Verstummt Glauben

Lukas 1, 18 – 25

18 Und Zacharias sprach zu dem Engel: Woran soll ich das erkennen? Denn ich bin alt und meine Frau ist betagt. 19 Der Engel antwortete und sprach zu ihm: Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und bin gesandt, mit dir zu reden und dir dies zu verkündigen. 20 Und siehe, du wirst stumm werden und nicht reden können bis zu dem Tag, an dem dies geschehen wird, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast, die erfüllt werden sollen zu ihrer Zeit.

             Zacharias schaut auf sich selbst und sagt: Da kommt doch nichts mehr. Vielleicht schaut er in seinem Inneren zurück auf verzweifelte Versuche, durchweinte Nächte, Sex aus Pflicht. Aber: „Vom Gemütszustand des Zacharias wird nichts gesagt, allein seine Unsicherheit wird erwähnt, sowie das Verlangen nach einem Zeichen.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S.58)  Er steht mit Elisabeth in einer langen Reihe vergeblichen Hoffens. Sarah, Rebekka, Rahel, Hannah – es gibt viel vergebliches Warten auf das Kind. Kinder sind nichts, was man mal so „machen“ kann. Sie sind Geschenk, Gabe aus der Ewigkeit.

            Seltsam, dass der Engel, Gabriel,  – „der starke Mann Gottes“, so ist der Name zu übersetzen – nicht auf den Einwand des Zacharias eingeht. Seine Antwort ist Hinweis auf die Autorität, in der er redet. Er ist gesandt – sein Wort ist Wort aus der Ewigkeit Gottes. Gott lässt sein Wort nicht leer. Er erfüllt es gegen alle menschliche Skepsis. Dennoch oder gerade deshalb hat das Wort des Engels dem Mann Zacharias die Sprache verschlagen.

                     Es gibt Augenblicke im Leben, da verschlägt es einem die Sprache. Worte stimmen nicht mehr. Die Stimme ist weg. Alles ist viel zu groß um es in Worte fassen zu können, Manchmal zu schön, manchmal zu schwer, manchmal zu schmerzhaft. Was bleibt ist Schweigen.

  So gibt es auch Gottesbegegnungen, die den Mund nicht öffnen, sondern verschließen. Ist das Strafe? Oder Zeichen? Oder gar Schutz? Weil Gott auf Zeit spielt, wartet, bis die Zeit reif ist? „Niemand soll von dem reden, was Gott zu tun gedenkt.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 22) In einer Zeit, die von Worten nur so geflutet wird, ahnen wir etwas von dem Segen, wenn es einmal Schweigen gibt. Was hätte Zacharias auch sagen können? Hätte irgendwer ihm seine Engelserscheinung abgenommen?

21 Und das Volk wartete auf Zacharias und wunderte sich, dass er so lange im Tempel blieb. 22 Als er aber herauskam, konnte er nicht mit ihnen reden; und sie merkten, dass er eine Erscheinung gehabt hatte im Tempel. Und er winkte ihnen und blieb stumm. 23 Und es begab sich, als die Zeit seines Dienstes um war, da ging er heim in sein Haus. 24 Nach diesen Tagen wurde seine Frau Elisabeth schwanger und hielt sich fünf Monate verborgen und sprach: 25 So hat der Herr an mir getan in den Tagen, als er mich angesehen hat, um meine Schmach unter den Menschen von mir zu nehmen.

            Zacharias kommt gezeichnet aus dieser Begegnung. Die um ihn herum im Tempel merken, dass ihm etwas widerfahren ist.  „Zacharias kann nicht zur versammelten Gemeinde reden; die Leute erkennen, dass er ein Gesicht gehabt hat; er kann nur den stummen Segensgestus machen.(W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.53) Es ist – nicht immer, aber doch manchmal – Menschen anzusehen, dass es einen Einbruch in ihr Leben gegeben hat, auch einen göttlichen Einbruch. Zacharias bleibt verstummt bis zum Dienstschluss – fast wie ein ordentlicher Beamter. Dann erst geht er nach Hause.

             „Nach diesen Tagen wurde seine Frau Elisabeth schwanger und hielt sich fünf Monate verborgen.“ Das Wort Gottes löst Aktivität aus. Zacharias schläft mit seiner Frau. Das erzählt Lukas nicht, aber es muss ja wohl so sein. Es geht hier ja nicht um eine übernatürliche Geburt. Das miteinander Schlafen dieser betagten Eheleute ist – so lese ich das – ein Zeichen des Gehorsams des Glaubens. Es ist bewegend, dass nach so langen Jahren das Leiden sich löst und die Last der Kinderlosigkeit von den beiden genommen wird. Es wirkt fast wie ein ängstliches Fragen „Ist es auch wahr?“, dass Elisabeth sich fünf Monate lang verbirgt. Nach so langem vergeblichem Warten traut man sich doch kaum noch zu sagen: Jetzt ist es so weit.

            In dieser Verborgenheit aber wächst nicht nur das Kind in ihr, sondern auch das Staunen und die Dankbarkeit gegen Gott. „Er hat mich angesehen.“ Was der aaronitische Segen sagt, dass Gott sein Angesicht auf uns richtet, – “der Herr lass sein Angesicht leuchten über dir” (4. Mose 6,25) – das kann Elisabeth jetzt für sich ganz persönlich glauben. Und sie erfährt Befreiung: Gottes Ansehen hat dazu gedient, meine Schmach unter den Menschen von mir zu nehmen.

            Es ist ein Grundzug biblischen Denkens und Erzählens: Wo Gott ansieht, öffnet sich der Weg in die Freiheit, in eine neue Zukunft.  Das gilt sowohl für sein Ansehen des Volkes Israel wie auch für sein Ansehen Einzelner, wie hier eben Elisabeths. Es ist eine schöne Parallele zu Hannah, der Mutter Samuels, von der es heißt: „Der HERR gedachte an sie.“ (1. Samuel 1,19) Ansehen und Gedenken – das ist bei Gott eins.

 

Herr, manchmal verschlägt es mir auch die Sprache. Es ist alles zu viel, zu groß, zu schwer.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich nichts mehr zu sagen habe. Die Worte reichen nicht, die Wirklichkeit entzieht sich meinem Wort.

Herr, das kenne ich, das Warten auf eine Lösung, durchwachte Nächte, hilflose Tränen, den Schmerz über das, was ist.

Mein Gott, ich brauche keinen Engel, aber ich brauche Dich, meine Zuflucht, meinen Halt, der meine Tränen sammelt und sie trocknet und das Leben neu öffnet. Amen