Es geht um Dich

Lukas 5, 1 – 11

 1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth 2 und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.

        Der Ort des Geschehens ist das Ufer des See Genezareth bei Kapernaum. Jesus hat eine Massenbewegung ausgelöst – die Menge drängt um ihn. Warum? Weil er das Wort Gottes sagt, so sagt, dass eine Ahnung von der Wirkmächtigkeit des Wortes entsteht. Oder weil in seinem Mund das Wort Gottes wie ein Wort von heute erklingt, für heute und nicht wie eine historische Erinnerung.

              Weil es so eng um ihn ist, weil sich die Menge zu ihm drängte, muss sich Jesus Platz schaffen. Dazu bietet sich vom Ort her geradezu an, in ein Boot zu steigen. Jesus hat offene Augen und sieht, dass Boote da sind und auch Bootsbesatzungen da sind. Die sind mit dem ungeliebten Alltag beschäftigt – die Netze wieder für die nächste Nacht fangbereit zu machen. Mühselige Arbeit und sicherlich nicht die schönste Beschäftigung nach einer langen Arbeitsnacht. An einen von ihnen, Simon, wendet sich Jesus. Er bittet ihn um Hilfe. Am Tag zuvor hatten sie im Haus des Simon Jesus um Hilfe gebeten. Jetzt bittet er und Simon lässt sich bitten und hilft.

          Diese Bitte um Hilfe erscheint wie ein Türöffner für alles, was später kommt. Jesus ist nicht der selbstgenügsame Prediger, der alles allein kann. Er ist auf Menschen angewiesen, die ihm helfen, ihn unterstützen, für ihn etwas tun. Es zieht sich wie ein roter Faden durch das Evangelium, dass Jesus sich helfen lassen kann, dass er sich Hilfe gefallen lässt.

            Männer finden leichter einen Zugang zum Glauben, wenn sie etwas tun sollen. Es scheint eines der Muster in männlicher Spiritualität zu sein, dass sie nicht nur still sitzen wollen, nicht nur belehrt werden wollen, nicht nur Kopfnahrung, die Seelennahrung werden soll, bekommen wollen. Männer wollen etwas tun dürfen. Das ist eine der Formen männlicher Sinnfindung: Sinnvolles tun. So ist die Bitte an Simon eine Tür, die Jesus ihm öffnet und Simon macht so einen ersten Schritt.

            „Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.“ Jeder Ort ist gut genug, um zum Ort der Lehre zu werden. Es sind nur wenige Meter von Kapernaum bis zum Berg der Seligpreisungen, der ja nichts ist als eine Wiesenfläche, auf der heute eine wunderbare Kirche steht. Es sind beides keine sakralen Plätze – heilig ist nicht der Ort, von dem man es meint, sondern heilig ist der Ort, an dem Gott sich zeigt. „Nicht wo der Himmel ist, ist Gott, sondern wo Gott ist, ist der Himmel.“ (Gerhard Ebeling) So wird also das Seeufer zum Ort der Lehre, der Unterweisung im Wort Gottes und Jesus ist der Lehrer, der seinen Hörern in Vollmacht Gott zeigt.

4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! 5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.

             „Simon ist als Hörer der Predigt Jesu gedacht.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.127) Das mag so sein, aber Lukas schweigt sich darüber aus. Kein Wort davon, ob Simon aufmerksam zugehört hat oder gelangweilt oder ungeduldig – schließlich warten seine Netze auf ihn.

           Es ist die Alltagswelt des Simon, in die Jesus eintritt. Eine Welt, die von Booten und Netzen, von Fischen und von der Mühe der Arbeit bestimmt ist,  Im besonderen Fall von der vergeblichen Mühe einer langen Nacht. Es ist die Welt des Simon.

            Ob die mangelnde Resonanz, die wir heute manchmal bei der Kirche beklagen, damit zusammenhängt, dass Kirche längst zu einer Art „Sonderwelt“ geworden ist, in der der Zusammenhang zur Arbeitswelt und zum Alltag abgerissen erscheint, allenfalls verbal hergestellt wird?  Wir sind nicht mehr da, wo die Menschen sind, aber wir erwarten von ihnen dass sie zu „Uns“ kommen, in unsere Welt. Wie anders dagegen Jesus. Sein erstes Wort ist eine völlig unprofessionelle Einmischung in den Alltag des Simon, eine Zumutung an seinen Sachverstand. Aber eben da, wo Simon zu Hause ist, am Ufer des Sees und den Booten und gerade nicht nur in der Synagoge.

           Es ist eine Zumutung, die Jesus da an Simon richtet. In jeder Weise – menschlich und sachlich und fachlich. Keine Bitte mehr, sondern ein Aufforderung, fast ein Auftrag. Simon weiß: Wenn ich das tue – die ganze Fischerzunft in Kapernaum lacht sich kaputt. Außerdem ist die nächste Nacht auch noch verloren, denn bis dahin  bekommt man die Netze nicht mehr klar. So ist dieser Auftrag Jesu nicht nur fachlich Unsinn – er wird Simon auch Einnahmen kosten.

              Aber nicht nur Simon geht ein Risiko ein – auch Jesus hat ein hohes Risiko. Wenn das schief geht mit diesem Auftrag, dann  werden sie sagen: Auch die Predigten sind nur Traumtänzereien! Wenn das schief geht, dann hat Jesus wohl auch Simon ein für allemal verloren, denn das ist doch so: Eine zweite Chance wird Simon dem, der ihn so blamiert hat, nicht mehr geben.

             Ἐπιστάτα, Meister, antwortet Simon. „Einerseits Fischer, andererseits fast schon Jünger, lautet seine Anrede Jesu: Ἐπιστάτα. Dieser Titel bedeutet zunächst profan „Chef“; im profanen Kontext der Fischer passt er gut, abgesehen davon, dass sich Simon als Besitzer des Schiffs von Jesus eigentlich nichts sagen zu lassen brauchte.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 233) Eine winzige Andeutung von Distanz mag hier mitschwingen.

               Dennoch: „Aber auf dein Wort hin.“ Simon hört diese Aufforderung und gehorcht: „Auf dein Wort hin“ – so schlicht und einfach. „Hier gehorcht ein erfahrener Fischer, der sich auf sein Handwerk versteht, einem Laien.“ (U. Busse, Jesus zwischen arm und reich, Lukas-Evangelium. Bibelauslegung für die Praxis 18, Stuttgart 1980, S.42) Simon hat keine Stimme vom Himmel gehört, er hat keinen Engel vorbei flattern sehen,  hat keine Garantieerklärung zur Hand bekommen und keine Ausfallübernahme.  “Auf dein Wort hin” – das ist der Schritt in die Verwundbarkeit, in die Verletzlichkeit, in das ungesicherte Leben, das sich wirklich abhängig macht von der Kraft des Wortes Jesu. Anders bekommt man es bis heute nicht heraus, ob etwas an den Worten Jesu dran ist, als dass man sich von ihnen in Bewegung setzen lässt. Herausfinden, ob der Glaube trägt oder nicht, dafür gibt es nur diesen einen Weg: Test it! Tue so, als ob – und du wirst erfahren, ob du abstürzt oder gehalten wirst.

 6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. 7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.

            Darauf liegt leicht das Augenmerk, auf dem Wunder. Da sind Fische, wo eigentlich keine sein dürften und sie drängeln regelrecht in das Netz. Die Männer in den Booten verstehen ihr Handwerk. „Sobald Simon und seine Gruppe bemerken, dass der Fischfang so reichhaltig ist, dass die Netze zu zerreißen drohen, lassen sie den Kreis der vollen Netze im Wasser und warten auf das zweite Boot.“ (F. Bovon, ebda.) Der Fischfang ist so gewaltig, dass er fast zur Bedrohung wird. Das ist bis heute eine Erfahrung, die sich wiederholt: Glück kann gefährlich sein, lebensgefährlich.

8 Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. 9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, 10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten.

            Bei Simon Petrus – hier wird er erstmals mit dem Beinamen, der in unseren Ohren der Name ist  genannt –  setzt dieser Fang eine Erkenntnis frei: er und ich – wir beide passen nicht zusammen. Hat es aus dem Mund der unreinen Geister geheißen: Was haben wir mit dir gemeinsam? So sagt Petrus Jetzt: Uns trennen Welten. Da ist kein Weg von mir zu Dir. Da ist nichts, was ich dir sein könnte. „Simons Reaktion entspricht den alttestamentlichen Theophainien: Man kann Gott nicht sehen ohne zu sterben.“ (F. Bovon, aaO.;, S. 234)

             Simon sieht: Jesus lebt aus der Geborgenheit in den Vater, ich lebe aus meinen mühsamen Versuchen, mich selbst zu sichern. Jesus lebt aus dem tiefen Vertrauen, das alles von Gott kommt, ich gehe mit der Welt auf Kosten der Schwächeren um. Jesus lebt hingegeben an Gott – bis in den letzten Tag hinein – ich aber lebe voller Sorge um tausend kleine Dinge. Es ist, als ahnte Simon die Ganzheit, die ihm in Jesus gegenüber steht, dass er in einer Einheit mit Gott und dem Kosmos lebt, die jenseits des Falls, jenseits von Eden begründet ist. Simon aber ist diesseitig.

            Es ist der Gottesschrecken, der sich hier meldet. Einmal mehr steht hier θμβος – religiöser Schauer, Furcht. Es ist das gleiche Empfinden, das wenig früher (4,36) von den Zeugen der Heilung des Menschen in der Synagoge von Kapernaum berichtet wird.  Es ist nichts Harmloses, plötzlich mit der Wirklichkeit Gottes in unserer Welt konfrontiert zu sein. Solange Gott über-weltlich ist, haben wir Ruhe vor ihm. Aber so, mitten im Alltag – das wirft alles um und durcheinander. Es ist das Wissen vor allem des Alten Testamentes: Man kann Gott nicht sehen, ohne zu sterben.

         Simon Petrus fürchtet um sein Leben. Jetzt sagt er nicht mehr Meister, Chef, sondern Herr, κριε. Kyrie. Darum bittet er, fast wie Hiob: Kümmere dich nicht um mich. Schau weg von mir. Lass mich allein. „Was ist der Mensch, dass du ihn groß achtest und dich um ihn bekümmerst? Jeden Morgen suchst du ihn heim und prüfst ihn alle Stunden. Warum blickst du nicht einmal von mir weg und lässt mir keinen Atemzug Ruhe? Hab ich gesündigt, was tue ich dir damit an, du Menschenhüter? Warum machst du mich zum Ziel deiner Anläufe, dass ich mir selbst eine Last bin? Und warum vergibst du mir meine Sünde nicht oder lässt meine Schuld hingehen? Denn nun werde ich mich in die Erde legen, und wenn du mich suchst, werde ich nicht mehr da sein.“ ( Hiob 7, 17 – 20) Aus diesem Schrecken können Menschen sich nicht selbst heraus helfen.

  Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. 11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

            Es ist die Antwort Jesu, die den Schrecken löst. Fürchte dich nicht! Jedes Mal, wenn die Boten Gottes auf dem Plan sind, heißt es so. Damit Menschen das Numinose, den heiligen Gott überhaupt aushalten können, braucht es diese Worte. Damit es zur Begegnung kommen kann, zum Empfangen. Damit das Wort der Verheißungen gehört werden kann, das eine neue Lebensperspektive eröffnet.

              „Jesu Antwort ist, dass er Petrus nur noch enger an sich zieht.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 74) Alles wird umgedreht. Der sich mit seinem Fachwissen blamiert glaubt, der hört Von nun an... Der sich als Mensch durchschaut sieht, der hört Von nun an…. Der erschrickt über seiner Unvollkommenheit, der wird in Anspruch genommen: Dich – gerade dich will ich haben. Dich, der du dich als Sünder sieht und darüber erschrickst. Dich, der seine Schwäche sieht. der seine Unvollkommenheit sieht, der den Schmerz über sich an sich heran lässt – dich will ich haben, um lebendige Menschen zu fangen, um Menschen lebendig zu fangen.

          Es stimmt: „Jesus ist der erste Menschenfischer; sein Fang ist immens.“ (F. Bovon, aaO.; S. 235) Aber er will nicht der einzige Menschenfischer sein. Er gibt seinen Leuten Anteil an seiner eigenen „Arbeit“. Petrus zuerst, aber auch ihm nicht allein.

            Es ist mehr als eine Berufung, auch wenn das Wort Berufung nicht fällt, mehr als eine Beauftragung, mehr als eine neue Aufgabe. Simon Petrus bekommt eine neue Lebensperspektive – und darum kann er alles stehen und liegen lassen. Und er ist kein Einzelfall. … auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten verließen alles und folgten ihm nach. Das geht wohl nur, wenn einer es ahnt: Wenn ich bei ihm bin, bei Jesus, dann bin ich im Herzen der Welt, gut aufgehoben, da wo ich immer schon sein sollte und sein wollte. Bei ihm sein – das ist alles, was nötig ist.

 

Jesus. Wenn ich es Dir nicht sagen kann – Alles umsonst. Vergeblich. Es ist nichts herausgekommen bei aller Mühe – dann kann ich es keinem sagen. Das tröstet mich, dass Du Simon so begegnest, dass er ehrlich sein kann, die Mühe seiner Nacht nicht verschweigen muss, seine leeren Netze nicht verbergen muss.

Nur so, in dieser Ehrlichkeit vor Dir und sich selbst, geht es ja auch – auf dein Wort hin.

Und Du hältst ihn fest. Als  er weg will, sagst Du zu ihm: Du erschrickst vor mir – und hast Recht. Du sagst:  Wir zwei passen nicht zusammen – und hast Recht. Aber ich will dich. Ich will dich mit deinen vergeblichen Mühen, deinen durchfrorenen Nächten. Ich will dich, der mir seine Müdigkeit nicht verschweigt, seine Frustration nicht versteckt

So wie Du Simon festhältst, bei Dir willst, so willst Du auch mich. Dafür danke ich Dir. Amen