Hinter der Härte – Freiheit

Lukas 9, 57 – 62

57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

               Alles, was jetzt erzählt wird, geschieht auf dem Weg nach Jerusalem. Auch die Begegnung mit den drei Leuten, die hier zu Wort kommen. Aber zugleich ist wohl zu beachten, dass bei Lukas die Christen ja so bezeichnet werden als die Anhänger des neuen Weges.(Apostelgeschichte 9,2) Dann geht es hier nicht nur um historische Erinnerung. Es geht vielmehr um eine Situation, die sich immer wieder neu zeigt: Um den Eintritt in die Nachfolge, um Hinzutreten auf den Weg des Glaubens, um Mitleben in der Gemeinde. Was kostet es, zur Gemeinde dazu zu gehören?

               „Ich will dir folgen, wohin du gehst“ – sagt der Erste in diesem Abschnitt. Warum, wird nicht gesagt. „Ohne von ihm berufen zu sein, erklärt er sich bereit, sein Reisegenosse zu sein.“ (F .Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.254) Ob er fasziniert ist, ob er berührt ist, ob er  einfach nur die Nähe Jesu will – alles ist möglich als Erklärung. „Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.“(22, 33)  wird Petrus sagen. Es ist ein großes Wort, das einer so sagt: Wohin auch immer. „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde.“ (Psalm 73,25) Wie leicht sagen sich solche großen Worte.

               Jesus aber mahnt zur Nüchternheit. Eben noch hat es sich gezeigt: Der Menschensohn wird nicht überall gastlich aufgenommen. (9,53) Mehr noch: Er hat in dieser Welt keine Bleibe. Und wer sich auf ihn einlässt, wer ihm nachgeht, der teilt diese Heimatlosigkeit in der Welt. Das ist die Erfahrung der Christenheit: Sie sind weltfremde Leute, heraus gelöst aus dem sozialen Zusammenhang, schlechter dran wie die Füchse und Vögel, die doch ihre Bleibe haben. Zur Gemeinde zu gehören bedeutet, sich auf ein unstetes Leben einzulassen, auf Vertreibung, auf Fremde, auf Diaspora. Παρεπίδημοι, Fremde nennt der 1. Petrusbrief (1,1) die Christen. Die Zugehörigkeit zu Jesus entfremdet und versetzt in die Fremde.

               Das stellt Jesus dem vor Augen, der ihm folgen will. Das stellt Lukas denen vor Augen, die zur Gemeinde dazu kommen wollen. Es ist der Preis, den die Nähe, die Zugehörigkeit zu Jesus mit sich bringt: Fremd zu werden in der Welt, teilzuhaben an der Heimatlosigkeit auf Erden, weil die wahre Heimat erst im Himmel ist. Viel anti-enthusiastischer geht es nicht: Überschlage die Kosten. Folge nicht einem Impuls, sondern prüfe dich, ob das wirklich dein Weg ist.

                Ob man sich selbst in die Nachfolge berufen kann – auch das taucht hier als Frage mit auf. Die Jünger sind einem Ruf an sie gefolgt. Hier trägt einer seine Nachfolge an. Ob das wirklich tragfähig ist, dass einer ungerufen dazu kommt? „Es ist nicht am Menschen, dem großen König seine Mithilfe anzubieten“ (F. Bovon, Das Lukas-Evangelium EKK III/2, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S. 39) So sagt schon der Kirchenvater Cyrill. Das ist bis heute ja ein wichtiger Schritt bei Eintritten in einen Orden eine Kommunität: zu prüfen, ob es eine Augenblicksbewegung ist oder eine wirkliche Berufung. Man kann und darf sich nicht selbst berufen. Jeder im geistlichen Amt weiß das: Zur vocatio interna muss die vocatio externa kommen, zur inneren erufung auch der Ruf von außen. Hier heißt es: Das gilt auch für den Schritt zum Glauben.

 59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 60 Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

               Woran es liegt, weiß ich nicht. Aber ich habe nie wahrgenommen, dass Jesus einen in die Nachfolge gerufen hätte und der ist diesem Ruf nicht gefolgt. Das aber geschieht hier. Die Bindung an die Pflicht zuhause, an die Pflicht der Totenehrung ist so stark, dass sie den Ruf in die Nachfolge ins Leere gehen lässt.  „Diese Pflicht entbindet vom Studium der Tora und von allen Pflichtgeboten, die die Tora auferlegt.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.205) Es ist also ein frommer, pflichtbewusster Mensch, der hier ins Blickfeld kommt.

            Die Toten, νεκρόι, ist hier doppeldeutig. Einmal sind wirklich Tote gemeint, die begraben werden müssen. Aber die sie begraben sollen, sind ja nicht wirklich tot. Da ist also im übertragenen Sinn gesprochen. „Das Jesus-Logion spielt mit dem Wort, indem es die für Jesu Ruf Verschlossenen auf die gleiche Stufe mit den Gestorbenen stellt.“ (R. Bultmann in: G. Kittel, Theol. Wöteruch zum NT, Bd IV, Stuttgart 1942, S. 898) Es ist eine Redeweise, die „im Judentum und später im Christentum für die Sünder und die Heiden gebraucht werden kann.“ (F. Bovon, aaO.  S. 36) Auf die Spitze getrieben im Gleichnis Jesu: Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden.“(15,24)

Es ist wohl so – wir empfinden diese Formulierungen hart. Vielleicht sogar arrogant und überheblich. Jesus knüpft an den Sprachgebrauch seiner Zeit an. Das aber muss nicht heißen, dass Christen heute dieses Sprachmuster übernehmen dürften. Wir müssen unsere Sprache finden, die deutlich ist, auch Unglauben durchaus Unglauben nennt, aber darin nicht überheblich wird. Nicht aburteilt. Nicht festlegt.

               Man darf nichts schönreden: diese Forderung Jesu auf Begräbnis-Verzicht an den, den er ruft, „erscheint allgemein menschlichem Urteil als Pietätlosigkeit.“ (W. Grundmann, ebda.) Sie geht in ihrer Wirkung weit über die erzählte Situation hinaus. Auch hier wieder ist die Szene durchsichtig auf die Situation in der christlichen Gemeinde. Der Schritt zum Glauben verlangt auch eine Lösung aus der familiären Bindung. Später wird Lukas ein Wort Jesu überliefern: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein.(14,25) Die Lösung aus der Familie, die Relativierung der Primärbindung eines Menschen ist ein Aspekt der Nachfolge, des Lebens im Glauben.

         Die Versuchung ist groß, diese Forderung  rasch zu relativieren unter der Überschrift: Das gilt doch nur für radikale Nachfolge-Gruppen, das sind nur „evangelische Räte“ für christliche Extremisten. Nur: Wenn Lukas das in dieser Schärfe erzählt, will er durchaus keinen christlichen Extremismus schildern. Er zeigt die normale Konsequenz und nennt den Preis, den der normale Christ damals zu zahlen hat. Die Zugehörigkeit zu Jesus relativiert die Familienbindung.

                Die Schärfe dieses Wortes wird auch durch den Schluss nicht besser. Jesus bietet hier auch nicht den Ausweg an, dass einer sesshaft ist, aber immerhin doch das Reich Gottes verkündigen kann, an seinem Ort. Du aber gehe hin – geh deinen Weg, er wird dich aus der Familie, aus diesen Pflichten führen. Darunter ist nicht ernsthaft vom Reich Gottes zu reden.

61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. 62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

               Schon die Worte zeigen etwas von der Zwiespältigkeit des Wollens: Herr, ich will dir nachfolgen; aber…. Man muss kein Psychologe sein: Das aber ist stärker als das ich will. Die  gute Absicht hat keine Chance gegen die Beharrungskräfte.

               Und noch einmal geht es um die Familie, um den Abschied, um sich Lösen von Vater, Mutter, Herkunft und Geborgenheit. Es gehört zur großen Nüchternheit des Evangeliums, dass es die Macht  dieser Bindungen eines Menschen ernst nimmt. Es ist nicht so leicht, sich aus dem Weg einer Familie, aus dem Zusammenhang einer Familie zu lösen. Wir singen die Tanzlieder unserer Jugend wohl ein Leben lang, auch wenn wir stolz glauben, wir hätten inzwischen unsere eigene Melodie. „Es ist diese innerliche Unfähigkeit zur Trennung, der die Bitte des dritten Gesprächspartners entspricht.“ (F. Bovon, aaO.; S. 37) 

             Bemerkenswert: Der Prophet Elia ist, mit der gleichen Bitte konfrontiert, großzügiger als Jesus: „Elia ging von dort weg und fand Elisa, den Sohn Schafats, als er pflügte mit zwölf Jochen vor sich her, und er war selbst bei dem zwölften. Und Elia ging zu ihm und warf seinen Mantel über ihn. Und er verließ die Rinder und lief Elia nach und sprach: Lass mich meinen Vater und meine Mutter küssen, dann will ich dir nachfolgen. Er sprach zu ihm: Wohlan, kehre um! Bedenke, was ich dir getan habe!“(1. Könige 19, 19-20)  

               Die zögernden Anwärter des Glaubens hören diese so absoluten Worte Jesu wohl als harte Worte. Aber dahinter steckt ja mehr: Wer den Weg seines Leben finden will, der muss sich lösen können von seiner Vergangenheit. Der muss die eingefahrenen Wege verlassen können, heraustreten lernen aus dem Netz seiner sozialen Sicherheiten und Geborgenheiten.

           Dass Menschen nach dem Eintritt in einen Orden, eine Kommunität einen neuen Namen erhalten, das ist auf diesem Hintergrund gesehen, nicht eine exotische Praxis. Es ist ein Schritt, der diese Lösung benennt, „be-namt“, wenn man so will. Der neue Name sagt: Diese Gemeinschaft hat Vorrang vor meiner Herkunft. Das ist nicht Undankbarkeit gegenüber denen, die zu meinem Werden, meiner Persönlichkeitsbildung beigetragen haben. Aber es ist das klare Signal: die neue Gemeinschaft innerhalb des Reiches Gottes ist das, was jetzt und für alle Zeit zählt.

               Das ist hart, wohl besonders im Blick auf die „frommen“ Familien. Da scheint doch alles gut, weil die Frömmigkeit ja schon mit der Muttermilch mitgeteilt wird, weil der Glaube schon immer ein Thema ist und eine Lebenswirklichkeit. Aber auch hier gilt; Der Weg des Reiches Gottes gelingt nicht im Bewahren der Tradition, im Hüten der Asche, sondern nur auf dem eigenen Weg nach vorne, im Gehen in eine unbekannte Zukunft, aus der das Reich auf uns zukommt. Weil ich zu Jesus gehören will, weil er mir konkurrenzlos wichtig ist, muss alles andere dahinter zurücktreten.

       Es ist eine Herausforderung, die nur individuell zu beantworten ist, nur in der eigenen Existenz: Ordne ich wirklich die elementaren Beziehungen meines Lebens allem nach, was der Glaube, der Weg hinter Jesus her von mir fordert? Oder gibt es nicht doch, wieder und wieder den Kompromiss? Das Pfarramt hat mir eine bürgerliche Existenz ermöglicht mit vielen Freiheiten. Manchmal bin ich sehr unsicher, ob diese Existenz der radikalen Forderung Jesu entsprochen hat. Zugleich denke ich: wir haben doch zu lernen, solche Worte in das eigene Leben hinein zu übersetzen und nicht einfach nur einer vermeintlichen Wörtlichkeit zu folgen.

Ein moderner Übersetzungsversuch in eine normale Sprache fällt mir ein, der nicht als Forderung, sondern als eine Einladung in die größere Freiheit formuliert ist.

„Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“            H. Hesse, Stufen 1943

       In der theologischen Theorie ist das klar – im Vollzug des Lebens ist es hart. Und doch: Es gibt in der Nachfolge keine Alternative – in dieser Härte wird tief verborgen die Liebe Jesu entdeckt. Sein Ruf ist wirklich der Ruf in die größere Freihei

 

Jesus, Vor mir liegen Wege, deren Aufgaben ich noch nicht kenne. Vor mir liegen Tage, von denen ich nicht weiß, wie viel sie mir abverlangen an Kraft und Geduld. Die Zukunft, in die hinein ich lebe, ist ungewiss, offen, voller Fragen, Möglichkeiten – auch des Scheiterns

Ich halte mich an das, was ich habe. Das kenne ich – das Haus, den Ort, die Menschen, die mir nahe stehen. Sogar die Trauer ist sicherer als der Aufbruch nach vorne.

Aber Du sagst: das Leben gibt es nur Schritt für Schritt, im Gehen in die Ungewissheit, ins Freie, Unbekannte.

Wenn das wahr ist – Willst Du uns gar nichts nehmen mit Deinen Worten? Willst Du uns nur herauslösen aus der unmerklichen Gefangenschaft in unsere Sicherheit? Du willst uns lösen aus dem, was uns bindet, wo wir es noch gar nicht spüren, dass wir erlöst werden müssen, um gelöst unseren Weg gehen zu können.

Hilf mir, hinter der Härte Deiner Worte Deine Liebe zu sehen und Dir zu glauben. Amen