Keine Sonder-Regelung

Lukas 2, 21 – 24

21 Und als acht Tage um waren und man das Kind beschneiden musste, gab man ihm den Namen Jesus, wie er genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war.

                Jesus ist ein jüdisches Kind. Und so geschieht an ihm, was an jedem kleinen jüdischen Jungen seit Jahrtausenden geschieht. „Die Beschneidung gibt Anteil an dem Bund, den Gott mit Abraham und seinem Samen geschlossen hat.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 45) Jesus gehört in dieses Volk, auch wenn er nicht nur diesem Volk gehören wird. Er ist unter das Gesetz getan, wie Paulus es sagt. Es gibt keine Ausnahmeregelung für ihn, obwohl er doch der Heiland der Welt werden soll. Vielleicht gibt es aber genau deshalb keine Ausnahmeregelung.

            Der Ton liegt freilich auf der Namensgebung. Das ist ein weiterer Schritt des Gehorsams. Das Kind erhält den Namen, den der Engel genannt hatte. „Gott will, dass Jesus Jesus heißt und dadurch wird, was sein Namen sagt.“(F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 122): Jahwe hilft. Rettet. Jesus soll der Retter werden so vieler Welten, die verloren gegangen sind und verloren gehen.

 22 Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Mose um waren, brachten sie ihn nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen, 23 wie geschrieben steht im Gesetz des Herrn (2.Mose 13,2; 13,15): »Alles Männliche, das zuerst den Mutterschoß durchbricht, soll dem Herrn geheiligt heißen«, 24 und um das Opfer darzubringen, wie es gesagt ist im Gesetz des Herrn: »ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben« (3.Mose 12,6-8).

            „Der Beschneidung folgen weitere 33 Tage, die die junge Mutter im Haus bleiben muss, in denen sie nichts Heiliges anrühren und das Heiligtum nicht betreten darf.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.88) Dann aber ist es so weit und sie machen sich auf den Weg nach Jerusalem. Um die Reinigung der Mutter zu erwirken und den Loskauf den Kindes. 

               Die Eltern Jesu tun mit ihm, was alle jüdischen Eltern tun. Sie nehmen ihr Kind als Geschenk Gottes. Sie glauben, dass er Gottes Gabe ist. Sie können gar nicht anders, als Gott über dieser Gabe loben und preisen. Wie weit ist da alles entfernt von heutigen Nützlichkeit-Überlegungen, von den Kosten-Rechnungen, die über Kindern aufgemacht werden. Kinder als demographischer Faktor zur Renten-Sicherung. Hier dagegen ist eine elementara Freude und ebenso elementarer schlichter Gehorsam. Beides ist der Rahmen, in den Jesus hinein gestellt wird.

            Auch darin sind sie Juden: sie wissen, dass alle Erstgeburt Gott gehört, ihm geheiligt ist. „Schon seit früher Zeit war aber der Loskauf der Erstgeburt üblich geworden.“ (K.H. Rengstorf, aaO.; S. 46)So tun sie, was das Gesetz erlaubt: „Alles, was zuerst den Mutterschoß durchbricht bei allem Fleisch, es sei Mensch oder Vieh, das sie dem HERRN bringen, soll dir gehören. Doch sollst du die Erstgeburt eines Menschen auslösen lassen.“ (4. Mose 18,15) An ihrem Opfer ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben wird erkennbar, dass Josef und Maria eher zu den armen Leuten gehören. Das einjährige Lamm können (oder wollen?) sie sich nicht leisten.

              Mich beschäftigt, dass der Sonderfall Jesus keine Ausnahme-Regelung erfährt. Das kann in unsere Zeit hinein eine heilsame Botschaft sein. Wir glauben ja an die Ausnahme. Wir halten nichts von der Regel. Und darum ist es so hart, dass die Regeln des Lebens nie außer Kraft zu setzen sind. Eltern sein hat als Preis die Sorge. Alt-Werden hat als Preis die Gebrechlichkeit. Berühmt Sein hat als Preis den Verlust der Privatsphäre.

              Es gibt Lebensgesetze, die greifen, auch wenn es uns nicht gefällt. Dass Jesus unter das Gesetz getan ist, dass er den Regeln seiner Zeit unterliegt, könnte für mich heißen: Höre auf, ständig die Sonder-Regelung zu verlangen. Es könnte mir Mut machen, manches anzunehmen. Es kann mir auch helfen zu akzeptieren, dass ich, meine Frau, unsere Kinder, unsere Enkel den Bedingungen unterworfen sind, die das Leben diktiert. Jedem und jeder andere  Bedingungen. Unsere Bedingungen, die wir den größten Teil des Leben schon gelebt haben sind nicht die, mit denen  unserer Kinder zu leben haben. Und unsere Enkel haben noch einmal, jeder für sich individuell, ganz eigene Lebensbedingungen.

          Es muss im Umkehrschluss nicht automatisch die Anpassung an alles Bestehende und die Unterwerfung unter alle Regeln bedeuten. Aber es kann helfen, die Frage genauer zu stellen: Welche Regeln gelten, so dass ich nicht gegen sie zu kämpfen brauche, und über welche Regeln darf ich auch in der Freiheit der Kinder Gottes hinweg gehen? Manchmal bleibt nur das eine, dass wir uns an den Namen klammern, der uns als Zuflucht gegeben ist. Jeschua – Gott hilft.

 

Jesus, Retter, Heiland der Welt. Du wirst beschnitten am achten Tag nach dem Gesetz. Du wirst dargestellt vor Gott nach dem Gesetz. Du gehst den Weg Deiner Kindheit wie jeder jüdische Junge damals.

Und doch bist Du später wunderbar frei, nur dem Willen des Vaters untertan und der Liebe verpflichtet

Ich sehe Dich unter dem Gesetz und sehe Deine Freiheit. Lehre mich, das Gesetz zu lieben, wo es dem Leben dient und meinen Weg formen will in den Gehorsam, der aus der Liebe Gottes lebt. Amen