Fasten oder Feiern?

Lukas 5, 33 – 39

 33 Sie aber sprachen zu ihm: Die Jünger des Johannes fasten oft und beten viel, ebenso die Jünger der Pharisäer; aber deine Jünger essen und trinken. 34 Jesus sprach aber zu ihnen: Ihr könnt die Hochzeitsgäste nicht fasten lassen, solange der Bräutigam bei ihnen ist.

            Es ist oft so: vor allem an der religiösen Praxis entstehen die Diskussionen, nicht so sehr an den dogmatischen Lehrsätzen. Weil die Praxis sichtbar ist, Verhalten zeigt und eben deshalb auch Abweichungen vom eigenen Verhalten. Hier also: die Einen fasten, angelehnt an die Tradition. Die Anderen fasten nicht. Der Verdacht ist naheliegend: sie kennen sich nicht aus oder aber sie verachten die altehrwürdigen Regeln. Beides ist schlimm.

Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier.
Ach, wie lang, ach lange ist dem Herzen bange, und verlangt nach dir!
Gottes Lamm, mein Bräutigam,
außer dir soll mir auf Erden nichts sonst Liebers werden.
                                                                                        J. Franck 1653, EG 396

            Wer so singt, kann nicht traurig fasten. Fasten-Praxis trifft auf Fest-Freude. Es ist wohl zu Zeiten Jesu schon aufgefallen: Er übt keine „geistliche Regel“ mit seinen Leuten ein. Er schärft keine rituellen Verhaltensmuster ein, mit deren Hilfe man sich Gott nahen kann. Er schenkt seine Gegenwart und in dieser Gegenwart blüht Gottvertrauen auf, blüht ein unmittelbares Reden mit dem Vater auf.

              Vermutlich ist die Antwort Jesu mehr als nur ein Zurückweisen durch den Vergleich mit einer Hochzeit.  Das weiß doch jeder, damals wie heute: „Hochzeit ist Freudenzeit.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 80) Wo der Bräutigam ist, da ist Fest angesagt und es wäre ein Affront gegen den Bräutigam, jetzt fasten zu wollen. Wer ist denn so verrückt, dass er bei einer Hochzeit fasten würde?

            Ein anderes Licht fällt vom folgenden Wort her auf das Nichtfasten der Jünger: „Wir lesen als jüdische Lehre bei Maimonides: Alles Fasten wird in den Tagen des Messias aufhören und es werden keine anderen als gute Tage und Tage der Freude sein.“ (F. Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.157) Von diesen Sätzen her gelesen könnte also im Nicht-Fasten der Jünger ein Bekenntnis verborgen sein: Die Zeit des Messias ist da. Und Jesus akzeptiert diese Praxis, indem er von dem  Bräutigam spricht. „Die Evangelisten konnten nicht anders, als Jesus mit dem Bräutigam gleichzusetzen.“  (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 260) 

             Wahrscheinlich wird hier aber auch – über die erzählte Zeit hinaus – die unterschiedliche Praxis der Gemeinde mit der Praxis der „Mutterreligion“ des Judentums ins Gespräch gebracht. Wenn die junge Christengemeinde ganz in der Gegenwart des Auferstandenen lebt, dann ist die Freude ihr Leitmotiv, und Fasten in Sack und Asche – das sind ja wohl die äußeren Attribute – ist völlig unangemessen für diese Freude.

35 Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, in jenen Tagen.

               Ob es eine Kritik ist: Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, in jenen Tagen. Wenn diese unmittelbare Freude verloren geht, das Wissen um den gegenwärtigen Herren, dann wird es zu neuer Fasten-Praxis kommen. Vielleicht aber spiegelt sich in diesem Sätzen auch die Praxis der ersten Christen. „Die Christen haben früh wieder Fastentage eingeführt…. Wie das Gebet wird das Fasten Teil der christlichen Liturgie, in der die Gegenwart Christi erfahrbar ist und die Christen für den Geist ansprechbar sind.“  (F. Bovon, aaO.; S.261f.) Wobei es einige Zeit dauern wird, bis das christliche Fasten Teil einer Buß-Übung wird und nicht einfach ein Leer-Werden, um von Gott her neu erfüllt zu werden.

                 Ich könnte vielleicht frech eine steile These aufstellen: Je weniger die christliche Gemeinde in der Gewissheit der Auferstehung und der Gegenwart des Dreieinigen Gottes lebt, umso mehr greifen Praktiken des Fasten, der religiösen Übung, der Selbstkasteiung um sich. Wer sich ganz in Gott geborgen weiß, von ihm umgeben wie von der Luft, die er atmet, der muss nicht fasten, um Gottesgegenwart herzustellen. Er lebt ja in der Freude des angebrochenen Festes.

 36 Und er sagte zu ihnen ein Gleichnis: Niemand reißt einen Lappen von einem neuen Kleid und flickt ihn auf ein altes Kleid; sonst zerreißt man das neue und der Lappen vom neuen passt nicht auf das alte. 37 Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der neue Wein die Schläuche und wird verschüttet und die Schläuche verderben. 38 Sondern neuen Wein soll man in neue Schläuche füllen.

           An diese Sätze über das Fasten wird ein Doppelgleichnis angehängt, durch das die angefangene Debatte weiter geführt wird. Wieder geht es um den Gegensatz alte und neue Praxis. Frömmigkeit, die sich von der Tradition löst, ist immer verdächtig.

             Das Argument des Doppelgleichnisses ist eindeutig. Was für ein Unsinn, ein neues Kleid zu zerstören, um ein altes Kleid zu flicken. Was für eine törichte Handlung, den gärenden neuen Wein in alte Schläuche zu füllen. Sie werden ihn nicht halten können. Das Neue, so die Auskunft beider Worte, sprengt das Alte, zerreißt es. Wer es dennoch versucht, der verliert beides – ein Bewahren des Neuen im alten Gewandt wird nicht funktionieren.

            Es geht Jesus, so das Doppelgleichnis, nicht um Reformen. Es geht auch der jungen Christenheit nicht um Reformen. So jedenfalls liest Lukas die Jesus-Geschichte. Er ist die Erfüllung der Gottesverheißungen, aber nicht der Reformator jüdischer Frömmigkeit. Jesus als Reform-Rabbi – das ist kompletter Unsinn. Das neue Leben des Evangeliums verlangt nach neuen Wegen, sucht sich neue Ausdrucksformen, wird auch neue Rituale entwickeln. Die Aufgabe der Jünger (= der jungen Christengemeinde) ist nicht Anpassung an den alten Glauben, an die ehrwürdigen Riten der Väter, sondern ein Leben, das der Gegenwart des Bräutigams entspricht.

               Ist es ganz falsch, diese Sätze auch kritisch auf das Religion-Werden des Christentums hin zu lesen? Es ist so viel Aufmerksamkeit und Kraft darauf verwendet worden, den neuen Glauben einzupassen in die alte Welt der Religionen, seine Vernunft nachzuweisen, ihn akzeptabel zu machen für die Denkvoraussetzungen der paganen Philosophie und der alltäglichen Verhaltensweisen. Wie viel ist dabei von dem Neuen auf der Strecke geblieben! Zumindest denken darf ich das doch, selbst wenn ich es nicht sicher behaupten kann und nicht einer revolutionären jesuanischen Träumerei auf den Leim gehen will. Aber dass wir weit zurück bleiben hinter dem Leben aus der geglaubten, gefeierten und erfahrenen Gegenwart des Auferstandenen, das ist mir außer Frage – sowohl was mein persönliches Leben angeht als auch was die Praxis aller Kirchen durch alle Zeiten hin betrifft.

39 Und niemand, der vom alten Wein trinkt, will neuen; denn er spricht: Der alte ist milder.

             Freilich: Das ist nicht unangefochten. Der Weg zu dem Neuen – das ist wohl der Sinn dieses Verses – geht nicht ohne Verlustängste. Wer mit dem alten Wein seine Erfahrungen gemacht hat, gute obendrein, der wird sich von dem neuen Wein fernhalten. Der ist zu „streng“, zu rauschhaft. Wer seinen Lebensdurst in der Beachtung der Gesetzen und Regeln, in der Praxis des Opfers gestillt sieht – warum sollte der sich aufmachen zu neuen Wegen? Warum sollte der von einem Wein trinken, dessen Geschmack ihm womöglich nicht zusagen wird? “Es ist der Glaube nicht jedermanns Ding.” (2. Thessalonicher 3,2) sagt Paulus. Das schmerzt, so wie auch diese Bobachtung im Wort Jesu schmerzt. Es ist jedes Mal ein Wunder, wenn einer sich von seinen gewohnten Verhaltensweisen lösen kann und dem neuen Wein mehr traut als den Getränken seines bisherigen Lebens.

 

Jesus, Herzens-Bräutigam, Freudenmeister. Du willst unsere Freude, unser Glück, unser Leben, erfüllt aus Deiner Gegenwart.

Du willst Dich schenken, Lebensfülle, Gnade um Gnade, überfließend, reich, so dass kein Mangel ist an irgendeinem Gut.

Hilf mir, die Hände zu öffnen, zu empfangen, was Du gibst, Dich zu empfangen, das Leben aus Dir und mein Leben in Dir und Deiner Fülle zu leben. Amen