Ein bunter Haufen – alle gewollt

Lukas 6, 12 – 16

12 Es begab sich aber zu der Zeit, dass er auf einen Berg ging, um zu beten; und er blieb die Nacht über im Gebet zu Gott. 13 Und als es Tag wurde, rief er seine Jünger und erwählte zwölf von ihnen, die er auch Apostel nannte:

        Zu der Zeit –  in diesen Tagen, in denen die Pharisäer ihre Pläne gegen Jesus schmieden. Es ist nicht ausgemacht, ob Jesus weiß, was sich da schon gegen ihn zusammenbraut. Aber er lässt sich davon nicht bestimmen. Er folgt einem anderen Lebensmuster. Ob er es an Mose gewonnen hat: „In der Zeit der Verstockung steigt Jesus wie damals Mose auf den Berg, um zu beten.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 280)

            Jesus trifft seine Entscheidungen aus dem Gebet. Er ordnet seinen Weg aus dem Gebet. Er hält sein Leben betend dem Vater hin. Das ist das Zentrale – es geht dem betenden Jesus immer zuerst und zutiefst um die Beziehung zum Vater. Nur so bleibt ja auch der Wille Gottes kein fremdes Gesetz. In der unauflöslichen, beständigen Beziehung ist die Übereinstimmung des Willens nichts, was gesucht werden muss – sie ergibt sich aus der Einheit des Sohnes mit dem Vater. Dann erst kann ich den zweiten Satz sagen: Er sucht im nächtlichen Gebet die Übereinstimmung mit dem Willen Gottes, indem er sein Eins-Sein mit dem Vater lebt.

            „Was die Nacht im Gebet ihm gebracht hat, lässt der Morgen sichtbar werden.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.137) Die Wahl seiner Jünger trifft Jesus aus einer Nacht des Gebetes heraus. Im Matthäus-Evangelium heißt es vor (!) der Berufung der Jünger: „Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende. (9,38). Das wird er selbst getan haben – so die nonverbale Botschaft des Lukas. Es wird nicht gesagt, was der Inhalt des Betens Jesu ist. Das muss auch nicht sein. Es reicht: Eine Nacht auf dem Berg, dem Ort der Gottesbegegnung, und eben eine Nacht des Gebetes geht seiner Wahl voraus.

            Diese kurze Notiz ist aber auch ein Hinweis für die Leserinnen und Leser: Beten ist kein folgenloses Geschehen.  Im Gebet bleibenν τ προσευχ το θεο „umschließt die Anrede wie das Schweigen Jesu, das Zuhören wie die Antwort Gottes.“ (F. Bovon, aaO.; S. 281) Und dieses Bleiben findet seine Fortsetzung, seine sichtbare Seite dann im Tun des Tages. Das mag auch für unser Beten gelten. Es sucht seine Fortsetzung in unserem Handeln, in Worten und Werken.

            Es ist historisch im Munde Jesu schwer vorstellbar: die er auch Apostel nannte. Jesus hat keine Titel verliehen. Er hat seine Jünger beim Namen gerufen. Der Titel Apostel, ποστλος,  setzt eine spätere Zeit voraus, er passt nicht in die Wanderung der Jünger mit Jesus. Es ist ein späteres Interesse, das der  Bezeichnung Apostel ihr Gewicht gibt, weil damit eine autoritätsfrage in der jungen Christengemeinde verbunden ist. Um dieser Autorität willen kämpft Paulus um seine Anerkennung als Apostel. Lukas berichtet durchaus mit mehr sachlichem Recht von der Nachwahl des Matthias, wo ganz nebenbei auch geklärt wird, was die Qualifikation eines Apostels ist. „So muss nun einer von den Männern, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, als der Herr Jesus unter uns ein und aus gegangen ist – seit seiner Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns genommen wurde –, mit uns Zeuge seiner Auferstehung werden.“ (Apostelgeschichte 1, 21 -22) Das ist die Aufgabe der Apostel nach der Himmelfahrt: Zeugen des Weges Jesu – die Aufgabe der Jünger dagegen ist gegenwärtig zu Lebzeiten Jesu schlicht: mit ihm auf dem Weg bleiben. 

14 Simon, den er auch Petrus nannte, und Andreas, seinen Bruder, Jakobus und Johannes; Philippus und Bartholomäus; 15 Matthäus und Thomas; Jakobus, den Sohn des Alphäus, und Simon, genannt der Zelot; 16 Judas, den Sohn des Jakobus, und Judas Iskariot, der zum Verräter wurde.

            Vielleicht darf man sagen: Die Buntheit dieser Apostel-Schar ist ohne dieses vorhergehende Gebet kaum vorstellbar. Die Spannungen, die in dieser Wahl so heterogener Leute liegen, wird man bei einer nur vernünftigen Wahlentscheidung kaum auf sich nehmen. In diesem bunten Jünger-Haufen waren manche einander eine Zumutung, schwer erträglich. Sich selbst hätten sie auch wohl kaum so zusammen geführt. Was sie zusammenhält, ist gerade nicht die Homogenität ihrer Gruppe oder ihres Interesses. Die Wahl Jesu, die Beziehung zu Jesus hält sie beieinander. Er hat sie erwählt. Er hat für jeden von ihnen das Bild: Mit dir habe ich meinen Weg vor.

            Alle Apostel werden mit Namen genannt, angefangen bei Simon und am Ende Judas Iskariot. Sie werden paarweise genannt. Später werden sie paarweise ausgesandt werden. Es ist nicht vorgesehen, dass der Apostel ein einsamen Rufer ist, zurück geworfen nur auf sich selbst und seine innere Stärke. Es kann schon nachdenklich machen: der zum Verräter wurde, ist am Ende ein Einzelner, ein einsamer Mensch.

            Judas Iskariot. „Ist Iskariot – sonst als Name nicht belegt – ein Spitzname („Mann der Falschheit“) oder ein Beiname („Mann aus Kariot“ oder „sicarius“ [Messerheld]? Wie Lukas den Namen verstanden hat, wissen wir nicht. (F. Bovon, aaO.;  S.283) Vielleicht dient er auch einfach nur zur Unterscheidung von dem anderen Judas, dem Sohn des Jakobus.

            Was ist das für ein bunter Haufen, den Jesus sich da erwählt. Er mutet ihn sich  zu in seiner ganzen Verschiedenheit. Höchst eindrücklich und lesenswert malt Nikos Kazantzakis das Bild dieser Buntheit in seinem großen Roman „Die letzte Versuchung“ (Reinbek 1984)

           Bunt, unterschiedlich, oft weit auseinander – so sind unsere Gemeinden auch.  Ob das nicht eine der großen Herausforderungen des Glaubens ist, die letztlich nur betend zu bewältigen ist? Lernen, mit Leuten respektvoll, vertrauensvoll umzugehen, die ich gerne einfach ignoriert hätte. Lernen auf Leute zu hören, die ich früher, mit einem Etikett versehen, abgelegt hätte. Lernen, mir andere zur Zumutung werden zu lassen. Das ist nicht leicht, weil es das Umgehen mit Gegensätzen einschließt, weil es die Sicherheit verleihenden Urteile aus der Hand nimmt. Wer immerzu Urteile fällt, ist irgendwann allein. Stattdessen lernen, andere zu achten und auf die anderen zu achten. Lernen, ihre Signale wahrzunehmen. Lernen, behutsam zu sein und nicht so schnell, leicht fertig. Lernen, auf die Wahrheit der anderen zu warten und aus ihr zu lernen für sich selbst.

 

Jesus, Du rufst, welche Du willst. Du rufst Menschen, die sich nicht so leicht zusammengefunden hätten, extrem verschieden in ihren Werten und Denkweisen und willst sie als Deine Leute.

Herr Jesus, wie schnell gehe ich auf Abstand von Menschen, weil mir ihre Gedanken nicht passen, ihre Sprache fremd ist, ihre Art mich in Frage stellt und mir meine Grenzen zeigt.

Ich bitte Dich um ein weites Herz, das aufmerksame Wahrnehmen der Wahrheit der anderen, die Offenheit, von ihnen zu lernen, den Mut, die eigene Sicht in Frage stellen zu lassen und auch zu ihr zu stehen.

Wie Du Dir Deine Jünger erbetet hast, so erbitte Dir auch mich vom Vater, damit ich Dir folge, wenn Du mich auf Deinen Weg rufst. Amen