Kommen – Hören – Tun

 Lukas 6, 43 – 49

 43 Denn es gibt keinen guten Baum, der faule Frucht trägt, und keinen faulen Baum, der gute Frucht trägt. 44 Denn jeder Baum wird an seiner eigenen Frucht erkannt. Man pflückt ja nicht Feigen von den Dornen, auch liest man nicht Trauben von den Hecken.

               Dafür muss ich nicht Jesus sein, um das sagen zu können. Aber damit baut er eine Brücke zum Verstehen. Es ist die einfache Sprache des Menschen, der selbst einfach ist, ohne simpel zu sein. Jesus benennt mit diesen Sätzen den elementaren Zusammenhang von Sein und Wirken. Das Wirken kommt aus dem Sein. Wie nah ist da hin zu dem Satz: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“ (Karl Marx)

                        Es kann durchaus sein: Jesus hat Leute vor Augen, die mehr scheinen als sie sind. Es kann auch sein, der Evangelist, der die Worte Jesu überliefert, hat Leute vor Augen, „sozial angesehene Christen, die aus Enthusiasmus oder Bequemlichkeit gerne glauben möchten, ihren Glauben er nicht konkret verwirklichen.“(F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 337) Und auch das könnte als Gedanken hinter den Worten stecken: „Die Gefahr der Heuchelei ist nur gebannt in der Einheit von Äußerung und innerer Beschaffenheit.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.153) Von Sein und Tun.

            Es ist einfach so: Der Apfelbaum kann keine Birnen tragen. Der kranke Baum wird auf die Dauer keine guten Früchte bringen können. Das Bestürzende bei Bäumen ist ja, dass man, der Nichtfachmann, es oft nicht sieht, wie krank er innen drin tatsächlich ist. Und dann wird ein Baum gefällt und erst hinterher erschrickt man: Was hätte da alles passieren können, so krank und morsch der von innen her schon ist.

 45 Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser bringt Böses hervor aus dem bösen. Denn wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. 46 Was nennt ihr mich aber Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage?

            Ist mit dem Bildteil noch alles klar, so wird es jetzt doch höchst kompliziert. Menschen sind keine Apfelbäume. So viel ist klar. Aber auch hier gilt – nach dem Wort Jesu: Aus dem Sein kommt das Wirken. Das Handeln eines Menschen  zeigt, wie er tief im Inneren ist. Es ist eine Offenbarung seines Herzens. Das ist die Analyse Jesu, seine Anthropologie: Was Du tust, spiegelt den Zustand Deines Herzens wieder. Nicht die Umwelt, nicht die sozialen Rahmenbedingungen, nicht die Erziehung – das Herz ist der Wurzelgrund unseres Handelns. „Alles entscheidet sich im Herzen.“ (F. Bovon,aaO.; S. 338) 

            So weit, so klar. Aber die Schwierigkeiten kommen damit, dass Jesus hier vom „guten Menschen“ spricht. Gibt es das – einen Menschen, der gut ist und deshalb Gutes hervor bringt?  Spricht da nicht der Psalmbeter eine andere Sprache:

Der HERR schaut vom Himmel auf die Menschenkinder,                                              dass er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage.                                                        Aber sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben;                                                   da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht “einer.”           Psalm 14, 2 – 3

            Das ist eine der Grundlagen biblischer Anthropologie. Und auch Jesus ist ja in dieser Spur unterwegs, wenn er im Gespräch mit dem Reichen sagt: „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein.“ (18,19) Wie kommt es dann hier zu der Rede von „guten Menschen“? Mich erinnert diese Formulierung an die Auseinandersetzung mit den Pharisäern beim Gastmahl des Levi. Da sagt Jesus: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten.“ (5, 31-32) Daraus schließe ich, dass es Jesus nicht um die Vermittlung einer widerspruchsfreien Anthropologie geht – er redet immer in die Situation hinein und spitzt dann zu. Darum wehrt er ab, dass ihn einer „gut“ nennt. Darum kann er von Gesunden und Gerechten reden – weil er sich ja um die anderen kümmert.

            Darum kann er auch hier von guten Menschen und  von bösen Menschen reden. Es geht ihm um den Hinweis, dass aus dem Handeln das Wesen eines Menschen ablesbar ist – das gilt für das Gute wie für das böse Tun. Beides zeigt, wie es um diesen Menschen steht.

            Von diesen Überlegungen her aber wird der letzte Satz zur scharfen Anfrage, wenn nicht Anklage: Wenn ihr mich Herr nennt, warum bleibt ihr mir den Gehorsam schuldig, das Tun meines Willens?  „Die Anrede Herr, Herr genügt nicht, wenn sie nicht auf das hören, was er ihnen sagt und ihm gehorchen, indem sie nach seinem Wort handeln.“ (W. Grundmann, aaO.; S.154) Es ist, als würde Jesus warnen: indem, was ihr tut, wird sichtbar, wie es um euer Herz steht, der da das Sagen hat. Das also ist dann die Frage: Was wird in euren Früchten über euer Herz sichtbar?

            Dieses Letzte scheint mir die Situation zu sprengen. Das ist Anrede an die Christengemeinde. Das ist Anfrage an die, die sich zu Jesus als dem κΰριος, dem Herrn, bekennen. Wer sich zu mir bekennt, so heißt der Satz Jesu, der wird doch dann auch meinem Willen Raum in seinem Leben geben! Sonst ist sein Bekenntnis doch nichts wert. Es geht um die Eindeutigkeit des Lebens, um das ungeteilte Herz.

            Wem durch diese Worte alle Selbstsicherheit abhandenkommt, der ist in guter Gesellschaft. Ich erinnere mich an Paulus: „Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“(Römer 7, 18 – 19) Das zwiespältige Herz, das nicht zur Einfalt des schlichten Gehorsams gelangt, ist kein Privileg der Nichtchristen. Es ist Lebenswirklichkeit auch bei Christenmenschen.

            Diese Zwiespältigkeit des Herzens, die Paulus beklagt, ist kein Hinweis, dass sich einer nur noch nicht genügend dem Wirken des Geistes geöffnet hat. Hier ist einer der Gründe, weshalb ich die lutherische Formel simul iustus ac peccator – zugleich Gerechter und Sünder – für unendlich hilfreich und auch für theologisch richtig halte. Die Formel ist ja verkürzt: peccator in re, iustus in spe – wir sind zugleich Gerechte und Sünder, Sünder in unserer Lebenswirklichkeit, Gerechte in der Hoffnung des Glaubens.

            Die menschliche Einsicht in die Unvollkommenheit unserer Lebenswirklichkeit wird in den Gottes-Bezug gestellt. Vor Gott ist unser Leben nicht nur hier und da – „wir machen alle einmal Fehler“ – sondern grundsätzlich defizitär, unvollkommen, Bruchstück. Wir entsprechen nicht dem Bild, das Gott von uns hat. Wir leben nicht das Leben, das Gott von uns will. Oder wie Luther einmal sagt: „Es ist mit unserm Tun umsonst, auch in dem besten Leben.“(EG 299)

            Wenn das hier alles mitschwingt – was bleibt da noch? Wenn ich mir nicht selbst attestieren kann: Ich bin ein guter Menschen mit einem guten Herzen, wenn es so um mein Herz steht, was bleibt da noch? Meine Antwort leihe ich mir, wie oft, bei einem Beter Israels.

„Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz,                                                                                     und gib mir einen neuen, beständigen Geist.                                                                    Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,                                                                          und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir.                                                              Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe,                                                                                   und mit einem willigen Geist rüste mich aus.          Psalm 51, 12 – 14

            Es gehört zu meinen frühen, kindlichen Erinnerungen, dass ich meinen Vater diese Worte beten höre – völlig verstört und niedergeschlagen durch die Bilder in seiner Seele, die er nicht loswerden konnte aus den Jahren des Krieges.

 

Jesus, Du willst, dass ich Gutes tue, Deinen Willen suche, Deinem Willen Raum gebe in meinem Herzen, auf meinen Wegen, durch mein Tun.

Du willst, dass ich tue, was Dir entspricht. Barmherzigkeit übe, Liebe schenke, Gerechtigkeit aufrichte und Menschen das Leben weit mache und leicht.

Gib mir dazu Kraft aus Deiner Kraft, Liebe aus Deiner Liebe, Geduld aus Deiner Geduld.

Gib Du, dass ich mir Deine Liebe gefallen lasse und sie austeile an die, die mit mir auf dem Weg sind. Amen

47 Wer zu mir kommt und hört meine Rede und tut sie – ich will euch zeigen, wem er gleicht.

            Kommen – hören – tun. Das ist der Dreischritt, der am Ende der Feldrede steht. Dabei kann vor allem der erste Schritt leicht überlesen werden. „Wer zu mir kommt“ – damit fängt alles an. Die Beziehung zu Jesus, bei ihm sein, bei ihm bleiben – das ist der Schlüssel für das Hören und das Tun. Später wird es in der Apostelgeschichte bei der Suche nach dem Ersatz für Judas ein Kriterium sein: „So muss nun einer von diesen Männern, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, als der Herr Jesus unter uns ein- und ausgegangen ist – von der Taufe des Johannes an bis zu dem Tag, an dem er von uns genommen wurde -, mit uns Zeuge seiner Auferstehung werden.“ (1, 21 – 22) Mit Jesus durch das Land gehen, seine Wege teilen, sein Handeln sehen, in seiner Nähe sein – das ist der erste Schritt. Im Johannes-Evangelium wird das „Bleiben“ ein Hauptwort des Glaubens.

   Zugleich wird hier eine Differenz zwischen der jungen Christengemeinde und dem Judentum markiert. Im Judentum geht es um das Kommen zum Tempel, in die Unterweisung des Gesetzes. Hier setzt Jesus sich, und eben nicht den Tempel, an die erste Stelle. Wer zu ihm kommt, der ist an der Stelle, von der aus der Weg durch das Leben seinen Ausgang nehmen kann.

            Wer mit Jesus unterwegs ist, der kann hören. Und er bekommt eine Menge zu hören. Hier die Worte der Feldrede, später die Gleichnisse. Er hört, was Jesu zu Menschen sagt. Er hört das Machtwort, das wirkt, was es will. Gemeint ist aber in diesen Versen mehr als nur ein akustisches Hören. Es geht um ein Hören, wie Maria hört. „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ (Lukas 2, 19) In diesem Hören wird das eigene Herz dem Wort Jesu geöffnet. Sein Wort kommt dorthin, wo, nach biblischer Anthropologie, die Willenskräfte eines Menschen verankert sind, wo die tragenden Lebensentscheidungen fallen. Es kommt, im Bild vom Haus gesprochen, an die Fundamente des Lebens.

            Nach dem Hören kommt das Handeln. Ob man sagen kann: Darauf zielt alles hin? Ob das das Ziel der Feldrede ist, Menschen zum Handeln zu bewegen? Jedenfalls ist das Handeln der Zielpunkt dieses Gleichnisses: Die Worte Jesu hören und sie tun – das gibt dem Leben festen Grund. Sie nicht tun, macht das Lebe hinfällig.

48 Er gleicht einem Menschen, der ein Haus baute und grub tief und legte den Grund auf Fels. Als aber eine Wasserflut kam, da riss der Strom an dem Haus und konnte es nicht bewegen; denn es war gut gebaut. 49 Wer aber hört und nicht tut, der gleicht einem Menschen, der ein Haus baute auf die Erde, ohne Grund zu legen; und der Strom riss an ihm und es fiel gleich zusammen und sein Einsturz war groß.

            Dabei hilft der Blick auf die gesamte Feldrede. Es geh um ein Tun in den Spuren des erbarmenden Herrn. Es geht um ein Tun, das aus dem üblichen Echo-Verhalten herausfindet, das in der Freiheit Gottes, aus Gott und zu Gott hin, begründet ist, das in die Freiheit führt. Vergeben, ermutigen und aufrichten, Solidarität üben, Widerspruch standhalten, Feindschaft nicht mit Feindschaft beantworten. Es geht um ein Tun, das aus der Liebe kommt und in der Liebe sein Maß hat. Es geht um ein Tun in der Spur Jesu.

            „Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst.“ (Jakobus 1,22) Der gern ein wenig geschmähte Jakobus-Brief scheint mir an dieser Stelle genau an das Wort Jesu anzuknüpfen. Wer nur hört, der macht sich etwas vor. Christsein ist Hören und Handeln. In Israel denkt und glaubt man so: „Hören und Tun bilden eine Einheit.“ (F. Bovon,aaO.; S. 342) Mir hat sich ein Satz von Fulbert Steffensky tief eingeprägt – sinngemäß geht er so: „Wer lange nicht tut, was er weiß, dass er es tun soll, weiß irgendwann nicht mehr, was er tun soll.“ Der Verzicht auf das Tun dessen, was ich erkannt habe, lässt mich irgendwann nicht mehr erkennen, was zu tun ist. Das ist eine Art Blindheit, die auch vor Christenmenschen nicht Halt macht.

            Es ist wohl eine der großen Versuchungen, sich zufrieden zu geben mit Worten, die der Seele wohltun, sich zufrieden zu geben mit Überzeugungen, die  wir über Gott haben. Es tut der Seele gut, in Gott zu ruhen. Es ist für mich unglaublich wichtig, dass ich durch den Glauben auch von einem Handlungszwang entlastet bin. Ich muss mich nicht durch mein Tun selbst gut machen.

            Gleichzeitig ist es wichtig, diese Worte Jesu zu hören, die auf das Tun, auf den Gehorsam drängen, damit mein Glauben nicht in der Innerlichkeit versandet und das Tun vergisst.

Wir wolln uns gerne wagen, in unsern Tagen                                                                      der Ruhe abzusagen, die’s Tun vergisst.
Wir wolln nach Arbeit fragen, wo welche ist,
nicht an dem Amt verzagen, uns fröhlich plagen
und unsre Steine tragen aufs Baugerüst.     N. L. Zinzendorf 1736  EG 254

            Vielleicht ist es ja so, dass es unterschiedliche Versuchungen gibt – die für Aktivisten und die für Quietisten. Womöglich gibt es auch die Versuchungen für Ruheständler. Jesus wehrt hier denen, die dazu neigen, das Tun zu vergessen. Er wehrt ihnen um ihrer selbst willen! Damit sie sich nicht selbst betrügen. Damit sie das Gute nicht versäumen, das Gott durch sie tun will. Oder noch einmal anders herum: Indem wir nichts tun, verfehlen wir unsere Bestimmung – so sieht es der Autor des Epheser-Briefes: „Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“ (Epheser 2, 10).

            Ganz kurz, lapidar und fast lebensweisheitlich, wie auch Jesus in seinem Hören auf den Vater und die Schriften Israels denken, bringt es Erich Kästner auf den Punkt: „Es gibt nichts Gutes außer man tut es.“ 

 

Herr Jesus, hilf mir, dass ich immer neu zu Dir komme und bei Dir bleibe. Hilf mir, dass ich Dein Wort höre, es tief in mich aufnehme, mich trösten lasse und ermutigen und zurecht bringen. Und dann hilf mir, dass ich tue, was Du willst, dass ich Liebe übe, der Feindschaft widerstehe, Rückenwind gebe und bei denen aushalte, die mich brauchen. Amen