Der Provokateur

Lukas  4, 22 – 30

22 Und sie gaben alle Zeugnis von ihm und wunderten sich, dass solche Worte der Gnade aus seinem Munde kamen, und sprachen: Ist das nicht Josefs Sohn?

            Ein großes Staunen macht sich breit. Es ist ein Reagieren, als ob sie eine Person wären, ein Mann, ein Block. Im ihrem Staunen schwingt durchaus „positive Bewunderung“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 213)mit. Was aus ihm geworden ist! Wie er redet! Wer hätte ihm das zugetraut, dem Zimmermanns-Sohn!

             Zugleich aber ist es wie ein Staunen, in das sich Skepsis mischen könnte. Was sagt er da? Ob das alles so recht ist? Ob er nicht doch den Mund zu voll nimmt? Darf man das, darf er das, solche  Worte der Gnade als erfüllt anzusagen, erfüllt in der eigenen Person. Was macht er da aus sich, wenn er das so sagt? Es ist ein schmaler Grat zwischen Bewunderung und Skepsis und die Bewunderung kann leicht umschlagen in Ablehnung und dann in blanken Hass. 

23 Und er sprach zu ihnen: Ihr werdet mir freilich dies Sprichwort sagen: Arzt, hilf dir selber! Denn wie große Dinge haben wir gehört, die in Kapernaum geschehen sind! Tu so auch hier in deiner Vaterstadt!

             Hat Jesus die Skepsis gespürt? Hat er in eine Mauer von Gesichtern geblickt? Hat er es vorher schon geahnt: Das wird schwierig – ich kenne sie doch alle, die mit dem harten Herzen und der harten Faust. Es ist ja nicht nur so, dass nur sie ihn kennen – er kennt sie doch auch, unter denen er aufgewachsen ist.

        Ein Sprichwort, ein Gleichnis führt Jesus an. Παραβολή, Parabole kann beides bedeuten. Eine Redensart könnte man auch meinen, mit der man sich die Dinge vom Leib halten kann. Mit der man versucht, sich das Unerklärliche zurecht zu legen. Wenn er schon so großartig ist, dann muss er es doch zeigen können. So wie man es aus Kapernaum erzählt. Essheint, hier taucht verdeckt die Forderung nach Beglaubigungswundern auf. „Man verlangt von ihm, dass er seinen Anspruch durch entsprechende Taten überzeugend rechtfertige.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S.68)

         Was als harmloser Synagogen-Gottesdienst beginnt, gerät in Gefahr zu entgleisen. Es ist ganz alleine er, Jesus, der hier den Unterschied macht, der den Frieden stört, der es nicht zulässt, dass alle nach Hause gehen und über belangloses Zeug reden.

 24 Er sprach aber: Wahrlich, ich sage euch: Kein Prophet gilt etwas in seinem Vaterland. 25 Aber wahrhaftig, ich sage euch: Es waren viele Witwen in Israel zur Zeit des Elia, als der Himmel verschlossen war drei Jahre und sechs Monate und eine große Hungersnot herrschte im ganzen Lande, 26 und zu keiner von ihnen wurde Elia gesandt als allein zu einer Witwe nach Sarepta im Gebiet von Sidon. 27 Und viele Aussätzige waren in Israel zur Zeit des Propheten Elisa, und keiner von ihnen wurde rein als allein Naaman aus Syrien.

            Seine Worte sind eine einzige Provokation: Die landfremde Witwe, der heidnische Soldat – sie allein waren die Adressaten der Hilfe Gottes. Macht euch nichts vor, ihr Leute in Nazareth – dass ihr zum Volk Gottes gehört, sichert euch keinen Vorrang, ja nicht einmal eine Teilhabe. Wenn ihr nicht hört, was ich euch sage, so geht ihr leer aus. Er macht sich selbst zum Scheidepunkt. Er lässt nicht zu, dass das gehörte Wort verharmlost wird: Schön gelesen, schön gesprochen!

            So viel Sprengstoff können biblische Texte liefern, wenn sie in konkrete Zusammenhänge hinein gesagt werden. Sie alle kennen diese Geschichten. Aber sie sind noch nie auf die Idee gekommen, sich selbst durch sie in Frage gestellt zu fühlen. Es sind ja nur Geschichten. Ihr Glaube, dass sie Gottes bevorzugtes und geliebtes Volk sind, wird durch solche wunderlichen Erzählungen aus grauer Vorzeit nicht in Frage gestellt. Es sind die Worte Jesu, die aus den Erzählungen von der grenzenlosen Barmherzigkeit Gottes einen Angriff machen, der ihnen unter die Haut geht.

28 Und alle, die in der Synagoge waren, wurden von Zorn erfüllt, als sie das hörten. 29 Und sie standen auf und stießen ihn zur Stadt hinaus und führten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt gebaut war, um ihn hinabzustürzen. 30 Aber er ging mitten durch sie hinweg.

            Es ist nur zu verständlich: „Auf Hörer, die im Erwählungsglauben wurzeln, muss das wie ein Stachel wirken. Jedenfalls wird nun aus der kritischen und vorwurfsvollen Verwunderung heller „heiliger“ Zorn.“(K.H. Rengstorf, ebda.) Oder anders gesagt: Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Die Provokation Jesu findet ihr Echo im Zorn der Menschen. Und sie versuchen, ihn loszuwerden, mundtot zu machen, aus der Welt zu schaffen. Es ist der zügellose Zorn derer, die tief getroffen, verletzt sind. Im Nazareth erfüllt sich, was Simeon angekündigt hatte: er ist „gesetzt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird.“(2, 34)

           Er aber geht hinweg – und wird nicht mehr nach Nazareth zurückkehren. Aber sein Schicksal erfüllt sich nicht in Nazareth. Seine Stunde ist noch nicht gekommen. Nur so viel wird schon sichtbar: „Der Weg des Gesalbten führt in die Fremde und in die Passion.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S. 123) Die Entfremdung von Nazareth ist nur ein Anfang.

 

Heiliger Geist, öffne mir die Ohren, dass ich höre, dass ich leise Töne nicht überhöre, dass ich die Wahrheit, die Klage, die Frage wahrnehme, wirklich an mich heran lasse, was ein anderer sagt.

Lass mich nicht schnell fertig sein: – Kenne ich schon. – Weiß doch, woher das kommt. – Habe ich doch nicht nötig. – Sagt sie doch immer.

Lass mich fremde Gedanken, offene Fragen, unbequeme Worte aushalten

Öffne mir die Ohren für die fremde Wahrheit, für die suchende Liebe, für das klärende Wort.  Schärfe mir Sinn und Verstand. Berühre mein Herz, dass ich nicht stehen bleibe am Ort der Verweigerung, sondern nachfolge auf dem Weg zum Leben. Amen