Das Wort geschah – Lebensauftrag

Lukas 3, 1 – 6

 1 Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, 2 als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste.

               Es fängt schrecklich umständlich an. Es wird aufgezählt, wer König und Herrscher ist, Provinzgouverneur und Priester. Man kann mit solcher Aufzählung in einer Kultur ohne durchgehenden Kalender die Zeit bestimmen, weil es ja um eine bestimmte Zeit geht. Heute würde man das Datum des Kalenders dafür nehmen. So aber, in dieser umständlichen Aufzählung bekommt man gleich auch Zeitkolorit mit – es werden ja die Machthaber genannt, die Großen – Tiberius, an dem die Zeitbestimmung hängt 28/29 n.Chr. ; die ein wenig weniger Großen – Herodes und sein Bruder Philippus und schließlich die geistlichen Führer – Hannas und Kaiphas. Sie bestimmen die Zeit – so hat man das damals gesehen. „Das Geschehen des Heils vollzieht sich in einer fixierbaren weltgeschichtlichen Stunde.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.100) So die Botschaft des Lukas.

               Aber in dieser Zeit geschieht, was in Wahrheit die Zeit bestimmt: da geschah der Befehl Gottes an Johannes. „Dadurch gelangt das Handeln Gottes in die Bahnen der Zeit.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 169)Nicht in einer der bedeutenden Städte, sondern in der Wüste. Gott greift in einer bestimmten Zeit in das Leben eines bestimmten Menschen hinein. Gott findet seine Leute da, wo sie keiner sucht – Abraham in Ur, Mose in der Wüste, David bei den Herden des Vaters. Und eben Johannes in der Wüste. In der Wüste hatte ja auch die Geschichte Israels angefangen. Ob also mit Johannes in der Wüste der neuen Anfang Gottes seinen Anfang nimmt?

               Man kann einer Übersetzung auch aufsitzen. Im Griechischen steht das Wort ῥῆμα. Es kann, muss aber nicht Befehl heißen. Es kann auch „Kunde“, „Botschaft“ heißen, sogar „Geschehen“ bedeuten und schlicht „Wort“. Das allerdings hebt die Übersetzung von γνετο ῥῆμα zu Recht hervor: Es liegt etwas von Unausweichlichkeit in diesem geschehenen Wort. Johannes hat keine Wahl – er muss sich diesem Wort Gottes stellen. Das aber ist der Anfang aller Umkehr – dass ein Mensch das bezwingende Wort Gottes hört und sich ihm stellt. Aber: man sieht es ihm nicht an, dass er unter höherem Befehl steht. Kein Nimbus. Kein Strahlenkranz.

            Dieser Mensch Johannes ist nicht gefragt worden, ob er das gut findet. Er ist nicht freundlich eingeladen worden, sich doch vielleicht ein wenig für Gott zu engagieren. Gottes Befehl geschah. Darin gleicht er den Propheten des alten Bundes, die auch alle nicht gefragt wurden, ob es ihnen denn recht sei, Gott zur Verfügung zu stehen.

           Es gibt für Johannes kein Ausweichen. Alles, was bei seiner Geburt nur Ahnung war, Zukunft, das wird jetzt. Ich frage, ob das auch eine Botschaft des Lukas ist, ausgedrückt durch seine „Vorgeschichten“. Manches im Leben ist schon früh vorbestimmt. Nicht nur die Gene. Nicht nur irgendwelche Defekte. Sondern auch Wege, die wir gehen, Entscheidungen, die wir treffen. Lukas wird den Psalmvers kennen:

 „Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war,                                           und alle Tage waren in dein Buch geschrieben,                                                               die noch werden sollten und von denen keiner da war.“     Psalm 139, 16

       Es könnte sein, er setzt in Erzählung um, was der Beter gesagt hat. Und stellt damit den Weg des Johannes gleichzeitig unter die Obhut Gottes: Was mit ihm geschehen wird, lässt ihn nicht aus dem Weg Gottes herausfallen. Macht ihn nicht unfrei, sondern frei. Johannes geht Schritt für Schritt den Weg, den Gott ihm bereitet hat

            Ich überlege, welche Empfindungen dieser Gedanke bei mir auslöst. Resignation, weil ich so frei nicht bin in meinem Entscheiden? Angst, weil ich nicht weiß, was mich alles auf dem Weg erwartet? Gleichgültigkeit, weil ja doch alles kommt, wie es kommt? Oder doch eher das Gefühl der Geborgenheit, weil der Weg vor mir der Weg ist, den Gott für mich bereit und bereitet hat. Und meine Freiheit ist, dass ich diesen Weg entdecke, Schritt für Schritt.   

3 Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden, 4 wie geschrieben steht im Buch der Reden des Propheten Jesaja (Jesaja 40,3-5): »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben! 5 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden. 6 Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.«

            Ein Bußprediger am Rand der Wüste – so schildern alle Evangelien Johannes den Täufer. Sie alle greifen in der Beschreibung seiner Predigt zurück auf das „Trostbuch“ des zweiten Jesaja – doch wohl auch, um deutlich zu machen: Bußruf – das ist nicht einfach Schimpf-Rede, das ist nicht Leute nieder machen, sondern es ist mitten in einer Welt der Ungleichheit, der Unebenheiten, der Härte und der Zweideutigkeiten ein Ruf zum Leben. Sein Ruf zur Buße hat sein Ziel: Vergebung der Sünden, Es sich gefallen lassen, dass Gott wegräumt, was einen verklagt. Sich nicht im Stolz verhärten: ich habe keine Vergebung nötig. Der Bußruf ist ein Ruf, der Leben eröffnet und nicht verschließt, der aus der Enge der eigenen Verlorenheit in die Weite des Weges Gottes führt.

               Der Bußruf ereignet sich in der Wüste. Das ist anders als bei Jesaja. Da soll die Wüste der Ort der Wandlung sein – sie soll verändert werden. Hier ist die Wüste der Ort, an dem zur Wandlung gerufen wird. Der Täufer findet sich in der Wüste und er ruft in der Wüste, aber er ruft über die Wüste hinaus.

              Das Ziel seines Rufes: „Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.“ Das ist Luther – im Unterschied zu allen anderen Übersetzungen, auch im Unterschied zum griechischen Text.  το σωτήριον steht da – das Heil, die Rettung. Und so übersetzen auch alle anderen, philologisch korrekt.

            Das Zitat, das Lukas aufgreift und verändert (!), bezieht sich auf den folgenden Satz im Jesaja-Text: „Die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen.“ (Jesaja 40, 5) Alles Fleisch wird also die Herrlichkeit des Herrn sehen. Lukas macht daraus: Das Heil Gottes. Und die Auslegung Luthers, die hier seine Übersetzung bestimmt, sagt: Die Herrlichkeit des Herrn ist keine machtvolle Theophanie, kein Blitz, Donner, Erdbeben, Feuer. Die Herrlichkeit des Herrn wird sichtbar in dem Heiland, in dem Menschen, der das Gesicht Gottes ist, in Jesus. Die Herrlichkeit des Herrn wird sichtbar in dem, der sich voll Erbarmen zu den Kranken neigt, der die Sünder sucht, der sich selbst gibt, damit Menschen einen neuen Zugang zum Vaterhaus Gottes gewinnen.

               Das ist „meine Theologie“, die sich hier in Luthers Übersetzung findet: Das Heil Gottes ist kein Zustand, sondern es ist der Christus. Luthers Übersetzung ist eine theologische Übersetzung. Eine, die auf den Christus hinzielt. Das Heil, so Luther,  ist Person und nicht Sache, nicht Situation, kein Zustand. Es kommt im Heiland. Das Heil Gottes, die Rettung, ist nie von ihm, Jesus, ablösbar. Er ist das Heil in Person und anders gibt es das Heil nicht als dass er sich uns schenkt. Ihn sehen ist Heil und Rettung. Luthers Übersetzung ist von der Engelbotschaft her legitimiert: denn euch ist heute der Heiland geboren(2,11) Von daher personalisiert Luther konsequent Das Heil ist der Heiland, die Rettung der Retter. το σωτήριον – ὁ σωτήρ.

               Man merkt es nicht gleich, aber diese Übersetzung Luthers ist eine Wiederholung dessen, was er auch schon bei den Worten des alten Simeon gemacht hat – auch da wird aus  dem Heil der Heiland – völlig schlüssig, weil Simeon ja den auf den Armen hat, der der Heiland ist. Aber mit dieser Wiederholung verbindet sich auch das weitergehende Signal: Was der eine Fromme und Gottesfürchtige im Tempel erleben durfte, das soll die Erfahrung aller werden – aller Menschen, nicht nur der Frommen aus Israel.

            Geht es zu weit, die Worte an Johannes, über seinen Auftrag, auf uns zu übertragen? Zu einer ganz bestimmten Zeit ist jeder von uns zur Taufe gebracht worden – oder freiwillig zur Taufe gekommen. Und an diesem Tag haben wir unseren Lebensauftrag bekommen. Der Lebensauftrag heißt: Du sollst in dieser Welt, in deiner konkreten Umwelt ein Wegbereiter Gottes sein. Du sollst ein Mensch sein, durch den andere den Weg zu Gott besser finden können. Du sollst ein Mensch sein, durch den andere etwas aufleuchten sehen von der Liebe Gottes zu dieser Welt. Du sollst ein Mensch sein, der in dieser Welt daran mitarbeitet, dass die Berge abgetragen werden, die den Glauben hindern, dass die Täler zugeschüttet werden, in denen Menschen in ihrer Lebensangst oder im Schatten des Todes sitzen.

 

Heiliger Gott, Du findest Menschen für Deinen Auftrag im Alltag ihres Lebens, in schweren Zeiten, im Glück, auch in der Wüste.

Du rufst und der Gerufene weiß: Ich bin gemeint, mit meinen Fragen,  meinen Ängsten, meinem Leben. Ich soll Gottes Bote sein.

Sich diesem Ruf verweigern, heißt ihn verlieren, nicht mehr hören und darüber Dich verlieren.

Aber Du willst, dass wir nicht verloren gehen, sondern Dein Heil schauen, Jesus, den Heiland, und an ihm selbst heil werden. Amen

 

Ein Gedanke zu „Das Wort geschah – Lebensauftrag“

  1. Danke für die Kommentierung zu Vers 6 im Sinne von Luther. Habe mich schon geärgert, daß in der in unserem Hauskreis benutzten “Hoffnung für Alle” in den älteren Ausgaben von “dem von Gott gesandten Retter” die Rede ist, während in den revidierten neuen Ausgaben nur von “der Retttung” gesprochen ist !!

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