Warten auf die Gottesstunde

Lukas 2, 25 – 35

25 Und siehe, ein Mann war in Jerusalem, mit Namen Simeon; und dieser Mann war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war mit ihm.

            Tagein, tagaus konnte man ihn in Jerusalem sehen. Langsam, ein wenig bedächtig und fast schwerfällig ging er durch die Straßen. Es war ein Gehen, das ziellos war, wie einer umher geht, der etwas zu suchen scheint oder der auf etwas wartet. Die Leute kannten ihn schon: Das ist er wieder, der alte Simeon. Er wartet! Er wartet auf den Trost Israels, so sagt er immer von sich selbst. „Er hofft auf Gott, nicht für sich, sondern für das Volk Israel.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S.141) Erwartend – so wörtlich προσδεχμενος  – den Messias. Als ob der so einfach um die Ecke käme und plötzlich vor ihm stünde! Ein wunderlicher Alter, der so wartet. Dass es so etwas überhaupt gibt. Das einer die Schriften des Jesaja, des Jeremia, der Propheten so ernst nimmt.

26 Und ihm war ein Wort zuteil geworden von dem Heiligen Geist, er solle den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. 27 Und er kam auf Anregen des Geistes in den Tempel.

               Merkwürdige Botschaft:  Jeder Mensch hat in seinem Leben einmal die Stunde, in der seine Sehnsucht erfüllt wird. Das ist die entscheidende Stunde des Lebens.  Warten auf diesen Augenblick ist nicht inhaltsleeres Warten. Das Wort an Simeon verspricht: Du wirst den Gesalbten Gottes sehen. Du wirst den Messias schauen. Du wirst die Erfüllung der alten Verheißungen Gottes in deinem Leben erfahren. Dieser Stunde hat Simeon entgegen gewartet, bis er alt und grau geworden ist. Aber er hat nicht aufgehört zu warten.

               Wenn wir ihn heute fragen könnten und fragten: `Warum wartest du denn gerade im Tempel?’ würde er vielleicht sagen: `Da ist doch der Ort, wo Gott sich finden lassen will. Da hat er es doch versprochen, dass er uns begegnen will. Da haben ihn die Väter erfahren: Jesaja ist im Tempel vor seiner Gegenwart auf die Knie gefallen. Amos ist von seinem Geist in den Tempel geführt worden. Jeremia hat im Tempel sein Wort empfangen. Wo sonst soll ich denn Gottes Gegenwart, den Trost Israels und der ganzen Welt erfahren dürfen?’

               Das ist gelebter Glaube: Ein Wort bestimmt das Verhalten. Das ist ja viel mehr als ein paar kluge Gedanken über Gott zu haben. Die Schritte hin zum Tempel, der mühsame Weg eines alten Mannes – das ist Glaube. „Der heilige Geist, der die Verheißung erklingen ließ, bewirkt die Erfüllung.“ (F. Bovon, aaO.; S. 142) Weil Simeon „seinem Wort“ vertraut, nimmt der den Weg in den Tempel auf sich. Und als die Stunde seines Lebens war, da ist er in traumwandlerischer Sicherheit in den Tempel gekommen. Weil er geführt wird.

Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, 28 da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach:

                Dann kommen Eltern mit einem Kind – sehen aus wie alle Eltern mit einem Kind – und doch weiß Simeon: Das ist es! Der ist es! Woher weiß er das? möchte man fragen und wie fast immer schweigt die Bibel zu dieser Art Fragen. Simeon sieht. Seine Augen sehen die Wirklichkeit, die anderen verborgen ist. Und was er sieht, der, den er sieht und auf die Arme nimmt, macht ihn singen.

               Es ist die Gottesstunde im Leben des Simeon. „Das göttliche Orakel ist erfüllt, nicht nur im „Sehen“, sondern auch im Berühren.“ (F. Bovon, ebda.) Er wird nicht aufgeklärt über dies oder das, sondern hineingestellt in die Gegenwart Gottes: Gott selbst schenkt sich ihm. Das ist die Verheißung an uns über Simeon hinaus: Gott legt sich  uns in die Hände. Gott legt sich uns ins Herz mit seinem Licht, seiner Liebe, seiner Güte, so wie Jesus dem Simeon ans Herz gelegt wurde.

  29 Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren,                                                 wie du gesagt hast;                                                                                                                   30 denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,                                                31 den du bereitet hast vor allen Völkern,                                                                            32 ein Licht, zu erleuchten die Heiden                                                                                und zum Preis deines Volkes Israel.

               Und wieder: ein gelöste Zunge. Es ist kein Zufall, dass im Beginn des Evangeliums bei Lukas so viel gesungen wird. Es ist eher der Hinweis darauf, dass Singen, Loben, Preisen  adäquate Antwort auf dieses Geschehen sind. Nicht die theologische Analyse, sondern die singende Anbetung ist am Platz.

               Und: es ist Befreiung. Simeon weiß: Mehr geht nicht mehr. Mein Leben ist erfüllt. Wenn ich nur dich habe, frage ich nicht nach Himmel und Erde.(Psalm 73, 25) Wer die Gottesstunde seines Leben erfahren hat, der muss nichts mehr krampfhaft festhalten, der kann gehen.

               Was von Simeon gesungen wird, ist Verheißung: Das Licht Gottes leuchtet nicht nur Israel, nicht nur im Stall, nicht nur Tempel. Es leuchtet den Völkern. φς und δξα – Licht und Herrlichkeit – das kommt in die Welt und rettet die Welt. Leuchtet auf in dem Heiland, dem Retter. τ σωτριν, die Rettung, das Heil steht da – aber Luther hat durchaus sachgemäß aus dem Heil den Heiland gemacht. Aus der Rettung den Retter. Weil das Heil und die Rettung personal vermittelt werden – durch das Kind, das Simeon auf Händen trägt. „Der jetzt noch stärkere Simeon trägt den noch für kurze Zeit schwachen Jesus. Jener steht vor dem Tod, dieser vor dem Leben.“ (F. Bovon, ebda.)

           Hier wird zusammen gefügt, was seitdem unheilvoll getrennt worden ist: Israel und die Völker, das alte Gottesvolk und die Glaubenden aus aller Welt. Jesus ist kein Exklusivbesitz und es gibt keine Exklusiv-Rechte an ihm – nicht für Israel und nicht für die Kirche. Das ist eine zentrale Botschaft des Lukas, die er in der Folge in seinem Evangelium (und dann auch in der Apostelgeschichte) vermittelt.

33 Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. 34 Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird 35 – und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen -, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden.

            Wer soll das verstehen? Für Maria und Josef ist es zu viel – erst recht die Ankündigung, die danach folgt. Das ist ja anderes und mehr als: Du wirst sehen, dass es keine Mutterschaft ohne Schmerz gibt. Es ist ein prophetisches Wort, das über die Idylle des Weihnachtskreises hinaus führt und schon das Ziel in den Blick nimmt.  Hier klingt es schon an, dass in Jesus Gericht und Gnade vor denen stehen wird, die ihm begegnen. Simeon weitet seinen Blick – oder wird er ihm geweitet? Er sieht in diesem Kind  und seinem Weg ein  σημεον, ein Zeichen, einen Fingerzeig Gottes. Einen, an dem sichtbarwird, wie es um vieler Herzen Gedanken steht. So kann und darf wohl nur einer sagen, der für sich selbst auch schon „das große, weiße Tor“ (Chris Rhea), vorläufiges Ziel seines Erden-Lebens im Blick hat. Der hellsichtig wird, weil sich seine Seele lösen lässt und leiten.

Heiliger, barmherziger Gott, Du hast Simeon ausgestreckt leben lassen, ausgestreckt nach dem Christus, nach dem, der da kommen soll, nach seiner Gottesstunde.

Du willst auch uns ausstrecken, öffnen über den Tag hinaus, hin auf die Stunde, in der das Leben erfüllt ist  in Deiner Gegenwart.

Verleihe es uns, dass wir warten lernen, Dir entgegen warten und uns Dir wartend hinhalten, bis Du unser Leben erfüllst mit Dir. Amen