Gesegnete Begegnung

Lukas 1, 39 – 56

39 Maria aber machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda 40 und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth.

             Maria bleibt mit dem Gehörten nicht allein. Sie sucht ein Gegenüber. Um mit dem, was sie gehört hat, zurecht zu kommen? Weil es nicht damit getan ist, einmal zu sagen: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“(1,38) Das will eingeholt werden in Lebensschritte. Und solche Lebensschritte macht Maria. „Maria „geht“, wandert gemäß dem Willen und Heilsplan Gottes.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S.84) Sie entzieht sich mit diesem Gang in das Gebirge der Einsamkeit, „die oft ein üppiger Boden für manche Giftpflanzen des Zweifelns und des Verzagheit“(F .Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.25) ist.

  41 Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth wurde vom Heiligen Geist erfüllt 42 und rief laut und sprach: Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes! 43 Und wie geschieht mir das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? 44 Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe.

                Wie oft ist diese Begegnung in der Kunst dargestellt worden. Ich lese die Worte und habe Bilder vor Augen. Aber zugleich habe ich die Bilder aus meinem Umfeld vor Augen: Schwangere, die sich begegnen, meine Schwiegertochter vor Jahren, unsere Hannah. Es ist ein so hoffnungsvolles Bild, wenn sich Frauen gegenüberstehen, beieinander stehen, die in guter Hoffnung sind, in gesegneten Umständen. Wie präzise unsere Sprache zum Ausdruck bringt, was ich empfinde – und was Elisabeth sagt: „Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes!“

               Es liegt Segen darauf, es liegt Hoffnung darauf, es liegt Zukunft darauf. Das könnte auch über eine Begegnung Schwangerer heute gesagt werden. Es ist gut, sich das vor Augen zu halten in einer Gesellschaft, die immer mehr von Alten dominiert wird und die immer mehr altert. Diese beiden schwangeren Frauen, die im höheren Lebensalter und das junge Mädchen stehen für die Hoffnung.

           Was da im Haus oder vor dem Haus des Zacharias in den judäischen Bergen geschieht, gleicht aufs Haar ungezählten Alltagsbegegnungen. „Der aktiv eingreifende Gott bringt Menschen zusammen: Das Heil ereignet sich in menschlichen Beziehungen.“ (F. Bovon, aaO.; S. 85) Und doch ist da mehr, was dem Auge eines Betrachters verborgen ist, was aber schon in aller Verborgenheit Wirklichkeit zu werden beginnt. Die eine trägt den Vorläufer, den „zweiten Elia“, die andere den kommenden Herrn und Heiland unter dem Herzen. Und die eine gibt der anderen die Ehre. Und neidet ihr nichts.

        Beide ahnen wohl, dass sie Teil einer Geschichte sind, die größer ist als sie es sich je haben erträumen lassen – Maria und Elisabeth.  Ein Hinweis dafür: Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe. „Gott bedient sich nicht nur der Worte, sondern auch er Sprache des Körpers.“ (F. Bovon, ebda.)

 45 Und selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.

           Eine erste Seligpreisung. Wenn man so will: auf Verdacht hin, aus dem Augenblick geboren. Und doch mit Langzeitwirkung. Bis heute wird die Geschichte weiter erzählt. Bis heute höre ich die Worte und freue mich daran: gepriesen ist die Frucht deines Leibes! Es ist ein Segen, der über jedem neuen Leben steht. Bis heute.

 

Gott, Du gibst neues Leben. Du lässt neu Hoffnung wachsen, tief verborgen im Leib der Mutter.

Wie achtlos gehen wir oft an diesem Geheimnis vorbei. Wie schnell tun wir so, als könnte man das alles im Griff haben.

Lehre mich neu zu staunen. Es ist ein Segen, dass es neues Leben gibt. Es ist ein Geschenk aus der Ewigkeit, dass neues Leben wird. Und lass es mich sehen: Jedes neue Leben ist Reichtum für die Welt, Träger Deiner Hoffnung, Zeichen Deiner Liebe. Amen

 

46 Und Maria sprach:                                                                                                                   Meine Seele erhebt den Herrn,                                                                                         47 und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;                                              48 denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.                                                   Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.                           49 Denn er hat große Dinge an mir getan,                                                                           der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.

                        Maria singt ein prophetisches Protestlied. Aber es ist viel mehr als ein Protest gegen alle möglichen Formen von Ungerechtigkeit. Es ist zuallererst ein Lobpreis der Größe Gottes. In ihrem Schwanger-Sein zeigt sich ihr der Wille des lebendigen Gottes, des Gottes Israels. Seine Wahl ist auf sie gefallen, ein Mädchen aus der galiläischen Provinz. Seine Wahl hat sie aus dem Schatten der Geschichten ins Licht gerückt.

            Maria bringt ihre Situation vor Gott – anbetend, staunend, Gott preisend. Und indem sie das tut, weitet sich ihr Blick. Was Gott an ihr tut, ist kein Einzelfall, so gewiss sie auch ein Sonderfall ist. Der ewige Bewährt sein Wesen an ihr. Er erhebt aus der Niedrigkeit. Er erwählt, was so leicht übersehen wird. Er zerbricht den Hochmut und gibt in leere Hände und leere Herzen.

             Es ist der Weg, von der einzelnen Erfahrung her eine Brücke zu schlagen zu der Geschichte des Volkes. Und umgekehrt. Die eigene Erfahrung wieder zu finden in dem, was Gott an dem Volk schon seit altersher getan hat. So wie er Maria in ihrer Niedrigkeit gesehen hat, so hat er das Volk in Ägypten gesehen, Ein Sklavenhaufen, der der Endlösung durch Arbeit zugeführt werden sollte. Sein Sehen ist der Beginn des Erhebens.

            Die Worte des Magnificat schöpfen aus der Geschichte, aber sie sind nicht rückwärtsgewandt. Sondern sie wissen sich auf Zukunft hin ausgerichtet. „Das Leben wird vorwärts gelebt, aber rückwärts verstanden.“ (S. Kierkegaard) Das Lied zeigt, dass das rückwärts Verstehen wiederum nach vorne weist.

 50 Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht                            bei denen, die ihn fürchten.                                                                                                 51 Er übt Gewalt mit seinem Arm                                                                                        und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.                                                    52 Er stößt die Gewaltigen vom Thron                                                                                   und erhebt die Niedrigen.                                                                                                           53 Die Hungrigen füllt er mit Gütern                                                                                   und lässt die Reichen leer ausgehen.

             „In der kommenden Königsherrschaft Gottes werden alle bisherigen Maßstäbe zerbrochen und alle bisherigen Werte entwerten werden.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S.31) Ein Umsturz – von oben, aus der Macht Gottes. Keine Revolution. Auch keine Evolution. „Nur“ eine Umkehrung der seitherigen  Machtverhältnisse. „Wenn Gott seine Herrschaft einführt, rüttelt er notwendigerweise an den Thronen und verlangt das Geld der Reichen. Täte er es nicht. wäre er weder gerecht noch gütig, wäre er nicht Gott. Die Geburt des Kindes bedeutet das Ende vieler Privilegien und vieler Unterdrückungen.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 91)Ganz so nahe am Politischen lesen wir diesen Lobgesang nicht so gerne. Aber er mischt sich massiv in die bestehenden Verhältnisse ein.

            Wobei: die Gewalt Gottes überrollt niemand.  Gewalt – κρτος: „Tüchtigkeit, Stärke, Kraft, Gewalt, Macht, Herrschaft“ (Gemoll Griech.-Deutsches Schuld- u. Handwörterbuch, München 1957,S.451). Es ist wenig glücklich, hier für die Übersetzung das Wort Gewalt zu wählen, das blinde Willkür signalisiert. Gottes Stärke bahnt sich keine Gasse der Blutspur durch Menschen, die miteinander feiern. Sie leiht sich auch nicht den Arm von selbsternannten Märtyrern, die die Ungläubigen vernichten wollen. Gottes Gewalt lässt die Mächtigen nicht in ihren Höhenflügen bis in den Himmel vorstoßen, sondern reduziert sie auf Menschenmaß. Sie wehrt der Selbstvergottung. Sie ist Partei – für die Niedrigen, für die Schwachen, für die Übersehenen. Für die, die unter die Räder kommen. Es wäre viel in der Welt gewonnen, wenn wir das Gewalt-Monopol Gottes anerkennen würden, das nie und nimmer auf Menschen übertragen wird. nicht auf Staaten und auch nicht auf Kirchen.

        Ist das Zukunftsmusik, was Maria singt?  Ja. Ein „eschatologischer Hymnus“(K.H. Rengstorf, ebda.) der das Geschehen am Ende aller Tage besingt, Vertröstung auf den St. Nimmerleinstag betreibt? Ich glaube: Nein. Dieses Lied meint Gegenwart. Dieses Lied besingt, was jetzt anfängt – bei Elisabeth mit ihrem Kind im Bauch und bei Maria mit ihrem Kind im Bauch. Es stimmt, das Lied beschreibt „in Zeitformen der Vergangenheit Zukünftiges als schon eingetreten.“ (K.H. Rengstorf, ebda.) Oder schlicht: „Die Zeit zu beginnen ist jetzt.“

 54 Er gedenkt der Barmherzigkeit                                                                                       und hilft seinem Diener Israel auf,                                                                                  55 wie er geredet hat zu unsern Vätern,                                                                      Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.

          In alledem bewahrheitet sich Gottes Treue, die er den Vätern zugesagt hat vor Urzeiten. Gott ist nicht vergesslich. Er erinnert sich. Er gedenkt. Gott bleibt seinem Erbarmen treu. Das meint μνησθναι λους, Im Kern ist diese Treue Barmherzigkeit, die auf die Beine hilft, die das Rückgrat stärkt, die den aufrechten Gang lehrt. Noch etwas fällt mir im griechischen Text auf. Da ist die Rede vom παĩs  σραλ. Was Luther mit Diener übersetzt, kann auch Kind heißen! Jedenfalls ist es inniger als wir bei einem Wort wie Diener hören. Es geht nicht um einen Angestellten Gottes.

           Gott hat einen langen Atem in seinen Verheißungen – von Abraham bis zu Maria sind es schon ein paar Jahrhunderte. Und das erhebt Maria, dass sie sehen kann: Es ist der gleiche Gott, der seinen Weg mit den Vätern und Müttern des Glaubens gegangen ist, der mich in seinen Weg hinein nimmt.

             Das fällt ja an diesem Lobgesang auch auf: Alle Aktivität wird Gott zugesprochen. Es gibt keinen außer ihm, der hier handelt – er erhöht, erhebt, erniedrigt, übt Gewalt,  zerstreut, füllt leere Hände, gedenkt, hilft auf. Es geht um das Handeln Gottes, das Maria wie im Zeitraffer an sich selbst bestätigt findet. Auch Maria selbst ist passiv – sie ist beteiligt als angesehene Magd, an der etwas getan wird, mit der etwas geschieht.

               Dass Menschen in die Geschichte Gottes hineingezogen werden, können sie nicht von sich aus verfügen. Es ist nicht so weit her mit der freien Wahl und dem freien Willen. Aber geschehen lassen können sie es. Und wenn sie es geschehen lassen, dann erheben sie im Lobpreis Gott und darin auch sich selbst. Wer Gott lobt, erhebt sich über seine sichtbare Lebenssituation hinaus.

56 Und Maria blieb bei ihr etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim.

            Das Lied ist nur die Momentaufnahme aus der ersten Begegnung. Sie bleibt bis kurz vor der Geburt des Johannes. Dann kehrt sie zurück. Heim – in ihr Haus. Nach Nazareth.  Salopp könnte man sagen: Bei der Geburt des Johannes hast sie nichts verloren.

Mein Gott, danke für diese Worte. Danke für die Spur, die Maria gelegt hat. Ich darf die Worte nachsingen, einstimmen, sie mir zu eigen machen mit so vielen anderen.

Dich zu erheben erhebt mich selbst, öffnet mir den Blick, macht mich dankbar, weitet meinen Horizont.

Du handelst an Maria, an uns, in der Treue zu Deinem Wesen. Du vergisst nicht, was Du verheißen hast.

Wie sollte ich vergessen, Dich zu loben, auch in den Niederlagen meines Lebens Dich zu loben. Amen