Vervielfältigte Gegenwart

Lukas 9, 1 – 9

1 Er rief aber die Zwölf zusammen und gab ihnen Gewalt und Macht über alle bösen Geister und dass sie Krankheiten heilen konnten 2 und sandte sie aus, zu predigen das Reich Gottes und die Kranken zu heilen.

               Jesus ist kein Solitär. Er ist keiner, der für sich behält, der sich selbst allein ins Licht rücken will. Er gibt den Jüngern, hier den Zwölfen, Anteil an dem, was er selbst hat, von Gott hat: Gewalt und Macht über alle bösen Geister und dass sie Krankheiten heilen konnten. „Die Vollmacht gibt ihnen Überlegenheit über die Dämonen und die Kraft setzt sie zu Heilungen instand.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.184) Jesus sieht seine Vollmacht nicht exklusiv, als seinen „Privatbesitz; sie dient nicht der eigenen Erhöhung, sondern sie ist um der Menschen willen von Gott gegeben. Er sammelt die Jünger um sich, um sie auszurüsten und zu senden.

               Er ruft sie zusammen – aus der Vereinzelung heraus, zu einem Miteinander. Aber auch: „Er versammelt sie um sich.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 456)  Das ist ein grundlegender Zusammenhang aller Weitergabe des Glaubens: Erst kommt die Sammlung um Jesus, die Sammlung in der Gemeinschaft, dann die Sendung, erst empfangen, dann weitergeben. Damit die Gebundenen frei werden, damit die Geschlagenen aufgerichtet werden, damit die Kranken auf die Füße kommen – dafür sammelt Jesus seine Leute, rüstet sie aus und sendet sie. Wenn man so will: Er multipliziert sich, er vergrößert die Reichweite, denn – so simpel es klingt, es ist wahr: Er, der Irdische, wahrer Mensch, kann ja nicht überall sein.

            Zu dem, was sie tun können und sollen, kommt, was sie ansagen sollen – es geht darum dass sie das Reich Gottes predigen. Wie Botschafter, Herolde sollen sie das Reich Gottes ausrufen. Und indem sie es ausrufen, kommt es als Wirklichkeit in die Welt hinein. Alles, was über das wirkende Wort Jesu zu sagen ist, wird hier weiter gegeben in dem Wort seiner Jünger. Sie sind – predigend – an der Aufrichtung des Reiches beteiligt.

            Über die historische Erinnerung an eine Sendung der Jünger in die Dörfer und Städte Galiläas (?) hinaus wird hier auch die Mission der ersten christlichen Gemeinden in Blick genommen. Auch sie lebt davon, dass die Christen und Christinnen (=Jüngerinnen und Jünger) empfangen, was sie weitergeben. Es ist der Grundrhythmus des christlichen Zeugnisses, der hier abgebildet wird – aus dem Hören, dem Empfangen von Jesus kommt das Handeln und Weitersagen.

 3 Und er sprach zu ihnen: Ihr sollt nichts mit auf den Weg nehmen, weder Stab noch Tasche noch Brot noch Geld; es soll auch einer nicht zwei Hemden haben. 4 Und wenn ihr in ein Haus geht, dann bleibt dort, bis ihr weiterzieht.

             Schutzlosigkeit. Der Weg der Jünger ist ein Weg ohne äußere Sicherheiten. Es ist ein Weg mit leeren Händen, der angewiesen macht. Kein Brot, kein Geld, kein schweres Gepäck –  alles, was sonst Sicherheit ausmacht, entfällt. Wenn die Botschaft des Reiches Gottes heißt, dass man sich der Fürsorge des Vaters im Himmel anvertrauen darf, dann ist die äußere Armut der Boten ein Signal, eine Unterstreichung der Worte, die sie sagen. Die Jünger sind auf Gastfreundschaft angewiesen, auf freundliche Aufnahme. Sie, die von der Herberge des Lebens in Gott sagen, haben keine eigene Herberge. Sie sind auf die Versorgung Gottes durch die Freundlichkeit der Menschen angewiesen.

            Vielleicht ist dieses „angewiesen“ die größte Herausforderung für uns heute. Wir sind nicht so gerne angewiesen, sondern lieber abgesichert. Autonom, was das Materielle angeht. Mit dem Gehalt eines Pfarrers im Rücken, der Rente auf dem Konto, lässt es sich leichter, sorgloser über Vertrauen reden. Aber dieses Reden wird nicht mehr durch die eigene Existenz in der Weise unterstrichen, dass wir leere Hände haben, die sich bittend ausstrecken müssen. Natürlich bleiben wir angewiesen auf das Wort, auf den Geist, auf den Einfluss Gottes – aber im Materiellen sind wir weit weg von der Wirklichkeit dieser Jünger Jesu.

            Es macht einen Unterschied, ob mir jemand von Gottes Fürsorge erzählt, der seinen Konto-Auszug ohne jede Aufregung daheim liegen hat oder ob es jemand ist, der keinen Konto-Auszug hat, der mir sein Vertrauen in der Form seines Lebens vor Augen hält. Vielleicht leidet die Weitergabe des Evangeliums heute auch darunter, dass wir als Kirche eine abgesicherte Institution und Großorganisation sind, und Pfarrer so als Funktionäre ohne Risiko erscheinen.

5 Und wenn sie euch nicht aufnehmen, dann geht fort aus dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen zu einem Zeugnis gegen sie.

             Wer mit leeren Händen kommt, empfängt oder geht eben mit leeren Händen weiter. Dieses Weitergehen sagt etwas von verweigerter Gastfreundschaft, verweigerter Solidarität, verweigertem Vertrauen. Wer die Jünger nicht aufnimmt, nimmt den nicht auf, der sie gesandt hat. Es ist kein rachsüchtiges Verhalten, auch nicht ein nonverbaler Fluch  „Die Geste ist im alten Orient bekannt. Sie drückt keine Wut und kein Rachegefühl aus, sondern symbolisiert das Abrechen der menschlichen Verbindung.“ (F. Bovon, aaO.; S. 459)Für diesen Abbruch aber tragen sie die Verantwortung, die die Aufnahme verweigert haben.

 6 Und sie gingen hinaus und zogen von Dorf zu Dorf, predigten das Evangelium und machten gesund an allen Orten.

             So gehen sie los und tun auf ihren Weg von Dorf zu Dorf, was Jesus ihnen aufgetragen hat. Es ist fast erschreckend, wie nüchtern, unpathetisch, dieser Satz da steht. Eine winzige Verschiebung gibt es gegenüber dem Auftrag. Sie predigten das Evangelium heißt es hier statt zu predigen das Reich Gottes. (9,2) Ist das Zufall? Will Lukas nur im Ausdruck variieren? Oder sind Reich Gottes und Evangelium synonym? Mir scheint, dass hier schon die Praxis der christlichen Mission hinein spielt, in der das Evangelium von Jesus Christus verkündigt wird, sein Leben, Sterben und Auferstehen, sein Vergeben und Heilen, sein Zurechtbringen und Versöhnen mit Gott.

7 Es kam aber vor Herodes, den Landesfürsten, alles, was geschah; und er wurde unruhig, weil von einigen gesagt wurde: Johannes ist von den Toten auferstanden; 8 von einigen aber: Elia ist erschienen; von andern aber: Einer von den alten Propheten ist auferstanden.

             Herodes hört, was sich tut. „Der Ruf Jesu dringt auch zu ihm.“ (W. Grundmann, aaO.; S.185) Der Erzähl-Zusammenhang legt nahe: Er hört von dem „multiplizierten“ Jesus. Das alles ist bestürzend. Hatte er sich doch gerade erst den unbequemen Mahner Johannes von Hals geschafft – jetzt steht ein Neuer auf dem Plan. Und diesmal nicht einer, der als charismatische Einzelperson wirkt und der als ein Einzelner auch gut zu „entsorgen“ wäre.  Dass Jesus seine Jünger aussendet, lässt Herodes unruhig werden – eine Bewegung ist schwerer zu stoppen als ein Einzelner. Sein Unruhig werden ist kaum dem schlechten Gewissen über den Mord an Johannes dem Täufer geschuldet, sondern eher der Frage, was denn zu tun sei, um dieser neuen Bewegung Herr zu werden.

            Was mir auffällt, ist das Weltverständnis, das sich hier zeigt. Es gibt ein Rechnen mit Wiedergängern. Darum Johannes, Elia, oder einer der alten Propheten. Der Tod ist nicht das Ende und nicht totsicher. Das Totenreich ist nicht hermetisch abgeschlossen. Es gibt Zugänge aus dem Reich der Toten in das Leben, in die Wirklichkeit hier. So denken zumindest „die Leute.“ Bis heute ist das attraktiv, scheint es doch auf so etwas wie Wiedergeburten in weiterem Leben hinzuweisen.

9 Und Herodes sprach: Johannes, den habe ich enthauptet; wer ist aber dieser, über den ich solches höre? Und er begehrte ihn zu sehen.

            Herodes erscheint dem gegenüber aber geradezu vernünftig skeptisch. Er weiß, dass Johannes tot ist, er hat ihn ja selbst töten lassen – und kann sich seine Wiederkehr offensichtlich deshalb nicht vorstellen. Das klingt zynisch: `Wen ich habe enthaupten lassen, der ist endgültig und für immer weg.’ Umso dringlicher wird aber dadurch die Frage: Wer ist dann dieser? Was steckt hinter ihm? Wer steht hinter ihm? Aus welcher Wirklichkeit heraus handelt er?

            Herodes will sich ein Bild machen von Jesus. Er traut sich zu, seinen Augen, Ohren, seinem Verstand, seinen Sinnen, dass sie erfassen und begreifen können, wer mit Jesus auf dem Plan ist. Es ist nicht das Fragen des Glaubens, das Herodes antreibt, sondern das Wissen-Wollen der autonomen Vernunft, der politischen Rationalität.

 

Jesus, Du gibst Deinen Jüngern Anteil an Deiner Macht, Deinem Weg, Deinem Leben, an Dir selbst.

Du traust uns zu, dass wir aufrichten, zurecht bringen, trösten, vergeben, versöhnen, heilen, dass wir mit unserer kleinen Kraft Dein Reich voran bringen.

Dafür willst Du unsere leeren Hände, offenen Herzen, unser Vertrauen, dass Du genug hast und genug bist für uns. Stärke Du dieses Vertrauen in mir. Amen