Die neue Gemeinschaft – das neue Volk

Lukas 8, 1 – 3

1 Und es begab sich danach, dass er durch Städte und Dörfer zog und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes; und die Zwölf waren mit ihm,

             Und es begab sich ist mehr als nur eine Übergangsnotiz, wie Lukas sie liebt. Mit den gleichen Worten Κα γνετο fängt ja auch die Geburtserzählung des Lukas an. Ich lese das als ein Signal an uns Leserinnen und Leser: Das Heilsgeschehen setzt immer wieder neu ein. Und: Es ist nie fertig.

             So entsteht eine fortlaufende Kette von Erfahrungen. „Das Imperfekt „er durchwanderte“ bezeichnet eine langsame und anhaltende Weise des Reisens. Er nahm sich Zeit, überall zu verweilen.“ (F .Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S. 209) Es scheint, Jesus ist nicht eilig unterwegs und in den Dörfern  und Städten nicht nur so „eben mal“ anwesend. Wahrscheinlich ist es so: Damit das Evangelium Wurzeln schlagen kann, raucht es Langsamkeit und Sorgfalt in den Begegnungen.

            Von der Geschichte im Haus Simons her geht es weiter; jetzt nicht im Detail, sondern im Überblick. Und doch fällt vom Geschehen im Haus des Simons her Licht auf diese Worte. Was da detailliert geschildert worden ist, setzt sich jetzt in den Städten und Dörfern fort. In seinem Predigen und Verkündigen. Seinem Ausrufen und „Evangelisieren“.

          εαγγελιζμενος. Evangelisierend. Das Wort „Evangelisieren“ hat in unseren Tagen negative Beiklänge und trifft oft auf Skepsis: will uns etwa einer überreden, zu etwas bringen, was wir gar nicht wollen. Will uns einer einreden, dass wir nicht gut genug sind. Bei Lukas ist das anders, weil das Wort ja schon in seiner Grundbedeutung anderes sagt. Es spricht von guten Botschaften, guten Nachrichten, guten Worten. Darum sieht Lukas auch den evangelisierenden Jesus anders: Seine Verkündigen ist die Entlastung von Menschen, ist Austeilen einer Vergebung, die einen weiten Horizont eröffnet. Das Reich Gottes zieht in seinem Verkündigen in die Gegenwart ein, im Galiläa der Heiden.

            Es wirkt beiläufig: und die Zwölf waren mit ihm. Aber auch dann ist es dennoch nicht nebensächlich. Nicht nur historische Notiz. Die Zwölf gehören in die Verkündigung des Evangeliums mit hinein. Sie sind ja auch, so sieht es Lukas, später die ersten Träger der Verkündigung. Ihr Mit-sein mit Jesus ist die „Qualifikation“, die sie als Apostel brauchen. So wie es bis heute im Grund die Grundqualifikation aller Zeugen Jesu ist, dass sie mit ihm sind, mit ihm leben, auf ihn schauen und hören.      

            Nebensächlich: diese „Reisegruppe“ ist angewiesen darauf, dass sie Aufnahme findet. In den Dörfern und Städten. Dass Menschen ihnen die Häuser öffnen, Schlafgelegenheiten anbieten, auch den Tisch decken. Und sie ist darauf angewiesen, dass sie geöffnete Herzen finden. Damit das Evangelium, die gute Botschaft ankommen kann, braucht es Menschen, die nicht dicht machen, nicht zumachen, sondern öffnen -sich selbst und ihre Häuser. Ihre Städte und Dörfer. Die Gruppe um Jesus ist nicht autark und autonom, sie ist bedürftig. Auf Aufnahme angewiesen. Ob das nicht dazu führt, dass auch die Botschaft anderes gehört wird? Nicht als ein Wort von oben, aus gesicherter Existenz, sondern als Zuspruch auf Augenhöhe, als Zuspruch von denen, die selbst nicht alles haben und sich nicht selbst genug sind.

2 dazu einige Frauen, die er gesund gemacht hatte von bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, genannt Magdalena, von der sieben böse Geister ausgefahren waren, 3 und Johanna, die Frau des Chuzas, eines Verwalters des Herodes, und Susanna und viele andere, die ihnen dienten mit ihrer Habe.

            Es ist nicht von ungefähr, dass jetzt der Verweis kommt, dass nicht nur die Zwölf um ihn sind, sondern Frauen. Drei von ihnen werden namentlich genannt – Maria Magdalena, Johanna, Susanna. Dazu kommen noch viele anderedie ihnen dienten mit ihrer Habe. Es sind wohl begüterte Frauen, die diesem Männerhaufen mit ihrem Hab und Gut „dienen“, ihnen den Freiraum ermöglichen, nichts zu tun als durch das Land zu wandern und zu predigen. Spitz gesagt: Sie alimentieren Jesus und seine Jünger.

         „Διακονέω ist für Lukas und die frühchristliche Literatur allgemeiner Ausdruck für verschiedene Dienste, bei Frauen normalerweise Gastfreundschaft und Führung des Haushalts. Es meint nicht nur finanzielle Unterstützung.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 400)Vielleicht muss man oder darf man noch weiter gehen: diese begüterten Frauen organisieren den Alltag des Jüngerhaufens. Sie sind das Logistik-Team, ohne das nichts läuft.

                 Ich höre den Verweis auf das, was ihr Mitziehen ausgelöst hat: er hatte sie gesund gemacht von bösen Geistern und Krankheiten. Das wirkt wie ein Echo der unmittelbar zuvor stehenden Geschichte von der großen Sünderin. Sie erzeigen ihm und ihnen darin ihre Dankbarkeit und Liebe, dass sie ihm, Jesus und doch auch den Jüngern dienen, διηκνουν. „Die Diakonie der Frauen wurzelt in Wunderheilungen.“(F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S.398) Ich würde lieber sagen: In Befreiungserfahrungen. Wie wundersam es dabei zugegangen ist, interessiert nicht wirklich.

          Als Erste wird Maria Magdalena genannt. Man sieht die Parallelität nicht sofort: „Wie die Urkirche das außergewöhnliche Los des Petrus (Verrat und Bekehrung) im Gedächtnis erhielt, so im Fall der Maria eine außergewöhnliche Dämonenaustreibung.“(F. Bovon, ebda.) Beide Mal gilt: es sind kein unbelasteten Leute, keine unbeschriebenen Blätter, mit denen Jesus seinen Weg geht.

               Was hier fast nebenher erzählt wird, ist doch der Anfang einer neuen Gemeinschaft von Männern und Frauen. Paulus bringt, Jahrzehnte bevor das Lukas-Evangelium geschrieben wird, diese Gemeinschaft auf den Punkt: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Galater 3,28) Man darf schon fragen, ob wir als Kirchen, römisch-katholisch, evangelisch, orthodox, freikirchlich, dieses Programm jemals wirklich gelebt haben oder ob wir uns nicht mit der schiedlich-friedlichen Arbeitsteilung früherer Zeiten zufrieden gegeben haben: „Die Urkirche fand darin ihr doppeltes Wirken in der Gesellschaft bestätigt. Durch die Männer verbreitete sie die Botschaft nach außen, durch das „Dienen“ der Frauen wurde die Gemeinde nach innen gefestigt.“(F. Bovon, aaO.; S.397f.) Die Zeiten haben sich seit den Tagen des Lukas ziemlich geändert, auch die gesellschaftlichen Bedingungen von Männern und Frauen. Ob wir in den Kirchen aber wirklich wesentlich über die hier angedeutete Arbeitsteilung hinaus gekommen sind, darf man schon fragen.

 

Jesus, Du rufst in Freiheit. Du richtest auf. Du öffnest Wege, die aus eingefahrenen Lebensgleisen heraus führen, Grenzen öffnen und einreißen.

Du hast um Dich Frauen und Männer gesammelt, jede und jeden mit seiner Geschichte, seiner Eigenart, ihren Gaben und Grenzen.

Hilf Du uns doch, dass wir diese Gemeinschaft leben, dankbar für die Verschiedenheiten, dankbar für die Gemeinsamkeiten, dankbar dafür, dass Du uns haben willst als Deine Leute, Männer und Frauen. Amen