Der Anfang des Anrufens

  1. Mose 4, 17 – 26

17 Und Kain erkannte seine Frau; die ward schwanger und gebar den Henoch. Und er baute eine Stadt, die nannte er nach seines Sohnes Namen Henoch.

Auch im Lande Nod hört der Segen Gottes nicht auf. „Seid fruchtbar und mehrt euch“ (1,28) Dieser Segen aus dem Paradies ist  auch durch die Gewalttat des Kain nicht nichtig geworden. Viel später wird Jeremia ins Land des Elends, ins Exil nach Babylon schreiben: „Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.“ (Jeremia 29, 5 – 6)

Es ist dieses Kinderzeugen des Kain im Lande Nod wie ein Kontrapunkt zu dem Satz aus unserer Zeit heute, in der Bundesrepublik, diesem so reichen Land: „In diese Welt darf man doch keine Kinder mehr setzen!“ Kain findet seine Frau, erkennt sie – die gleiche Wendung wie bei „Adam erkannt seine Frau Eva“ (4,1)! –  und sie erhalten einen Sohn, Henoch.

18 Henoch aber zeugte Irad, Irad zeugte Mehujaël, Mehujaël zeugte Metuschaël, Metuschaël zeugte Lamech. 19 Lamech aber nahm zwei Frauen, eine hieß Ada, die andere Zilla. 20 Und Ada gebar Jabal; von dem sind hergekommen, die in Zelten wohnen und Vieh halten. 21 Und sein Bruder hieß Jubal; von dem sind hergekommen alle Zither- und Flötenspieler. 22 Zilla aber gebar auch, nämlich den Tubal-Kain; von dem sind hergekommen alle Erz- und Eisenschmiede. Und die Schwester des Tubal-Kain war Naama.

Kain ist der Stammvater einer Sippe – die Keniter werden auf ihn zurück geführt. Ganz ohne moralisch missbilligenden Unterton wird erzählt, dass Lamech zwei Frauen nahm. Es ist offensichtlich möglich und spiegelt die Verhältnisse der Zeit. Wenn die Bibel so erzählt, rechtfertigt sie nicht, sondern erzählt nur, was ist. Die Nachkommen Lamechs sind kulturschaffende Leute. Henoch baut eine Stadt, Jabals Nachkommen prägen ein Leben als Viehhalter, die Jubal-Sippe werden Musiker und die von Tubal-Kain abstammen Schmiede, in unserer Sprache Handwerker. Das sind alles noch keine Berufe in unserem heutigen Sinn, aber Fertigkeiten, die dem Leben dienen. Die Nachkommenschaft Kains ist so wichtig für die Fortentwicklung der Gesellschaft.

23 Und Lamech sprach zu seinen Frauen: Ada und Zilla, höret meine Rede, ihr Frauen Lamechs, merkt auf, was ich sage: Einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jüngling für meine Beule. 24 Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal.

            Zugleich bleibt auch in dieser Sippe eine Linie der Gewalttätigkeit virulent. Ich mag nicht so weit gehen, dass ich das ein Erbe Kains nennen würde. Aber es ist Zeichen einer bestürzenden Gewalttätigkeit, wie das Schutzwort des Herrn über Kain – wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden (4,15) – von Lamech aufgenommen und maßlos erweitert wird:  Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal. So ist dieses Wort des Lamech ein Hinweis auf eine „Geschichte des Anwachsens der Sünde und damit Hand in Hand gehend, einer immer tieferen Zerstörung der ursprünglichen Lebensordnungen.“ (G.v.Rad, aaO; S.91)   

            Wichtig ist vor allem: Das Wort über Kain legt die Rache in die Hände Gottes. Das Wort Lamechs dagegen beansprucht das Recht der Rache für sich selbst. „Die Rache ist mein.“ (5.Mose 32,35) wirkt auf mich deshalb wie ein später Einspruch gegen diese Worte des Lamech – und nimmt jedem Rachedenken unter uns die Legitimation einer Berufung auf göttliches Recht. Ob man den Bruder, die Schwester oder den Propheten rächt – jedes-mal maßt man sich an, was Gott sich vorbehalten hat.

Dieses exklusive Recht der Rache in Gottes Hand hat seinen guten Sinn: Es wehrt der Maßlosigkeit menschlicher Rachegelüste und es legt die Rache in die Hände dessen, der in seinem Herzen nichts als Erbarmen trägt.

25 Adam erkannte abermals seine Frau, und sie gebar einen Sohn, den nannte sie Set; denn Gott hat mir, sprach sie, einen andern Sohn gegeben für Abel, den Kain erschlagen hat. 26 Und Set zeugte auch einen Sohn und nannte ihn Enosch.

Die Erzählung kehrt zu Adam und Eva zurück. Wieder wird Eva schwanger. Set wird geboren. Er ist nicht der „Ersatz“ für Abel, aber ein neues Geschenk aus Gottes Güte. „Schet bezeichnet eine neue Menschheitslinie.“ (H.Seebass, aaO;, S.173) Das wird auch sichtbar im Namen, den Set seinem Sohn gibt. Enosch hat die Bedeutung „Menschheit“. So wird das Wort für Mensch, ’ādām, in dem Augenblick durch ein anderes Wort weitergeführt, in dem Adam zum Eigennamen wird.

Zu der Zeit fing man an, den Namen des HERRN anzurufen.

Als es zu den ersten Schritten der Menschheit kommt, ist die Zeit reif, den Namen des HERRN anzurufen. Das ist noch nicht Gottesdienst, Kultus, geregelte Ausübung von Frömmigkeit. Der Bibelleser hat ja auch „im Hinterkopf“, dass der Name Gottes erst am Dornbusch offenbart wird: „Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde.“ (2. Mose 3, 13-14) Aber daran liegt dem Schreiber von 1. Mose viel: Es ist nicht vorbei mit dem Anrufen des Namens Gottes durch die Schuld von Adam und Eva, die Gewalttat des Kain, den Tod des Abel. Es kommt zum Anrufen des Namens, weil die Geschichte weiter geht. Sie geht weiter, weil Gott mit seiner Menschheit auf dem Weg bleibt.

Und ja, diese Linie, die hier anfängt, wird viel später wieder aufgenommen: …der war ein Sohn des Enosch, der war ein Sohn Sets, der war ein Sohn Adams, der war Gottes. (Lukas 3,38) So wird Jesus eingezeichnet in die Menschheitsgeschichte, die von Gott herkommt.

 

Mein Gott, danke für die, die in grauer Vorzeit, lange vor uns Deinen Namen angerufen haben. Danke für die, die die Spur gelegt haben – der Anbetung, des Glaubens, des Vertrauens auf Deine Güte.

Danke, dass durch die Zeit hin das nicht abgerissen ist, das Lob Deines Namens, das Suchen einer Zuflucht in Dir, das Stillen des Herzens in Deiner Gegenwart. Danke für Deinen heiligen Namen. Amen