Die größere Freude

Lukas 10, 17 -20

 17 Die Zweiundsiebzig aber kamen zurück voll Freude und sprachen: Herr, auch die bösen Geister sind uns untertan in deinem Namen.

               Wieder eine Rückkehr nach der Aussendung. Diesmal voll Freude. „Erfolg ist keiner der Namen Gottes“ hat Martin Buber gesagt. Aber dass das Wort wirkt, dass die Vollmacht Jesu trägt, dass das Reich Gottes weiter nahe kommt – das kann Menschen mit Freude erfüllen. Und wer wollte sich nicht freuen, wenn er Macht hat, dem Bösen Einhalt zu gebieten, ob es nun böse Geister, böse Gedanken oder böse Taten sind. Der Name Jesu setzt dem Bösen Grenzen. Das ist wunderbar.

            Es fällt auf: „Der Erfolg der Botschafter besteht in Exorzismen und nicht in Bekehrungen.“(F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.56) Wenn man so will: in Befreiungserfahrungen. In diesen Befreiungen gewinnt das Reich Gottes Boden in der Welt.

               Der schlichte Satz sie kamen zurück voll Freude löst bei mir Gedanken aus. Warum erzählen wir nicht häufiger von den guten Früchten des Evangeliums? Warum lassen wir der Freude daran nicht mehr Raum in unseren Gemeinden? Warum gehen wir so leicht zur Tagesordnung über, wenn Menschen davon erzählen, was die Verkündigung des Evangeliums vermag – in Korea, in Afrika, in den islamischen Ländern? Kann es sein, dass die Freudlosigkeit der europäischen Kirchen, auch vieler Kirchengemeinden damit zu tun hat, dass wir uns die Freude an den Berichten der Boten nicht gönnen, dass wir lieber von den Problemen hören und nicht so gerne von dem, was das Evangelium vermag? Kann es sein, dass wir uns weigern zuzuhören, weil es bei uns nichts Vergleichbares zu erzählen gibt, das Evangelium folgenlos geworden zu sein scheint?

18 Er sprach aber zu ihnen: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. 19 Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und Macht über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden.

                Jesus jedenfalls wehrt nicht die Freude ab. Er wehrt auch den Jüngern ihr Erzählen nicht. Sondern er richtet ihren Blick vom Vordergrund – was sie vermochten – auf den Hintergrund. Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Das ist das Geschehen hinter dem Geschehen, die geistliche Wirklichkeit hinter dem, was die Jünger erleben. „Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus; denn der Verkläger unserer Brüder ist verworfen, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott.“ (Offenbarung 12, 10) Die Stimme des Verklägers zählt im Himmel nicht mehr. Der Hiob ins Verderben zu ziehen suchen konnte (Hiob 1, 6 – 12; 2, 1-5), hat alle seine Rechte verloren. „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.“ ( 1. Johannes 3,8b) Das sieht Jesus – er sieht seine Mission erfüllt – jetzt schon! „Die Ereignisse der Endzeit setzen also ein.“ (F. Bovon, aaO.; S.57) Und seine Jünger haben mit ihrer Botschaft Anteil daran.

              Diese gegebene Macht ist beeindruckend. Dass sie handeln können, dass sie Heil ausbreiten können, dass sie dem Bösen Einhalt gebieten können – wunderbar. Nichts wird euch schaden. Unantastbar – wunderbar. Was für eine Zusage!  „Keine Macht der Welt wird Jesu Gemeinde mehr  beseitigen können.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 136) 20 

 Doch darüber freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind. Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.

            Aber es ist nicht alles und es nicht das, was die Jünger faszinieren soll. Es ist wie eine Warnung vor Macht-Missbrauch des Evangeliums. Vor der Faszination durch die eigenen geistlichen Möglichkeiten. Das Evangelium gibt keine geistliche Erfolgsgarantie und es macht auch nicht unangreifbar. Das Evangelium ist in seinem Zentrum keine Kampflehre gegen das Böse – das ist es auch – aber im Zentrum steht das andere: Ihr seid Gottes Söhne und Töchter, unauslöschlich mit eurem Namen eingezeichnet in sein Gedächtnis. Ihr seid bestimmt zur Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott.  In Ewigkeit, in den Himmeln soll es gelten: Ihr gehört zu mir.

              Und nichts und niemand wird sie aus diesem Gedächtnis Gottes, diesem Eingeschrieben Sein in den Himmel löschen können. Weil ja der Verkläger keinen Zugang mehr hat. Weil er nicht mehr verhindern kann, dass diese Namen im „Buch des Lebens“ (Offenbarung 20,12)aufgeschrieben sind und am Tag, „da alle Welt ihr Urteil nimmt(R.A. Schröder 1937, EG 184), verlesen werden.

Es ist eines der Worte, in die man sich bergen kann. In den Ungewissheiten, in den dunklen Stunden der Angst und der Resignation, in den Zeiten der Anfechtung und der inneren Leere. Ein Wort, das frei macht von der Abhängigkeit der geistlichen Erfolgsgeschichten, von der Abhängigkeit vom gelingenden Leben. Es sind nicht unsere Erfolge, die uns zu geliebten Söhnen und Töchtern Gottes machen und unsere Misserfolge können uns den Weg zu ihm nicht versperren. Es ist seine Liebe allein, die zählt. In diese Liebe sind wir mit unseren Namen eingezeichnet, eingegraben.

           Der Ruf in die Jüngerschaft ist mehr als ein Ruf in eine Kampfgemeinschaft, die mit dem Sieg oder der Niederlage ihr Ende findet. Es ist der Ruf in die Lebensgemeinschaft über alle Zeiten hinweg. Damit ist auch klar: Nachfolge ist mehr als eine Spur auf dem Weg durch die Zeit. Es ist die Bestimmung zur Gemeinschaft mit dem Sohn in Zeit und Ewigkeit.

               Die Jünger sind fasziniert von ihrer Funktion. Jesus aber will ihr Auge auf ihr Sein richten, auf ihr Wesen, auf ihre ewige Bestimmung. „Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir.“ (Jesaja 49, 16) Was der Prophet von Jerusalem und damit von Israel sagt, das sagt Jesus von seinen Jüngern – eingezeichnet in das Gedächtnis Gottes, eingegraben in die Hände. Und in der Kreuzigung wird das erfüllt.

Heiliger Gott, eingegraben in Deine Hände, in Dein Gedächtnis, unauslöschlich unsere Namen, wir, ich.

Einer unter Milliarden. Aber Du kennst den Namen, vergisst ihn nie, hältst ihn fest und in dem Namen uns, ein Leben lang, für Zeit und Ewigkeit. Amen