Wo stehe ich?

Lukas 11, 14 – 23

 14 Und er trieb einen bösen Geist aus, der war stumm. Und es geschah, als der Geist ausfuhr, da redete der Stumme. Und die Menge verwunderte sich.

               Es ist von einer geradezu lapidaren Kürze, wie Lukas hier erzählt. Fast so, als hätte er sich schon an Wunder gewöhnt. Aber was für ein Kontrast: Lukas führt von der Weite, die uns Jesus durch seine Einladung zum Gebet erschließt „in die irdische Wirklichkeit einer Welt, die im Bann des Bösen ist.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.169) Aber er erzählt sofort davon, wie diese Wirklichkeit durch Jesus aufgebrochen und verwandelt wird. Ein Stummer kann wieder reden. Was ihm den Mund verschlossen hatte, hat keine Macht mehr über ihn. Er findet Worte.

            Es ist in aller Kürze, wie eine erzählerische Veranschaulichung des Satzes unmittelbar zuvor: Der Vater gibt sein Gutes, seinen Geist. (11,13) Durch Jesu, der den bösen Geist austreibt. Durch ihn, der einem Menschen die Zunge löst. Der Heilige Geist zeigt sich wirksam in solcher Befreiung. Man könnte auch sagen: Jesus tut, was der Vater gibt. Und die es miterleben, staunen und geraten ins Wundern, ins Fragen.

15 Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzebul, ihren Obersten.

                Einige aber müssen nichts mehr fragen. Sie wissen. „Diese Leute erkennen zwar den Erfolg des Exorzismus an, klassieren ihn aber als Magie, auch wenn Jesus weder eine Formel gebraucht hat, noch sich bereichern will oder die Gottheit nach seinem Willen zu beeinflussen sucht.“ (F. Bovon, aaO.; S.170) Sie haben ihre Deutung für das, was sie sehen: Es ist die Macht des Bösen, des Widergöttlichen, der Bestreitung des Gottes Israels, die in Jesus, durch Jesus am Werk ist. Das ist ein frontaler Angriff auf Jesus: Du bist ein Werkzeug des Beelzebul, du verdankst deine Macht nicht der Güte Gottes, sondern du paktierst mit dem Teufel.

               Es ist merkwürdig: Der Güte Gottes, sich eines Menschen zu solchen Werken zu bedienen, trauen sie offensichtlich nicht wirklich viel zu. Das „Zutrauen“ zur Macht des Bösen scheint ausgeprägter zu sein. Und das Rechnen damit, dass der Böse sich verstellt, sich als vermeintlicher Wohltäter tarnt. Aber es ist wohl so: Wo das Vertrauen auf Gottes Güte klein wird, wird die Angst vor dem Bösen und seiner Macht groß und man sieht ihn schließlich überall am Werk. 

            Mir kommt es in den Sinn zu fragen, ob die moderne Form solcher Angst vor der man sich, selbst verschwörerisch, zusammenrottet, so aussieht: „Das Böse ist immer und überall.“ (EAV, Song Banküberfall 1985)  Es gibt kaum eine bessere Legitimation für das Böse als die Selbst-Sicht: „Wir kämpfen mit allen Mitteln gegen die Dunkelmänner der Welt.“

16 Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.

               Eine andere Gruppe, die nicht ganz so weit zu gehe scheint, fordert ein Legitimationszeichen vom Himmel her. Es ist nicht zu weit her geholt, hier an die Versuchung zu denken: „Und er führte ihn nach Jerusalem und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich von hier hinunter; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, dass sie dich bewahren. Und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« (4, 9 – 11) Beide Male geht es um Erweise der Macht Gottes.

          Jesus wird gefordert, Gott zu seinen Gunsten zum Handeln aufzufordern und sich so zu erklären oder sich in seiner Gottverbundenheit zu demonstrieren. Mich erinnert das an Elia auf dem Karmel: „Herr, Gott Abrahams, Isaaks und Israels, lass heute kundwerden, dass du Gott in Israel bist und ich dein Knecht und dass ich all das nach deinem Wort getan habe! Erhöre mich, Herr, erhöre mich, dass dies Volk erkenne, dass du, Herr, Gott bist und ihr Herz wieder zu dir kehrst!“(1. Könige 18, 36-27) So etwas soll Jesus auch tun, dann ist alles klar.

 17 Er aber erkannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet und ein Haus fällt über das andre. 18 Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die bösen Geister aus durch Beelzebul. 19 Wenn aber ich die bösen Geister durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein.

             Der Herzenskenner und Gedankenleser Jesus durchschaut sie und geht doch auf sie ein. Es fällt schon auf: „Jesus verteidigt sich nicht mit der Schrift, sondern beruft sich auf den gesunden Menschenverstand.“ (F. Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.289)  Mit einem Argument, das „unschlagbar“ ist, weil es aus der Alltagswelt genommen ist, also auch ihre eigene Erfahrung aufgreift: „Ein Reich, das in  inneren Widerstreit gefallen ist, zerfällt und endet in Verwüstung und Zerstörung.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.238) Die erbitterten Kämpfe unter den Alexander-Erben sind so lange noch nicht her, dass sie nicht noch im Bewusstsein zumindest der Gebildeten wären. Und der Niedergang Ägyptens liefert auch Anschauungsmaterial genug. Selbst die Kraftlosigkeit der Herodes-Dynastie spricht an dieser Stelle Bände.

                Was hier verhandelt wird, führt in eine fremde Gedankenwelt für uns Menschen des 21. Jahrhunderts. Mit bösen Geistern, Dämonen, Teufeln haben wir aufgeklärten Leute es nicht so. Zumindest nicht in unserem Denken. Schon gar nicht in unserem theologischen Denken. Das geht mir ja auch so. Ich will dem Bösen, dem Teufel, dem Satan keine Macht einräumen.

               Aber es gibt die Wirksamkeit des Bösen – in Strukturen, in über-individuellen Bemächtigungen, in merkwürdiger Zwanghaftigkeit. Mir fallen ungezählte Filme ein, die beschreiben, wie Menschen nicht mehr Herr ihrer selbst sind, sondern besessen – von der Gier nach Macht, von der Gier nach Geld, von der Gier nach Sex. Da braucht es keine Flattergeister, sondern es reicht, was sich als Gedanken einnistet in Köpfen, in Herzen und es gibt kein Entkommen mehr.

          Diese Beobachtung bringt die Aufgabe ans Licht, die auch in dieser Debatte  gestellt ist. Die Aufgabe ist die Suche nach einer „Antwort auf die Frage, was man tun soll, wenn man Gedanken hat, die einen beherrschen, die man nicht stoppen kann – das sogenannte Gedankenkarusell oder die Problemzentrierung.“(H. Gärtner-Schultz, Ein Wort das heilt… Dt. Pfarrerblatt 2/2017, S. 97)

            Wahr ist freilich auch, was Jesus sagt: da, wo es Risse in der Panzerung des Bösen gibt, da, wo es im Innersten eines Herzens die erste Ahnung gibt, dass es nicht in Ordnung ist, was man tut – da verliert das Böse seine Herrschaft. Da fängt das Reich des Bösen an, zusammenzubrechen wie ein Kartenhaus. Der Bürgerkrieg zwingt große Staaten in die Knie – davon erzählt die Geschichte ununterbrochen. Wo die Einheit eines Reiches in seinem Zentrum zerbricht, gibt es kein Halten mehr, auch wenn äußerlich noch alles „in Ordnung“ erscheint.

 20 Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. 21 Wenn ein Starker gewappnet seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden. 22 Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute. 23 Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

               Das mit dem Finger Gottes ist bemerkenswert. „Der Arm des Herrn“ ist ein Bild für die Stärke Gottes: „Wach auf, wach auf, zieh Macht an, du Arm des HERRN! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt!“ (Jesaja 51,9) Aber der Finger Gottes? Ganz von weitem könnte es einen Zusammenhang zur Erzählung von den Plagen in Ägypten geben: „Da sprachen die Zauberer zum Pharao: Das ist Gottes Finger. Aber das Herz des Pharao wurde verstockt, und er hörte nicht auf sie, wie der Herr gesagt hatte.“(2. Mose 8, 15) Da ist es der Stab Aarons, der sich den ägyptischen Zauberern gegenüber als stärker erweist.

          Ich versuche mir vom Wort Jesu her zu erklären: „Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.“ (10,18) Weil der Satan schon gefallen ist, weil er im Himmel schon verspielt hat, deshalb braucht es nicht mehr als den Finger Gottes. Ein Fingerschnipsen genügt. Es braucht nicht mehr den Arm des Herrn – so viel Macht gesteht Jesus dem Bösen nicht mehr zu.

          In einer Zeit, in der so viel Dämonenfurcht war, in der so viel Furcht vor den Mächten der Welt war, ist diese „Geringschätzung“ ein Wort der Seelsorge, das ängstlichen Christen den Rücken stärken kann. Der Kampf steht nicht mehr auf gleich und gleich. Er ist schon längst entschieden, auch wenn ihr es nicht immer zu sehen vermögt und euch oft ausgeliefert vorkommen mögt. Jesus ist der Stärkere in diesem Kampf und er nimmt dem Feind seinen Besitz, seine grausame Rüstung, seine Stärke. Ich kann nicht sehen, dass Jesus dem Bösen besondere Hochachtung angedeihen lässt.

             Aber: Jetzt ist Entscheidungszeit. „Der messianische Streit ist eröffnet. Es ist der letzte Augenblick, sich auf die richtige Seite zu stellen.“(F. Bovon, aaO.; S.179) Es gilt, hier und jetzt, im Heute eine klare Entscheidung zu treffen. Nur wer auf der Seite des Siegers steht hat Zukunft. Es ist ein starker Kontrast zu der Weite, die Jesus an anderer Stelle zeigt: „Wer nicht gegen euch ist, der ist für euch.“(9,50) Da geht es um die Abwehr einer Engführung. Hier um das Einfordern einer Entscheidung, um die Aufgabe, sich selbst eindeutig zu positionieren. Es gibt an dieser Stelle keine mögliche Neutralität. Es gibt keine neutrale Position zwischen Jesus und dem Bösen – So hat es Luther beschrieben und Bob Dylan gesungen.

But you’re gonna have to serve somebody, yes indeed
You’re gonna have to serve somebody
Well, it may be the devil or it may be the Lord
But you’re gonna have to serve somebody.”                                                                                                                        B. Dylan, LP slow train is coming 1979

           Das ist die Frage, die mir hier gestellt wird: Auf welcher Seite stehe ich – zu wem stelle ich mich? Wer darf über mich verfügen?

 

Jesus, Du bist der Starke, in dem ich geborgen bin. Du bist der Herr, der mich gewonnen hat. Du bist der Heiland, der mir Freiheit schenkt.

 Alle Macht des Bösen hat an Dir ihre Grenze. Alle Gewalt des Bösen bricht sich an Dir.

Gib es mir, dass ich auf Dich schaue und mich nicht faszinieren lasse vom Bösen in seiner Vielgestalt.

Gib mir die Einfalt des Herzens, mir daran genügen zu lassen, dass Du Dich  zu mir gestellt hast, ein für alle Mal. Amen.