Das eine Zeichen

Lukas 11, 29 – 36

29 Die Menge aber drängte herzu.

                    Kein Ortswechsel, kein anderer Zeitpunkt. Es geht immer noch in der gleichen Szene weiter. Die Menge drängt sich um Jesus, von dem sie gerade gehört hat, wie eine Seligpreisung über ihm gesprochen wird. Will sie Anteil daran, an ihm haben? Ahnt sie doch, dass er mehr ist als nur ein Wundertäter? Ist dieses zu ihm hin Drängen nicht ein Zeichen dafür, dass sie nicht wie die Wortführer von eben denken, sondern dass sie ihn von  Gott gesegnet sehen?

Da fing er an und sagte: Dies Geschlecht ist ein böses Geschlecht; es fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden als nur das Zeichen des Jona. 30 Denn wie Jona ein Zeichen war für die Leute von Ninive, so wird es auch der Menschensohn sein für dieses Geschlecht.

          In diesem Gewühl und Gedränge beginnt Jesus zu reden. Und dann dies: Dies Geschlecht ist ein böses Geschlecht. Das ist der nasse Lappen ins Gesicht der Leute um ihn herum. „Lukas stellt in diesen Versen einen drohenden Christus dar, der denen, die ihm zuhören, einen Mangel an geistiger Klarheit vorwirft.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.194) Das ist Angriff, Attacke. Woher kommt das? Jesus ist jedenfalls kein Gefälligkeitsredner. Es ist manchmal vielmehr so, als sei er auf Konfrontation aus. Jesus knüpft mit seinen Worten an das an, was unmittelbar vorher verhandelt wurde: Die Forderung an ihn, sich durch Zeichen zu legitimieren. „Andere aber wunderten sich, versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.“(11,16) Ich denke: Jesus hört in ihrem Fordern die Stimme des Versuchers und darum reagiert er so hart: Wer von ihm Zeichen fordert, ruft ihn heraus aus dem Weg des unbedingten Gehorsams, will von ihm die Selbstinszenierung und nicht den Gehorsam des Sohnes.

               Ein einziges Zeichen wird die Zeit empfangen – aber nicht aus seinen Händen. Es ist das Zeichen, das Gott selbst aufrichten wird – das Zeichen des Jona. Das Zeichen vom Himmel her, das sie gefordert haben. Jetzt verkürzt Lukas gegenüber Matthäus so sehr, dass eigentlich nur ein Rätselwort übrig bleibt. Bei Matthäus wird das Jona-Zeichen erläutert: „Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.“ (Matthäus 12, 40) Weil dieser Zusatz hier bei Lukas fehlt, verhüllt dieses Wort Jesu mehr als es erklärt.

            Vielleicht hilft es weiter, sich zu erinnern: Als Simeon im Tempel das Jesuskind auf den Armen hat und seine Eltern segnet, da sagt er ihnen zu: „Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass viele in Israel fallen und viele aufstehen, und ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird.“(2,34) An diese Weissagung knüpft Lukas hier an und daraus folgt die  Auskunft des Evangelisten über Jesus, den Menschensohn: „Er wird selbst das Zeichen sein, das ihn auch vor den Ungläubigen ausweist, wenn er, der Menschensohn, zum Gericht erscheinen wird.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 151) Darum auch braucht es kein anderes Zeichen, auch jetzt nicht.

31 Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit den Leuten dieses Geschlechts und wird sie verdammen; denn sie kam vom Ende der Welt, zu hören die Weisheit Salomos. Und siehe, hier ist mehr als Salomo. 32 Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden’s verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona.

               Zum wiederholten Mal nimmt Jesus so das Wort, dass er seine jüdischen Hörer geradezu gnadenlos provoziert. Die heidnische Königin von Saba, das üble Volk der Niniviten – sie werden gegen Israel als Zeugen des Glaubens auftreten, denn sie haben auf Salomo und Jona gehört, während Israel sich der größeren Weisheit und der endgültigen Erfüllung der Prophetie verschließt. Es ist wie in Nazareth (Lukas 4, 24 – 30) – da hält Jesus seinen Hörern die Witwe von Sarepta vor und Naeman aus Syrien. Es ist wie in Kapernaum, wo er den Glauben des römischen Hauptmanns als größer als allen Glaubens Israels bezeichnet. Es ist wie in seiner Erzählung, in der er den barmherzigen Samaritaner dem unbarmherzigen Priester und Leviten gegenüber stellt.

          Immer wieder die gleiche Figur: Bei den Heiden ist ein Glaube zu finden, den er in Israel vergeblich sucht. Denn der Vorzug der Königin ist, dass sie hörte, der Vorzug der Niniviten, dass sie umkehrten. Hören und Umkehren – das sind die Kennzeichen des Glaubens, den Jesus sucht.

            Gebündelt wird dies alles in seinem:  Und siehe, hier ist mehr als Salomo. Und siehe, hier ist mehr als Jona. Das hier in diesen Worten ist doppelt zu hören: Es kennzeichnet den Augenblick und es ist Verweis, auf ihn, der inmitten der Mengen steht, der diese Worte sagt: „Es entscheidet sich alles an seiner Person, denn er selbst ist das Zeichen, das den Anbruch der Herrschaft Gottes anzeigt.“ (K.H. Rengstorf, aaO.;S. 151f.)             

                Wie viel enttäuschtes Suchen, wie viel enttäuschtes, ins Leere gelaufenes Rufen, wie viel enttäuschte Liebe meldet sich aber auch in diesen scharfen Worten Jesu zu Wort! Und wie viel enttäuschte Suche nach dem Glauben der jüdischen Schwestern und Brüder hat wohl die Gemeinde des Lukas in diesen Worten mit gehört und mit empfunden.

               Es ist der Schmerz über die Trennung vom jüdischen „Mutterboden“ der Christenheit, der hier wohl mitschwingt. Es gibt keinen Anlass, daraus christliche Überlegenheitsgefühle abzuleiten. Werden die Königin von Saba und die Leute aus Ninive nicht auch der Christenheit im Gericht den Spiegel vorhalten und fragen: Wie war das mit eurem Glauben, eurer Liebe, eurer Hingabe, eurer Treue? Mit eurem Hören und Umkehren?

 33 Niemand zündet ein Licht an und setzt es in einen Winkel, auch nicht unter einen Scheffel, sondern auf den Leuchter, damit, wer hineingeht, das Licht sehe. 34 Dein Auge ist das Licht des Leibes. Wenn nun dein Auge lauter ist, so ist dein ganzer Leib licht; wenn es aber böse ist, so ist auch dein Leib finster. 35 So schaue darauf, dass nicht das Licht in dir Finsternis sei. 36 Wenn nun dein Leib ganz licht ist und kein Teil an ihm finster ist, dann wird er ganz licht sein, wie wenn dich das Licht erleuchtet mit hellem Schein.

               Es gibt Übergänge im Text des Lukas-Evangeliums, die sich mir nicht gleich erschließen. So auch hier. Wie es von dieser Konfrontation her zu dem Wort vom Licht unter dem Scheffel, vom finsteren Auge kommt, verstehe ich nicht. Bei Matthäus steht diese Passage in der Bergpredigt und hat dort einen guten Platz. Warum steht sie bei Lukas jetzt hier?

            Auf den ersten Blick ist es eine Binsenweisheit: wenn das Auge böse, πονηρός ist, schlecht, blind, dann ist der ganze Leib betroffen. „Ein Blinder hat nichts vom Licht, mag es auch noch so hell sein, und das bekommt sein Leib zu spüren.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 152) So richtig das ist, die bloße Feststellung der Tatsache der Blindheit wird kaum Jesu Sache sein. Auch nicht einer „inneren, geistlichen Blindheit.“

                Eine Möglichkeit wäre: Es könnte eine Mahnung an die Gemeinde sein, sich von Überheblichkeit zu bewahren. Diese Mahnung wehrt der falschen Sicherheit: Wir sind ja Kinder des Lichtes. Wir sind ja erleuchtet durch den Glauben. Wir stehen auf der richtigen Seite. Gott hat – so klingt das dann – euch nicht berufen, damit ihr euch in eurem Erleuchtet-Sein sonnt, sondern damit ihr anderen den Weg weist. Gott hat euch berufen, damit euer Glaube sichtbar wird, Zeugnis wird. Darum schaue auf dich selbst prüfe dich selbst. Das klingt im griechischen Wort σκοπ – skopo – mit und ist mehr als ein einfaches „sieh hin“. Auch das mag mitschwingen: Schaue mit einem lauteren Herzen und nicht voller Hochmut auf die, die es mit dem Glauben schwer haben, die an dem Ruf Jesu scheitern. Du hast Dir den Glauben nicht selbst gegeben – er ist Geschenk Gottes an dich.

                Diese Abwehr eines christlichen Hochmutes, eines neuen Erwählungs-Bewusstseins, das blind dafür wird, was Paulus nach Rom schreibt: „Rühmst du dich aber, so sollst du wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich.“ (Römer 11,18) ist umso dringlicher gerade in diesem Zusammenhang, in dem die Heiden so in den Worten Jesus zur Provokation Israels „benützt“ werden. Hier darf kein falscher Zungenschlag entstehen, keine falsche Sicherheit.

               Wer erleuchtet ist, in wem das Licht des Glaubens angezündet ist, der bleibt darauf angewiesen, dass Gott dieses Licht in ihm am Brennen hält, dass er den hellen Schein in ihm nicht verlöschen lässt. Wir können uns – so denkt Lukas wohl – den Glauben nicht selbst geben und auch nicht selbst erhalten. Wir können uns immer nur demütig in das Licht Gottes halten, damit er es in uns zum Leuchten bringt – noch einmal Paulus: „Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervor leuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“ (2. Korinther 4,6) Da ist kein bisschen Raum und Anlass für christlichen Hochmut und Überheblichkeit. Stattdessen ist eine tief demütige Dankbarkeit am Platz – und in ihr leuchtet das Licht des Glaubens hell.

 

Jesus, Du bist Gottes Zeichen der Liebe. Du bist Gottes Zeichen der Treue. Du bist Gottes Zeichen des Erbarmens.

Ich danke Dir, dass ich auf Dich schauen darf und es glauben kann: Dein Weg geht durch das Dunkel des Todes hindurch.

Und so wie Du drei Tage im Schoß der Erde warst, so werde auch ich im Schoß der Erde sein und neu geboren werden aus diesem Schoß zum ewigen Leben. Amen