Neutralität – untersagt

Lukas 12, 1 –  12

 1 Unterdessen kamen einige tausend Menschen zusammen, sodass sie sich untereinander traten. Da fing er an und sagte zuerst zu seinen Jüngern: Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer, das ist die Heuchelei.

               Merkwürdig: Obwohl Jesus so schroff reden kann, wie es die vorigen Abschnitte zeigen, kommen die Leute in großen Haufen zusammen. Einige tausend Menschen, die sich um ihn drängeln. Chaotische Szenen werden hier signalisiert: sodass sie sich untereinander traten. Jesus hat offensichtlich kein Interesse an einer wohl geordneten Bewegung. Wie es überhaupt seine Intention nicht zu sein scheint, eine Bewegung auszulösen.

            Seine Aufmerksamkeit ist anders ausgerichtet, das zeigt die Mahnung an die Jünger. Das ist ja weniger eine Warnung vor den Pharisäern als mehr der Hinweis: Achtet darauf, dass ihr nicht in die gleichen Verhaltensmuster verfallt. Ausdrücklich werden diese Worte zuerst, πρτον, vor allem anderen an die Jünger gerichtet. Es ist so leicht, in einen Zwiespalt zwischen Innen und Außen, zwischen Fassade und Inhalt zu geraten.  Das Achten auf das eigene Bild, das Image, ist nicht erst in der modernen Gesellschaft ein übergroßes Thema – es scheint mehr ein Menschheits-Thema zu sein. Darum besteht Ansteckungsgefahr – hier plastisch ausgedrückt durch das Wort Sauerteig.

            Es ist ein verhängnisvolles Abfall-Produkt dieser Worte. Sie haben zu einer Gleichsetzung von Pharisäer-Sein und Heuchelei geführt. Umgangssprachlich ist Pharisäer ein anderes Wort für Heuchler. Das hat manchem Antijudaismus und Antisemitismus Vorschub geleistet. Gemeint aber ist der Zwiespalt zwischen Worten und Taten, zwischen Fassade und Innerem, zwischen schönem Schein und fader Wirklichkeit. Das ist aber gewiss kein exklusives Problem der Pharisäer von damals.

            Hilfreich für ein besseres Verstehen ist auch, sich klarzumachen: Heuchelei,  ὑπόκρισις, ist kein moralsicher Defekt, auch nicht einfach nur Schauspielerei, Vorspiegeln falscher Tatsachen. „Im Evangelium hat der Begriff eine radikalere Bedeutung: es ist die Deformation des Urteilsvermögens, die schwerer wiegt als ein Fehler im Glaubensverständnis oder eine moralische Abirrung.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.249) Heuchelei führt zur Verwechselung des Wesentlichen mit dem Unwesentlichen. Zum Rückzug auf Glaubenssätze, die dem Leben nicht mehr gerecht werden. „Neutralität – untersagt“ weiterlesen

Der fremde Jesus

Lukas 11, 37 – 54

 37 Als er noch redete, bat ihn ein Pharisäer, mit ihm zu essen. Und er ging hinein und setzte sich zu Tisch. 38 Als das der Pharisäer sah, wunderte er sich, dass er sich nicht vor dem Essen gewaschen hatte.

               In diesen Sätzen ist noch nichts zu spüren von der folgenden Eskalation der Ereignisse. Da bittet ein Pharisäer Jesus freundlich zu sich nach Hause, an den Tisch, zum Tischgespräch. Er sucht das Gespräch mit dem „prominenten“ Gast. Die Worte, die Lukas gebraucht, signalisieren: er freut sich darauf. „Mit guter Absicht und glücklich empfängt der Pharisäer Jesus an seinem Tisch.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.225) Die Auseinandersetzungen der vorigen Abschnitte scheinen vergessen – es könnte schön werden.

         Nur eine winzig kleine Irritation verzeichnet Lukas bei dem Gastgeber: er wunderte sich, weil Jesus Reinheitsvorstellungen der Zeit schlicht ignoriert. Er verzichtet auf jede Waschung. Die ist zwar nicht im Gesetz geboten, wird aber „von der schriftgelehrten Überlieferung gefordert.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 154) Es ist, als habe Jesus nicht gelernt: „Vor dem Essen, nach dem Essen Händewaschen nicht vergessen.“

39 Der Herr aber sprach zu ihm: Ihr Pharisäer, ihr haltet die Becher und Schüsseln außen rein; aber euer Inneres ist voll Raubgier und Bosheit. 40 Ihr Narren, hat nicht der, der das Äußere geschaffen hat, auch das Innere geschaffen? 41 Gebt doch, was drinnen ist, als Almosen, siehe, dann ist euch alles rein.

                Jesus kann Gedanken lesen – das hat Lukas seine Leser hinlänglich gelehrt. So auch hier: Er weiß, was sich im Kopf seines Gastgebers abspielt. Aber weit entfernt davon, damit freundlich und vielleicht ein wenig ironisch umzugehen, startet Jesus einen Frontalangriff. Sein Gastgeber wird in Sippenhaftung für die ganze Bewegung der Pharisäer genommen. „Was zählt, ist nicht die Außenseite der Dinge, die selbst äußerlich sind (die Essgeräte) sondern die Innenseite des menschlichen Wesens (das menschliche Herz).“ (F. Bovon, aaO.; S. 226) Narren nennt er die Pharisäer und damit doch auch  seinen Gastgeber! „Der fremde Jesus“ weiterlesen

Das eine Zeichen

Lukas 11, 29 – 36

29 Die Menge aber drängte herzu.

                    Kein Ortswechsel, kein anderer Zeitpunkt. Es geht immer noch in der gleichen Szene weiter. Die Menge drängt sich um Jesus, von dem sie gerade gehört hat, wie eine Seligpreisung über ihm gesprochen wird. Will sie Anteil daran, an ihm haben? Ahnt sie doch, dass er mehr ist als nur ein Wundertäter? Ist dieses zu ihm hin Drängen nicht ein Zeichen dafür, dass sie nicht wie die Wortführer von eben denken, sondern dass sie ihn von  Gott gesegnet sehen?

Da fing er an und sagte: Dies Geschlecht ist ein böses Geschlecht; es fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden als nur das Zeichen des Jona. 30 Denn wie Jona ein Zeichen war für die Leute von Ninive, so wird es auch der Menschensohn sein für dieses Geschlecht.

          In diesem Gewühl und Gedränge beginnt Jesus zu reden. Und dann dies: Dies Geschlecht ist ein böses Geschlecht. Das ist der nasse Lappen ins Gesicht der Leute um ihn herum. „Lukas stellt in diesen Versen einen drohenden Christus dar, der denen, die ihm zuhören, einen Mangel an geistiger Klarheit vorwirft.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.194) Das ist Angriff, Attacke. Woher kommt das? Jesus ist jedenfalls kein Gefälligkeitsredner. Es ist manchmal vielmehr so, als sei er auf Konfrontation aus. Jesus knüpft mit seinen Worten an das an, was unmittelbar vorher verhandelt wurde: Die Forderung an ihn, sich durch Zeichen zu legitimieren. „Andere aber wunderten sich, versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.“(11,16) Ich denke: Jesus hört in ihrem Fordern die Stimme des Versuchers und darum reagiert er so hart: Wer von ihm Zeichen fordert, ruft ihn heraus aus dem Weg des unbedingten Gehorsams, will von ihm die Selbstinszenierung und nicht den Gehorsam des Sohnes.

               Ein einziges Zeichen wird die Zeit empfangen – aber nicht aus seinen Händen. Es ist das Zeichen, das Gott selbst aufrichten wird – das Zeichen des Jona. Das Zeichen vom Himmel her, das sie gefordert haben. Jetzt verkürzt Lukas gegenüber Matthäus so sehr, dass eigentlich nur ein Rätselwort übrig bleibt. Bei Matthäus wird das Jona-Zeichen erläutert: „Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.“ (Matthäus 12, 40) Weil dieser Zusatz hier bei Lukas fehlt, verhüllt dieses Wort Jesu mehr als es erklärt.

            Vielleicht hilft es weiter, sich zu erinnern: Als Simeon im Tempel das Jesuskind auf den Armen hat und seine Eltern segnet, da sagt er ihnen zu: „Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass viele in Israel fallen und viele aufstehen, und ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird.“(2,34) An diese Weissagung knüpft Lukas hier an und daraus folgt die  Auskunft des Evangelisten über Jesus, den Menschensohn: „Er wird selbst das Zeichen sein, das ihn auch vor den Ungläubigen ausweist, wenn er, der Menschensohn, zum Gericht erscheinen wird.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 151) Darum auch braucht es kein anderes Zeichen, auch jetzt nicht. „Das eine Zeichen“ weiterlesen

Über das Staunen hinaus

Lukas 11, 24 – 28

 24 Wenn der unreine Geist von einem Menschen ausgefahren ist, so durchstreift er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht; dann spricht er: Ich will wieder zurückkehren in mein Haus, aus dem ich fortgegangen bin. 25 Und wenn er kommt, so findet er’s gekehrt und geschmückt. 26 Dann geht er hin und nimmt sieben andre Geister mit sich, die böser sind als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie darin, und es wird mit diesem Menschen hernach ärger als zuvor.

            Einmal mehr spürt der Leser von heute, wie fern uns die Sicht auf die Welt ist, die Jesus und die erste Gemeinde aber mit ihrer Umwelt teilt. Das ist ihre gemeinsame Sicht: „Die Gefahr der Besessenheit von Dämonen, die Möglichkeit des Exorzismus, die Gefahr von umherstreunenden unreinen Geistern, der Vergleich eines menschlichen Wesens mit einem Haus, die gefürchtete Bedrohung durch ein Bündnis von Dämonen.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.179)

             Weit weg das alles und doch: erschreckend nah, wenn man sieht, wie sich Gedanken ausbreiten können, gefördert durch unkontrollierbare und unkontrollierte Netzwerke. Wie sich Ängste der Menschen bemächtigen können, weil sie irgendwelchen Verschwörungs-Theoretikern auf den Leim gehen. Die Dämonen unserer Zeit agieren offen, sie setzen sich in den Köpfen fest und vergrößern ihre Gefolgschaft durch Angstbotschaften kontinuierlich.

              Gedanken-Karussell. Das Wort kannte ich nicht. Aber es leuchtet mir sofort ein. Das gibt es und ich kenne mich nur zu gut damit aus, dass sich Gedanken einnisten, sich breit machen und sich wieder und wieder melden. In immer neuer Wiederholung und Variation. Ich werde sie einfach nicht los. Manchmal versuche ich, sie zu vertreiben, sie zu verdrängen, mich schlicht zu verweigern Aber die Gedanken sind zäh und setzen sich immer neu fest. Sie kehren zurück, schlimmer als zuvor.

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Wo stehe ich?

Lukas 11, 14 – 23

 14 Und er trieb einen bösen Geist aus, der war stumm. Und es geschah, als der Geist ausfuhr, da redete der Stumme. Und die Menge verwunderte sich.

               Es ist von einer geradezu lapidaren Kürze, wie Lukas hier erzählt. Fast so, als hätte er sich schon an Wunder gewöhnt. Aber was für ein Kontrast: Lukas führt von der Weite, die uns Jesus durch seine Einladung zum Gebet erschließt „in die irdische Wirklichkeit einer Welt, die im Bann des Bösen ist.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.169) Aber er erzählt sofort davon, wie diese Wirklichkeit durch Jesus aufgebrochen und verwandelt wird. Ein Stummer kann wieder reden. Was ihm den Mund verschlossen hatte, hat keine Macht mehr über ihn. Er findet Worte.

            Es ist in aller Kürze, wie eine erzählerische Veranschaulichung des Satzes unmittelbar zuvor: Der Vater gibt sein Gutes, seinen Geist. (11,13) Durch Jesu, der den bösen Geist austreibt. Durch ihn, der einem Menschen die Zunge löst. Der Heilige Geist zeigt sich wirksam in solcher Befreiung. Man könnte auch sagen: Jesus tut, was der Vater gibt. Und die es miterleben, staunen und geraten ins Wundern, ins Fragen.

15 Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzebul, ihren Obersten.

                Einige aber müssen nichts mehr fragen. Sie wissen. „Diese Leute erkennen zwar den Erfolg des Exorzismus an, klassieren ihn aber als Magie, auch wenn Jesus weder eine Formel gebraucht hat, noch sich bereichern will oder die Gottheit nach seinem Willen zu beeinflussen sucht.“ (F. Bovon, aaO.; S.170) Sie haben ihre Deutung für das, was sie sehen: Es ist die Macht des Bösen, des Widergöttlichen, der Bestreitung des Gottes Israels, die in Jesus, durch Jesus am Werk ist. Das ist ein frontaler Angriff auf Jesus: Du bist ein Werkzeug des Beelzebul, du verdankst deine Macht nicht der Güte Gottes, sondern du paktierst mit dem Teufel.

               Es ist merkwürdig: Der Güte Gottes, sich eines Menschen zu solchen Werken zu bedienen, trauen sie offensichtlich nicht wirklich viel zu. Das „Zutrauen“ zur Macht des Bösen scheint ausgeprägter zu sein. Und das Rechnen damit, dass der Böse sich verstellt, sich als vermeintlicher Wohltäter tarnt. Aber es ist wohl so: Wo das Vertrauen auf Gottes Güte klein wird, wird die Angst vor dem Bösen und seiner Macht groß und man sieht ihn schließlich überall am Werk.  „Wo stehe ich?“ weiterlesen

So ist Gott

Lukas 11, 5 – 13

 5 Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.

               Gute Geschichten können häufig etwas viel besser deutlich machen als noch so viele Erklärungen. Jesus lebt in einer Umwelt der Geschichtenerzähler und er ist auch selbst einer. Er lehrt seine Jünger, indem er erzählt. Da steckt ja auch großes Zutrauen mit drin: Sie werden verstehen. Sie werden hören. Sie sind nicht unempfänglich für die Botschaft einer Geschichte.

               Weil er sie zum Beten ermutigen will, erzählt er – von der Freundschaft. „Freundschaft hat ihre Regeln, Verpflichtungen, ungerechte Bevorzugungen.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.148) Der Erzähler Jesus zielt darauf ab, dass sie sagen werden: Ja, so ist es. Einem Freund kannst du ungelegen kommen. Einem Freund kannst du Ärger machen. Einem Freund kannst du auf die Nerven gehen. Und doch wird er am Ende des Tages zu dir stehen. So sind gute Freunde. Er sucht mit seiner Geschichte ihr Einverständnis.

            Die Situation ist so klar: Wenn ich selbst nichts mehr im Haus habe, es kommt Besuch und alle Läden sind dicht – wo gehe ich hin – zum Freund, zum freundlichen Nachbarn. Und er wird helfen – murrend vielleicht, knurrend, vermutlich gestört, weil es „nicht möglich ist, den Türbalken zurückzuziehen ohne Lärm zu machen“(F. Bovon, aaO, S.150), die Einraumhütte also zu öffnen, ohne dass alle im Haus wach werden – aber er wird helfen. „So ist Gott“ weiterlesen

Beten – wie Jesus

Lukas 11, 1 – 4

 1 Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.

               Jesus betet immer wieder, an allen möglichen Orten, in der Einsamkeit, auf dem Berg, vor einer Herausforderung. Sein Beten ist etwas, was seine Jünger wahrnehmen, wohl auch als ungewöhnlich wahrnehmen. Und zugleich spüren sie, dass dieses Beten die Quelle der Kraft Jesu ist. Aus dem Reden mit dem Vater schöpft er. Aus diesem Reden nährt sich seine Seele. In diesem Reden empfängt er die Freiheit für sein Tun.

            Der betende Jesus ist aber zugleich nicht irgendwie exotisch. Um die Jünger herum wird viel gebetet – die Pharisäer und Schriftgelehrten beten, Menschen beten im Tempel und der Synagoge. In der hebräischen Bibel gibt es den Psalter – das Gebetbuch Jesu und aller Juden in seiner Zeit. Vielleicht kann man sagen: Jude sein heißt beten – sich dem Schöpfer des Himmels und der Erde, dem Gott der Väter zuwenden, ihn mit ganzem Ernst suchen. Und doch: „Beten war damals nicht selbstverständlich: die jüdischen Schriften enthalten wenige diesbezügliche Anweisungen.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.124)  Ich wage den Widerspruch: vielleicht gibt es gerade deshalb keine Anweisungen, weil es eine geradezu selbstverständliche Praxis gab, über die man nicht reden musste, die in einer ungebrochenen Traditionskette gelehrt wurde. Ohne große theologische Reflexion.

            Und doch muss etwas am Beten Jesu so sein, dass es einen der Jünger sagen lässt: Herr, lehre uns beten. Er  lehnt sich mit dieser Bitte an die Praxis des Johannes an. Der hatte seine Jünger offenkundig beten gelehrt. Das heißt wohl nicht: Er hat sie ein paar Gebete gelehrt. Sondern er hat sie in eine bestimme Gebetspraxis eingeführt, sie vielleicht sogar Methoden gelehrt, wie man zur Ruhe findet, wie man stille wird, wie man sich auf Gott hin ausrichtet – wenn man das überhaupt kann: Sich ausrichten auf Gott. So höre ich dann auch die Bitte der Jünger: Sie fragen, so denke ich, nach einer „Methode“ des Gebetes, nach einer Haltung des Betens, nach einer Übung vielleicht auch. „Beten – wie Jesus“ weiterlesen

Erfüllte Zeit

Lukas 10, 38 – 42

 38 Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf.

Der Weg nach Jerusalem, der Weg mit seinen Jüngern – und Jüngerinnen – hin zur Passion geht weiter. Diesmal findet Jesus in einem Dorf Aufnahme. Marta nimmt ihn auf. Offensichtlich hat sie so viel Verfügungsgewalt, dass sie einen Fremden – oder ist Jesus für sie kein Fremder? – in ihr Haus aufnehmen kann.

Eine Frage stellt sich: wo bleiben die Jünger, die mit Jesus auf dem Weg sind? Sie verschwinden von der „Erzählbühne“, auf der Jesus allein mit Marta und später Maria zurück bleibt.

Mit der Formulierung die nahm ihn auf kann aber noch mehr als die gewährte  Gastfreundschaft im Gegensatz zur verweigerten Gastfreundschaft anklingen. Das könnte ja auch ein Ausdruck für das Christ-werden sein – Jesus in sein Lebenshaus aufnehmen, ihm das eigene Leben öffnen. „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu   werden, denen, die an seinen Namen glauben.“(Johannes 1,12) Diese Formulierung könnte ja auch im Leserumfeld des Lukas geläufig sein. „Erfüllte Zeit“ weiterlesen

Gefragt: Hand und Fuß und offene Augen

Lukas 10, 25 – 37

 25 Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? 26 Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du?

               Es gibt echte Fragen und unechte Fragen. Es gibt Fragen, die ich mir selbst beantworten kann, weil ich die richtige Antwort weiß. Wenn ich so eine Frage einem anderen stelle, will ich ihn möglicherweise vorführen. So ist es hier wohl mit dem Schriftgelehrten und seiner Frage an Jesus. Er kennt schon die korrekte Antwort. Er will sie nur von ihm hören. Jesus aber spielt die Frage zurück: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Das ist die Autorität, die auch der Schriftgelehrte anerkennt: Das Gesetz, die Weisung Gottes weist den Weg zum Leben. Weil sie diese gemeinsame Autorität haben, darum können sie sich auch verständigen.

27 Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18). 28 Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.

            Gott meint es gut mit uns. Es ist der wunderbare Plan Gottes für unser Leben, dass es sich in der dreifachen Liebe entfaltet: Zu Gott, dem Schöpfer, zu den Mitmenschen und Mitgeschöpfen und zu sich selbst sollen und dürfen wir uns liebevoll verhalten. Wo einer so leben kann, da gewinnt sein Leben Tiefe und Gültigkeit, da gewinnt es Anschluss an das unvergängliche Wesen Gottes.

               So sagt es der schriftgelehrte Mann und Jesus gibt ihm Recht. Er weiß es. Es ist die Antwort, die Juden und Christen bis heute miteinander verbindet, die die Mitte des Gesetzes zum Ausdruck bringt.  Ebenso kurz wie prägnant greift Jesus seine Worte auf: Tu das, so wirst du leben. „Alles ist gesagt, aber es bleibt noch alles zu tun.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.87) Das Wissen alleine macht es nicht – das Leben in diese Spur bringen, das ist der Weg. Das ist ja wohl das Problem vieler frommer Leute bis heute: Wir  haben das Wissen, aber unser Tun und Handeln bleibt hinter diesem Wissen zurück. Es hat keine Folgen ins Leben hinein. Was muss ich tun – war seine Frage – jetzt hat er die Antwort: Folge dem Plan Gottes für dein Leben. „Gefragt: Hand und Fuß und offene Augen“ weiterlesen

Öffne mir das Herz

Lukas 10, 21 -24

21 Zu der Stunde freute sich Jesus im Heiligen Geist und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater, so hat es dir wohlgefallen

               Von daher, dass Jesus seine Mission erfüllt sieht, dass er seinen Jüngern ihre ewige Bestimmung vor Augen hält, ist die Freude Jesu geprägt. Es ist die Freude daran, dass Gott sein Ziel erreicht. Es ist die Freude daran, dass Gott sich zu den Kleinen, den Unmündigen kehrt, dass er Gefallen hat an dem, was sie tun und einbringen in das Reich. Es ist, darauf weist die Wendung hin freute sich Jesus im Heiligen Geist , die Freude in Gott selbst. Nicht nur an etwas außerhalb, sondern in sich selbst hat Gott Freude, ist Gott Freude. Wenn man so will: das Wesen Gottes ist FReude, von Anfang an und wird es auch am Ende sein.

               Manchmal bin ich verblüfft, wie sich das Wort der Schrift untereinander verbindet und gegenseitig erhellt. So auch hier – der Lobpreis Jesu über die Güte Gottes gegenüber den Unmündigen findet sein Echo bei Paulus: „Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme.“(1. Korinther 1, 26 – 29)

               Hat Lukas doch diese Gedanken des Paulus gekannt? Oder hat Paulus umlaufende Jesus-Worte für seine Formulierungen als Hintergrund gehabt? Wie auch immer – es ist Gottes Kondeszendenz, sein sich selbst Erniedrigen, sein sich in die Welt verschwenderisches Hinein-lieben, „seine alte Krankheit, alle Menschen gleich zu lieben, seine Nachsicht, seine fassungslose Milde, seine gottverdammte Art und Weise alles zu verzeihen und zu helfen“(H.D. Hüsch), die hier beschrieben wird: Er offenbart sich in die Tiefe hinein, in die Schwachheit hinein, in die Torheit hinein. Die Kleinen, Unmündigen, die vor der Welt als Toren gelten – sie werden seine Kinder. „Öffne mir das Herz“ weiterlesen