Im Heidenland ein Lichtblick

Lukas 8, 26 – 39

26 Und sie fuhren weiter in die Gegend der Gerasener, die Galiläa gegenüberliegt. 27 Und als er ans Land trat, begegnete ihm ein Mann aus der Stadt, der hatte böse Geister; er trug seit langer Zeit keine Kleider mehr und blieb in keinem Hause, sondern in den Grabhöhlen.

               Auf der anderen Seite, gegenüber von Galiläa landet Jesus mit seinen Leuten. Im Heidenland, in der Gegend der Gerasener. Kaum ist er da, „gleich bei der Landung(F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 430) kommt es zur Begegnung mit einem, der hatte böse Geister. Genauer müsste man wohl sagen: Den hatten böse Geister in ihrer Gewalt. Er ist einer, der seiner Menschlichkeit regelrecht beraubt ist.

          Das zeigt sich in seinem Verhalten: Regelmäßig in aller Öffentlichkeit nackt – das ist nicht normal. Und sein Aufenthaltsort ist nicht bei den Lebenden, im Haus, im Ort, sondern auf dem „Friedhof“, in den Grabhöhlen. Die sind in Israel durchaus wie Wohnungen, aber für die Toten, nicht für die Lebenden. Und einer, der sich lebend bei den Toten bettet, der ist außerhalb jeder Gemeinschaft. Heutzutage wären sich alle einig: Er spinnt. Er hat einen Sprung in der Schüssel. Er hat nicht alle Tassen im Schrank.

28 Als er aber Jesus sah, schrie er auf und fiel vor ihm nieder und rief laut: Was willst du von mir, Jesus, du Sohn Gottes des Allerhöchsten? Ich bitte dich: Quäle mich nicht!  Denn er hatte dem unreinen Geist geboten, aus dem Menschen auszufahren. 29 Denn der hatte ihn lange Zeit geplagt; und er wurde mit Ketten und Fesseln gebunden und gefangen gehalten, doch er zerriss seine Fesseln und wurde von dem bösen Geist in die Wüste getrieben.

               Hier geht es ein bisschen durcheinander im Text. Der Aufschrei des Dämon wird zuerst berichtet, aber nach der Erzählung ist er Reaktion auf ein Machtwort Jesu. Das aber berichtet Lukas nicht. Offensichtlich ist er überzeugt, dass seine Leser schon wissen, dass Jesu Wort Macht hat – und es liegt ihm daran, dass es auch der Dämon „bezeugt“, wenn auch wider Willen und voller Angst. Der Aufschrei des Dämon zeigt, dass die Machtverhältnisse von Anfang an klar sind. Er weiß, dass er keine Chance hat, steht er doch dem Sohn Gottes des Allerhöchsten gegenüber. Der Allerhöchste ist, jüdisch betrachtet, eine ausgesprochen ungewöhnliche Gottesbezeichnung, die jedoch im heidnischen Land viele Parallelen hat. Vom höchsten Gott an der Spitze der Götterhierarchie wissen die Heiden häufig zu reden.

            Das Machtwort Jesu wird nachträglich begründet. Es geht um die Befreiung eines geplagten Menschen, um Freiheit für einen Gefangenen (4,18). Es geht um die Beendigung einer unwürdigen Existenz durch das Vertreiben der lebenszerstörenden Mächte. Weil sie nicht wussten, wie mit ihm fertig werden, haben Menschen ihn gefesselt, gebunden und so zu der inneren Gefangenschaft noch die äußere dazu gefügt. Mag sein, die Begründung ist: Um ihn vor sich selbst zu schützen, um ihn vor schlimmem Unglück zu bewahren, das er anrichten könnte. So ist es ja über Jahrhunderte hin gesagt worden, wenn Menschen, die unheimlich waren und unhandlich, angekettet worden sind. Es geht um den Schutz der Allgemeinheit und um den Eigenschutz. Hehre Motive, allesamt.

             Wie oft ist das so, dass aus der Verlegenheit, aus der Unwissenheit, aus der Hilflosigkeit heraus die Krankheit eines Menschen noch verschärft wird. Wie oft geschieht das, dass zur inneren Bindung noch die äußeren Bande dazu kommen. Einer kämpft darum, auf eine neue Spur zu kommen und die Umwelt hält ihn fest im alten Elend. Einer sucht einen neuen Weg, aber die ihn kennen, wollen ihn nicht auf neuen Wegen gehen lassen. Sie meinen noch, ihm zu helfen, indem sie sagen: Wir wissen doch, wie du bist.

30 Und Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Legion. Denn es waren viele bösen Geister in ihn gefahren. 31 Und sie baten ihn, dass er ihnen nicht gebiete, in den Abgrund zu fahren. 32 Es war aber dort auf dem Berg eine große Herde Säue auf der Weide. Und sie baten ihn, dass er ihnen erlaube, in die Säue zu fahren. Und er erlaubte es ihnen. 33 Da fuhren die bösen Geister von dem Menschen aus und fuhren in die Säue; und die Herde stürmte den Abhang hinunter in den See und ersoff.

               Zu der Begegnung mit dem kranken Menschen kommt jetzt die Begegnung anderer Art. Gesprächspartner Jesu ist jetzt nicht mehr der Kranke, sondern der Dämon. Oder doch nur der Sprecher der Dämonen. Es ist kein Gespräch auf Augenhöhe. „Jesu Überlegenheit zeigt sich auch darin, dass der Dämon ihm seinen eigenen Namen preisgeben muss.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 112) Wenn Jesus seinen Namen weiß, dann gewinnt er Macht über den Dämon, selbst wenn er Legion ist.

Im Namen Legion wird deutlich: Es sind viele Dämonen. Nicht nur einer. Wir reden heute, wenn ein Leben aus der  Bahn geraten, ist gerne davon, dass es nicht nur eine Ursache gibt, dass monokausale Erklärungsversuche zu kurz greifen. Es ist oftmals ein Bündel an Ursachen: Vernachlässigung, ein ungewolltes und ungeliebtes Kind, missbraucht und misshandelt, überfordert und gleichgültig übersehen. Innerlich abgelehnt und äußerlich stigmatisiert. Und dann wir jemand so, wie es alle immer schon gewusst haben: du taugst nichts. Aus dir wird nie etwas. So jemand landet dann vor dem Tod schon in den Gräbern und wird von tausend bösen Geistern gejagt.

          Dieser „Übermacht“ sieht sich Jesus gegenüber Und doch ist von Anfang an klar, wer das Sagen hat. Es geht hier nicht um Sieg oder Niederlage – es geht nur um geordnete Kapitulation. Die Dämonen, die so mächtig über einen Menschen verfügen, werden hier zu bettelnden Bittstellern, die sich – Ironie der Geschichte – ihr eigenes Grab wählen. Und er, Jesus, der Sohn des Allerhöchsten, er erlaubt es ihnen. So geschieht es dann auch.

            Manchmal erzählt man Geschichten gegen die eigene Angst. So will es mir hier scheinen. Die Geschichte von den ersoffenen Dämonen ist eine Geschichte gegen die eigene Angst. Über so ein Ende kann ich doch nur lachen, auch wenn mir sonst manchmal das Lachen im Hals stecken bleiben will.

            Es ist eine Linie, die sich auch sonst in biblischen Texten findet. Dem Bösen, dem Teufel, den Dämonen nicht zu viel Ehre zu geben. Gerade für Menschen, die sich der Willkür oft genug hilflos ausgeliefert vorkommen, ist es wichtig, tröstlich zu hören, dass Gott nicht in einem noch unentschiedenen Kampf mit den Dämonen und dem Bösen steht. Das Ende ist klar – eine schlichte Polizeiaktion reicht, um den Bösen gefangen zu legen: „Und ich sah einen Engel vom Himmel herabfahren, der hatte den Schlüssel zum Abgrund und eine große Kette in seiner Hand. Und er ergriff den Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel und der Satan, und fesselte ihn für tausend Jahre und warf ihn in den Abgrund und verschloss ihn.“ (Offenbarung 20, 1 – 3) Hier ist er wieder, der Abgrund, αβυσσος, in den die Schweine fahren.

            Ich frage mich, ob Jesus diesem Menschen deshalb helfen kann, weil er ihm ohne Angst entgegen tritt. Weil er sich nicht blenden lässt von dem schrillen Auftritt, von den Wunden, der Nacktheit, dem Geschrei. Weil er hinter diesen entstellten und verzerrten Fassade immer noch oder schon den Menschen sieht, als den Gott sich diesen Mann gedacht hat.

Ich frage mich, ob Jesus diesem Menschen deshalb helfen kann, weil er ihm ohne Angst entgegen tritt. Weil er sich nicht blenden lässt von dem schrillen Auftritt, von den Wunden, der Nacktheit, dem Geschrei. Weil er hinter diesen entstellten und verzerrten Fassade immer noch oder schon den Menschen sieht, als den Gott sich diesen Mann gedacht hat.

34 Als aber die Hirten sahen, was da geschah, flohen sie und verkündeten es in der Stadt und in den Dörfern. 35 Da gingen die Leute hinaus, um zu sehen, was geschehen war, und kamen zu Jesus und fanden den Menschen, von dem die bösen Geister ausgefahren waren, sitzend zu den Füßen Jesu, bekleidet und vernünftig, und sie erschraken .36 Und die es gesehen hatten, verkündeten ihnen, wie der Besessene gesund geworden war.

               Was vor Augen ist, muss Furcht auslösen. Der Verlust einer ganzen Schweineherde – wie ist das zu verstehen? Was haben die Hirten in der Stadt zu erzählen gehabt? War es mehr als hilfloses Gestammel, das Neugier und Irritation auslöst? Seit dieser Schweinekatastrophe ist der „Besessene“ nicht mehr der Alte. Er läuft nicht mehr nackt, reißt sich nicht mehr die Kleider vom Leib, er ist vernünftig geworden. Er ist wie unsereiner, halt normal.

            „Es gibt ein Sehen von Heilstatsachen, das noch nicht als der von Jesus erhoffte Glauben zu verstehen ist.“ (F. Bovon, aaO.;  S. 439 Das ist zum Erschrecken: Menschen haben ein Wunder vor Augen, sehen eine Befreiung aus langer Gefangenschaft und sie verstehen – nichts. Sie verstehen nicht, weil sie festgelegt waren auf das alte Bild von diesem Menschen, das nun nicht mehr greift, weil alle Urteile über ihn nicht mehr treffen. Wie gehen wir jetzt mit ihm um? Wie oft geschieht das so – einer kommt heraus aus seiner Gefangenschaft und die anderen merken jetzt erst, wie sie sich an ihn in seiner Gefangenschaft gewöhnt hatten. Jetzt ist Umlernen, Umdenken angesagt. Harte Arbeit, wenn es um lebenslange Vor-Urteile geht. Arbeit, die die seelischen Kräfte herausfordert.

37 Und die ganze Menge aus dem umliegenden Land der Gerasener bat ihn, von ihnen fortzugehen; denn es hatte sie große Furcht ergriffen.

             Die Reaktion in der Gegend ist eindeutig: Sie verweigern diese Arbeit, die vor ihnen liegt. Sie antworten anders, mit Rückzug ins Vertraute und Ausweisung an den Fremden. Mit dir, Jesus, wollen wir lieber nichts zu tun haben. Warum? Darüber kann man nur spekulieren. Ist es der wirtschaftliche Verlust? Ist es das Durcheinander in den gewohnten Beurteilungen von Menschen? Ist es die gleiche Betroffenheit, die auch einen Simon sagen ließ „Gehe von mir, ich bin ein sündiger Mensch.“ (5,9)

             So viel jedenfalls ist klar: Die Befreiungen und Wunder Jesu lösen nicht unbedingt der Ruf aus: Mehr davon! Sie sind nicht zuletzt auch tief irritierend. Und sie lösen Furcht aus, weil die Welt nicht mehr nach dem eigenen Muster zu erklären ist. Wenn das nicht das Schicksal ist, in das man sich zu ergeben hat, dass es Verrückte, Gebundene, Zerstörte gibt – wie soll man dann die Welt begreifen?

Und er stieg ins Boot und kehrte zurück. 38 Aber der Mann, von dem die bösen Geister ausgefahren waren, bat ihn, dass er bei ihm bleiben dürfe. Aber Jesus schickte ihn fort und sprach: 39 Geh wieder heim und sage, wie große Dinge Gott an dir getan hat. Und er ging hin und verkündigte überall in der Stadt, wie große Dinge Jesus an ihm getan hatte.

             Jesus behauptet den Platz im Gerasenerland nicht. Er kehrt zurück, nach Galiläa. Aber er lässt einen zurück, den Geheilten, der nun in seine Stadt zurückkehrt. „Seine Rückkehr nach Hause ist nun ein Symbol der Heilung.“ (F. Bovon, aaO.M, S. 440) Als Zeuge Gottes, als Zeuge Jesu, gefragt und ungefragt sagt er fortan: Das ist ein Wunder Gottes, das Jesus an mir getan hat. Ich bin geheilt, erlöst, befreit, neu auf den Weg ins Leben gestellt, gelöst aus meinen Banden, heraus geholt aus der Enge des Gefängnisses, in dem ich ein Spielball böser Mächte war. Jesus braucht solche Leute, die an ihrem Ort sagen, was sie von ihm erfahren haben.

            Es ist mit geringsten Mitteln ein deutlicher Hinweis darauf, wie Lukas Jesus sieht. Sage, wie große Dinge Gott an dir getan hat ist der Auftrag Jesu an den Geheilten. Und er führt ihn aus, indem er überall verkündet, wie große Dinge Jesus an ihm getan hatte. Wo Jesus handelt, da handelt Gott. Gott handelt durch ihn. So sieht es Lukas und so will er es uns auch sehen und glauben lassen. Und so wie diesen Geheilten will er auch uns als Zeugen Jesu, dort, wo wir leben.

 

Jesus, Herr, Heiland, am Ufer des Sees löst Du einen Menschen aus seinen Bindungen, seinen Besessenheiten, seiner Verwirrung.

Im Heidenland leuchtet das Licht der Freiheit auf, findet einer neu in die Spur, wird vernünftig, zum Zeugen Deiner Güte.

Wo keiner damit rechnen konnte führst Du in die Freiheit, löst die Fesseln, schenkst  in die Verwirrung klare Sicht, klare Gedanken, klare Worte.

Löse Du auch unter uns die gebunden sind, durch uns, durch ihr Schicksal, durch eigene Schuld.

Herr, erbarme Dich. Amen