Kein ganz gewöhnliches Kind

Lukas 1, 57 – 66

57 Und für Elisabeth kam die Zeit, dass sie gebären sollte; und sie gebar einen Sohn. 58 Und ihre Nachbarn und Verwandten hörten, dass der Herr große Barmherzigkeit an ihr getan hatte, und freuten sich mit ihr.

               Ein Kind kommt zur Welt. Zu seiner Zeit, wenn es Zeit ist. So wie es der Prediger sagt: “Alles hat seine Zeit, geboren werden hat seine Zeit.” (Prediger 3,2) Diese Zeit ist jetzt. Es wird das Kind später Eltern. Das Kind einer Mutter, die sich über Monate hin verborgen hat, aus Furcht vor dem Gerede, aus Angst vielleicht auch, dass es doch wieder nichts werden könnte? Das Kind aber auch einer Mutter, die voller Glück ist über diese Schwangerschaft und jetzt auch über die Geburt.

             Nun ist das Kind da und alle sind sich einig: Gott ist gut. Seine Barmherzigkeit reicht in die Tiefen des Lebens. Die Freude will geteilt werden: Nachbarn und Verwandten hören und kommen, gerufen durch die gute Nachricht. „Die glückliche Mutter bildet den Mittelpunkt der Szene; einer um den anderen tritt zu ihr und beglückwünscht sie wegen der großen Gnade, die ihr widerfahren ist.“ (F. Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.34) Wie sollte man sich auch nicht mitfreuen mit der späten Mutter und ihrem Kind. So menschlich geht es manchmal zu in den Geschichten, die die Bibel erzählt.

              Beim genauen Hinsehen fällt mir auf: Von der Freude der Elisabeth ist im Text allenfall indirekt die Rede. Auch davon sagt Lukas nichts, dass sie froh ist, als Spätgebärerin, dass alles wider Erwarten gut gegangen ist. Die Freude und Dankbarkeit ist ganz auf der Seite der Nachbarn und Verwandten. Nebensächlich? Lukas liegt wohl grundsätzlich am Herzen zu zeigen: „Die Freude ist bei Lukas ein Charakteristikum des Glaubens, der das Fortschreiten der Heilsgeschichte erkennt.“(F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 100)   Wer sich dann im Einzelnen freut und seine Freude teilt, ist zweitrangig. Doch nie nebensächlich.

59 Und es begab sich am achten Tag, da kamen sie, das Kindlein zu beschneiden, und wollten es nach seinem Vater Zacharias nennen. 60 Aber seine Mutter antwortete und sprach: Nein, sondern er soll Johannes heißen. 61 Und sie sprachen zu ihr: Ist doch niemand in deiner Verwandtschaft, der so heißt. 62 Und sie winkten seinem Vater, wie er ihn nennen lassen wollte. 63 Und er forderte eine kleine Tafel und schrieb: Er heißt Johannes. Und sie wunderten sich alle. 64 Und sogleich wurde sein Mund aufgetan und seine Zunge gelöst, und er redete und lobte Gott.

            „Nach dem Gesetz war jedes gesunde männliche Kind am achten. Tag nach der Geburt zu beschneiden.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 33) Damit verbunden ist die Sitte, die völlig klar ist, erst recht bei einer so späten Geburt: Der Name des Vaters wird der Name des Kindes sein. Zacharias. Ungewöhnlich allenfalls, dass der Name nicht gleich bei der Geburt gegeben wird, sondern erst bei der Beschneidung. Aber auch kein Missgeschick, das Schlimmes ahnen lässt.

               Aber dann mischt die Mutter sich ein, die Spätgebärerin. Nicht Zacharias – Johannes. Ohne jede Begründung. Weiß sie um die Engels-Botschaft an den verstummten Mann? Hat es ihr der zum Schweigen gebrachte Zacharias irgendwie mitgeteilt? Oder beansprucht sie einfach das Recht, den Namen des Kindes zu bestimmen? Jedenfalls – die Nachbarn sind verwirrt, leicht irritiert. Der stumme Vater jedoch stimmt seiner Frau zu. „Wir erfahren nicht, wie diese Übereinstimmung zustande kam.“ (K.H. Rengstorf, ebda.) Abgesprochen kann sie nicht sein. Aber Zacharias kennt ja die Botschaft des Engels. Er kennt den Himmels-Namen, der für seinen Sohn vorgesehen ist. „Jahwe ist gnädig“ – das ist ein Name, der zugleich auch Programm ist. Das steht über dieser Geburt: Gott ist gnädig. Und es wird über dem Leben dieses neugeborenen Kindes stehen – auch in dem, dass er ein Rufer zur Umkehr sein wird, zur Umkehr zu dem gnädigen Gott.

            Als die Entscheidung über den Namen gefallen ist, löst sich die Zunge des Zacharias. Nicht, um irgendetwas zu erklären, obwohl das in der Wendung er redete verborgen sein könnte. Vorrangig aber ist, dass er jetzt wie befreit ist zum Lob Gottes. „Aus dem, der nicht glauben konnte, ist ein Glaubender geworden, dessen Glaube sich im Lobpreis äußert.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.68)

65 Und es kam Furcht über alle Nachbarn; und diese ganze Geschichte wurde bekannt auf dem ganzen Gebirge Judäas. 66 Und alle, die es hörten, nahmen’s zu Herzen und sprachen: Was, meinst du, will aus diesem Kindlein werden? Denn die Hand des Herrn war mit ihm.

               Das alles ist ungewöhnlich, sogar erschreckend, rätselhaft. Es mag sein, dass dieses Erschrecken, diese Furcht, φβος – unser Wort „Phobie“ kommt von daher –  mitschwingt in der Frage, die doch fast so, wie bei allen neugeborenen Kindern klingt: Was wird wohl aus ihm werden? Die Freude der Eltern, die Hilfe des Vaters, das Glück der Mutter? Aber in dieses Fragen, Reden und Denken, wie es immer ist, mischt sich eine Ahnung: Da ist Gott in ganz besonderer Weise mit auf dem Plan. Dieses Kind ist nicht wie andere Kinder. Und Lukas bestätigt diese Ahnung mit dem schlichten Satz: „die Hand des Herrn war mit ihm.“

 

Gott, aus dem Fragen führst Du in die Erfahrung. Aus dem Zweifel führst Du zur Zustimmung. In das Verstummt-Sein schenkst Du neue Worte.

Was die Freude über ein Kind vermag. Was das Glück der erfüllten Sehnsucht zu Stande bringt. Was das lange Schweigen reifen lässt.

Gott, Dein Weg mit dem neugeborenen Kind ist noch verborgen, den Eltern, den Nachbarn, den Neugierigen, den Gleichgültigen. Du aber kennst ihn schon, so wie Du das Kind schon kennst und ihm Deinen Namen gibst. „Der HERR ist gnädig“. Amen