Boten ohne Glanz und Gloria

Lukas 10, 1 – 16

 1 Danach setzte der Herr weitere zweiundsiebzig Jünger ein und sandte sie je zwei und zwei vor sich her in alle Städte und Orte, wohin er gehen wollte,

            Niemand kann sich selbst zum Jünger machen. Niemand kann sich selbst zum Boten machen. Niemand kann sich selbst zum Gesandten machen. Darum heißt es hier der Herr setzte weitere zweiundsiebzig Jünger ein und sandte sie. Wie es der Zeugenregel Israels entspricht: zu zweit. Es ist das tiefe Bewusstsein der Kirche, dass sie eingesetzt ist, keine Erfindung aus sich selbst, nicht auf eigene Rechnung unterwegs, sondern eingesetzt. Die Zahl 72 ist ein Hinweis auf die Völkerwelt, ähnlich den 153 Fischen im Netz (Johannes 21, 11). Die Sendung dieser Zweiundsiebzig meint nicht mehr „nur“ Israel wie die erste Sendung (9,1), sondern die ganze Welt. „Ihr Auftrag ist Ankündigung des Kommens Jesu jeder Stadt und an jedem Ort.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.208) Und: es ist der Herr, ό κΰριος, der die Vollmacht hat, der seine Jünger sendet.

 2 und sprach zu ihnen: Die Ernte ist groß, der Arbeiter aber sind wenige. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter aussende in seine Ernte.

               Das ist eine merkwürdige Formulierung: Die gesandt werden, sollen um Arbeiter in der Ernte bitten. Warum das – wo sie doch selbst gesandt sind? Ich glaube, dass hier das Bild der Ernte die erklärende Rolle spielt. Es geht nicht nur um eine irdische Sendung, aber auch um sie. Es geht nicht nur darum, dass der Mittelmeer-Raum so groß ist, so dass auch zweiundsiebzig Boten nur eine Handvoll, verschwindend klein sind. Die Mission der ersten Christenheit ist immer größer als die Zahl der Missionare. Darum gilt: „Die Freuden an der Ernte ist durch den Mangel an Arbeitern gefährdet.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.50) 

           Und doch ist der Horizont der Ernte noch weiter gespannt: Es geht um die Sendung zur Sammlung in das Reich Gottes, durch das Gericht hindurch. Und da tauchen in Gleichnissen ja nicht die Menschen als die auf, die Ernte halten, sondern es sind die Engel Gottes, die zur Ernte, zum Gericht kommen. „Die Ernte ist das Ende der Welt. Die Schnitter sind die Engel. (Matthäus 13, 39-40) Diese Arbeit des Erntegerichtes ist den Jüngern, auch den Zweiundsiebzig nicht übertragen. Sie sind Boten, nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Das Gericht ist  ihre Sache nicht – das hat die Kirche oft genug zu ihrem eigenen Schaden vergessen.

 3 Geht hin; siehe, ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe. 4 Tragt keinen Geldbeutel bei euch, keine Tasche und keine Schuhe, und grüßt niemanden unterwegs.

               Schutzlos und wehrlos sollen die Boten sein. Angewiesen. Nicht abgesichert durch ihren Besitz, durch Bewaffnung, durch Ausrüstung. Wie Lämmer mitten unter die Wölfe. Das klingt in unseren Ohren absurd. Aber es geht um einen Weg, auf dem die Prophetie des Jesaja zum tragen kommt: „Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.“ (Jesaja 65, 25) Es ist nicht einfach ein Weg der Bescheidenheit, der Demut. Es ist ein Weg, der das Friedensreich Gottes vorweg nimmt.

            Darüber hinaus: Die Ausgesandten geben „in ihrer Ausrüstung zu erkennen, dass ihr Auftreten mit den Inhalt ihrer Botschaft übereinstimmt. Sie verkünden das Heil der Armen. Deshalb können sie nicht mit einem vollen Geldbeutel zu ihnen kommen. Da sie zudem in den Häusern von Söhnen des Friedens einkehren sollen, können sie nicht mit einem Stab auftreten, der damals als Waffe diente.“ (U. Busse, Jesus zwischen arm und reich, Lukas-Evangelium. Bibelauslegung für die Praxis 18, Stuttgart 1980; S. 68) Wort und Wesen sind eins.

5 Wenn ihr in ein Haus kommt, sprecht zuerst: Friede sei diesem Hause! 6 Und wenn dort ein Kind des Friedens ist, so wird euer Friede auf ihm ruhen; wenn aber nicht, so wird sich euer Friede wieder zu euch wenden. 7 In demselben Haus aber bleibt, esst und trinkt, was man euch gibt; denn ein Arbeiter ist seines Lohnes wert. Ihr sollt nicht von einem Haus zum andern gehen.

               Die Boten kommen dennoch nicht mit leeren Händen. Sie bringen Frieden, Frieden für alle. Shalom. Die Gerechtigkeit Gottes, die das Leben entfaltet, dem Leben dient. „Der Frieden ist wie eine Kraft, die  bei dem, für den sie bestimmt ist, bleibt, während sie sonst zurückkommt zu dem, von dem sie ausgeht.“ (W. Grundmann, aaO.; S.209) Diesen Frieden zu bringen heißt die aufzuspüren, sichtbar zu machen, die sich nach diesem Frieden sehnen und die ihn schon im Herzen tragen. Wo so jemand nicht ist, da geht der Gruß nicht verloren, er geht auch nicht ins Leere. Er bleibt über denen, die ihn grüßend verschenken. Das macht unabhängig vom Echo. Das macht unabhängig von den Reaktionen. Das liegt auf der Linie, die  Jesus schon in der Feldrede seine Jünger gelehrt hat.

               Wo die Jünger Aufnahme finden, da sollen sie auch bleiben. Dahinter mag Praxis und Erfahrung der ersten Gemeinde stehen: Die Wanderprediger aufzunehmen ist die Pflicht der Gemeinde. Aber sie sollen auch in dem Quartier bleiben, das ihnen angeboten wird und nicht nach besserer Unterkunft suchen. Sie sollen nicht wählerisch sein und es soll keinen Überbietungs-Wettbewerb der Gastgeber geben. Und nüchtern genug wird klargestellt: Von der Luft kann keiner leben. Wer arbeitet in der Weitergabe des Evangeliums, der soll auch davon (!) leben können. Es geht nicht um festes Gehalt, aber es geht um Gastfreundschaft, die nicht knausert.

8 Und wenn ihr in eine Stadt kommt und sie euch aufnehmen, dann esst, was euch vorgesetzt wird, 9 und heilt die Kranken, die dort sind, und sagt ihnen: Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen.

               So sachlich geht es zu: Esst, was ihr bekommt und heilt und sagt das genahte Reich Gottes an. Der Auftrag gleicht dem an die Apostel bei der Aussendung in Israel (9,2). Es gibt keinen Unterschied im Auftrag zwischen der Sendung an Israel und der zu den Heiden. Es gibt nur den einen Auftrag, der allerdings unterschiedliche Sprachgestalten annehmen wird. Aber zentral bleibt die Botschaft vom nahen Reich, vom Reich, das zu euch gekommen ist. Es geht immer um die Zusage, nie nur um Sachinformation. Zeugnis ist im Verständnis der Schrift nicht neutral, sondern wird ausgerichtet – die Zeugen stehen für ihre Worte ein und sie wollen mit ihrem Zeugnis Menschen gewinnen.

10 Wenn ihr aber in eine Stadt kommt und sie euch nicht aufnehmen, so geht hinaus auf ihre Straßen und sprecht: 11 Auch den Staub aus eurer Stadt, der sich an unsre Füße gehängt hat, schütteln wir ab auf euch. Doch sollt ihr wissen: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. 12 Ich sage euch: Es wird Sodom erträglicher ergehen an jenem Tage als dieser Stadt.

               Jesus hat es selbst erfahren: Er ist nicht überall willkommen. Er wird nicht überall aufgenommen. So werden es auch die Boten erfahren. Es gibt das verweigerte Hören, die verweigerte Gastfreundschaft. Es gibt verschlossene Häuser und abweisende Städte. Es gibt es, dass den Boten die Tür gewiesen wird. Da ist es wichtig, dass die Boten nicht an der Ablehnung hängen bleiben. Wer nicht hören will, will nicht hören. Er muss die Konsequenzen tragen. Das Abschütteln auch des Staubs heißt: da ist nichts, was uns verbindet. Wir stehen nicht auf dem gleichen Grund wie ihr. Ihr habt etwas versäumt, nicht etwas, das Reich Gottes, die Zukunft der Welt.

               Ist der Hinweis auf Sodom eine Drohung? Wird doch wieder Feuer vom Himmel fallen? Oder geht es nicht vielmehr darum, dass am Tage Gottes deutlich werden wird, was die versäumt haben, von sich gewiesen haben, die die Boten weggeschickt haben. „Ja, wenn wir das gewusst hätten….“ sagen Menschen – aber die Zeit lässt sich nicht mehr zurück drehen. So jedenfalls höre ich das – und nicht als Vernichtungsszenario.

13 Weh dir, Chorazin! Weh dir, Betsaida! Denn wären solche Taten in Tyrus und Sidon geschehen, wie sie bei euch geschehen sind, sie hätten längst in Sack und Asche gesessen und Buße getan. 14 Doch es wird Tyrus und Sidon erträglicher ergehen im Gericht als euch. 15 Und du, Kapernaum, wirst du bis zum Himmel erhoben werden? Du wirst bis in die Hölle hinuntergestoßen werden.

               Das setzt sich fort in den Worten an die galiläischen Städte des Wirkens Jesu. Chorazin und Betsaida. Dahinter steht wohl die Erfahrung, dass die „Anfangserfolge“ des Wanderpredigers Jesus von Nazareth keinen Bestand gehabt haben. Die Menge, die ihm nachgelaufen ist, die seine Wunder bestaunt und auch gefeiert hat, die hat sich nicht um ihn gesammelt. Was er verkündigt hat, hat ihnen nicht zu einer neuen Lebenspraxis den Weg gewesen. Das Bild des Vaters, das er gemalt hat, ist nicht in die Herzen gefallen. Die Bewunderung des Wundertäters hat keine Umkehr bewirkt. Sie haben nicht, wie die Bewohner von Ninive nach dem Hören der Predigt des Jona in Sack und Asche Buße getan. (Jona 3,5-6)

            Demnach wären das die enttäuschten und bitteren Worte eines verschmähten Predigers, eines „gescheiterten“ Wunder-Rabbi. Ich glaube, dass es ganz so schlicht nicht geht, auch wenn das mitschwingen mag – Enttäuschung und Bitterkeit. Vor allem aber höre ich in diesen Worten den Schmerz. „Das doppelte Οα „Unglück, Wehe“ drückt eher Klage als einen Fluch aus…..Gefühlsbewegung, Trauer, enttäuschte Liebe werden spürbar.“ (F. Bovon, aaO.; S. 55f.) Klage darüber dass der Ruf in die größere Freiheit, in das Leben mit Gott, in das Vertrauen auf die Liebe ungehört geblieben ist. Er ist irgendwie untergegangen – ein Ruf wie jeder andere. Nivelliert. Eingeebnet. So sagst du. Andere sagen anders.

              Aber auch das klingt wohl mit als die Erfahrung der jungen Christengemeinde – die Auseinandersetzung damit, dass die Botschaft von Jesus als dem Heiland, als dem Sohn Gottes in Israel nicht die gleichen offenen Ohren gefunden hat wie im Heidenland. Was ist das, dass Betsaida und Chorazin, dass Kapernaum seine Wunder sehen und doch nicht den Weg zum Glauben finden? Was ist das, dass die Botschaft seiner Boten nicht die Aufnahme findet wie unter den Heiden? Mit diesem Rätsel – besser gesagt: mit diesem Schmerz kämpft die erste Gemeinde durch die ganze Anfangszeit hindurch.

 16 Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat.

                Es sind ja nur Menschenworte, Menschengedanken, Äußerungen von Glauben. Aber man kann auch anders denken und glauben. Das ist ja so: Die Boten sind nicht „Männer mit Flügeln“ (R.O. Wiemer). Sie haben keinen Heiligenschein, keinen Nimbus, der sie umstrahlt. Sie sehen aus wie du und ich. Und im Stimmengewirr der religiösen Botschafter der Zeit damals sind sie nur eine Stimme mehr. Wer sagt denn, dass gerade ihr Wort die Wahrheit zum Leben ist?

               Oft genug müssen sich die Boten mit diesen Anfragen herumschlagen, die auf sie zukommen, die wohl auch aus dem eigenen Herzen aufsteigen. „Nicht angehört und zurückgestoßen zu werden, wird eine schmerzliche Erfahrung sein.“ (F. Bovon, aaO.; S.56) Dass Jesus das Hören auf sie mit dem Hören auf sich selbst identifiziert – das ist Rückenstärkung für die Boten. Aber es ist für die Hörer kein Wahrheitsbeweis. Dass die Ablehnung der Boten die Ablehnung des sendenden Herrn ist, ja die Ablehnung Gottes selbst – wie soll das einer sehen können?

               Dabei ist dieses Wort Jesu ja geprägt, beeinflusst von uraltem Denken: „Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei,“(1. Mose 1,26) Die Ebenbildlichkeit Gottes, die imago dei meint ja wohl dies: Wir Menschen sollen die Mandatsträger Gottes in dieser Welt sein. An uns soll sichtbar werden, wie Gott ist, wie er sich um seine Welt sorgt, für sie sorgt, sie hegt und pflegt. Und wenn Jesus das Hören auf die Jünger mit dem Hören seiner selbst identifiziert, so ist das zuallererst Verpflichtung für das Reden der Jünger: Sie sind gebunden an seine Botschaft vom genahten Reich, vom Erbarmen Gottes, von der heilsamen Gegenwart Gottes in der Welt. Wer das überhört, ablehnt, der macht sich selbst arm, ärmer als er sein und bleiben muss.

             Dieses Wort könnte freilich dann auch nach innen gewandt helfen, der Selbstrelativierung Stand zu halten. Sie könnte helfen, nicht so leicht zu sagen: ich sage ja nur meine Meinung  in Sachen Glauben. Es kann den Rücken stärken: Ich stehe ein für eine Botschaft, die größer ist als ich. Ich stehe ein für den, der mich gesandt hat. Sie kann helfen, sich selbst festzumachen in dem Wort und nichts sagen zu wollen als das, was ich zuvor gehört habe. Was Gott in Jesus mir ins Herz hinein gesprochen hat, das sage ich weiter. Nicht meine eigenen Gedanken, sondern das empfangene Wort.

 

Jesus, wer Dich sieht, sieht einen Menschen. Wer Dich hört, hört einen Menschen. Der Goldgrund unserer Bilder von Dir ist späte Übermalung, Wunschtraum, Überhöhung der Wirklichkeit damals in Galiläa.

Jesus, wer Deine Boten sieht, sieht Menschen wie ich und du. Wer Deine Boten hört, hört Worte wie so viele. Worte neben anderen Worten, mitten im Stimmengewirr der Zeit.

Jesus, öffne mir die Augen, dass ich in Deinen Boten Deine Gegenwart sehe, dass ich in den Worten Deiner Boten Deine Stimme höre. Öffne Du mir das Herz für Deine Gegenwart in Deinen Boten. Amen