Öffne Augen, Ohren, Hände und Herzen

Lukas 8, 16 – 21

 16 Niemand aber zündet ein Licht an und bedeckt es mit einem Gefäß oder setzt es unter eine Bank; sondern er setzt es auf einen Leuchter, damit, wer hineingeht, das Licht sehe.

               Ich sehe keinen unmittelbaren Zusammenhang dieses Gleichnis-Wortes zu dem vorangegangen. Es wirkt angehängt und eröffnet einen neuen Gedanken. Allenfalls könnte ich darin eine Brücke sehen: was in einem rechtschaffenen Herzen bewahrt wird, wird nicht ohne Folgen in den Lebensäußerungen bleiben. Es geht dann von der Annahme des Wortes weiter zur Ausstrahlung, die es im Leben gewinnt.

      „Dass niemand eine brennende Lampe verstecken will, ist selbstverständlich.“  (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 415) Erneut schlichte Lebenserfahrung. Wer Licht braucht, verdeckt es nicht – außer bei schlechten Absichten. Aber das Normale ist, dass Lichter leuchten sollen. Das gilt sogar im Zeitalter der indirekten Beleuchtung noch immer.

               So klar die Bildhälfte ist, so weit ist das Feld der Übertragungen. Vom Handeln Gottes kann die Rede sein – er wählt sich seine Leute aus, damit sie ausstrahlen und nicht in der Anonymität versinken. Er hat Jesus erwählt, „ein Licht zu erleuchten die Heiden“ (2,32)  Gott will nicht, dass sein Heil verborgen ist, geheimnisvolle und geheime Botschaft für ein paar Auserwählte, esoterisches Geheimwissen eines Ordens. „Öffentlichkeit“ ist das Stichwort und es passt zu dem Gott, der sich zu erkennen gibt, sich offenbart.

               Es kann aber auch auf die Gemeinde gemünzt sein, die den Auftrag hat, Stadt auf dem Berg zu sein und Licht in der Welt – so sagt es Matthäus (5,14) wo dieses Wort ja auch überliefert ist. In der Aufnahme dieses Wortes liegt der Gedanken nahe:  „Das Licht hilft nicht nur, die Wirklichkeit zu sehen, es ist vielmehr als solches die zu betrachtende Wirklichkeit.“ (F. Bovon, aaO.; S. 416) Dann ist dieses Wort so zu hören, dass die Gemeinde nicht in sich selbst verschlossen sein darf, dass sie ihre Türen weit aufmachen muss, dass sie durchsichtig sein muss auch für die Skeptiker draußen.

            Das klingt in unseren Ohren nicht so gewaltig, aber in den Ohren der LeserInnen des Lukas, die um die Skepsis der Zeitgenossen gegenüber der Gemeinde Jesu aus eigener Erfahrung wissen, ist die Zumutung dieses Wortes mit  zu hören. Die sich heimlich treffen aus Angst vor den Juden, aus Angst vor den Stellen des römischen Staates, aus Furcht vor gesellschaftlichen Repressalien, die hören solche Worte anders als wir.

17 Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werden soll, auch nichts geheim, was nicht bekannt werden und an den Tag kommen soll.

            Die dritte Möglichkeit: Es kann ja gar nicht verborgen bleiben, was ihr empfangen habt. Das Evangelium ist von der Art, dass es ausstrahlt. Es ist von der Art, dass es ins Handeln drängt. Es ist von der Art, dass es sich in eurem Reden und Tun zeigen wird. Wer verliebt ist, muss das nicht sagen – man sieht es ihm an. Wer geliebt wird, muss das nicht sagen – man sieht es ihm an. Ist das nicht auch mit dem Evangelium so: auf wen das helle Licht des Evangeliums fällt, der kann nicht anders als es ausstrahlen. So beschreibt und benennt Jesus mit diesem Wort eine innere Dynamik, eine innere Notwendigkeit des Evangeliums.

            „Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte….Und wenn er herauskam und zu den Israeliten redete, was ihm geboten war, sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte.“ („. Mose 34, 29.34.35) Das ist die Botschaft des Alten Testamentes. Wird es nicht bei den Jüngern Jesu auch so sein, dass sie ausstrahlen, dass der Widerschein seines Glanzes auf ihnen liegt?

            Paulus jedenfalls scheint genauso zu denken: „Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er der Herr ist, wir aber eure Knechte um Jesu willen. Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervor leuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“ (2. Korinther 4, 5 -6) Es kann nicht verborgen bleiben, was das Wort in den Herzen wirkt. Dass einer das Evangelium gehört und zu Herzen genommen hat, das muss Wirkungen entfalten, nicht als ein zu erfüllendes Gesetz, sondern aus innerer Notwendigkeit.

            Die reine Innerlichkeit ist ein Schreckensbild theologischer Streitgespräche – aber sie ist nicht die Wirklichkeit des Glaubens. Die Wirklichkeit des Glaubens ist das Aufleuchten des Evangeliums im Leben von Menschen, die sich dem Wort geöffnet haben. Es mag sein, dass es nur „Sternenglanz in der Pfütze“(Randi Henriksen) ist, aber es ist Glanz!

            Noch einmal eine Brücke zurück: Was offenbar werden wird, das ist zuvor unter dem Stichwort Geheimnisse des Reiches Gottes (8,10) charakterisiert worden. Die Jünger sind Geheimnisträger, aber gerade nicht, um diese Geheimnisse unter Verschluss zu bewahren, sondern damit sie offenbar werden, vor der Zeit. „Nach jüdischer Anschauung gibt es viele und eschatologische Realitäten, die vor der Zeit der Erfüllung verborgen bleiben.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 416) Jesus aber sieht jetzt schon die Zeit, die Geheimnisse zu enthüllen. Das größte Geheimnis: das Ziel der Welt ist das Erbarmen Gottes. Das offenbart er in Person.

18 So seht nun darauf, wie ihr zuhört; denn wer da hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er meint zu haben.

             Das klingt nach Lebensweisheit. Es ist wohl die Weise des Lehrens Jesu, dass er sich reichlich an der Weisheit Israels und der Lebenserfahrung „bedient“. Er schöpft aus beiden – das macht auch seine Nähe zu den Menschen.

            Es gibt viele Arten des Hörens. Man kann so hören, dass man nur Informationen speichert. Man kann auch nur auf Gefühle hin hören. Man kann sich beim Hören zuwenden, man kann sich aber auch hörend verweigern. Es gibt ein Hören, das als Zuhören anfängt und als Weg-hören aufhört, weil nur noch die eigenen Gedanken zählen. Es gibt ein Hören, das das Hören immer besser lernt und es gibt dieses Hören, das am Ende nichts mehr hört. Das kennen wir aus unserer eigenen Lebenserfahrung auch. Ganz viele Geräusche nehmen wir nicht mehr wahr, nicht nur die Schwerhörigen, auch die Normalhörenden. `Was mich nichts angeht, höre ich nicht.’ Aber es gibt auch dieses Hören, das hört, ohne zu reagieren, ohne sich betreffen zu lassen, ohne das Herz berühren zu lassen. So viele Hilfeschreie sind vergeblich gerufen worden, weil sie keiner hören wollte und am Ende auch nicht mehr hören konnte. Das gilt auch und erst recht für die Bilder, die Hilfeschreie sind. Sie kommen nicht mehr in der Tiefe des Herzens an.

            „Nur wer das, was er hört, bewahrt und bewährt, empfängt wirklich Gottes Gabe.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 168) So seht nun darauf, wie ihr zuhört; ist eine Aufforderung zum Hören mit dem Herzen. Was das Herz erreicht, das kann die Persönlichkeit wandeln. Was das Herz nicht erreicht, sondern vorher abprallt, das wirkt nichts. „Man hört nur mit dem Herzen gut.“ könnte Jesus auch sagen. Höre so, dass Dein Hören zum Gehorchen hinführt. Öffne das Tor deines Herzens, damit die Worte tief in dir Fuß fassen können und dich wandeln. Jesus will seinen Leuten zu Herzen reden, damit sie im Herzen Gottes ihren Halt finden und aus der Tiefe eines getrösteten Herzens ihr Leben leben können – in Worten und Taten.

                       Auch das ist in diesem Zusammenhang wichtig: Wenn es beim bloßen Hören, dem akustischen Wahrnehmen bleibt und nicht zum Tun kommt, zum Gehorchen, dann geht irgendwann die Fähigkeit zu hören verloren. Dieser Zusammenhang Hören und Gehorchen ist in der Sicht Jesu fundamental. Er bestimmt darüber, ob wir die Worte Gottes behalten oder nicht. Wo sie nur ein Wortschatz sind, werden sie bald verblassen und verloren gehen.

         Es ist eine eindringliche Warnung, die in den Nachsatz anklingt: was er meint zu haben. Es gibt diese illusionäre Vorstellung vom Glauben als Besitz, als einer Art religiösem Eigenkapital. Als κτμα ις εί. Als ewigen Besitz. Das war für Griechen wie für heutige religiöse Menschen eine durchaus attraktive Vorstellung. Für Jesus und den Evangelisten Lukas ist es eine gefährliche Illusion. Später wird Jesus sagen: „Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.“(22,31-32) Selbstsicherheit und Selbstgewissheit hören sich anders an.

  

Jesus, öffne Du mir Herz, dass ich Dein Wort empfange, es bewege, bewahre, und dass es tief in mir Wurzeln schlägt.

Öffne Du mir das Herz, dass ich Deine Liebe spüre, so dass sie mich erwärmt, meine Enge weitet, meine Ängste überwindet, meine Sehnsucht im Brennen hält.

Hilf mir, ein  offenes, weites Herz  zu haben für die, die keinen Menschen haben, die sich fürchten vor dem Leben, die eine helfende Hand brauchen, die nach Dir suchen. Amen

            Szenenwechsel. Wechsel auch in der Form der Erzählung. Jetzt folgt kein weiteres Gleichnis, sondern wieder Geschehen.

19 Es kamen aber seine Mutter und seine Brüder zu ihm und konnten wegen der Menge nicht zu ihm gelangen.  

            Immer sind Menschen um Jesus herum, die etwas von ihm wollen, ihm etwas sagen, ihn berühren, seine Nähe suchen. Und immer gibt es welche, die so um ihn sind, dass andere nicht zu ihm kommen können, auch wenn sie vielleicht ein Recht darauf hätten. Seine Mutter und seine Brüder, die ihm doch nahe stehen, können nicht zu ihm gelangen. Wegen der Menge, wegen dem Gedränge um Jesus. Es geht ihnen wie es denen mit dem Gichtbrüchigen ging, die den Weg über das Dach suchen mussten. Nicht einmal eine verstohlene Berührung ist möglich, nicht einmal ein Blick aus der Menge heraus.

20 Da wurde ihm gesagt: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen. 21 Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind diese, die Gottes Wort hören und tun.

            Es findet sich einer, der es mitbekommen hat und Jesus informiert. Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen. Das klingt bitter: Sie sind draußen – wo es doch ein Drinnen gibt. Es gibt eine vielfache Erfahrung im Leben von Menschen, wo sie sich draußen gefunden haben, obwohl sie doch hätten drinnen sein wollen. Wer draußen ist, zählt nicht – er hat auch keinen Einfluss. Er wird nicht einmal durch sich selbst bemerkt. Das ist das Problem Marias und der Brüder Jesu, dass so viele um Jesus sind, dass sie kein Zugang zu ihm finden, nicht einmal Blickkontakt. Die normalerweise in seiner Nähe sein dürften, sind jetzt draußen.

            Ob sich da historische Erinnerung spiegelt? Es heißt auch einmal, dass seine Familie von ihm sagt: „Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn festhalten; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen.“ (Markus 3, 21) So ganz einfach war es also nicht zwischen Jesus und seiner Familie. Sein Weg bringt eine tiefe Entfremdung mit sich. Dieser Sohn ist anders als erwartet und erwünscht. Es hat Zeit gebraucht, bis aus dieser Distanz etwas anders geworden ist, bis es auch Zugänge für die Familie zu diesem Sohn gab. „Ihr Misstrauen gegenüber Jesus ist nach alter Überlieferung erst durch die Ostererscheinungen überwunden worden.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 109)

     Unter dem Kreuz, so erzählt es Johannes, beginnt diese Neuausrichtung. „Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich“(Johannes 19, 25-27)

            Hier aber sind sie draußen. Sie würden gerne Nähe erfahren, würden ihn gerne sehen. Sie sind in der gleichen Situation wie die Griechen, von denen Johannes erzählt: „Herr, wir wollten Jesus gerne sehen.“ (Johannes 12, 21) Aber sie können es nicht.

            Jetzt kommt es sehr darauf an, wie man liest. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind diese, die Gottes Wort hören und tun. Das ist die Antwort Jesu auf die gesuchte Nähe, auf den missglückten Blickkontakt. Es geht nicht um Nähe. Es geht auch nicht um biologische Nähe. Es gibt keine Vorrechte der Familie und kein Vorrecht der Blutsverwandtschaft. Es ist auch gar nicht wichtig, ob ich einen Platz im inner circle habe. Es ist nicht wichtig, ob ich mir mit meinen Augen ein Bild von Jesus machen kann.  „Die damals wie heute erträumte neue Familie erfährt ihren Anfang in der Beziehung zum Träger den Wortes Gottes.”(F. Bovon,  aaO.; S.419) Meine Mutter und meine Brüder. Genauso gewichtig ist dann dies, dass die Beziehung auch bewährt wird: Gottes Wort hören und tun.

                Das ist die Linie, auf der Lukas schon die ganze Zeit erzählt. Es geht um das Hören und Tun des Wortes, um Bewahren, Bewegen und das Herz öffnen und die Hände und Füße zur Verfügung stellen für Gottes Weg und Willen. Ausgerechnet der Evangelist, der das Kindheitsevangelium erzählt, macht deutlich: Biologie ist kein Thema im Reich Gottes. Daran hat Lukas kein Interesse. Er macht das nicht so polemisch deutlich, wie es bei Matthäus und Markus klingt, wo es ja die schroffe Frage Jesu gibt: Wer ist meine Mutter? Hier ist keine Polemik, aber deutliche Klarstellung.

               Dass hier die Polemik so völlig fehlt, mag dann doch auch damit zusammen hängen, was Lukas vorher notiert hat von Maria. Sie ist ihm ja das Vorbild, wenn es um das Hören des Wortes geht: “Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.” (2,19). Und er hat auch nicht vergessen, was er als Antwort Marias auf die Engelsbotschaft erzählt hat: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.(1,38) Wenn es das Hören und Tun des Wortes gibt, dann doch hier. Das ist die Nähe, die Jesus will und an der ihm liegt. Die äußerliche Nähe, die biologische Zusammengehörigkeit sind dem gegenüber völlig zweitrangig.

            Eine Erinnerung daran bewahren wir ja in unserer Liturgie auf, wenn es nach der Schriftlesung heißen kann: „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren.“ Es geht um ein Hören und Bewahren, das zum Bewahrheiten wird im Tun. Ich glaube, dass wir diese Erinnerung immer neu brauchen, damit wir uns nicht zufrieden geben mit den Nähen, die uns zu Gebote stehen: dem Eintrag in den Personalausweis, dem Platz auf der Kirchenbank, der Taufurkunde und der pünktlichen Entrichtung der möglicherweise auch noch gekappten Kirchensteuer. Für das Hören und Tun des Wortes und Willens Gottes gibt es keinen Ersatz.

 

Jesus, wir suchen Deine Nähe. Wir singen Deine Lieder. Wir wissen Worte von Dir – voller Weisheit. Wir hängen Bilder von Dir auf, Ikonen, und verehren sie, weil wir Dich verehren.

Du aber willst nicht unsere Verehrung. Du willst nicht Nähe, die sich in Dir sonnt. Du willst nicht, dass wir Dich zitieren wie eine Größe aus der Ahnengalerie des Geistes.

Du willst, dass wir Dein Wort hören und bewahren und tun, von Herzen, mit Schmerzen, in der Hingabe an Dich und die Menschen. Amen