Den Schlafenden wecken

Lukas 8, 22 – 25

22 Und es begab sich an einem der Tage, dass er in ein Boot stieg mit seinen Jüngern; und er sprach zu ihnen: Lasst uns über den See fahren. Und sie stießen vom Land ab. 23 Und als sie fuhren, schlief er ein. Und es kam ein Windwirbel über den See und die Wellen überfielen sie, und sie waren in großer Gefahr.

               Es klingt irgendwie vage: An einem der Tage. Wahrscheinlich will Lukas signalisieren. Das war öfters so – aber an einem der Tage war es anders. Dabei fängt es an, wie es wohl auch häufiger war. Jesus macht einen „Vorschlag“ – eine Fahrt über den See.  Lukas ist in seiner Wortwahl sorgfältig: λμνη – Binnensee statt θάλασσα – offenes Meer. So viel immerhin weiß der Autor über das Land, in dem sein Erzählen spielt.

           Warum diese Fahrt? Und wohin? Das ist kein Thema. Es hängt ein bisschen in der Luft. Aber es ist nichts Besonderes los. So beginnt die Fahrt und Jesus schläft ein. Es ist nicht so schrecklich aufregend, an einem normalen Tag über den See Genezareth zu fahren. Und wer aus der Gegend kommt, sieht auch nicht fasziniert das eine Ufer verschwinden und das andere auftauchen.

            Aber dann. Ein Windwirbel, hoher Seegang und das Boot in Not. Die Kommentare wissen es genau: Auf dem See Genezareth kann es zu solchen Wirbelstürmen kommen, durch Fallwinde von den Bergen her. Und sie sind gefährlich, zumal für die nicht allzu großen Boote auf dem See.  

            Es mag eine historische Erinnerung an eine Seefahrt geben, aber in der Erzählung schwingt auch anderes mit. Die Seefahrt ist ein Bild für die Lebensreise. Auch da gibt es den Aufbruch, losfahren, sich von Ufern lösen ohne schon zu wissen, wo die Reise hingehen wird. Auch da gibt es Zeiten, die ganz normal sind, zum Einschlafen. Es ist nicht einmal besonders schlimm, dass Gott in solcher Zeit nicht so präsent zu sein scheint, dass er „schläft“. Zumindest das Alte Testament kennt dieses Bild vom schlafenden Gott. „Steh auf, HERR, in deinem Zorn, erhebe dich wider den Grimm meiner Feinde! Wache auf, mir zu helfen, der du Gericht verordnet hast.“ (Psalm 7, 7) – „Wach auf, wach auf, zieh Macht an, du Arm des HERRN! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt!“ (Jesaja 51, 9) Aber es gibt auch den plötzlichen Fallwind. Mitten in der ruhigen Fahrt stellt sich Gefahr ein.

24 Da traten sie zu ihm und weckten ihn auf und sprachen: Meister, Meister, wir kommen um! Da stand er auf und bedrohte den Wind und die Wogen des Wassers, und sie legten sich und es entstand eine Stille. 25 Er sprach aber zu ihnen: Wo ist euer Glaube? Sie aber fürchteten sich und verwunderten sich und sprachen zueinander: Wer ist dieser? Auch dem Wind und dem Wasser gebietet er und sie sind ihm gehorsam.

               Weil es nicht so harmlos zugeht auf der Reise, wecken die Jünger Jesus. Die Dringlichkeit ihres Rufens zeigt sich in der Doppelung: Meister, Meister. πισττα πισττα.Vorsteher, Chef“ könnte man auch übersetzen. Sie warnen ihn. Sie stellen ihm die Situation vor Augen. Es ist nicht der Weckruf an den schlafenden Gott, wie ihn das Alte Testament kennt. Hier ist keine ausdrückliche Bitte um Hilfe.

            Dezent, fast verborgen meldet sich die Kritik an den Jüngern zu Wort:  Wo ist euer Glaube? Ich lese: „Die zweifelnden Jünger sehen nur das Sichtbare und stehen zuerst blind vor der unsichtbaren Autorität Christi. Vom gläubigen Leser wird erwartet, dass er sich der Macht des Herrn trotz seiner Abwesenheit bewusst wird. Der Zweifel sieht und schwankt, während der Glaube fest steht, auch wenn er nicht sieht.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 425) Ich lese und stimme zu und weiß zugleich: So weit her ist es mit dem feststehenden Glauben bei mir nicht. Viel weiter als bis zu einem schwankenden, zweifelnden Glauben bin ich jedenfalls bis heute nicht gekommen.

            Wieder ist es wohl erlaubt und im Sinn des Lukas, über die erzählte Geschichte hinaus zu denken. In den Nöten des Lebens sollen und dürfen wir Jesus „wecken“. Wir dürfen erzählen, sagen, was los ist. Wir dürfen die Situation, die uns bedroht, vor ihm benennen. So lehrt es Lukas seine Leserinnen und uns. Das ist Evangelium – für mich.

         Und er, Jesus, lässt sich rufen. Er lässt sich – auch ohne ausdrückliche Bitte – „in die Pflicht“ nehmen. Wo keine Hilfe zu erwarten ist, da hilft er. Wo die Not so groß ist, dass ihr niemand gebieten kann, da kann er sie doch zum Schweigen bringen und ihre Macht brechen. Was für ein Bild: da steht einer im Boot und spricht in die brüllende See – und sie hört ihn und gehorcht ihm. Und es wird still.

         Merkwürdige Erfahrung, vielfach bezeugt: Plötzlich war es ganz still. In mir. Um mich herum. Plötzlich war das Lärmen vorbei. Es ist nicht zu begreifen, aber mitten in dem Trubel breitet sich ein tiefer Frieden aus. So erzählen Menschen, die es erlebt haben, wie in eine Not hinein der Trost Gottes gekommen ist, ein Wort, ein Gedanke, eine Stimme, die die Enge der Angst gesprengt hat.

            Ein „Naturwunder“ sei das – so haben Kommentare früherer Zeiten gerne geschrieben. Mit solchen Naturwundern können wir nicht so viel anfangen. Wir glauben(!) eher an die Naturgesetze und was hier erzählt wird, steht dann doch in Spannung zu dem, was wir „naturwissenschaftlich“ so zu wissen glauben. Die geistige Ratlosigkeit wird nicht dadurch kleiner, dass jemand theologisch korrekt sagt: Aber der Schöpfer des Himmels und der Erde setzt doch die Regeln und er kann sie auch durchbrechen. Natürlich – nur was klärt diese Erklärung?

            Mir scheint es wieder  sinnvoll, auf der Lebenserfahrungsebene weiter zu denken. Da ist der Schrei um die Hilfe Gottes, um sein Eingreifen gegen die erdrückende Angst und plötzlich zeigt sich ein Weg. Da wird mitten in der Hoffnungslosigkeit etwas neu, anders und es geht weiter, obwohl alle nur noch „Ende“ gesehen haben. `Damit konnte wirklich keiner rechnen.’ heißt es dann. Aber der Herr im Himmel hat gehört.

„In wie viel Not                                                                                                                             hat nicht der gnädige Gott                                                                                                          über dir Flügel gebreitet.“                            J. Neander 1680, EG 317

            So sagt der Glaube. Und nach dem Glauben fragt Jesus hier und durch die Frage Jesu auch der Autor Lukas. Das ist das Anliegen dieser Geschichte – nicht Historie aus dem Jahr irgendwann, aus den vagen Tagen, sondern Hoffnung im bedrängten Hier und Jetzt. Wir dürfen diesen Herrn wecken, der scheinbar unbeteiligt im Boot unseres Lebens schläft. Wir dürfen ihn zur Hilfe rufen, auch ohne dass wir es ausdrücklich tun. Es reicht, ihm zu sagen, wie es um uns steht. Und er wird handeln.

            Muss man das ausdrücklich sagen: Das ist eine Herausforderung an den Glauben. Das ist nicht so zur Hand wie das Wissen: 2 x 2 =4.  Dieses Rufen nach dem scheinbar abwesenden Gott ist nicht selbstverständlich und ist nicht schon damit gegeben, dass einer sich mit dem Weg Jesu auskennt, dass einer seit Jahren seine Nähe sucht.

            Es ist auffallend genug, dass die Erzählung des Lukas in eine Frage mündet: Wer ist dieser? Auch dem Wind und dem Wasser gebietet er und sie sind ihm gehorsam. Es könnte doch – sinnvoll – auch anders aufhören: Mit dem Lobpreis, mit der Anbetung, mit dem Satz des Bekenntnisses: Du sprichst in der Macht des Schöpfers. Aber nein, es endet mit der Frage. Warum?

            Lukas weiß, dass das Wissen über Jesus, auch über die wundersame Geburt, auch das Kennen seiner Gleichnisse und das Miterleben seiner Wunder nie weiter kommt als zu dieser Frage: Wer ist dieser? Es scheint seine Überzeugung zu sein: Gerade der Weg mit Jesus führt zwangsläufig in diese Frage. Sie stellt sich dem, der mit Jesus unterwegs ist. Die anderen, die im Abstand zu ihm, fragen so nicht. Hinter der Frage steht das Staunen, steht auch die Erfahrung, dass unser Denken immer zu kurz greift, dass wir nie genug verstehen. Und alle unsere christologischen Formeln sind nichts als Gestammel, das nur diese Frage „schön redet“.

            Indem einer so fragt, geschieht aber ein Schritt des Glaubens: Ich gebe meine eigenen Vorstellungen preis. Ich verzichte auf meine eigenen Antworten. Ich höre auf, Jesus in das System meiner Gedanken zu sperren. Ich bin angewiesen auf das, was er sagt und tut, jetzt, heute, in die Not meines Lebens hinein. Ich bin angewiesen auf das, was er mir jetzt von sich zeigt – wie er sich zeigt, angesichts von Wind und Wellen meines Lebens.

            Das ist das Ziel dieser Geschichte. Durch sie will Lukas uns ermutigen, mit dem schlafenden Jesus in unserem Leben zu rechnen und ihn zu rufen. Das ist genug Glauben, der ihn ruft, sich nach ihm ausstreckt. Das musste den Leserinnen und Lesern des Lukas reichen – und es reicht uns, mir, auch.

 

Jesus, wenn es ruhig ist um uns, in uns, dann kommen wir schon zurecht. Wir meistern das Leben.

Aber wenn die Wellen über uns zusammenschlagen, die Lichter ausgehen, der Boden unter den Füßen wankt, die letzte Hoffnung schwindet, dann brauchen wir Dich.

Dann rufen wir nach Dir, wecken Dich aus dem Schlaf  und brauchen Deine Hilfe. Stehe Du dann auf im Boot unseres Lebens und gebiete den Wellen. Stille unsere Angst.

Du bist uns nahe, auch wenn wir das gar nicht immer spüren und wissen. Es ist gut, Dich im Boot zu haben, selbst wenn Du schläfst. Amen