Weitersagen

Lukas 2, 15 – 20

15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

             Sie sind nicht sprachlos geworden über dem geöffneten Himmel. Sie sind vielmehr neugierig geworden, wissbegierig. Sie wollen sehen, ob die Engelsbotschaft Anhalt an der Wirklichkeit hat. Darum brechen die Hirten auf – eilend, sofort, ohne Umschweife. Manchmal ist das ja wichtig, dem Impuls gleich zu folgen, denn sonst melden sich die Bedenken und es bleibt beim „Wir müssten eigentlich…“

 16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

                Weil sie gehen, kommen sie auch zum Sehen. Wobei – es ist ernüchternd, was sie sehen: Maria, Josef und dazu das Kind.Ein dunkler, schmutziger Stall, ein hilfloses, soeben geborenes Kind, welches so armselig dalag, dass es nicht einmal eine Wiege hatte, sondern in einem Futtertrog der Kühe und Schafe lag.“(F. Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.60) Nichts, was einen Maler inspirieren würde. Es ist eher ein ärmlicher Anblick, kein großartiges Schauspiel. Es erinnert in seiner Ärmlichkeit an die Flüchtlingslager und Elendsquartieren in den Katastrophen-Gebieten unserer Zeit. Es fordert eher zur Hilfe heraus als dass es Hilfe verspricht. Es ist merkwürdig, wie die „Heilige Nacht“ hier schon ins Alltägliche transferiert wird.

 17 Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.

        Wäre der Himmel über dem Stall voller Engel gewesen wäre der Lichtglanz der Ewigkeit aus diesem Stall hervor gebrochen, so wie es Maler gerne malen – dann hätten die Hirten wohl vor allem von dem erzählt, was sie gesehen haben, was im Stall los war. So aber, weil das alles nicht so war, erzählen sie von dem Wort, das sie gehört haben, von dem Wort der Boten Gottes. Nur durch dieses Wort ist es ihnen ja deutlich geworden, dass da nicht nur ein Menschenleben wie alle anderen begonnen hat. Der Herr der Welt im Elendsquartier, das musste ihnen gesagt werden. Von selbst wären sie nie darauf gekommen. Aber so gilt: Was sie sehen, führt dennoch dazu, dass sie weitersagen, was ihnen gesagt worden war. „Die Botschaft der Engel wird in der Botschaft der Hirten verbreitet.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.86) Die Worte der Engel werden von dem Gesehenen nicht überlagert, nicht außer Kraft gesetzt. Sie sind beglaubigt durch das Gesehene und deshalb sagen die Hirten sie weiter.

            Mir geht als Gedanke durch den Kopf, dass diese dürren Verse den Dreiklang des lutherischen Glaubensverständnisses: notitia – assensus – fiducia abbilden. Es geht um Glaubenskenntnisnotitia, um Zustimmung – assensus und schließlich um das Vertrauen auf Gott – fiducia.  Da ist eine Botschaft, die gehört worden ist und die dann wieder erkannt wird auf dem Weg, den die Hirten auf sich nehmen. Und aus dem Wiedererkennen wird dann eine Überzeugung, die selbst Worte sucht und findet und weitergibt.

            Das ist bis heute so: Es gibt ein Wissen, gehört haben und daraus erwächst, wenn ich mich davon in Bewegung setzen lasse ein Wiedererkennen im Alltag des Lebens. Und dieses Wiedererkennen kann sich dann verdichten zur Glaubensgewissheit, zur persönlichen Glaubensüberzeugung, die mein Leben bestimmt und die ich mit anderen teile. So habe ich es für mein Leben erlebt.

            Und wenn einer heute fragt: Wie könnt ihr so etwas sagen, dass Gott, der ewige Gott, der unsichtbare Gott, sich in diese Welt gibt, Fleisch und Blut wird und uns gleich wird, damit er uns zu sich zieht? Wie könnt ihr so etwas nur sagen? Dann dürfen wir antworten: Das haben wir nicht von uns. Das haben wir uns nicht ausgedacht. Das haben die Engel Gottes gesagt. Gottes Boten – und Menschen, ebenfalls Gottes Boten, haben es weitergegeben bis zu uns, damit wir es euch weitersagen, damit Leben neu wird – weil wir einen Retter haben: Jesus Christus.

18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.

            „Nicht die Hirten staunen, sondern ihre Zuhörer.“(F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 130)Aber sie staunen nicht über die Hirten, sondern über die Botschaft. Dieser Weg der Hirten ist der Weg, den alle Boten des Evangeliums ihnen nachgehen, nachmachen. Es kommt auf die Botschaft an. Nicht auf die Boten. Später wird Lukas von Jüngern berichten, die sagen: Wir können es ja nicht lassen dass wir nicht reden von dem, was wir gehört und gesehen haben. (Apostelgeschichte 4, 20) Weiter werden wir auch nicht kommen: Gehen – Sehen – Weitersagen.

19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. 20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

               Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Darin ist sie Vorbild des Glaubens. Darin ist sie Urbild der Kirche. Das ist, was die Kirche aller Zeiten tut, auch heute und was ihre  Existenz ausmacht: Sie bewahrt die Worte und sie bewegt sie in ihrem Herzen. In ihrem Zentrum ist Kirche nicht irgendeine Aktion, sondern der Ort, an dem die Botschaft des Himmels bewahrt und bewegt wird. Daraus können Aktionen werden – aber sie sind nicht die Mitte der Kirche.

            Die Hirten werden nicht zu Predigern. Sie werden über dem, was sie gesehen haben, “nicht zur schwärmerischen messianischen Gruppe.” (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 42) Sie kehren ihrem weltlichen Beruf nicht den Rücken. Sie bleiben in ihrem Alltag, bei ihren Schafen. Sie bleiben in der Nacht. Ihre Aufgabe hat sich nicht verändert: Ihre Herden brauchen sie. Täglich und jede Nacht. Aber sie sind Menschen geworden, die Gott verherrlicht und gelobt haben. Das bleibt als Glanz über ihrem Leben – lebenslang.

               Wenn das Reich aufgerichtet sein wird,  von Gott aufgerichtet, da Fried´ und Freude lacht, dann ist die Weihnachtsgeschichte zu Ende erzählt. Dann ist Gott an sein Ziel gekommen. Solange der Lobgesang der Engel Verheißung bleibt, solange sind wir noch unterwegs. Der Lobgesang der Hirten ist „nur“ das menschliche Echo auf das himmlische Lob.

 

Gott, gib mir, dass ich losgehe, wenn Dein Wort, Deine Botschaft mich erreicht, mein Herz berührt.

Gib, dass ich losgehe, auch wenn es Nacht ist, der Weg weit und die Fragen im eigenen Herzen nicht verstummen wollen.

Gib mir Weggefährten, die mich zum Aufbrechen ermutigen, mit mir  auf dem Weg bleiben, mit mir sehen, staunen, loben.

Gott, gib es uns, dass wir das Wort der Engel nicht einfach hinnehmen, dass wir es prüfen auf dem Weg im Alltag und weitersagen, was wir gehört und gesehen haben. Amen