Der Kredit der Liebe

Lukas 6, 27 – 35

 27 Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; 28 segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen. 29 Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht. 30 Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück. 31 Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!

               Entscheidend ist, wer hier spricht. Es ist kein Lehrer der Moral. Es ist keiner, der nur sagt: So geht es. Jesus ist der, „der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; (1.Petrus 2,23) Er sagt, was er selbst lebt und lebt, was er sagt. Es geht bei diesen Worten um eine Einweisung in das Leben in seiner Spur. Er hat vorgemacht, was er hier vor-sagt. Er ist ja der, der noch am Kreuz bitten wird: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun (23,34). Er ist der, der mitgeht und es aushält, dass er unverstanden bleibt.

            Seine Worte greifen auf die Seligpreisung zurück: Wie naheliegend wäre eine Antwort, die nur Echo ist. Das wird verwehrt: „Die Verfolgten werden zur Feindesliebe aufgerufen. Die Adressaten der Wehe-Rufe sind die Verfolger. Das Wehe über sie berechtigt nicht zum Hass gegen sie.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.146) Es kann helfen, diese Verankerung in der Lebenswirklichkeit wahrzunehmen. Es geht nicht um ein immer und überall gültiges Gesetz, sondern um eine Einweisung in eine konkrete Lebens-Situation.

            Wir neigen dazu, diese Worte über die Feindesliebe als, wenn auch schwer erfüllbare, Forderung an uns anzusehen. Manchmal tun wir auch so, als sei die Feindesliebe das, was das Christentum von allen anderen Religionen unterscheidet. Und zitieren voll Wohlgefallen: „Feindesliebe als moralisches Prinzip kennt das Judentum nicht. Dieser Imperativ ist wohl der einzige in all den drei Kapiteln der Bergpredigt, der eine klare Parallele oder Analogie in der rabbinischen Literatur entbehrt. Er ist jesuanisches Sondergut“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 312) So der Jude Pinchas Lapide im 20. Jahrhundert.

              Aber diese Worte sind nur sekundär Forderungen. Sie sind zuerst Beschreibungen des Handelns Gottes, wie es in Jesus sichtbar wird. Er tut wohl, wo er nichts zu hoffen hat. Er erbarmt sich über die hoffnungslosen Fälle. Er vergibt in Geduld, wo er um die Rückfälligkeit weiß.

            Es geht hier sachlich zuerst um einen Wandel im Gottesbild. Wie anders stellen wir uns Gott vor: Der vergilt. Der rechnet vor. Der hält uns unbarmherzig unsere Fehler vor. Jesus aber hat dieses Bild nicht – und von dem Bild des barmherzigen Gottes her sagt er: Werdet wie Gott! Lernt an ihm, wie ihr anders leben könnt. Es ist wohl entscheidend wichtig, dass wir all das, was wir hier als Forderung lesen von dem Satz her verstehen, der am Ende steht: … ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.“

            Im Kern zielen die Worte auf ein zuvorkommendes Verhalten der Christen. Auf einen Kredit, den sie geben, ohne zu wissen, ob er sich rechnen wird. Einen Kredit der Liebe. Es ist die Änderung einer Beziehung durch die einseitige Aufkündigung der Gewaltoptionen. So haben Mahatma Gandhi und Martin Luther King zu leben versucht.

32 Und wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben ihre Freunde. 33 Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, welchen Dank habt ihr davon? Denn die Sünder tun dasselbe auch. 34 Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr davon? Auch die Sünder leihen den Sündern, damit sie das Gleiche bekommen. 35 Vielmehr liebt eure Feinde; tut Gutes und leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft. So wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.

                      Aussteigen aus dem eingeübten Echo-Verhalten. Aussteigen aus den Kosten-Nutzen-Kalkulationen. Aussteigen aus den Verpflichtungen. So funktioniert ja weithin die Welt: Man ist anderen verpflichtet und verpflichtet sie sich durch Gegenleistungen. Do ut des. Eine Hand wäscht die andere. Was unter Freunden Usus ist, das wissen alle. Das normiert auch alle. Aber Jesus will den Schritt über die Grenzen der Freundschaft hinaus. Über die Grenzen der wechselseitigen Begünstigungen und Wohltaten hinaus. γαπντας – wo Luther früher Freunde übersetzt, steht heute, was dem Griechischen näher kommt: Denn auch die Sünder lieben, die ihnen Liebe erweisen. auf die sie sich verlassen können. Die ihre γαθοποιοντας. Wohltäter sind.

               Wie oft habe ich mich an der Forderung nach der Dankbarkeit gerieben. Schon als Kind wurde es mir eingeübt: „Willst du wohl „Danke!“ sagen.“ Später dann als Verpflichtung  übernommen: Wer uns etwa schenkt, dem schenken wir auch etwas. Das ist, ungeschriebenes Gesetz, nie irgendwo als Paragraph niedergelegt, doch allgemeingültige Forderung, Parole des gesellschaftlichen Lebens. Auf die Spitze getrieben ist das in der Mafia. Da wird einem jede Gefälligkeit irgendwann als Rechnung auf Gegenleistung präsentiert. Es ist das Verhalten der bürgerlichen Welt.

            Wie anders hier. Vielleicht stimmt es, dass hier von der Leserschaft des Lukas ein Verhalten eingefordert wird, das sie über ihre gesellschaftlichen Konventionen hinausführt. „Menschen aus höheren Schichten sind Christen geworden. Ihre Haltung gegenüber ihren Mitmenschen wird durch ihr soziales Verhalten und ihr Vermögen geprägt.“ (F. Bovon, aaO.;  S.316) Für sie wird „Feindesliebe“ umbuchstabiert: Gutes tun, die unterstützen, von denen vermutlich nichts zurück kommen wird.

            Und wieder muss man sagen: Was hier als Handlungsanweisung steht, ist nichts anderes als das, was Jesus lebt, wie er Gott „darstellt“. Gott sprengt in seinem Verhalten der bedingungslosen Liebe dieses Schema der Welt. Gott ruft, die ihn nicht kennen. Gott erwählt, die ihm nichts zu bieten haben. Gott beschenkt, die nichts zu antworten wissen. Es ist Gottes Weise, aller möglichen Antwort zuvor zu kommen und auch dann nicht mit seiner Liebe aufzugeben, wenn die Antwort ausbleibt.

            „Wie Gott mir, so ich dir.“ So hat Jan Vering vor vielen Jahren gesungen. Das ist die Ethik, die Jesus uns in der Feldrede nahe bringen will. So ist die Barmherzigkeit Gottes: hingegeben, unberechnend und unberechenbar, unkalkuliert und unkalkulierbar, kein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Sie verströmt sich wie Wasser in der Wüste.

            Und ich? Ich wage es kaum einmal, so zu leben. Ich kann das kaum denken. Ich zeige doch eher die kalte Schulter. Ich gehe gleichgültig an manchem vorbei – Menschen und Situationen, die nach Hilfe schreien, manchmal auch an Gott. Und werde doch geliebt. Und wenn es hier und da mir dann einmal gelingt, selbstvergessen aus dem Echo-Verhalten aus-zusteigen, dann ist das nicht auf meinem Mist gewachsen und selten ein Produkt der Vernunft, sondern fast immer ein Überschritt aus Liebe.

 

Jesus, Du liebst ohne Grenze, ohne Vorbehalt, ohne Angst. Du schenkst, wo nichts an Gegengabe zu erwarten ist. Dich selbst in die Feindschaft der Menschen.

Du hast gelebt, was Du uns vorgesprochen hast, zugesprochen als unsere Lebensmöglichkeit, Feinde zu lieben, nicht zurück zu schlagen, selbstvergessen zu schenken

Lehre mich, ermutige mich, Deine Liebe zu empfangen mit leeren Händen, mit meinem leeren Herzen. Und stärke mich, mit Anderen zu teilen, was Du geschenkt hast. Leben aus Deiner Fülle. Amen