Der Gesunde lässt gesunden

Lukas 5, 27 – 32

 27 Und danach ging er hinaus und sah einen Zöllner mit Namen Levi am Zoll sitzen und sprach zu ihm: Folge mir nach! 28 Und er verließ alles, stand auf und folgte ihm nach.

             Jesus sieht und ruft und Levi folgt dem Ruf. Jesus sieht den Zöllner am Zoll, bei der Arbeit. Aber es interessiert ihn nicht, welche Vergangenheit dieser Mann hat. Oder genauer: Seine Tätigkeit hindert ihn nicht. Auch nicht, dass er „durch seinen Beruf nach der Anschauung der Zeit zu den „Sündern“ gehört.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 78)Das alles  ist kein Ausschlussgrund für den Ruf Jesu. Es ist nicht unsere Vergangenheit, die dem Rufen Jesu im Weg steht. Es ist auch nicht die Gegenwart. Es ist allenfalls unsere fehlende Bereitschaft, ihm zu folgen, die seinem Ruf im Weg stehen kann.

        Aber hier ist davon nichts zu spüren: Und er verließ alles, stand auf und folgte ihm nach. Liegt es am Eindruck der Persönlichkeit Jesu? Was ist das für eine Macht in seinem Rufen, die Menschen aus ihrem bisherigen Leben so herauslösen kann? Man könnte ja auch darüber spekulieren, ob Levi schon innerlich im Zwist lag mit seinem Beruf, heimlich ans Aussteigen gedacht hat – und jetzt trifft ihn der Ruf im genau richtigen Augenblick. Der Wortlaut gibt dazu nichts her.

            Wichtig erscheint mir: Dieser Ruf ist kein Ruf in einen präzisen Auftrag. Es ist der Ruf in eine Gemeinschaft: Ich will, dass Du mit mir durch das Land gehst, dass Du meine Wege teilst, meine Gegenwart erfährst, mein Tun siehst, meine Worte hörst. Du sollst sehen und miterleben und mit aushalten, wie ich ohne feste Bleibe bin, ohne Sicherheit, ohne Rückendeckung, wie ich einfach einen Weg des Vertrauens auf die Fürsorge des Vaters gehe, getragen von seiner Zusage: Du bist mein lieber Sohn.   

 29 Und Levi richtete ihm ein großes Mahl zu in seinem Haus, und viele Zöllner und andre saßen mit ihm zu Tisch. 30 Und die Pharisäer und ihre Schriftgelehrten murrten und sprachen zu seinen Jüngern: Warum esst und trinkt ihr mit den Zöllnern und Sündern?

            Da taucht eine Spannung zum vorigen Vers auf. Aber „Lukas stört es nicht, dass Levi, der alles verlassen hat, noch ein Haus besitzt und ein Gastmahl veranstalten kann.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 258) Ist das Verlassen doch nicht so radikal? Es könnte aber auch so sein: Dieses große Mahl ist nicht nur ein Abschiedsmahl von einen früheren Weggefährten. Es ist zugleich der Anfang seiner Nachfolge. Sie fängt so an, dass er nicht nur sich selbst aufmacht, sondern sein Haus aufmacht, öffnet. Levi hat es ja und er ist kein einsamer Hund. Seine alten Berufskollegen sammeln sich um ihn und andere, von denen wir nichts erfahren. Es ist eine Gesellschaft, offen für viele. Auch für andere, die anders sind als man sein sollte.

               Was für ein Start in die Nachfolge: Levi wird Gastgeber für Zöllner und Sünder. Weiter kommen wir auch nie in der Nachfolge als das wir zu Gastgebern werden für unseresgleichen, für die, die mit uns auf dem Weg sind. Diese Gastgeberschaft schuldig zu bleiben hieße den Weg der Nachfolge zu verfehlen.

              Wie auch immer: Jesus kehrt bei Levi ein – so wie er später bei dem Zöllner Zachäus einkehren wird – und es gibt ein großes Gelage. Die Sünder sind auch im Haus des Levi nicht unter sich. Andere sehen zu – Pharisäer und ihre Schriftgelehrten. Ihre – das ist wohl der Hinweis: sie sind die theologischen Gewährsleute der Pharisäer, die ihnen die Argumente liefern. Es ist wohl kaum gedacht, dass sie mit am Mahl teilnehmen. Aber sie stellen die Frage: Ist das in Ordnung – mit diesen Leuten zu essen? `Sage mir, mit wem du isst und ich sage dir, wer du bist.’ „Wie kann Jesus außer Acht lassen, dass sich, wer fromm sein will, von einem solchen Menschen radikal zu trennen hat?“ (K.H. Rengstorf, ebda.) Tischgemeinschaft ist keine harmlose Angelegenheit. Sie bindet mit denen zusammen, mit denen man isst. Das ist ein Wissen, das bis heute nicht verloren gegangen ist. „Mit dir setze ich mich nicht an einen Tisch“ ist verweigerte Gemeinschaft.

            Das Wissen der Pharisäer ist vom Wissen um die Vergangenheit des Levi und seiner Genossen bestimmt. Jesus ist in schlechter Gesellschaft. Es ist ein Denken, das festlegt, das regelrecht festnageln kann auf die Vergangenheit, das nicht mehr mit neuen Schritten und einer anderen Zukunft rechnet. „Menschen verändern sich nicht“ – ist das Wort eines Oberkirchenrates, das ich für alle Zeit im Ohr habe. Er ist – so denke ich – mit diesem Wort ein später Nachfahre der Pharisäer und Schriftgelehrten.

            Noch ein winziges Detail: Gefragt werden die Jünger Jesu. Ob damit der Ort der Frage weit über eine historische Situation im Leben Jesu hinaus angedeutet wird? Es ist die Frage, der sich die Gemeinde Jesu ausgesetzt sieht, damals die Leserinnen und Leser des Lukas und bis heute die Gemeinde, die sich zu denen stellt, die der Gesellschaft als Randgruppe, als Außenseiter gelten. Aber was gemeint ist, ist trotzdem klar: Warum gebt ihr euch mit diesen Leuten ab? Warum setzt ihr euch mit ihnen an einen Tisch? Und vielleicht noch schärfer: Warum dürfen Sünder bei euch zum Abendmahl kommen?

            Spätestens mit dieser letzten Frage kommen wir im Heute an – und in der Frage, wie wir denn auf diese Frage antworten: Was sind das für traurige Gestalten in der Kirche, mit denen ihr euch abgebt und die ihr willkommen heißt! Ist das wirklich wahr: Kirche ist ein Gemeinschaft der Sünder – die haben es nötig, in die Kirche zu rennen, weil sie in keiner Weise auf der Höhe sind – moralisch nicht, sittlich nicht, intellektuell nicht, lebensmäßig nicht und auch im Blick auf den Glauben nicht.

 31 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. 32 Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten.

            Das Bild vom Arzt ist stark: Er geht dorthin, wo Kranke sind, gerufen und ungerufen. Er hat keine Angst vor Ansteckung. Er weiß sich zu schützen und kann gerade deshalb dorthin gehen, wo alle anderen sich zurückziehen. Er weiß sich seinem Auftrag verpflichtet: Heilung zu bringen. Das geht nicht, ohne dass die Selbstheilungskräfte eines Menschen aktiviert werden. Heute sagen Mediziner das klarer als früher: Wir unterstützen nur – die Natur heilt. Ob das nicht auch für Jesus gilt? Seine Zuwendung setzt neue Kräfte frei. Dass er Menschen anschaut,  sich mit ihnen an einen Tisch setzt, sie so anerkennt, das eröffnet neue, nie geahnte Möglichkeiten, das eigenen Leben neu zu ordnen.

            Ich versuche, den Satz Jesu zu übertragen: Ich bin für die da, die am Leben verunglückt sind. Ich gehe zu denen, die es nicht geschaffen haben, den Normen zu entsprechen. Ich habe meinen Platz bei denen, die in kein Schema passen. Ich suche die, die nicht zurechtkommen, nicht mit Gott, nicht mit der Welt, nicht mit sich selbst. Da ist mein Platz, zu ihnen für mich mein Auftrag. Ich bin gekommen – er hätte auch sagen können: Ich bin gesandt. Das steckt hinter diesem Wort, das den verborgen Auftrag Gottes an Jesus benennt.

            Der eine Gesunde lässt Sünder gesunden. Der eine, der tief in Gott verwurzelt ist, öffnet den anderen den Weg, dass sie ihr Leben neu vor Gott sehen können und aus diesem neuen Sehen Umkehr werden kann. Dass er sie ansieht, lässt sie aufsehen, lässt sie Gott und sich selbst neu wahrnehmen. Wer Gott schon so sieht, wie er ist, in Wahrheit seine Liebe sieht, sein Erbarmen und daraus lebt, der braucht diesen Ruf nicht mehr. Aber: Der wird doch in diesem Ruf den Ruf der Liebe erkennen! Darum wirbt Jesus bei den „Gerechten“ ohne Ende.

 

Jesus, Du siehst Menschen, wie sie sind, geworden sind, was sie tun und was ihr Tun mit ihnen macht. Du siehst, wie sie festsitzen, festgelegt sind und festgelegt werden.

Du siehst Menschen und rufst sie zu Dir auf Deinen Weg, in Deine Nähe, in Deine Liebe. Du traust ihnen neue Wege zu, neue Einsichten, neue Sehnsucht nach dem Leben nach Gott.

Jesus, rufe auch uns so, dass wir Dich hören, Dir folgen und das Leben neu empfangen aus Deinen Händen und mit Dir auf dem Weg bleiben. Amen