Den Sabbat mit Leben füllen

Lukas 6, 1- 11

 Und es begab sich an einem Sabbat, dass er durch ein Kornfeld ging; und seine Jünger rauften Ähren aus und zerrieben sie mit den Händen und aßen.

               Der Sabbat ist mehr als nur ein Ruhetag und den Sabbat zu halten ist mehr als nur ein Gebot zu achten. Wenn ganz Israel einmal den Sabbat halten wird, dann vollendet sich die Schöpfung. Wer den Sabbat nicht hält, der hält also auf, dass die Schöpfung Gottes an ihr Ziel kommt. Nur wenn wir das im Blick haben, verstehen wir, dass hier eine Hoffnung auf dem Spiel steht, nicht nur ein bisschen Rechthaberei oder kleinliches Moralisieren.

       Die Frage ist berechtigt, ob die Jünger sich bei ihrem Tun etwas gedacht haben, ob sie überhaupt nachgedacht haben. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie bei der Wanderungen einfach gedankenlos Ähren ausgerissen und gegessen haben, so wie wir das früher auch gemacht haben. Man denkt sich nicht bei allem etwas, schon gar nicht, wenn man so vor sich hin läuft.

2 Einige der Pharisäer aber sprachen: Warum tut ihr, was am Sabbat nicht erlaubt ist?

         Der möglichen Gedankenlosigkeit der Jünger steht das scharfe Beobachten der Pharisäer gegenüber. Sie jedenfalls denken sich etwas bei dem, was sie da sehen. Sie haben ein Koordinatensystem, in das sie alles Tun einordnen: Erlaubt, unerlaubt. Und sie sind nicht gewillt, für eine Lappalie zu halten, was sie da wahrnehmen. Es gibt immer die Versuchung, mit kleinen Schritten ein großes Gebot auszuhebeln. Erntearbeit ist untersagt – und ist das Ausraufen von Ähren nicht der Anfang der Erntearbeit? Initiis obsta! Wehret den Anfängen! So denken die Pharisäer, die ja aus Sorge um den Kern der Gebote immer noch ein paar „Schutzregeln“ zusätzlich einzuführen versuchen, damit keiner versehentlich ein Gebot übertritt.

              Indem die Jünger so zur Rede gestellt werden, zur Rechenschaft genötigt, wird Jesus zur Rede gestellt. „Hier wird das Verhältnis zwischen Jesus und seinen Jüngern als das des Lehrers zu seinen Schülern vorausgesetzt. Er ist verantwortlich für ihr Tun.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 269)Diese Wechselbeziehung wird auch sonst im Evangelium immer wieder aufgegriffen: „Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.“(10,16) Und diese Wechselbeziehung steht hinter den Worten, die der Christenverfolger Saulus vor Damaskus hört: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“(Apostelgeschichte 9,4)

         Was für ein steiler Gedanke: In den Christen hat man es mit Christus zu tun. Und indem die Christen anders leben, anders essen, anders fasten, weisen sie darauf hin: Christus ist ein anderer als ihr es glaubt.  So geht es bei dieser Debatte immer auch um den Weg der jungen Christengemeinde, die den Sabbat nicht mehr so achtet, wie es die jüdische Tradition, zumal in ihrer engen Auslegung durch die Pharisäer will.

3 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Habt ihr nicht das gelesen, was David tat, als ihn hungerte, und die, die bei ihm waren? 4 Wie er in das Haus Gottes ging und die Schaubrote nahm und aß, die doch niemand essen durfte als die Priester allein, und wie er sie auch denen gab, die bei ihm waren?

               Jesus lässt sich auf die Debatte ein. Sie wird ihn ja auch begleiten. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass sein Verhältnis zum  Sabbat befragt wird und dass er für das Verhalten seiner Jünger haftbar gemacht wird. Das freilich ist ein Kennzeichen Jesu weit über dieses Streitgespräch hinaus: Er steht für die ein, die zu ihm gehören und sich zu ihm halten. „Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns.“(Römer 8,34) Diese Fürbitte des Auferstanden hat in solchen Debatten ihr „Vorspiel“.

         Präzedenz-Fälle sind immer eine willkommene Argumentationshilfe. Erst recht für traditions-gebundene Leute. David hat eine Vorlage geliefert, die auch von den Pharisäern anerkannt wird. Not bricht das Gebot. Im Fall des Hungers oder der Hungersnot ist also eine Arbeit auch am Sabbat erlaubt.

            Wenn Jesus hier auf David zurück verweist, ist das der erzählten Situation nicht angemessen. Seine Jünger sind nicht in Hungersnot, nicht auf dem Kriegspfad, nicht vom Tod bedroht. Sie tun nur einfach, was andere nicht tun. Aber Jesus stellt sich vor sie. Weil sie zu ihm gehören.

5 Und er sprach zu ihnen: Der Menschensohn ist ein Herr über den Sabbat.

               Ich glaube, dass hier, mit diesem Wort, noch anderes anklingt – was bei Jesus ja auch andernorts zu hören ist: Hier ist mehr als David. So wie Jesus „größer“ ist als Salomo, „größer“ als Jona, so ist er auch „größer“ als David. Er handelt aus einem anderen Recht als aus der Verpflichtung zum Gehorsam gegen das Gebot. Der „Menschensohn“, das ist nicht prosaische Umschreibung für „Ich“ wie „meine Wenigkeit“. Das ist der Anspruch Jesu: Der Menschensohn hat die Macht zu einem Handeln, das die tradierten Grenzen auf-sprengt. So wie er heilen kann, wie er Sünden vergeben kann, so kann er auch dem Sabbat sein eigentliches Recht zurückgeben: Wohltat zu sein für die, die ihn erleben, Ruhepunkt, Genuss der guten Gaben Gottes.

            Dass diese Freiheit nicht grenzenlos ist und der Sabbat nicht der Willkür ausgeliefert und überlassen werden darf, darauf verweist eine Textvariante, die sich in alten Handschriften findet:  „An demselben Tage sah er jemand am Sabbat arbeiten und sprach zu ihm: Mensch, wenn du weißt, was du tust, so bist du selig; wenn du es aber nicht weißt, so ist du verflucht und ein Übertreter des Gesetzes.“( Handschrift D, zit. nach K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 82) Nachdenkenswert nicht zuletzt in einer Zeit, in der der Sonntag, für die Christen an die Stelle des Sabbat, mehr und mehr preisgegeben erscheint an Gedankenlosigkeit und wirtschaftliche Interessen, nur noch schwach gestützt durch ein paar gewerkschaftliche und kirchliche Erwägungen über die Notwendigkeit von Arbeits- und Aktivitätspausen,

    Jesus denkt grundsätzlich anders als die Pharisäer und Schriftgelehrten. Er geht nicht von der Angst vor dem Missbrauch aus. Er denkt nicht von der Grenze her. Er kommt von der Freiheit her, von der Kindschaft, von der Überzeugung, dass diese Welt Gottes Gabe an uns ist. „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird;“ (1. Timotheus 4,4) Mit diesen Worten wird – in einem anderen Kontext – doch die Lebenshaltung Jesu erfasst, die ihn leitet. Ich scheue mich immer ein wenig, vom Selbstverständnis Jesu zu reden  – aber nach der Erzählung des Lukas drängt sich dieser Gedanke auf: So denkt Jesus – von der Freiheit her und dazu will er uns auch führen.

               Anders gesagt: Hinter diesem Handeln steht meines Erachtens eine Grundüberzeugung Jesu, aus der er lebt und in die er uns hineinführen will, belegt diesmal aus dem Lukas-Evangelium und durch den Erzähler Jesus: „Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.“(15, 31) Jesus erzählt nicht nur diese Geschichte – er handelt aus dieser tiefen Geborgenheit in dem Vater, aus der Einheit mit ihm – und er will, dass wir hineinwachsen in diese Beziehung. Er will uns Anteil an ihr geben, selbst wenn wir so unbedacht in sie hinein stolpern wie die Jünger an diesem Sabbat.

 

Jesus, manchmal stolpere ich in eine Entdeckung. Manchmal tue ich, was weit über mein gewohntes Handeln hinaus geht.  Ob Deine Jünger gewusst haben was sie tun? Ob sie aus Deiner Freiheit so am Sabbat gehandelt haben?

Du aber stellst ihr Handeln in Deine Freiheit. Du willst, dass wir von Dir lernen, ganz aus dem Vertrauen auf den Vater zu denken, zu handeln, zu leben.

Du führst in die Freiheit der Kinder Gottes. Lass mich diese Freiheit lernen und sie anderen gönnen. Amen

6 Es geschah aber an einem andern Sabbat, dass er in die Synagoge ging und lehrte.

               Wieder und wieder: es geschah. Es begab sich. Es fügte sich. Es scheint die stilistische Lieblingswendung des Lukas zu sein, fast ein wenig eintönig und einfallslos. γνετο. Wie ein roter Faden zieht sie sich durch das Evangelium und sagt, unaufhörlich: was hier geschieht, hat seinen Ursprung in Gott. Es begab sich ist nicht wie im Märchen: es war einmal. Sondern es ist der leise Hinweis: hier hat Gott seine Hand im Spiel. Was jetzt geschieht, trägt den Stempel seines Willens. Zugleich glaube ich: genau darin, dass das Geschehen sich dem Willen Gottes „verdankt“, gründet die unglaubliche Freiheit Jesu, diese Souveränität, in der er mit dem Regelwerk Israels umgeht.  Weil er im Letzten gebunden ist, an den Willen des Vaters, ist er in allem Vorletzten, auch im Gesetz frei.

               Jesus ist ein Synagogenwanderer. Darum ist er am Sabbat in der Synagoge. Es ist ein bisschen unbestimmt: ein anderer Sabbat: Dafür klingt es umso bestimmter. In der Synagoge. Gemeint ist aber ein typisches Verhalten – wo sollte Jesus am Sabbat auch sonst sein als in der Synagoge? Das ist sein Ort, denn hier folgt er seiner Berufung: Er lehrt. Er sagt seine Botschaft. Er stärkt Menschen den Rücken, mit Worten und Werken.

Und da war ein Mensch, dessen rechte Hand war verdorrt.

               Das ist der Tatbestand. Einer kann seine Hand nicht mehr gebrauchen. Er ist nur noch halb. „Ich, der Mann mit der verdorrten Hand war Maurer und verdiente mit meinen Händen meinen Lebensunterhalt. Ich bitte dich, Jesus, dass du mir meine Gesundheit wieder herstellst, damit ich nicht schimpflich um das Essen bitten muss.“ (Ebioniter-Evangelium zit. nach: F. Bovon, Lukas-Evangelium, EKK III/1, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 274) Das ist das Schicksal, das ihm droht. Er wird betteln müssen.

 7 Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer lauerten darauf, ob er auch am Sabbat heilen würde, damit sie etwas fänden, ihn zu verklagen.

               Irgendwie hat sich in der Zeit des ersten Wirkens Jesu Spannung aufgebaut. „Die Schriftgelehrten und Pharisäer kennen seinen Fall und warten darauf, dass sich Jesus zu einer Heilung provozieren lässt.“ (F. Bovon, ebda.) Sie sind längst Gefangene ihres Misstrauens, ihres Argwohns. Sie können nicht mehr einfach nur da sein und abwarten, was geschehen wird. Die vermuteten, prognostizierten Geschehnisse haben absurder Weise schon die Regie übernommen. Deshalb lauern sie, so wie Übeltäter lauern und auf Beute aus sind. Was für eine innere Seelen-Unruhe an dem Tag, der doch der Ruhe und Anbetung Gottes dienen soll.

            Das lässt mich fragen: Wie viel Unruhe gibt es auch heute an dem Tag, der doch der Ruhe und dem inneren Frieden dienen soll? Wie oft sind wir gefangen in unseren Vor-Urteilen über Predigten, Verhalten, Gottesdienste. Und statt uns zu freuen an Gottes Güte, regen wir uns auf über die fehlende Güte (=Qualität) in dem, was wir hören, sehen und „mitfeiern“. Sind  wir nicht auch allzu häufig auf der Lauer und betrügen uns selbst?

8 Er aber merkte ihre Gedanken und sprach zu dem Mann mit der verdorrten Hand: Steh auf und tritt hervor! Und er stand auf und trat vor.

               Der Herzenskenner Jesus sieht, liest ihre Gedanken. Er sieht es den Gesichtern an – so könnte man sagen. Das gibt es ja, Gesichter wie eine Steilwand, an denen alles abprallen wird. Es kann auch sein, dass er inzwischen weiß, wie „sie“ ticken. Es ist ja nicht die erste Begegnung. Aber Jesus lässt sich nicht von der Wand beeindrucken. Er wendet sich dem Menschen und  holt ihn in die Mitte – είς τό μέσον. Aus dem Winkel in die Mitte, aus der Ecke nach vorne, aus der Verborgenheit in die Sichtbarkeit, ins Blickfeld. Und der Mann folgt der Aufforderung – obwohl er doch wissen kann, was andere denken. Ein Kranker in der Synagoge – das geht nicht. Ein Kranker ist doch ein Sünder.

            Krankheit als die Folge von Sünde – das war brutal-gängige Betrachtungsweise damals und ist es zum Teil auch heute noch. Selbst schuld – so sagen sie heute und diskutieren, ob man nicht Beitragssätze erhöhen muss für unsolides Leben, fehlende Vorsorge, verweigerte Programme. Wir sind nicht so viel weiter wie die damals, auf die wir so gerne aufgeklärt herab schauen.

9 Da sprach Jesus zu ihnen: Ich frage euch: Ist’s erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses, Leben zu erhalten oder zu vernichten? 10 Und er sah sie alle ringsum an und sprach zu ihm: Strecke deine Hand aus! Und er tat’s; da wurde seine Hand wieder zurechtgebracht.

            Jesus wendet sich an die Schriftgelehrten und Pharisäer. Er fragt nicht nach dem Glauben des Mannes mit dem Handicap. Er will von ihm keine Erklärung. Aber er will seine lauernden `Freunde’ ins Nachdenken führen. Ist der Sabbat für das Leben da oder für den Tod? Dient er dem Guten, dem Leben, oder ist er eine Plattform für das Böse? Das ist die Frage nach dem ursprünglichen Sinn des Sabbats, den ja all die Gebote und Vorschriften der Schriftgelehrten und Pharisäer zu schützen vorgeben.

            Das ist in den Augen Jesu der tiefste Sinn des Sabbat: Er ist Wohltat von Gott her und rettet vor dem Sklaventum der ununterbrochenen Arbeit und Selbstproduktion. Aber mit dem Sabbat tut Gott uns Gutes – αγαθοποιει̃ν, wohltun hat er mit dem Sabbat im Sinn und wer Gutes tut, auch und gerade am Sabbat, ist in der Spur Gottes. Das ist der Anspruch Jesu: Er erfüllt den Sabbat Gottes.

10 Und er sah sie alle ringsum an und sprach zu ihm: Strecke deine Hand aus! Und er tat’s; da wurde seine Hand wieder zurechtgebracht.

           Darum steht am Schluss, fast beiläufig erzählt, die Heilung. Das Machtwort Jesu bringt seine Hand zurecht, indem er ihm gehorcht. Er, seine Hand, wird wieder zurechtgebracht, so wie ganz Israel einmal wieder zurecht gebracht werden soll. Vielleicht kann ich ganz im Sinn des Lukas sagen: So handfest fängt die Wiederherstellung Israels ein – ein Mann kann sein Hand wieder gebrauchen.  Eine schöne Schlussfolgerung: „So offenbart auch dieses Wunder Jesu Amt, Gott und seiner Herrschaft Raum zu schaffen.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 83)  Es kann sein, weil so der Blick ganz auf diesen Auftrag gerichtet wird, fehlt der sonst so häufige Chor-Schluss, der die Reaktion der Zuschauer spiegelt: sie staunten und entsetzen sich alle

11 Sie aber wurden ganz von  Sinnen und beredeten sich miteinander, was sie Jesus tun wollten.

            Man erfährt nichts über die Freude des Geheilten. Nur die Reaktion der Schriftgelehrten und Pharisäer wird vermerkt. Sie waren von Sinnen. ανοία statt αγνοία schreibt Lukas. Es ist eben nicht die Unwissenheit – die wird von  Lukas oft entschuldigt. Hier ist die blanke Wut, der Wahnsinn im Spiel. Ausgeliefert an ihre Emotionen beratschlagen sie, wie diesem Jesus beizukommen ist. Kein Zweifel: Es ist eine mörderische Wut. Und so etwas geschieht am Sabbat? Ist damit nicht auch die Frage beantwortet, wer am Sabbat Gutes tut und wer am Sabbat Böses denkt und plant?

Jesus, Du rufst aus dem Winkel in die Mitte, aus dem Schatten ins Licht. Du heilst. Du stellst neu in das Leben. Das ist nicht nur damals Dein Wille, Dein Tun. Das willst Du auch heute, auch durch uns, Deine Kirche.

Menschen sollen ins Licht, die im Schatten stehen, ins Blickfeld, die sich verkriechen, aufgerichtet werden, die gebeugt worden sind.

Gib Du, barmherziger Herr, dass wir Dir nicht im Weg stehen, nicht den Weg zu Dir verbauen durch Kleinglauben und Rechthaberei.

Herr, erbarme dich. Amen

            Ich habe mit den ganzen Abschnitt ein Problem: Lukas erzählt eine Begebenheit, die so wirkt, als ginge es gar nicht um den Menschen und seine Hand. Er ist Gegenstand eines Streites, der auch über Ähren ausgetragen werden könnte, über einen Ochsen, der in den Brunnen gefallen ist, über Reinigungsarbeiten und Wäschewaschen. Mit dem Kranken und seiner Hand hat das alles nichts zu tun. So wirkt auch seine Heilung fast wie eine Demonstration. Diese Erzählung tanzt damit aus der Reihe, wie hier ein Kranker zum Objekt gemacht wird, nicht mehr Subjekt ist, nicht mehr in der Mitte steht, obwohl Jesus ihn doch in die Mitte gerufen hat.

            Bin ich überempfindlich? Muss nicht der Satz gelten: Hauptsache, er ist geheilt. Ob die Motive so her und rein sind, ist doch zweitrangig. Ich frage doch auch bei dem mich behandelnden Arzt nicht nach seinen Motiv – ob er das um des Geldes willen macht, um seiner höheren medizinischen Ehre willen oder ob ich ihm wichtig bin, ich allein.

            Aber von Jesus erhoffe ich, dass jede und jeder für ihn als Mensch wichtig ist, im Vordergrund und dass er, sie, nie Mittel wird, nie Objekt wird, nie nur eine Funktion. Das erhoffe ich von ihm, weil ich es auch in der Kirche zu oft sehe, wie Menschen verzweckt werden, eingespannt in ein Projekt und nur das Projekt zählt, nicht mehr der Mensch.  Wenn das überempfindlich ist, dann will ich gerne überempfindlich sein.