Das Bekenntnis

Lukas 9, 18 – 27

 18 Und es begab sich, als Jesus allein war und betete und nur seine Jünger bei ihm waren, da fragte er sie und sprach: Wer, sagen die Leute, dass ich sei? 19 Sie antworteten und sprachen: Sie sagen, du seist Johannes der Täufer; einige aber, du seist Elia; andere aber, es sei einer der alten Propheten auferstanden.

             Szenenwechsel. „Die hier folgende Erzählung entbehrt bei Lukas jeder Orts- und Zeitangabe. Sie bildet keinen Anschluss an das Vorige.“ (F .Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.235) Ganz anders Matthäus und Markus. Sie kennen den Ort des Geschehens. Hängt sie deshalb bei Lukas im luftleeren Raum? Oder ist sie ort- und zeitlos, weil sie etwas erzählt, was stetige Herausforderung an alle Christen ist, über die Zeiten hinweg, für sich selbst zu klären: Wer, sage ich, dass Jesus sei?

          Das ist ein bisschen kompliziert: Ist Jesus nun allein oder sind seine Jünger bei ihm? Betet er oder klärt er mit den Jüngern? Fast sieht es aus, als wären zwei Szenen in einander geschoben. Aber schließlich ist die Zielrichtung klar: Es geht um die Frage, was die Leute über Jesus sagen. Warum  will er das wissen? Ist es von Bedeutung für ihn? Er ist doch vom Urteil der Leute nicht abhängig. Das hat sich oft genug gezeigt. Oder ist es eine Frage, die nur vorbereiten soll, was danach kommt? Die Jünger referieren Meinungen, die umlaufen. Wieder zeigt sich, dass die Vorstellung eines Wiederkehrers aus den Toten im Volk Rückhalt hat – ob es nun um  Johannes geht oder Elia oder sonst einen der Propheten.

               Daraus eine biblische Lehre vom Rad der Wiedergeburten ableiten zu wollen, halte ich für verfehlt. Es kann ja auch sein, dass die Genannten nur „Typen“ sind – du bist einer wie… würden die Leute dann sagen. Es wäre die Funktion Jesu gemeint und nicht irgendein „Sein“. Das zu überlegen, leuchtet mir jedenfalls viel mehr ein.

20 Er aber sprach zu ihnen: Wer, sagt ihr aber, dass ich sei? Da antwortete Petrus und sprach: Du bist der Christus Gottes!

               Aber dann folgt die Zuspitzung der Frage: Wer, sagt ihr aber, dass ich sei? Das ist  die Frage, die nicht nur Jesus seinen Jüngern stellt, sondern die der Evangelist Lukas seinen Leserinnen und Lesern stellt. Er sucht bei ihnen Antwort auf diese Frage, nicht nur eine Antwort mit den Worten, sondern – das zeigt sich sofort im Anschluss – eine Antwort mit dem Leben.

              Du bist der Christus Gottes! Für den ganzen Jüngerkreis, für das Volk der Christenheit bringt es Petrus als der Sprecher auf den Punkt. Das ist Bekenntnis, nicht nur eine Meinung über Jesus. Daran liegt dem Evangelisten: Er „will bezeugen, dass die Jünger ihren Herrn noch in Galiläa, also längst vor seiner Passion, durch den Mund des Petrus anerkannt und christologisch korrekt bekannt haben.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 479) Die Schlussfolgerung daraus: Jesus wird als der Christus nicht anders erkannt als in seiner irdischen Wirklichkeit. Wer ihn nur als Himmelswesen sucht, wird ihn nicht finden. Mit Luther: Nur in der Krippe und den Windeln ist das ewige Gotteswort zu finden. Nur auf dem Weg, irgendwo in Galiläa. Später: Nur im so menschlichen Wort der Zeugen! Und damit gilt: „Das Bekenntnis der Kirche ist in der vorösterlichen Zeit verwurzelt.“ (F. Bovon, ebda.)

            Aus der Botschaft der Engel an die Hirten „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr…“ (2, 11) wird das Bekenntnis eines Menschen. Die Botschaft der Engel ist jetzt auf der Erde angekommen. Petrus sagt damit einen Satz, mit dem er sein Leben an Jesus bindet. Das ist zugleich der Satz, der Christen von der jüdischen Mutterreligion trennen wird. Das ist der Satz, für den Christen ihr Leben lassen werden. Das ist der Satz, der inhaltlich auch im Prozess Jesu wieder in der Mitte stehen wird.

            Und heute? Ist heute Christus bekennen, Antwort geben auf die Frage, wer Jesus für mich ist, einfach nur den Satz des Petrus wiederholen? In den letzten Jahren merke ich, dass mir diese „Bekenntnis-Sätze“ wegrutschen. Nicht, weil ich sie für falsch halte. Nur: Dieser Satz sagt nicht mehr, was Jesus mir ist, was mir das Herz erfüllt. Da muss ich andere Sätze sagen: Er ist meine Zuflucht. Er ist meine Klagemauer. Er ist der, auf den ich hoffe, wenn in mir die Angst wächst und manchmal überhandnimmt. Er ist mir Halt, wenn ich die Haltung verliere und nichts mehr mich hält. Das ist nicht mehr die Frage nach der göttlichen Wirklichkeit, sondern nach der menschlichen Nähe. Aber vielleicht ist ja gerade das göttlich an Jesus, dass er so menschlich nahe ist.

Viel schöner als ich es sagen kann, finde ich es gesagt, von dem katholischen Priester, der so unglaublich komprimiert und klar Dinge auf den Punkt bringen kann:

„Was Jesus für mich ist?                                                                                                          Einer der für mich ist.                                                                                                                Was ich vom Jesus halte?                                                                                                       Dass er mich hält.“               L. Zenetti, Auf seiner Spur, Mainz 200, S.126

Verabschiede ich mich also von der Dogmatik, von der Lehre, und damit vom Glauben? Ich denke nicht. Aber ich  lerne für mich, dass ich die Glaubenslehre anders bewerte, dass sie als festgelegter und festlegender Glaubensinhalt an Gewicht verliert, weil mir immer mehr an dem anderen liegt. An der Suchbewegung des Menschen, an meiner Suchbewegung. An den Haftpunkten die ich dabei erfahre. Das wird nicht zuletzt deshalb immer wichtiger, weil die Probe auf die Tragfähigkeit des Glaubens sich im Leben, genauer noch im Leiden erweist. Was immer ich von Jesus sage, von ihm glaube – es muss sich angesichts des Leidens, des Schmerzes, der im Leben liegt, bewähren und bewahrheiten. Dass es das tut, darauf hoffe ich. Von dieser Lebensprobe wird Jesus sofort reden.

 21 Er aber gebot ihnen, dass sie das niemandem sagen sollten, 22 und sprach: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern  und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tag auferstehen.

               Kein Lob, kein Tadel kommt hier aus dem Mund Jesu. Keine Wertung, keine Abwehr. Nur: Jetzt ist es noch nicht so weit, das in der Öffentlichkeit zu sagen. Liegt es daran, dass es die Leute in den falschen Hals kriegen würden oder dass es die Jünger aus einer falschen „Siegermentalität“ heraus sagen könnten? Beides ist ja in den Geschichten häufiger angedeutet, dass die Leute aus Jesus eine Art Heils-Zauberer machen könnten, einen „Brotkönig“ (Johannes 6,15)  und dass die Jünger sich auf dem Triumphzug nach Jerusalem wähnen könnten und nur noch um die besten Plätze streiten. (9,46)

               Gibt es demnach auch im Leben von Christenmenschen eine Zeit, in denen sie zu diesem Bekenntnis noch nicht reif sind, in denen die Zeit für dieses Bekenntnis noch nicht reif ist? Das gibt es ja, dass im Überschwang der  geistlichen Erfahrungen, der großen und kleinen Wunder im Leben vergessen wird, dass der Christus einen Weg nach unten geht und nicht den Triumphweg, schwebend über der Erde und jenseits der Leiden sucht.

               So ist die Antwort Jesu auf dieses große Bekenntnis auch nicht ein Dankeschön, sondern die Ankündigung des Leidens. „Erst durch sein Leiden hindurch wird Jesus als Messias offenbar.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.189) Unmissverständlich. So dass auch dieses große Bekenntnis des Petrus nicht Schlusspunkt ist, sondern Durchgangsstelle, ein Wort auf dem Weg.

            Der Weg nach Jerusalem aber ist ein Weg ins Leiden, kein Siegesmarsch herkömmlicher Art. Es ist ein Weg, der unter einem muss steht, dem göttlichen Muss. Δε . „Gott hat nämlich einen Plan. Zwischen dem göttlichen Fatum und der menschlichen Freiheit verläuft der Weg des lebendigen Gottes, der das Leiden des Menschensohnes vorhersieht und integriert.“ (F. Bovon, aaO.; S. 480) Wer es fassen kann, der fasse es.

           Die das Sagen haben, die in den Augen der Welt religiös urteilsfähig sind, die werden zu andere Urteilen kommen wie ihr, die werden das Bekenntnis hier für eine Gotteslästerung erklären. Verwerfen. ποδοκιμζω. Für unbrauchbar erklären. Das wird das Urteil der höchsten jüdischen Instanz, des Synhedriums sein, repräsentiert in den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten. Am Ende wird der Tod stehen – gewaltsam, erschreckend. So erschreckend, dass die Jünger wohl schon gar nicht mehr hören, dass Jesus auch sagt und am dritten Tag auferstehen. Diese Ankündigung reicht nicht mehr bis in die erschrockenen Herzen.

 23 Da sprach er zu ihnen allen: Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach. 24 Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten. 25 Denn welchen Nutzen hätte der Mensch, wenn er die ganze Welt gewönne und verlöre sich selbst oder nähme Schaden an sich selbst?

               Jetzt kommt, was sachlich wohl unausweichlich ist. Es sind Worte Jesu an alle. Über die Zeiten hinweg. Bekenntnis beansprucht das Leben. Oder anders gesagt: Bekenntnis ist die Lebenspraxis. „Unsere Taten reden lauter als die Worte, die wir sagen.“ Wie einer lebt sagt, was er glaubt, wem er vertraut. Wer also Jesus als den Christus glaubt, wer sein Leben an ihn binden will, der wird hinter ihm her gehen müssen. Für den werden seine Fußspuren die Spur, der es zu folgen gilt.

            Täglich. καθ μραν. Auf hessisch würde man sagen: alls und alls. „Lukas denkt nicht in erster Linie an das Martyrium, sondern versteht das Wort als völlige Hingabe an Gott und Preisgabe des eigenen Selbst, die täglich neu und unter vielen Bedrängnissen erfolgen muss.“ (W. Grundmann, aaO.; S.190) Wer sich nur ein wenig selbst kennt, weiß, von  welchen inneren Kämpfen hier die Rede ist. Loslassen, sich selbst loslassen ist unglaublich schwer.

              Nachfolgenκολουθεν. Hinterher gehen. Ein Allerweltswort, das Gewicht gewinnt. In die Fußstapfen Jesu treten. Seiner Spur folgen. Das ist die Spur der selbstvergessenen Liebe. Das ist die Spur der unbegrenzten und grundlosen Vergebung. Das ist die Spur des Vergebens und der Liebe, die sich zu denen wendet, die nicht liebenswürdig sind, die aber die Liebe für liebenswert erklärt. Das ist die Spur der Suche nach denen, die sich verrannt haben und den Weg zurück nicht mehr selbst finden können. Das ist die Spur dessen, der das Leiden auf sich nimmt, um so die Freiheit zu erwerben für die unter der Furcht des Todes. In der Hingabe an ihn und seine Spur finden wir das Leben. So sagt es Jesus seinen Jüngern, sagt es Lukas seinen Lesern, so glaube ich es heute.

26 Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich der Menschensohn auch schämen, wenn er kommen wird in seiner Herrlichkeit und der des Vaters und der heiligen Engel.

                Wer so an Christus glaubt, wer ihm sein Leben anvertraut, es auf ihn hin loslässt, der wird nicht anders können als weitersagen von ihm. Dieses Wort klingt hart, weil es so bedingungslos Bedingungen zu nennen scheint. Ich weiß, dass es Unheil im Leben von Menschen angerichtet hat, weil sie es als Pflichtprogramm gehört haben, dem sie nie und nimmer genügen können.

           Aber dieses Wort nennt nicht die Bedingung, die ich zu erfüllen habe, damit ich vor Gott gut dastehe. Es benennt die Konsequenz, die sich aus der Hingabe an Jesus ergibt. Es gibt dann kein Zurückziehen mehr. So hat es wohl auch Paulus gemeint: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.“(Römer 1,16) Wer vom Evangelium, von Jesus  berührt ist, der kann nicht mehr anders als bezeugen: In ihm ist das Leben, mein Leben.

27 Ich sage euch aber wahrlich: Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht schmecken, bis sie das Reich Gottes sehen.

               Das wird gerne einmal als Beleg für die Naherwartung Jesu hergenommen und dann kommentiert: Hier irrt Jesus.  Was aber, wenn es hier gar nicht um Naherwartung geht? Was, wenn hier das Kreuz gemeint ist? „Möglicherweise muss δεν τν βασιλεαν… (das Reich Gottes sehen) auf die Geschichte Jesu, besonders auf Verklärung, Tod und Auferstehung bezogen werden.“ (W. Grundmann, aaO.; S.191)Dann liegt der Satz doch auf der Linie dessen, was Jesus vorher sagt: Es geht nach Jerusalem, dem Leiden und Sterben und Auferstehen entgegen.  Das ist doch das Reich Gottes in der Gegenwart unserer Zeit, dass der Weg Gottes mit seinem Christus an sein Ziel kommt, an dem die Versöhnung Gottes mit der Welt, die Versöhnung der Welt mit Gott  bewirkt wird.

 

Du rufst: Folge mir nach! Du rufst damals, heute, alle, uns, mich.

Wir hören Dein Rufen in Sorgen hinein, in Planungen hinein, in Verpflichtungen, in die Aufgaben des Tages.

Wie sollten wir das alles lassen können ohne dass es zur Flucht wird, zum Zurückweichen von Verantwortung, Weg in eine schöne Paradieswelt.

Ist Dein Ruf Befehl zur Entsagung, Pflicht zum Verzicht, Zumutung innerlicher und äußerlicher Verarmung?

Du rufst und schenkst Dich selbst. Du sagst: Komme zu mir. Gehe mit mir. Empfange in mir Leben. Gottesgegenwart. Zukunft. Empfange mich und mit mir alles, was Du suchst. Amen