Let it be

Lukas 1, 26 – 38

26 Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, 27 zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria.

            Viel genauer geht es nicht. Im sechsten Monat – gemeint ist die Schwangerschaft der Elisabeth! Es sind Menschen an einem bestimmten Ort, in einer bestimmten Lebenssituation, von denen hier erzählt wird. Nazareth in Galiläa, ein Mann namens Josef, ein Nachfahre aus dem schon längst ohnmächtige geworden Haus David, Maria. παρθνοςJungfrau. „Die Tradenten denken sicher an Jungfräulichkeit… Obwohl diskret, ist der Text doch nicht nur am Wunder der göttlichen Zeugung, sondern auch am Zustand der Jungfrau Maria interessiert.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 72) 

             Gott handelt nicht überzeitlich, zeitlos, er handelt immer in die Zeit hinein. Das ist bis heute die große Herausforderung an unser Denken. Wir stellen uns Gott fast immer irgendwie über-weltlich und transzendent, zeitlos, ewig vor. Die biblische Botschaft dagegen geht den Weg, dass sie immerzu vom Einwirken des transzendenten Gottes in die Immanenz redet. Alle andere metaphysische Spekulation interessiert sie nicht. Was zählt: Unsere Wirklichkeit ist durchlässig für das Handeln Gottes und Gott handelt in unsere Wirklichkeit hinein. Die Wirklichkeit der Maria ist: Jungfrau – und eben nicht nur junge Frau.

28 Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! 29 Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? 30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. 31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. 32 Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, 33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

            Diesmal keine Vorstellung: `Ich bin Gabriel.’ Stattdessen die Anrede Heil dir, der Heil widerfahren ist – so könnte man übersetzen – und der Gruß: Der Herr ist mit Dir! Das ist noch einmal etwas anderes als `Gott ist für alle da’. Mit Dir. Persönlich. Hautnah. „Es ist etwas Besonderes an ihr von Gott her geschehen.“ (F .Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.19) Da rückt Gott aus der Weite in die Nähe, in unfassbare Nähe. Er kommt in seinem Boten in das Leben dieses jungen Mädchens hinein.

           „Um die Worte in ihrem ganzen Gewicht zu begreifen, muss man auch wissen, dass es nicht als gute Sitte galt, einer Frau überhaupt einen Gruß zu entbieten.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S.24)  Wie schön: der Engel Gottes ist nicht an die guten Sitten gebunden. Kein Wunder, dass Maria erschrickt. Weil beides ihr zu groß sein will – dass sie als Begnadete apostrophiert wird und dass Gott ausgerechnet ihr so nahe kommt durch diesen Engel und seine Botschaft.

            Der Engel hat eine Botschaft zu überbringen. Und nur um diese Botschaft geht es. Es ist eine Botschaft in einer merkwürdigen Spannung: Zunächst ist es nur die Ansage einer Schwangerschaft. Aber es ist nicht irgendeine Schwangerschaft. „Empfängnis, Geburt und Namensgebung sind die menschliche Entsprechung der göttlichen Absicht.“ (F. Bovon, aaO.;  S. 74) Dieses Kind, dein Sohn wird Sohn des Höchsten genannt werden, er wird den Thron Davids ererben, König  über Jakobs Haus für alle Zeit. Dein Sohn und doch zugleich der Sohn des Höchsten. Wahrer Mensch und wahrer Gott. Wer soll das fassen? Wie soll Maria das fassen? In dieser Ankündigung sind ja alle bisher unerfüllten Verheißungen der Väter gebündelt und fokussiert auf ein Kind, das noch nicht einmal gezeugt ist.

34 Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß? 35 Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. 36 Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. 37 Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. 38 Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

               Maria ist erdverhaftet. Darum ihr Fragen: Wie soll das gehen? Ist das ein Fragen des Unglaubens? Oder ist es nur einfach so, dass das Gehörte ihr Begreifen übersteigt? „Hier sind die Worte der Maria „Wie wird das geschehen?“ Worte des fragenden Glaubens und damit legitim.“ (F. Bovon, aaO.; S.75) Der Engel baut Brücken, die doch keine sind. Er erklärt, aber alles Erklären verbirgt mehr als es erklärt. Bis heute scheitert der Verstand an diesem Erklären. Zu Recht, denke ich. Denn es ist das tiefe Geheimnis Gottes, das hier geschützt wird. Der da zur Welt kommen soll, in dem ist Gott von Anfang an auf dem Plan. „Gottes Sohn“ ist nicht nur eine Funktionsbezeichnung. Sie sagt auch mehr als „Der ist Gott besonders nah.“ Sie sagt: In ihm tritt Gott selbst in den Weltkreis. Begreifen werde ich das nie. Zu Ende denken kann ich das auch nie.

      Was dann als „Zusatz-Info“ über Elisabeth und ihrer Schwangerschaft kommt, ist Farbe im Bild, aber es ändert das Bild nicht. Es deutet nur schon an – das Kind der Elisabeth und das Kind der Maria werden in einem besonderen Verhältnis stehen. Was hier geschehen soll, das sprengt den Rahmen. Für mich klingt es so, dass Gabriel ihr sagt: Schau nicht auf den engen Bereich des Faktischen. Schau auf die Möglichkeiten, die darüber hinausgehen. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Gott ist souverän darin, über unsere Möglichkeiten hinaus zu gehen und zu handeln. Und doch: nichts ist damit erklärt.

            „Denn kein Wort, das von Gott kommt, wird kraftlos sein.“ (Elberfelder Bibel) Die Elberfelder Übersetzung, die statt dem „Kein Ding ist unmöglich“ auf „kein Wort“ abhebt, ist nahe dran am griechischen Wort Ρῆμα. Auch wenn zu Recht gesagt werden kann: „Ρῆμα weist hier eher auf ein versprochenes Ereignis als auf bloße Worte hin.“ (F. Bovon, aaO.; S.79) Mir bringt die Elberfelder Übersetzung den alttestamentliche Bezug zum Vorschein: „Wie der Regen fällt und vom Himmel der Schnee und nicht dahin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt, sie befruchtet und sie sprießen lässt, dass sie dem Sämann Samen gibt und Brot dem Essenden, so wird mein Wort sein, das aus meinem Mund hervorgeht. Es wird nicht leer zu mir zurückkehren, sondern es wird bewirken, was mir gefällt, und ausführen, wozu ich es gesandt habe.“ Jesaja 55, 10-11)

             Es geht nicht um mögliche oder unmögliche Aktionen, auch nicht um Zauberstückchen oder Mirakel – werbewirksam in Szene gesetzt: „Nichts ist unmöglich. Toyota“ – , sondern es geht um die Schöpfermacht Gottes und um die daran hängende Macht seines Wortes.

             Das kleine Mädchen aus der jüdischen Provinz steht so oder so vor der Frage seines Lebens: Sage ich Ja zu dem Weg Gottes oder verweigere ich mich seinem Weg? Sie hätte doch auch sagen können: Such dir eine andere. Sie hätte doch auch sagen können: Tu mir dies nicht an – du stürzt mich in ein Zwielicht, das ich nicht will.

               Sie aber sagt: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Das ist nicht leichthin gesagt. Das ist ja nicht fraglose Zustimmung. Maria wirft ihr Herz über eine Mauer, die höher ist als ihr Denken sie bewältigen kann. Die großen Verheißungen des Engels lösen nicht Jubel aus, sondern ein leises „let it be“. Aber genau dies ist die Zustimmung, die Gott für seinen Weg braucht. Es ist eine geistgewirkte Zustimmung.

               Aber was ist das für ein Gott, der seinen Weg mit der Welt so geht, dass er auf die Zustimmung dieses kleinen galiläischen Mädchens angewiesen ist, der nicht hoch daher fährt, sondern seinen Weg in der Niedrigkeit sucht. Und wie oft fällt es mir schwer, diesem Gott zu sagen, was Maria ihm sagt: Mir geschehe, wie du gesagt hast. In diesem Satz aber ist sie ein exemplum fidei, ein Beispiel des Glaubens, an dem wir uns ein Beispiel nehmen sollen. Wir als Einzelne und wir als Kirche und Kirchen. Einverstanden werden mit dem Weg, auf den Gott uns stellt, den er mit uns gehen will.

Gott, Deine Boten machen es uns nicht leicht. Sie sagen manchmal mehr, Größeres, als wir es zu fassen vermögen.

Gott ist mit dir. Seine Gnade gilt dir. Du bist gesegnet unter allen Menschen. Und wir möchten uns so gerne verbergen in der Menge.

Dein Boten  suchen nach unserem Ja zu Gottes Weg, auch zu dem Weg, den wir uns nicht selbst wählen würden, den wir nicht verstehen, vielleicht nie verstehen werden.

Mir geschehe wie du gesagt hast. Let it be. Ja, ich will Deinen Weg für mich annehmen, akzeptieren, ihn gehen. Du bist ja mit mir. Amen