Jesus sucht Menschen auf

Lukas 8, 4 – 15

 4 Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus den Städten zu ihm eilten, redete er in einem Gleichnis:

                 Jesus findet Zulauf. Es sind nicht nur ein paar Jüngerinnen und Jünger, nicht nur ein paar Kranke – es ist eine große Menge und sie kommen aus den Städten. Offensichtlich mit allen möglichen Erwartungen, Hoffnungen, Anliegen. Sein Weg durch die Dörfer und Städte löst den Weg der Menge aus – er sucht Menschen auf und Menschen suchen jetzt ihn.

            In diesem schlichten Übergangs-Satz scheint mir das Geheimnis zu stecken, wie Menschen wieder Zugang zu Kirche und Glauben finden können: Indem sie von denen aufgesucht werden, denen Kirche und Glauben wichtig sind. Es geht um das Überwinden einer Distanz, die das Gespräch und das Miteinander abreißen lässt. Spannend: Der so gesuchte Jesus gibt sich nicht mit dem Zulauf zufrieden – er antwortet auf ihn mit einer Geschichte, einem Gleichnis. . παραβολή kann man sachgemäß richtig mit Gleichnis, Vergleichung übersetzen. Aber auch „Denkspruch“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schuld- u. Handwörterbuch, München 1957,S. 570) ist möglich und sogar  „Rätselwort“ schwingt mit und ist möglich.

5 Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. 6 Und einiges fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. 7 Und einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s. 8 Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht.

             Das ist die Situation, die damals jeder Zuhörer Jesu kennt. Beim Säen wird nicht alles so ausgesät, dass es zur Frucht kommt. Es gibt Säen, das fruchtlos bleibt. Die naheliegende Frage und Schlussfolgerung könnte sein: Es gilt, bedachter zu sein, vorsichtiger mit dem kostbaren Samen umzugehen. Es gilt, die Bodenbeschaffenheit und Verhältnisse rund um den Acker besser berücksichtigen. Wo das geschieht, wird doch der Ertrag des ausgestreuten Samens wie von selbst besser werden. Das alles aber wird kein Thema. Es geht nicht um eine sinnvolle Berücksichtigung der Bodenqualitäten oder um eine Kritik an der grenzenlosen, leichtfertigen Großzügigkeit des Säemanns. Worum also geht es?    „Jesus sucht Menschen auf“ weiterlesen

Die neue Gemeinschaft – das neue Volk

Lukas 8, 1 – 3

1 Und es begab sich danach, dass er durch Städte und Dörfer zog und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes; und die Zwölf waren mit ihm,

             Und es begab sich ist mehr als nur eine Übergangsnotiz, wie Lukas sie liebt. Mit den gleichen Worten Κα γνετο fängt ja auch die Geburtserzählung des Lukas an. Ich lese das als ein Signal an uns Leserinnen und Leser: Das Heilsgeschehen setzt immer wieder neu ein. Und: Es ist nie fertig.

             So entsteht eine fortlaufende Kette von Erfahrungen. „Das Imperfekt „er durchwanderte“ bezeichnet eine langsame und anhaltende Weise des Reisens. Er nahm sich Zeit, überall zu verweilen.“ (F .Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S. 209) Es scheint, Jesus ist nicht eilig unterwegs und in den Dörfern  und Städten nicht nur so „eben mal“ anwesend. Wahrscheinlich ist es so: Damit das Evangelium Wurzeln schlagen kann, raucht es Langsamkeit und Sorgfalt in den Begegnungen.

            Von der Geschichte im Haus Simons her geht es weiter; jetzt nicht im Detail, sondern im Überblick. Und doch fällt vom Geschehen im Haus des Simons her Licht auf diese Worte. Was da detailliert geschildert worden ist, setzt sich jetzt in den Städten und Dörfern fort. In seinem Predigen und Verkündigen. Seinem Ausrufen und „Evangelisieren“.

          εαγγελιζμενος. Evangelisierend. Das Wort „Evangelisieren“ hat in unseren Tagen negative Beiklänge und trifft oft auf Skepsis: will uns etwa einer überreden, zu etwas bringen, was wir gar nicht wollen. Will uns einer einreden, dass wir nicht gut genug sind. Bei Lukas ist das anders, weil das Wort ja schon in seiner Grundbedeutung anderes sagt. Es spricht von guten Botschaften, guten Nachrichten, guten Worten. Darum sieht Lukas auch den evangelisierenden Jesus anders: Seine Verkündigen ist die Entlastung von Menschen, ist Austeilen einer Vergebung, die einen weiten Horizont eröffnet. Das Reich Gottes zieht in seinem Verkündigen in die Gegenwart ein, im Galiläa der Heiden. „Die neue Gemeinschaft – das neue Volk“ weiterlesen

Was Jesus sich gefallen lässt

Lukas 7, 36 – 50

36 Es bat ihn aber einer der Pharisäer, bei ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch.

               Jesus lässt sich gerne einladen. Er ist ein Mensch, der das Gespräch sucht, die Gemeinschaft, die Nähe zu den Menschen. Er sucht auch die Gemeinschaft mit den Pharisäern. Es ist ein schräges Bild, das wir von den Pharisäern haben. Pharisäer ist damals kein Schimpfwort, sondern ein Wort voller Anerkennung. Für die, denen es ernst ist mit Gott. Sie sind hochgeachtet wegen ihrer Frömmigkeit. Sie sucten nach Wegen, wie es auch im Alltag möglich ist, dem Willen Gottes zu entsprechen. Darum sind sie auch die herausragenden Gesprächspartner Jesu. Darum auch, weil er ernsthaft die Wege Gottes sucht, lädt der Pharisäer Jesus ein. Er verspricht sich Wergweisung von ihm.

37 Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin.

               Eine Sünderin. „Lukas macht sich keine Illusion über die Frau. Ihre „Sünde“ ist vor allem eine soziale. Dass er in ihr eine Dirne sieht, zeigt der Ausdruck ν τ πλει“  (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 390) in der Stadt.  Sie ist stadtbekannt. Eine, die das Leben verfehlt hat. Eine, die nicht mehr in der Gemeinschaft derer ihren Platz hat, die offen vor Gott treten. Es klingt so abgeschlossen – das Urteil steht fest und nicht mehr zur Revision. Was hinter diesem Urteil an verfehltem Leben steht, wird nicht gesagt. Da sind der Phantasie, auch der Männerphantasie, kaum Grenzen gesetzt. „Was Jesus sich gefallen lässt“ weiterlesen

Die Zeit der Erfüllung ist jetzt

Lukas 7, 24 – 35

24 Als aber die Boten des Johannes fortgingen, fing Jesus an, zu dem Volk über Johannes zu reden: Was seid ihr hinausgegangen in die Wüste zu sehen? Wolltet ihr ein Rohr sehen, das vom Wind bewegt wird? 25 Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Wolltet ihr einen Menschen sehen in weichen Kleidern? Seht, die herrliche Kleider tragen und üppig leben, die sind an den königlichen Höfen. 26 Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen?  

           Johannes bleibt Thema, wird Jesu Thema. So wie er wohl das Thema der jungen Gemeinde war. Was hat das Interesse an ihm ausgelöst? War es die Gerichtspredigt? War es der Asket, der unheimlich war? Er ist jemand, der Aufsehen erregt hat, der Menschen in Fragen gebracht, der Wirkungen ausgelöst hat. Warum? Weil er anders war – sich abgehoben hat von der Tempelhierarchie, sich abgehoben hat von denen, die das Sagen haben. Nichts Weiches, Verweichlichtes, kein Schwanken, kein Kompromiss, kein Zurückziehen, um sich selbst zu schützen. Das alles zusammen mit seiner asketischen Lebensweise hat viele ins Nachdenken gebracht, nicht um ihn nachzuahmen – aber immer mit der Frage, wen man da eigentlich vor sich hat. Es stimmt wohl: „Mit beiden Fragen enthüllt Jesus die Unklarheit des Volkes, das nicht weiß, was es will.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.165) Das nicht weiß, wie es Johannes verstehen und einordnen soll.

 Wolltet ihr einen Propheten sehen? Ja, ich sage euch: Er ist mehr als ein Prophet. 27 Er ist’s, von dem geschrieben steht (Maleachi 3,1): »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.« 28 Ich sage euch, dass unter denen, die von einer Frau geboren sind, keiner größer ist als Johannes; der aber der Kleinste ist im Reich Gottes, der ist größer als er.

            Es gab in Israel die Vorstellung, dass nach der Zeit der Propheten Gott sein Wort erfüllt: „Ich will ihnen einen Propheten, wie du bist, erwecken aus ihren Brüdern und meine Worte in seinen Mund geben; der soll zu ihnen reden alles, was ich ihm gebieten werde.“ (5. Mose 18,19) Das war die Frage: Ist Johannes dieser Prophet, der neue Mose?

               Jesus deutet Johannes und geht einen Schritt weiter: Er ist mehr als ein Prophet. Er ist der, der die Rolle des Wegbereiters hat. „Zwischen einem Propheten und dem Messias ist nur eine Position frei: die des eschatologischen, letzten Propheten, des Propheten wie Mose.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 377) Er ist es, der die neue Zeit schon berührt, die Heilszeit Gottes öffnet. Er steht sozusagen in beiden Zeiten – in der Zeit der Ankündigung und in der Zeit der Erfüllung. „Die Zeit der Erfüllung ist jetzt“ weiterlesen

Weiter warten

Lukas 7, 18 – 23

18 Und die Jünger des Johannes verkündeten ihm das alles.

            Das Jesus-Gerücht spricht sich herum, bis in das Gefängnis hinein. Oder lese ich das jetzt in den Text hinein, weil es bei Matthäus so steht? Lukas schweigt vom Gefängnis. Es scheint nicht wichtig zu sein. Wichtig ist nur: Was über Jesus erzählt wird, das kommt bei Johannes an.

            Die wissenschaftlichen Ausleger der Evangelien sehen in der knappen Bemerkung den Konflikt zwischen Johannes-Jüngern und Jesus-Leuten angedeutet. Dieser Konflikt taucht ja verschiedentlich, vor allem im Johannes-Evangelium als Thema auf, auch wenn es nie gesagt wird, dass da ein Konflikt ist. Es geht offensichtlich darum, dass die junge Christengemeinde der Johannes-Bewegung den Rang abgelaufen hat. Diese nimmt ab, während die Christen an Zahl zunehmen. Wenn man mit den Augen der Konfliktsucher liest, dann deutet vieles in den kargen Sätzen der Evangelien darauf hin, dass es diesen Konflikt gab. Auch wenn er das alles nicht anspricht, soviel jedenfalls teilt Lukas uns mit: Was über Jesus erzählt wird, beschäftigt die Johannes-Jünger so, dass sie es ihrem „Meister“ berichten und doch wohl von ihm Rat wollen, wie das alles zu beurteilen ist.

Und Johannes rief zwei seiner Jünger zu sich 19 und sandte sie zum Herrn und ließ ihn fragen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? 20 Als aber die Männer zu ihm kamen, sprachen sie: Johannes der Täufer hat uns zu dir gesandt und lässt dich fragen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?

               Johannes teilt das Bedürfnis nach Klärung. „Die Nachrichten über Jesus, die er durch seine Jünger erhält, wecken in ihm allerdings weniger Dank und Freude als Zweifel.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 98)Es liegt ja auf der Hand: Was von Jesus erzählt wird – was Lukas bis hierher erzählt hat – das steht in Spannung zu der Erwartung, die Johannes bewegt und erweckt hat. Er hat die endzeitliche Gerichts-Situation beschworen, hat mit dem Auftreten des Kommenden die richtende Gerechtigkeit erwartet. Er hat Bilder, in denen „Gewalt“ doch eine deutliche Rolle spielt, vor Augen gemalt. „Weiter warten“ weiterlesen

Wer – wenn nicht Du?

Lukas 7, 11 – 17

 11 Und es begab sich danach, dass er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm und eine große Menge.

               Jesus ist auf dem Weg mit großer Begleitung. Seine Jünger und viel Volk. Eine große Menge. Gespannt darauf, was als Nächstes geschehen wird. Ist Nain ein Ziel oder kommt er zufällig dorthin: „ Es begab sich“ lässt alle Deutungen zu. Aber mit dem Zufall hat es das Evangelium nicht so.

  12 Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe; und eine große Menge aus der Stadt ging mit ihr.

            Am Stadttor von Nain begegnet er einem Trauerzug. Es ist ein tragischer Fall – das einzige Kind einer armen Frau. Erst hat sie den Mann verloren, jetzt auch noch ihren einzigen Sohn. Was bleibt ihr noch? „Ohne den Sohn ist sie ohne Rechtsschutz und ist unversorgt.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.159) Sie stürzt ganz tief ins Elend. Es gibt keine Zukunft mehr für sie. Das Leben ist im Grunde vorbei. Früher, der Witwe in Sarepta, da hat Gott durch Elia geholfen. Aber heute? Gott hat sich zurückgezogen. In unsere Welt handelt er nicht mehr, kommt er nicht mehr vor.

                Es ist gut,  sich von unseren Vorstellungen eines Trauerzuges zu lösen: „Die trauernde Witwe ging nicht, wie bei uns, hinter, sondern „vor“ der Totenbahre her. Die Bahre, von vier Männern auf den Schultern getragen, war ein Brett ohne Deckel, auf welchem der Tote, in ein Leinentuch gehüllt, lag. Sein Angesicht jedoch war unbedeckt.“ (F. Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.193) Bilder von muslimischen Trauerzügen heute im Gazastreifen und anderswo liefern uns Anschauungsmaterial für diese Praxis.

            Die mit der Frau gehen, sind unterwegs mit einem Sack voller Fragen und Gesichtern voller Tränen. Unterwegs in dem Schmerz um einen Jungen, einen, der viel zu früh aus dem Leben gerissen worden ist. Was bleibt, ist nur, dass sie ihr nahe bleiben. So ist viel Volk mit der Witwe auf dem Weg zum Grab.  Mittrauernde. Freunde. Neugierige. Jedenfalls: sie ist nicht allein. Aber – der Trauerzug ändert nichts an der Wirklichkeit des Todes. „Wer – wenn nicht Du?“ weiterlesen

Herr, ich bin es nicht wert

Lukas 7, 1 – 10

1 Nachdem Jesus seine Rede vor dem Volk vollendet hatte, ging er nach Kapernaum.

               Es ist alles gesagt, was gesagt sein musste. Das Volk hat gehört. Ob es aus dem Gehörten leben wird, steht auf einem anderen Blatt und entzieht sich dem Einfluss Jesu. Obwohl es doch Worte in Vollmacht sind, aus der Ewigkeit geboren – was sie wirken, ist nicht mehr in seiner Hand. So kehrt Jesus in seine Stadt zurück, nach Kapernaum.

2 Ein Hauptmann aber hatte einen Knecht, der ihm lieb und wert war; der lag todkrank. 3 Als er aber von Jesus hörte, sandte er die Ältesten der Juden zu ihm und bat ihn, zu kommen und seinen Knecht gesund zu machen. 4 Als sie aber zu Jesus kamen, baten sie ihn sehr und sprachen: Er ist es wert, dass du ihm die Bitte erfüllst; 5 denn er hat unser Volk lieb, und die Synagoge hat er uns erbaut.

           Dort sind Soldaten stationiert, unter ihnen ein Hauptmann, der es mit der Einfühlung in die fremde Kultur der Juden offensichtlich ernst nimmt. „Da zur Zeit Jesu unter Antipas normalerweise keine römischen Truppen in Galiläa stationiert waren, konnte der Centurio nur zur Miliz des Antipas gehören, der auch nichtjüdische Truppen angeworben hatte.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 348) Er bietet nicht das Bild des geistlosen Militärs, der nur Befehl und Gehorsam kennt. Er hat sich für den Bau der  Synagoge engagiert – er wird sie kaum alleine finanziert haben. Dieses Engagement kommt aus einer tiefen Zuneigung zum jüdischen Volk – er hat unser Volk lieb. Man darf sicher fragen, ob dahinter die Faszination des Monotheismus steht, die ihn, der gewöhnt ist an den reich gefüllten römischen Götterhimmel, anzieht.

            Dieser Hauptmann bittet für seinen Knecht. Das fällt sehr aus dem Rahmen. Darum wird es gleich doppelt begründet. Es ist der Knecht, der ihm lieb und wert war; der lag todkrank. Was man im Deutschen nicht sieht: hier steht das griechische Wort δουλος, das auch mit Sklave übersetzt werden könnte. Der Hauptmann tritt also für einen ein, der weit unter ihm steht. Bei Matthäus klingt das anders. Da steht παίς, was auch Kind heißen kann und eine ganz andere empathische Füllung hat als unser Wort Knecht. Jedenfalls: Dem Hauptmann liegt viel an diesem Menschen. ἔντιμος steht im Griechischen Er ist ihm „lieb, kostbar, teuer.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schuld- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 280) Darum erbarmt er sich seiner und bittet um Erbarmen. Denn der Knecht ist so krank, dass man um sein Leben fürchten muss. Der Hauptmann wird – so lese ich zwischen den Zeilen – menschlich ärmer werden, wenn der Knecht stirbt. „Herr, ich bin es nicht wert“ weiterlesen

Kommen – Hören – Tun

 Lukas 6, 43 – 49

 43 Denn es gibt keinen guten Baum, der faule Frucht trägt, und keinen faulen Baum, der gute Frucht trägt. 44 Denn jeder Baum wird an seiner eigenen Frucht erkannt. Man pflückt ja nicht Feigen von den Dornen, auch liest man nicht Trauben von den Hecken.

               Dafür muss ich nicht Jesus sein, um das sagen zu können. Aber damit baut er eine Brücke zum Verstehen. Es ist die einfache Sprache des Menschen, der selbst einfach ist, ohne simpel zu sein. Jesus benennt mit diesen Sätzen den elementaren Zusammenhang von Sein und Wirken. Das Wirken kommt aus dem Sein. Wie nah ist da hin zu dem Satz: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“ (Karl Marx)

                        Es kann durchaus sein: Jesus hat Leute vor Augen, die mehr scheinen als sie sind. Es kann auch sein, der Evangelist, der die Worte Jesu überliefert, hat Leute vor Augen, „sozial angesehene Christen, die aus Enthusiasmus oder Bequemlichkeit gerne glauben möchten, ihren Glauben er nicht konkret verwirklichen.“(F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 337) Und auch das könnte als Gedanken hinter den Worten stecken: „Die Gefahr der Heuchelei ist nur gebannt in der Einheit von Äußerung und innerer Beschaffenheit.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.153) Von Sein und Tun.

            Es ist einfach so: Der Apfelbaum kann keine Birnen tragen. Der kranke Baum wird auf die Dauer keine guten Früchte bringen können. Das Bestürzende bei Bäumen ist ja, dass man, der Nichtfachmann, es oft nicht sieht, wie krank er innen drin tatsächlich ist. Und dann wird ein Baum gefällt und erst hinterher erschrickt man: Was hätte da alles passieren können, so krank und morsch der von innen her schon ist. „Kommen – Hören – Tun“ weiterlesen

Lernstoff für den Alltag

Lukas 6, 36 – 42

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.                                                 

            Das ist der Schlüsselsatz für alles Folgende. Es ist der Ruf, an Gott das Maß für das eigene Verhalten zu finden. Es ist der Ruf, so zu sein wie Gott (1.Mose 3,5) Was in der Erzählung dort als Sündenfall beschrieben wird, wird hier zur Aufforderung aus dem Mund Jesu: Nehmt euer Maß an Gott. Dabei ist es schon wichtig zu sehen, an welcher Eigenschaft Gottes wir Maß nehmen sollen – an der Barmherzigkeit, an dem Erbarmen, das sich nach unten beugt, dass nicht das Recht an die erste Stelle setzt. „Von den zwei Haupteigenschaften Gottes, seiner Barmherzigkeit und seiner Heiligkeit, wählt Lukas die Barmherzigkeit als Quelle der christlichen Haltung.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 323) Christliche Ethik ist, wenn sie sich auf Jesus zurückführt, im Kern Barmherzigkeits-Ethik.

            Eine kleiner Ausflug in biblische Zusammenhänge: In 3. Mose 19, 2 heißt es als Gebot: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der HERR, euer Gott.“ Das findet seine Fortsetzung in Matthäus 5, 48: „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Und bei Lukas taucht die gleiche Figur – der Zusammenhang zwischen dem „Sein“ Gottes und dem Verhalten des Menschen – eben hier im Wort Jesu auf. „Lernstoff für den Alltag“ weiterlesen

Der Kredit der Liebe

Lukas 6, 27 – 35

 27 Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; 28 segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen. 29 Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht. 30 Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück. 31 Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!

               Entscheidend ist, wer hier spricht. Es ist kein Lehrer der Moral. Es ist keiner, der nur sagt: So geht es. Jesus ist der, „der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; (1.Petrus 2,23) Er sagt, was er selbst lebt und lebt, was er sagt. Es geht bei diesen Worten um eine Einweisung in das Leben in seiner Spur. Er hat vorgemacht, was er hier vor-sagt. Er ist ja der, der noch am Kreuz bitten wird: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun (23,34). Er ist der, der mitgeht und es aushält, dass er unverstanden bleibt.

            Seine Worte greifen auf die Seligpreisung zurück: Wie naheliegend wäre eine Antwort, die nur Echo ist. Das wird verwehrt: „Die Verfolgten werden zur Feindesliebe aufgerufen. Die Adressaten der Wehe-Rufe sind die Verfolger. Das Wehe über sie berechtigt nicht zum Hass gegen sie.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.146) Es kann helfen, diese Verankerung in der Lebenswirklichkeit wahrzunehmen. Es geht nicht um ein immer und überall gültiges Gesetz, sondern um eine Einweisung in eine konkrete Lebens-Situation. „Der Kredit der Liebe“ weiterlesen