Öffne mir das Herz

Lukas 10, 21 -24

21 Zu der Stunde freute sich Jesus im Heiligen Geist und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater, so hat es dir wohlgefallen

               Von daher, dass Jesus seine Mission erfüllt sieht, dass er seinen Jüngern ihre ewige Bestimmung vor Augen hält, ist die Freude Jesu geprägt. Es ist die Freude daran, dass Gott sein Ziel erreicht. Es ist die Freude daran, dass Gott sich zu den Kleinen, den Unmündigen kehrt, dass er Gefallen hat an dem, was sie tun und einbringen in das Reich. Es ist, darauf weist die Wendung hin freute sich Jesus im Heiligen Geist , die Freude in Gott selbst. Nicht nur an etwas außerhalb, sondern in sich selbst hat Gott Freude, ist Gott Freude. Wenn man so will: das Wesen Gottes ist FReude, von Anfang an und wird es auch am Ende sein.

               Manchmal bin ich verblüfft, wie sich das Wort der Schrift untereinander verbindet und gegenseitig erhellt. So auch hier – der Lobpreis Jesu über die Güte Gottes gegenüber den Unmündigen findet sein Echo bei Paulus: “Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme.“(1. Korinther 1, 26 – 29)

               Hat Lukas doch diese Gedanken des Paulus gekannt? Oder hat Paulus umlaufende Jesus-Worte für seine Formulierungen als Hintergrund gehabt? Wie auch immer – es ist Gottes Kondeszendenz, sein sich selbst Erniedrigen, sein sich in die Welt verschwenderisches Hinein-lieben, „seine alte Krankheit, alle Menschen gleich zu lieben, seine Nachsicht, seine fassungslose Milde, seine gottverdammte Art und Weise alles zu verzeihen und zu helfen“(H.D. Hüsch), die hier beschrieben wird: Er offenbart sich in die Tiefe hinein, in die Schwachheit hinein, in die Torheit hinein. Die Kleinen, Unmündigen, die vor der Welt als Toren gelten – sie werden seine Kinder.

            Vielleicht liegt es noch näher, sich zu erinnern: In den Lobgesängen am Anfang des Evangeliums, im Magnificat der Maria und im Benedictus des Zacharias begegnet das gleiche Staunen über die Zuwendung Gottes zu den Niedrigen, den Armen, den Kleinen.

               Aber: das versteht nur, wem die Augen geöffnet werden. Das versteht nur, wer von Gottes Geist erfüllt wird. Dieses Geheimnis erschließt sich nicht dem denkenden, grübelnden Verstand. Das erschließt sich nur so, dass es offenbart wird, dass es der Sohn uns ins Herz spricht durch den Geist.

22 Alles ist mir übergeben von meinem Vater. Und niemand weiß, wer der Sohn ist, als nur der Vater, noch, wer der Vater ist, als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

            Das ist ein Satz, wie er auch im Johannes-Evangelium stehen könnte. Er beschreibt das Unfassbare, Unbeschreibliche, das Wunder aller Wunder, dass der Vater im Sohn ist und der Sohn im Vater, dass der eine den anderen zeigt und offenbart. Er macht auch sichtbar, dass es den Zugang zu diesem Geheimnis Gottes nur so gibt, dass Jesus selbst es uns entschlüsselt. ποκαλψαι. Offenbart. Enthüllt. „Es ist das eigentliche Geheimnis Jesu, das hier erschlossen wird: seine Gemeinschaft mit Gott; es ist allein dem Glauben zugänglich, der wiederum Gottes Werk im Menschen ist.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 137)

              Luther hat das gewusst, dass der christliche Glaube keine lernbare und lehrbare Religion ist: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich durchs Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten; gleich wie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten einigen Glauben;“ (Kleiner Katechismus, Erklärung zum 3. Artikel) Hier wird eine Grenze markiert für unser Wollen und Können. Und es schadet der Kirche, wenn sie diese Grenze ignoriert und seit Jahrhunderten doch so tut, als sei der Glaube lernbar und lehrbar, wenn und indem man die Wörter lernt und als müsste nicht zwingend und eben nicht durch uns machbar das Andere hinzukommen, die Gabe des Geistes, der ausgegossen wird in die Herzen.

            Es gibt nur eine Haltung, die Verheißung hat – die leeren Hände hinhalten, die verschlossene Herzen hinhalten und bitten:

Öffne meine Ohren, Heiliger Geist, damit ich Deine Botschaft höre.                      Öffne meine Augen, Heiliger Geist, damit ich die Schönheit der Schöpfung sehe.       Öffne meinen Geist, Heiliger Geist, damit ich Deine Botschaft glaube.                        Öffne meinen Mund, Heiliger Geist, damit ich Deiner Herrlichkeit Zeugnis gebe.    Öffne meine Hände, Heiliger Geist, damit ich Deine Hilfe fasse.                                Öffne mein Gemüt, Heiliger Geist, damit ich Deine Nähe liebe.                              Öffne mein Herz, öffne mein Herz, Heiliger Geist, damit ich Deine Liebe spüre.                            W.  Führinger; Mennonitisches Gesangbuch

23 Und er wandte sich zu seinen Jüngern und sprach zu ihnen allein: Selig sind die Augen, die sehen, was ihr seht. 24 Denn ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und haben’s nicht gesehen, und hören, was ihr hört, und haben’s nicht gehört.

               Aus dem allem verstehe ich die Worte Jesu, diese Seligpreisung der Jünger. Sie erleben erfüllte Zeit, die Mitte der Zeiten. Was Jesus schon in Nazareth gesagt hat: Heute! Das sagt er hier seinen Jüngern zu: Ihr seid dabei in der Mitte der Zeiten. Ihr empfangt, was die Hoffnung und Sehnsucht der Propheten war.

Was der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war,
und was sie geprophezeit, ist erfüllt in Herrlichkeit.           H. 
Held 1658, EG 12

         Für diesen Augenblick gibt es keinen Ersatz. Von diesem Augenblick geht Kraft aus. Dieser Augenblick – Jesus in ihrer Mitte, Gott lobend, erfüllt von der Freude am Vater, taucht alles in ein anderes, helles Licht. In diesem Augenblick haben sie in Jesus die Gnade Gottes, sein Erbarmen vor Augen. Das gilt für die Jünger: es gibt für diese Erfahrung der Gegenwart Jesu keinen Ersatz. Der Heilige Geist ist kein Ersatz für Jesus. Er ist Gegenwart Gottes in anderer Form.  Gegenwart, die das Dunkel der Welt durchdringt und erhellt.

               Es ist exklusives Wort an die Jünger – er sprach zu ihnen allein, aber es ist keine Geheimlehre, die sie geheim halten sollen. Dass Lukas das aufschreibt, zeigt es ja schon: Es sind Worte zum Weitergeben und es ist das Selbstverständnis der Gemeinde, dass sie in ihrer Mitte und mit ihrer Botschaft diese erfüllte Zeit bewahrt und sie denen eröffnet, die hinzukommen durch ihre Botschaft. Mit dem Christentum ist Esoterik nicht zu machen, in keiner Weise.

               Die gestillte Sehnsucht ist die Motivation, sie an andere weiter zu sagen, damit auch deren Sehnsucht gestillt werden kann – in ihm.   

 

Jesus, Du siehst die Freude Deiner Jünger. Du hörst ihr Erzählen vom Tun in Deinem Namen. Du kennst ihre Dankbarkeit für Dein Wort, für Deine Kraft, für Deine Macht, die in ihnen wirkt.

Jesus, Du willst uns darüber hinaus führen, über das Schauen auf das Gelingen, über den Schmerz am Versagen.

Du willst uns festmachen in der Gewissheit: Wir gehören zu Dir für Zeit und Ewigkeit, im Himmel und auf Erden. Du hast uns gerufen, Deine Schwestern und Brüder zu sein, für immer, hinein genommen in Deine Gemeinschaft mit dem Vater. Amen.