Beten – wie Jesus

Lukas 11, 1 – 4

 1 Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.

               Jesus betet immer wieder, an allen möglichen Orten, in der Einsamkeit, auf dem Berg, vor einer Herausforderung. Sein Beten ist etwas, was seine Jünger wahrnehmen, wohl auch als ungewöhnlich wahrnehmen. Und zugleich spüren sie, dass dieses Beten die Quelle der Kraft Jesu ist. Aus dem Reden mit dem Vater schöpft er. Aus diesem Reden nährt sich seine Seele. In diesem Reden empfängt er die Freiheit für sein Tun.

            Der betende Jesus ist aber zugleich nicht irgendwie exotisch. Um die Jünger herum wird viel gebetet – die Pharisäer und Schriftgelehrten beten, Menschen beten im Tempel und der Synagoge. In der hebräischen Bibel gibt es den Psalter – das Gebetbuch Jesu und aller Juden in seiner Zeit. Vielleicht kann man sagen: Jude sein heißt beten – sich dem Schöpfer des Himmels und der Erde, dem Gott der Väter zuwenden, ihn mit ganzem Ernst suchen. Und doch: „Beten war damals nicht selbstverständlich: die jüdischen Schriften enthalten wenige diesbezügliche Anweisungen.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.124)  Ich wage den Widerspruch: vielleicht gibt es gerade deshalb keine Anweisungen, weil es eine geradezu selbstverständliche Praxis gab, über die man nicht reden musste, die in einer ungebrochenen Traditionskette gelehrt wurde. Ohne große theologische Reflexion.

            Und doch muss etwas am Beten Jesu so sein, dass es einen der Jünger sagen lässt: Herr, lehre uns beten. Er  lehnt sich mit dieser Bitte an die Praxis des Johannes an. Der hatte seine Jünger offenkundig beten gelehrt. Das heißt wohl nicht: Er hat sie ein paar Gebete gelehrt. Sondern er hat sie in eine bestimme Gebetspraxis eingeführt, sie vielleicht sogar Methoden gelehrt, wie man zur Ruhe findet, wie man stille wird, wie man sich auf Gott hin ausrichtet – wenn man das überhaupt kann: Sich ausrichten auf Gott. So höre ich dann auch die Bitte der Jünger: Sie fragen, so denke ich, nach einer „Methode“ des Gebetes, nach einer Haltung des Betens, nach einer Übung vielleicht auch.

               Es ist ja insgesamt merkwürdig, dass die Bibel an unendlich vielen Stellen Gebete überliefert, dass es aber keine „Methodik“ gibt. Es gibt keine Anleitung: So müsst ihr sitzen. So muss eure Konzentration sein. So könnt ihr zur Ruhe finden. Auch feste Gebetszeiten werden nicht als Norm für alle überliefert. Das kann meines Erachtens auch daran liegen, dass es das alles selbstverständlich gab und dass es auch genauso selbstverständlich praktiziert wurde. Eine selbstverständliche und geübte Praxis aber muss Jesus seinen Jüngern nicht noch einmal nahe bringen.

               Und doch ist da diese Frage des Jüngers, in der ich eine Sehnsucht spüre: wir möchten so beten lernen, dass wir innerlich erfüllt sind, dass wir die Kraft Gottes spüren, die wir bei dir sehen, dass wir die Nähe Gottes erfahren, in der du lebst. Wie kann das gehen?

               Vielleicht ist es nur eine Kleinigkeit, aber der Jünger fragt den Herrn. κΰριε, redet er ihn an und nicht „Rabbi“. „Herr“ und nicht „Meister“. Es ist die Ahnung, dass es um das Beten des Herrn geht, das die Kraft Gottes empfängt, dass er als Betender der Herr ist und dass in seiner Spur bleiben von dem Herrn beten lernen ist. Es geht um mehr als um die Gebete der Menschen, auch um mehr als um das Gebet eines frommen Menschen – und sei Jesus dieser fromme Mensch. Es geht um das Eintauchen in das Gebet des „Herrn“.

2 Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater!

                Die Antwort Jesu ist überwältigend schlicht. Er richtet sie nicht an den einen Fragenden, sondern an sie alle – und damit über alle Zeiten hinweg auch an uns. Sie besteht, wenn ich überspitze, aus einem Wort: Vater. Das ist der entscheidende Lernschritt des Betens, den Jesus seine Jünger lehrt: Vater zu sagen. „Wenn man in Palästina Gott als Vater anredete, so geschah das neben anderen Bezeichnungen für Gott, z.B. “Unser Vater, unser König.“ Sie erfolgte in der hebräischen Form abi, abinu, also in der Gottesdienst- und Kultsprache, nicht aber in der aramäischen Sprache des Alltags, und sie wurde mit dem Zusatz „in den Himmeln“ verbunden.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.230) Es ist gewiss nicht zufällig, dass bei Lukas dieser Zusatz fehlt!

            Gott ist nicht fern. Gott ist nicht der Unnahbare. Gott ist nicht der, der in seiner Erhabenheit unzugänglich ist. Das alles ist ja wirklich auch über Gott zu sagen: Er ist der Schöpfer, er ist der Erhabene, der Allmächtige, der Ewige, der Heilige. Er ist der, der Israel hält und die ganze Welt, der das All trägt und aus dem die Zeit ist. Aber betend darf ich, dürfen die Jünger zu ihm „Vater“ sagen. Jesu nimmt sie mit diesem Wort in sein Beten mit hinein. Und alles Beten aus der Schule Jesu ist das Beten der Kinder, die es glauben, dass der Vater hört, dass der Vater sie lieb hat, dass der Vater sie festhält, an ihnen festhält, auch wenn sie sich verrannt haben.

               Es ist unsere Frage heute, nicht die Jesu und nicht die des Lukas: Wenn jemand, der schreckliche Erfahrungen mit seinem Vater gemacht hat, diese Anrede verweigert? Weil sie ihm den Weg zu Gott versperrt? Was dann? Ist es ganz falsch, ihm, ihr zu sagten: Du darfst auch „Mutter“ sagen? Gott ist doch der väterliche, der mütterliche Gott. Die Anrede Vater, Mutter definiert ihn nicht, weist ihm kein Geschlecht zu – sie sucht  nur die Nähe zu Gott, den wir nie ganz fassen können!  Ein bisschen Großmut des Herzens ist hier gefragt. Gott hält es ja auch aus, wenn wir einfach vor ihm schweigen.

Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. 3 Unser tägliches Brot gib uns Tag für Tag 4 und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben allen, die an uns schuldig werden. Und führe uns nicht in Versuchung.

               Was danach kommt, ist nur ein weiterer Schritt. Wer so betet, der öffnet sein Leben zu Gott. Wer so betet, setzt in seinem Leben Gott an die erste Stelle. Dein Name, Dein Reich – das will ich. Danach strecke ich mich aus. Gott tritt in die Mitte bei diesem Beten. Es dreht sich um ihn. Der Beter öffnet sich ihm, seiner Gegenwart, und will nichts als ihn, seine Gegenwart.

               Und danach, weil und wenn Gott in der Mitte ist, wenn das Leben auf ihn ausgerichtet ist, dann kann ich sagen, was mir auf der Seele liegt. Dann können die tausend Ängste des Lebens zur Sprache kommen. Tag für Tag. Sie kommen ja vor dem Vater zur Sprache. Sie verdrängen ihn nicht mehr ins zweite Glied. Sie machen ihn nicht mehr zum Erfüllungsgehilfen unserer Wünsche. Sie nehmen sein Vater-Sein ernst: „Es ist eine alte Überzeugung, die das Vaterunser hier einsetzt und voraussetzt: Der Gott Israels ernährt sein Volk, seit er es geschaffen hat. In der Wüste schenkt er denen, welche die Fleischtöpfe Ägyptens verlassen hatten, Wachteln am Abend und Manna am Morgen.“ (F. Bovon, aaO.; S.128) 

        So steht es also um diese Bitten, die nur auf den ersten Blick eigennützig wirken können. Sie rechnen damit und hoffen darauf, dass er, der Vater, unser Leben durch seine Vergeben und sein Führen in einen Entsprechung zu sich selbst bringt, so dass unser Leben ihm recht ist. Wer so betet, der gibt Gott die Ehre, die ihm zukommt, auch in seinem kindlichen Bitten.

            So ist dieses Gebet Jesu eine Anleitung. Man hat auch gerne gesagt: ein Formular. „Die Erzählung bei Lukas legt es nahe, im Vaterunser ein formuliertes Gebet zu sehen, das Jesus den Seinen als Merkmal ihrer Gemeinschaft mit ihm und untereinander gegeben hat.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 144) Ob nun Formular oder „nur“ Anleitung für die eigenen Worte – es ist eine Hilfe, im eigenen Beten Gott zu ehren, ihn darin zu ehren, dass wir ihn Vater nennen und ihm zutrauen, dass unser geöffnetes Leben vor ihm gut aufgehoben ist, dass er uns liebevoll ansieht und sich freut an unserem Vertrauen.

               Wie fremd ist heutzutage dieser Gedanke, dass Gott sich freuen könnte über unser Beten, darüber, dass wir ihn erheben und seinen Namen ehren, dass wir ihn suchen und nach seinem Willen fragen und dass wir uns dann mit unseren Sorgen und Ängsten auch an ihn halten. Und doch ist das ein Herzstück der Gebetslehre Jesu, dass Gott sich an unserem Beten freut.

 

Herr Jesus, Du hast uns Dein Gebet gegeben. Du hast uns hinein genommen  in Dein Beten. So wie Du Vater sagst, so dürfen wir Vater sagenund es glauben: Er hört uns wie er Dich hört.

Jesus, gib Du, dass wir diese Worte zu Herzen nehmen, dass sie uns helfen, uns zu dem Vater  zu öffnen, ihn zu ehren, zu preisen, zu loben, ihn – die Mitte und den Grund unseres Lebens und der Welt.

Mache uns frei von aller Furcht vor der Größe, der Heiligkeit, der Gewalt Gottes, die uns nicht Vater sagen lassen will, uns die Liebe und Nähe nicht glauben lassen will.

Nimm uns immer neu hinein in Dein Beten. Amen