Über das Staunen hinaus

Lukas 11, 24 – 28

 24 Wenn der unreine Geist von einem Menschen ausgefahren ist, so durchstreift er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht; dann spricht er: Ich will wieder zurückkehren in mein Haus, aus dem ich fortgegangen bin. 25 Und wenn er kommt, so findet er’s gekehrt und geschmückt. 26 Dann geht er hin und nimmt sieben andre Geister mit sich, die böser sind als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie darin, und es wird mit diesem Menschen hernach ärger als zuvor.

            Einmal mehr spürt der Leser von heute, wie fern uns die Sicht auf die Welt ist, die Jesus und die erste Gemeinde aber mit ihrer Umwelt teilt. Das ist ihre gemeinsame Sicht: „Die Gefahr der Besessenheit von Dämonen, die Möglichkeit des Exorzismus, die Gefahr von umherstreunenden unreinen Geistern, der Vergleich eines menschlichen Wesens mit einem Haus, die gefürchtete Bedrohung durch ein Bündnis von Dämonen.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.179)

             Weit weg das alles und doch: erschreckend nah, wenn man sieht, wie sich Gedanken ausbreiten können, gefördert durch unkontrollierbare und unkontrollierte Netzwerke. Wie sich Ängste der Menschen bemächtigen können, weil sie irgendwelchen Verschwörungs-Theoretikern auf den Leim gehen. Die Dämonen unserer Zeit agieren offen, sie setzen sich in den Köpfen fest und vergrößern ihre Gefolgschaft durch Angstbotschaften kontinuierlich.

              Gedanken-Karussell. Das Wort kannte ich nicht. Aber es leuchtet mir sofort ein. Das gibt es und ich kenne mich nur zu gut damit aus, dass sich Gedanken einnisten, sich breit machen und sich wieder und wieder melden. In immer neuer Wiederholung und Variation. Ich werde sie einfach nicht los. Manchmal versuche ich, sie zu vertreiben, sie zu verdrängen, mich schlicht zu verweigern Aber die Gedanken sind zäh und setzen sich immer neu fest. Sie kehren zurück, schlimmer als zuvor.

               Erschreckende Erfahrung: „Jede Befreiung ist gefährlich und die Leere, die durch das Weggehen des Dämons entsteht und zunächst ein angenehmes Zuhausesein erlaubt, kann von den zurückkehrenden Mächten des Bösen ausgefüllt werden.“ (F. Bovon, ebda.) Wir reden vom Vakuum, das entstehen kann und das dann unkontrolliert gefüllt wird. Wir haben Szenarien vor Augen: Nach dem Zusammenbruch des Systems und der Ideologie, die die DDR geknebelt hatten. Nach dem Abzug der amerikanischen Truppen aus einem unbefriedeten Irak. Nach dem Leerlaufen des arabischen Frühlings. Immer werden solche Leerräume gefüllt. Und fast immer mit gefährlichem Sprengstoff.

           Befreiung, die sich nicht in eine kontinuierliche Lebenshaltung überführt, die nicht jeden Tag neu erworben wird, ist vom Rückfall bedroht. Und der Rückfall ist schlimmer als die erste Unfreiheit. Das, was Jesus hier sagt, wird heute tausendfach durch die Lebenserfahrung bestätigt – ob es der Rückfall in die Sucht ist, der Rückfall in überwunden geglaubte Verhaltensmuster, der Rückfall in die Gottesferne. Wer einmal die geschmeckte Freiheit als schal verworfen hat, für den wird der Rückweg in die Freiheit fast unmöglich.

               Ich glaube, dass im Hintergrund die Frage mitschwingt, die die Gemeinde der Anfangsjahre und der Verfolgungszeiten heftig bewegt hat: Gibt es eine zweite Buße? Gibt es einen neuen Anfang für die, die sich losgesagt haben, die den Weg verlassen haben? Es hat gute Gründe, dass die Frage deutlich gestellt wird und dass sie nicht – leicht fertig – so oder so abschließend beantwortet wird. Ich höre dieses Worte Jesu als eine deutliche Warnung. Es geht darum, dass das Leben als Christin und Christ Festigkeit gewinnt.

           Was mir auffällt: an dieser Stelle bleibt Jesus gewissermaßen bei der Analyse stehen. Er zeigt keinen Therapieweg auf. Er sagt nicht: Beten hilft eine Mauer gegen die Gedankenflut zu bauen. Er fordert nicht zu irgendwelchen Übungen auf, durch die die Flut und Macht der Gedanken gebrochen werden kann. Sein Weg, mit solchen Besetzungen umzugehen, wird anderswo erzählt – in den Geschichten seiner Befreiungen, seiner Machtworte, seiner Austreibungen der bösen Geister. Gemeinsam ist diesen Geschichten eines: Gedanken-Karusselle müssen von außen aufgebrochen werden, damit sie entmächtigt werden. Auch hier gilt: das Heil liegt extra nos, außerhalb von uns selbst. Wir können uns nicht selbst befreien.

 27 Und es begab sich, als er so redete, da erhob eine Frau im Volk ihre Stimme und sprach zu ihm: Selig ist der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, an denen du gesogen hast. 28 Er aber sprach: Ja, selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.

               Das ist wie ein Kontrast-Programm zu den vorigen Stimmen – „eine enthusiastische Zustimmung“(F. Bovon, aaO.; S. 187): Nicht Beelzebub, nicht der Böse, nicht das Zeichen vom Himmel hat das Sagen. Hier kommt eine Seligpreisung  – von einer unbekannten, unbenannten Frau. Sie sieht ihn, Jesus, und in ihm den Segen Gottes, in ihm Wohltat, in ihm Heil. Ist es wirklich eine Seligpreisung Marias? Oder ist es nicht viel mehr eine Seligpreisung, ein Lob Gottes über dem Sohn der Maria? Ganz schlicht verständlich: „Wenn das Kind es zu etwas bringt im Leben, ist es dann nicht legitim, sich darüber zu freuen?“ (F. Bovon, aaO.; S.188) Und Jesus, daran hat sie wohl keinen Zweifel, hat es zu etwas gebracht! So wie er jetzt da steht und wirkt und spricht und handelt.

               Es gibt zwei Möglichkeiten, das Ja zu hören. Die erste hört, als wollte Jesus auch nur den Ansatz eines Missverständnisses abwehren. Es geht nicht um die Nähe zu Jesus, die aus der Geburt stammt, aus dem Stillen, aus der Verwandtschaft. Fast könnte man dieses Wort Jesu lesen als eine inner-lukanische Klarstellung zur Geburtsgeschichte. Maria ist gewiss die Gottesgebärerin. Aber  das verschafft ihr keine Vorzugsstellung. Wer so liest, hört nicht nur ja, sondern „Ja, aber.“

          Was aber, wenn man anders liest und versteht? Wenn man das Ja Jesu nicht als Abwehr, sondern als Zustimmung versteht? Dann sagt Jesus zu dieser Frau: du ist auf dem richtigen Weg mit deinem Selig. Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Bleibe aber nicht beim Staunen stehen. Gehe auch die nächsten Schritte hin zum Gehorsam gegen das Wort – das Hören und Bewahren. Gerade das, Hören und Bewahren, ist ja, was Lukas von Maria erzählt hat – und darin ist sie uns Vorbild. Darin können wir sie auch nachahmen. An ihre Stelle als Mutter Jesu kann keiner treten. Aber in ihre Fußstapfen treten, wenn es um Hören und Bewahren des Wortes Gottes geht – das können und sollen wir. „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“(2, 19)

 

Jesus, Du lässt Dir das Staunen gefallen. Du wehrst dem nicht, der Dich lobt und preist. Du wehrst der nicht, die durch Deine Güte die Güte des Vaters aufleuchten sieht.

Aber Du willst, dass es nicht beim Staunen bleibt, bei der Bewunderung. Du willst, dass wir Deine Worte hören und sie uns verwandeln, uns zu Menschen machen, die den Willen des Vaters suchen und tun

Hilf Du uns dazu, aus der folgenlosen Verwunderung zu Schritten zu kommen, in denen wir Dir folgen. Amen