Was Jesus sich gefallen lässt

Lukas 7, 36 – 50

36 Es bat ihn aber einer der Pharisäer, bei ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch.

               Jesus lässt sich gerne einladen. Er ist ein Mensch, der das Gespräch sucht, die Gemeinschaft, die Nähe zu den Menschen. Er sucht auch die Gemeinschaft mit den Pharisäern. Es ist ein schräges Bild, das wir von den Pharisäern haben. Pharisäer ist damals kein Schimpfwort, sondern ein Wort voller Anerkennung. Für die, denen es ernst ist mit Gott. Sie sind hochgeachtet wegen ihrer Frömmigkeit. Sie sucten nach Wegen, wie es auch im Alltag möglich ist, dem Willen Gottes zu entsprechen. Darum sind sie auch die herausragenden Gesprächspartner Jesu. Darum auch, weil er ernsthaft die Wege Gottes sucht, lädt der Pharisäer Jesus ein. Er verspricht sich Wergweisung von ihm.

37 Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin.

               Eine Sünderin. „Lukas macht sich keine Illusion über die Frau. Ihre „Sünde“ ist vor allem eine soziale. Dass er in ihr eine Dirne sieht, zeigt der Ausdruck ν τ πλει“  (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 390) in der Stadt.  Sie ist stadtbekannt. Eine, die das Leben verfehlt hat. Eine, die nicht mehr in der Gemeinschaft derer ihren Platz hat, die offen vor Gott treten. Es klingt so abgeschlossen – das Urteil steht fest und nicht mehr zur Revision. Was hinter diesem Urteil an verfehltem Leben steht, wird nicht gesagt. Da sind der Phantasie, auch der Männerphantasie, kaum Grenzen gesetzt.

Als die vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Glas mit Salböl 38 und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit Salböl.

            Sie hört, dass Jesus zu Gast ist bei einem untadeligen Mann, einem, der auf Frömmigkeit und geordnetes Leben Wert legt. Sein Haus, so scheint es, ist zugänglich, nicht verbarrikadiert, auch für sie nicht.

            Und dann diese Szene. Sie tritt an Jesus heran. Kommt sie von hinten, überrascht sie ihn? – das interessiert in der Erzählung nicht. Man muss sich Jesus wohl in der Sitte der Zeit zu Tisch liegend vorstellen. Sie fängt an, seine Füße zu beweinen und mit ihren Tränen zu waschen. Sie wirft ihr Haar als Tuch über die Füße und trocknet sie mit den Haaren. Sie salbt seine Füße mit Salbe.

            Eine Augenblick halte ich inne – und versetze mich in die Lage der Beteiligten. Diese Frau ist ganz bei sich, ganz in ihrer Handlung. Sie nimmt wohl nichts wahr als ihre Tränen und ihr Tun. Sie sieht die Füße, fasst sie an, bedeckt sie mit ihren Küssen und ihrem Haar. Kein Wort – aber sie ist ganz in ihrem Tun präsent.

            Die dabei sitzen – die Jünger – sind erstarrt. Sie beobachten atemlos, was geschieht.  Man ist nie vor Überraschungen sicher, wenn man mit Jesus unterwegs ist. Dem einen oder anderen wird der ganze Auftritt peinlich sein. So lässt man sich doch nicht gehen! Und aller Wahrscheinlichkeit nach  gibt der eine oder andere Jesus innerlich Ratschläge: Zieh deine Füße weg. Sag ihr, dass das nicht geht. Das ist doch alles viel zu emotional.

            Und Jesus? „Jesus lässt sich gefallen, was sie tut.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 102) Er zieht  die Füße nicht weg, stößt die Frau nicht von sich, geht nicht auf Abstand.

39 Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.

               Die Gedanken des Pharisäers Simon werden von Lukas „protokolliert.“ Merkwürdig, dass er nicht von seinem Hausrecht Gebrauch macht. Ob es ihm Recht ist, diesen Jesus so vorgeführt zu sehen? Denn das ist ja sein Empfinden. Dass er das mit sich machen lässt, dass er hier keine Grenze setzt, dass er sich so anrühren lässt, dass er sich dieser Emotionalität aussetzt, dieser anrüchigen Frau, die jetzt auch mit ihrer Salbe noch Geruchsbelästigung betreibt – das alles spricht gegen ihn. Womöglich gefällt es ihm noch! Simon kennt den Ruf dieser Frau und ihr Ruf färbt jetzt mit dieser Tat auf Jesus ab. „Sage mir, von dem Du Dich berühren lässt und ich sage Dir, wer Du bist.“ So denkt Simon.

40 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sprach: Meister, sag es!

            Jetzt erfahren wir aus dem Mund Jesu den Namen des Gastgebers. Wir wissen, was Simon bei sich denkt, weil es Lukas uns sagt. Jesus dagegen muss seine Gedanken lesen. Wieder einmal erweist er sich als der große Herzenskenner, der die „Gedanken von ferne“ kennt, der die ungesagten Worte auf der Zunge schon weiß.(Psalm 139,2+4). Darum antwortet er auf das Ungesagte! Bis dahin war es ein stummes Geschehen – denn weder die Frau noch Simon noch Jesus hatten ja etwas gesagt. Jetzt aber nimmt Jesus das Wort.

           Und Jesus macht es, wie es wohl nur Orientalen können – er erzählt eine Geschichte, ein Gleichnis. „Der Pharisäer ist sofort bereit, auf das zu hören, was Jesus ihm zu sagen hat.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.170) Weil er in ihm einen Meister, einen Lehrer – so das griechische Wort Διδσκαλε – sieht.

 41 Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig. 42 Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er’s beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben? 43 Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat.

             Es liegt auf der Hand. Wer viele Schulden hat, ist anders erleichtert als der, der kaum Schulden hat. Wer nicht mehr weiß, wie er aus seiner Schuldenfalle heraus kommen soll, der atmet bei Erlass seiner Schulden anders auf als der, der schon einen Überbrückungskredit organisiert hatte. Die Erleichterung und die Dankbarkeit hängen von der Größe der Entlastung ab. So erzählt es die Geschichte, so legt es Jesus durch sein Erzählen nahe – und Simon bestätigt es durch sein eigenes Wort.

 Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt. 44 Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. 45 Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. 46 Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt.

                Das ist prophetisches Handeln: Du hast recht geurteilt. – „Du bist der Mann!“ (2. Samuel 12,7) sagt Nathan zu David, als er ihn mit seiner Erzählung zu seinem Urteil führt: „des Todes schuldig.“ Das steht hier nicht zur Debatte. Simon hat sich keines Vergehens schuldig gemacht, das den Tod verdient.

             Aber die prophetische Rede Jesu – so ist er also doch ein Prophet! – deckt die Wirklichkeit Simons auf. Er ist zwar Gastgeber, aber er hat die Gastfreundschaft bis an den Rand der Unhöflichkeit karg gehalten. Er ist alles schuldig geblieben, was dem Gast mehr als die schuldige Ehre erwiesen hätte. Wie kühl ist sein Empfang für Jesus gegenüber diesem Ausbruch an Emotionalität. Und in dieser Kühle des Empfangs zeigt sich sein Mangel an „Liebe“. Das muss sich Simon anhören: „Sie hat mehr getan als das, was du nicht getan hast.“ (F. Bovon, aaO.; S. 387) Sie hat das Tun des Simon weit übertroffen, aber auch die von ihm schuldig gebliebenen Zeichen der Gastfreundschaft weit übertroffen.

47 Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. 48 Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben.

             Jetzt kehrt sich Jesus ab von Simon und wendet sich der Frau zu. Sie rückt nun in die Mitte, aber nicht mehr durch ihre Tat, sondern durch das Wort Jesu. Jesus deutet ihre Tat. Sie ist ihm Geschenk ihrer Liebe. Sie ist ihm Geschenk, durch das er sich beschenkt fühlt. Er gibt ihr eine schier unglaubliche Würde: Er lässt sich ihre Liebe gefallen, die Liebe einer Sünderin.

               Stehen sich hier nicht zwei Modelle vom Umgang mit Schuld, mit Sünde gegenüber? Das eine Modell heißt: Schuld bekennen und sich so dem Urteil der Gerechten unterwerfen. Wer das nicht tut, der bleibt außerhalb der Gemeinschaft und versperrt sich selbst den Rückweg. Das steckt ja hinter der so beliebten Forderung nach öffentlicher Entschuldigung. Ich gestehe und liefere mich damit auf Gedeih und Verderben der Gnade oder Ungnade der Öffentlichkeit aus.

            Jesus dagegen folgt einem anderen Modell. Er sieht in dem Handeln der Frau die Suche nach einem neuen Weg, sieht in ihren Tränen das Eingeständnis ihrer Lebensverfehlung. Er braucht keine Worte, sondern spürt in ihren Gefühlen, in ihren Tränen den Schmerz über das verlorene Leben. Das genügt ihm und das nimmt er auf und an.

               Und darum darf alles, was gegen sie sprechen konnte, jetzt nicht mehr zu Wort kommen. Alles, was sie verklagen wollte, ist jetzt zum Schweigen gebracht durch sein Urteil. Dir sind deine Sünden vergeben. So und nicht anders – deckt die Liebe alle Übertretungen zu.“ ( Sprüche 10,12) Es ist das Wort Jesu, das die Situation aus einem wahrlich schrägen Ereignis zu einer Erfahrung der Liebe macht.

  49 Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser, der auch die Sünden vergibt? 50 Er aber sprach zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!

               Die Debatte, die damit ausgelöst wird, kennen wir schon aus der Heilung des Gichtbrüchigen (5, 21-26) Darf er das – Sünden vergeben? Aber diesmal wird es nicht zum Angriff, sondern zu der Frage: Wer ist dieser, der auch die Sünden vergibt? Es wird keine Debatte daraus und es folgt auch keine Rechtfertigung Jesu.

          Während sich die Gedanken der Tischgäste dem theologischen Problem zuwenden, bleibt Jesus der Frau zugewandt. Und noch einmal qualifiziert und deutet er ihr Tun – diesmal nicht als Liebe, sondern als Glauben! Ihr Glaube, dass sie sich Jesus nahen darf, dass er sie nicht zurückstoßen wird, dass er ihr nicht die Füße – und damit sich selbst – entziehen wird – dieser Glaube hat ihr geholfen. Man könnte auch übersetzen: „Dein Glaube hat dich gerettet.“ Das Wort Jesu bestätigt „nur“, was sie geglaubt hat: Vor ihr ist ein Weg im Frieden, im Shalom Gottes, entlastet, befreit, mit einer weiten Perspektive. So also sieht gerettet Sein aus – es öffnet sich ein neuer Weg, eine neue Zukunft.

 

Jesus, Du lässt Dir gefallen, dass Du berührt wirst, umsorgt, dass Tränen über Dich fließen.

Du lässt Dir gefallen, dass eine Frau mit zweifelhaftem Ruf und zweifelhaftem Leben Deine Füße küsst, Dir nahe kommt, Dich mit ihrer Liebe anrührt.

Lass es Dir auch gefallen, dass wir Dich berühren mit unseren Sorgen, Ängsten, unsere Schuld auf  Dich werfen.

Sprich uns frei. Sieh unsere Liebe in unseren Worten und unserem Tun. Stelle unsere Füße auf den Weg Deines Friedens. Amen