, zumindest in Galiläa. Die Leute, die für sie arbeiten, stöhnen unter den Arbeitsbedingungen und Lasten. Mit Fug und Recht hätte man seinen Weingärtnern auch diese Worte in den Mund legen können: „Ich fürchtete mich vor dir, weil du ein harter Mann bist; du nimmst, was du nicht angelegt hast, und erntest, was du nicht gesät hast.“ (19,21) Es brodelt unter der Decke des sozialen Friedens und der sozialen Missstände in Galiläa.

Zugleich aber hören die Zuhörer Jesu wohl noch auf einer anderen Ebene als der der sozialen, gegenwärtigen Situation. „Der Weinberg ist seit Jesaja zum Bild Israels geworden. Jesus spricht hier also von Gott und seinem Volk.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S.224) 

Wieder auf der Realitäts-Ebene:  Es verwundert die Zuhörer Jesu wohl nicht, dass es schief geht mit der Ertrags-Sicherung. Als die Ernte eingefahren ist und der Verpächter seinen Ertrag will, kommt es zum Eklat. Seine Boten werden geschlagen und kommen unverrichteter Dinge zu ihm zurück. Eine zweite und eine dritte Gesandtschaft haben die gleichen niederschmetternden Ergebnisse. Es ist offene Rebellion. Mit blutigen Köpfen und leeren Händen stehen sie vor dem Herren. Und es ist durchaus nicht ausgeschlossen, dass die Zuhörer Jesu eine klammheimliche Sympathie für diese Rebellen aus den Reihen der Armen empfinden und ihnen innerlich Recht geben mit ihrer Aktion.  „Eine neue Weinberg-Geschichte“ weiterlesen

Keine amtliche Beglaubigung

Lukas 20, 1 – 8

1 Und es begab sich eines Tages, als er das Volk lehrte im Tempel und predigte das Evangelium, da traten zu ihm die Hohenpriester und Schriftgelehrten mit den Ältesten 2 und sprachen zu ihm: Sage uns, aus welcher Vollmacht tust du das? Oder wer hat dir diese Vollmacht gegeben?

               Eines Tages – genauer: In diesen Tagen oder an einem dieser Tage. Jesus tritt, so legt es der Text nahe, über einige Zeit kontinuierlich als Lehrer im Tempel auf und sein Lehren dort ist keine Winkelangelegenheit. Wie er schon als Zwölfjähriger im Tempel für Aufsehen gesorgt hat, so sorgt er auch jetzt wieder für Nachfragen. Fast könnte man sagen: Der Kreis schließt sich. Aus dem Staunen über das frühreife Kind ist die Irritation über den erwachsenen Mann geworden. Wunderkinder sind keine Gefahr, für niemand, schon gar nicht für die Macht – erwachsene Leute mit ungewöhnlichen Botschaften sind es schon.

Was ist das für ein Evangelium, das Jesus predigt? Erzählt er die Geschichten erneut, in denen er sein Bild Gottes malt – vom verlorenen Schaf, vom verlorenen Groschen, von den verlorenen Söhnen? Erzählt er von der selbst-wachsenden Saat und vom Pharisäer und Zöllner im Tempel? Sagt er im Tempel, dem Ort der Versöhnung, Vergebung, der Gottesgegenwart: Gott ist euch gut – ohne Wenn und Aber. Gott ist euch gut, auch wenn ihr tausendmal hinter allen Geboten und Normen zurück geblieben seid. Hat er das im Tempel gesagt und so alte Bilder Gottes in Frage gestellt, die sonst im Tempel vermittelt worden sind? Wenn einer so von Gott spricht, von seiner bedingungslosen Liebe, dann müssen die Verantwortlichen rund um den Tempel aufschrecken und ihn fragen: Was machst du da?

Darum also handeln die Verantwortlichen, weil sie etwas tun müssen. Sie können die Dinge nicht einfach so treiben lassen, nicht im Tempel. Sie stellen die Frage nach der Autorität, die hinter Jesus steht.  Aus welcher Vollmacht tust du das?  Έξουσία. „Der Begriff bezeichnet im Griechischen die verliehene Freiheit, Autorität und Macht.“ (F. Bovon, EKK III/4, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 19,28 – 24,53, Neukirchen 2009, S. 58) Das macht ihre Frage umso dringlicher, dass sie wissen: Er ist keiner von uns. Er ist „kein ordinierter Rabbi.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.371) Darum also: Wer ist dein Lehrer? Wo hast Du das her, was du lehrst? Wer gibt dir das Recht, im Namen Gottes das Wort zu ergreifen? „Keine amtliche Beglaubigung“ weiterlesen