Unerwartet

Lukas 1, 1 – 17

1 Viele haben es schon unternommen, Bericht zu geben von den Geschichten, die unter uns geschehen sind, 2 wie uns das überliefert haben, die es von Anfang an selbst gesehen haben und Diener des Worts gewesen sind. 3 So habe auch ich’s für gut gehalten, nachdem ich alles von Anfang an sorgfältig erkundet habe, es für dich, hochgeehrter Theophilus, in guter Ordnung aufzuschreiben, 4 damit du den sicheren Grund der Lehre erfährst, in der du unterrichtet bist.

Lukas ist nicht der erste, der über den Weg Jesu berichtet. Er reiht sich ein unter die Vielen, die auch schon Bericht gegeben haben. Und wie sie ist er angewiesen auf die, die es von Anfang an selbst gesehen haben. „Gesehen zu haben ist besser als gehört zu haben. Für den Glauben des Lukas sind die Augenzeugen jedoch zugleich die Zeugen der göttlichen Heilsgeschichte, nicht nur der Auferstehung Jesu, sondern des Lebens Jesu insgesamt.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 36)  An sie knüpft er an, auf ihrem Zeugnis ruht sein Zeugnis.

            Diese ersten Verse sind eine Widmung und eine Erläuterung über das Vorgehen, das Lukas gewählt hat. So sagen es einstimmig und fast ein bisschen langweilig alle Kommentare. Die Widmung kann, soll vielleicht auch dazu dienen, einen prominenten Unterstützer zu gewinnen. Möglicherweise war Theophilus ein begüterter Christ, der die Verbreitung des Evangeliums bereitwillig fördern konnte. Aber – so überlege ich – es könnte auch sein, dass Theophilus nicht der Name eines konkreten Menschen ist, sondern über alle Zeiten hinweg eine Anrede an alle Leser. Theophilus heißt ja übersetzt: „Gottesfreund.“ Dann könnte Lukas seine Leser so anreden – die, die schon zur Gemeinde gehören und die, die er für die Gemeinde gewinnen will.

                Man kann in den Worten von Anfang an vielleicht eine verborgene Kritik an den Vielen hören, „denn weder Markus noch die Quelle Q setzen mit der Geburtsgeschichte Jesu ein.“ (F. Bovon, aaO.; S.34)  Es fehlt bei ihnen also etwas von dem „alles“πσιν, das Lukas für seine Arbeit reklamiert.

          Das ist offensichtlich die Absicht des Lukas: Menschen dafür zu gewinnen, dass sie dem Evangelium Glauben schenken, dass sie in Jesus den Heiland entdecken. Dass sie festen Boden, sicheren Grund der Lehre, unter die Füße bekommen im Blick auf den christlichen Glauben. Dafür hat sich Lukas kundig gemacht, Zeugen befragt, Nachforschungen angestellt. So hören wir ja  nachdem ich alles von Anfang an sorgfältig erkundet habe. Daraus wird oft abgeleitet, dass er sich mit diesen Worten sozusagen als neutraler „Historiker“ vorstellt. 

            Es könnte aber auch so sein, wie es bei Paulus klingt: „Ich habe euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe“ (1. Korinther 15,3) Das Evangelium wird empfangen und weitergegeben. Es ist nicht die fromme Erfindung irgendeines Paulus oder eines Lukas. Es ist mündlich erzählt und wird dann mündlich und schriftlich weitergegeben. Und die es weitergeben, steht für die Wahrheit des Evangeliums ein – durch ihre Weitergabe.  So betrachtet, sieht sich Lukas nicht als neutralen Historiker, sondern mit seinem Evangelium als Zeugen Jesu Christi. Er gibt weiter, was er selbst empfangen hat. Mit dieser Überlegung wird allerdings ein wenig uninteressanter, ob Lukas ein Christ der ersten, zweiten oder gar dritten Generation ist. Er ist einfach einer in der Kette des Empfangens und Weitergebens. Mehr will er vermutlich auch nicht sein.

               Wer das Evangelium weitersagt und durch sein Leben weitergibt, sagt damit: Darauf kannst Du Dich verlassen. „Selbstverständlich war Theophilus nicht als einziger Leser gedacht.“(K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 16) Sondern mit ihm ein ganzer Kreis von Lesern, die alle Gottesfreunde werden sollen. Und wenn mit Theophilus ein Leser unserer Tage gemeint ist, dann reicht dieses Zeugnis eben auch bis zu uns heute. Was Lukas hier über sich sagt, beschreibt die Aufgabe aller Verkündigung bis heute: sie soll sicheren Grund des Glaubens bieten.

5 Zu der Zeit des Herodes, des Königs von Judäa, lebte ein Priester von der Ordnung Abija, mit Namen Zacharias, und seine Frau war aus dem Geschlecht Aaron und hieß Elisabeth. 6 Sie waren aber alle beide fromm vor Gott und lebten in allen Geboten und Satzungen des Herrn untadelig. 7 Und sie hatten kein Kind; denn Elisabeth war unfruchtbar und beide waren hochbetagt.

               Das Evangelium kennt keine Zeitlosigkeit. Es geht immer um bestimmte Zeit, um bestimmte Menschen, um ihre bestimmten Lebensumstände. So auch hier: Zacharias und seine Frau Elisabeth haben ein Umfeld – ein weites, das durch die Nennung des Königs von Judäa gekennzeichnet wird. Das Geschehen „spielt in den Tagen des Herodes, der als König Judäas bezeichnet ist. Das ist der korrekte politische Titel, wobei Judäa ganz Palästina meint.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.48) Dazu kommt ihr enges Umfeld, das sich aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Priestergruppe, der Dienstklasse des Abija, ergibt. „Jede Priesterklasse hatte zweimal im Jahr je eine Woche den Priesterdienst zu versehen.“ (W. Grundmann, ebda.) Darüber hinaus: Sie sind alt, hochbetagt  und kinderlos. Es ist das Schicksal, das oft in der Bibel begegnet: Kinderlosigkeit als Last, die den Menschen zu schaffen macht, die sie zu tragen haben, die so schwer anzunehmen ist.  An wem liegt es? Wie viele Verwundungen schlägt diese Frage und wie viel Verwundungen die Feststellung: Elisabeth war unfruchtbar. Ihr Mann könnte ja, aber sie….

8 Und es begab sich, als Zacharias den Priesterdienst vor Gott versah, da seine Ordnung an der Reihe war, 9 dass ihn nach dem Brauch der Priesterschaft das Los traf, das Räucheropfer darzubringen; und er ging in den Tempel des Herrn. 10 Und die ganze Menge des Volkes stand draußen und betete zur Stunde des Räucheropfers. 11 Da erschien ihm der Engel des Herrn und stand an der rechten Seite des Räucheraltars. 12 Und als Zacharias ihn sah, erschrak er, und es kam Furcht über ihn.

                Der Priesteralltag ist normalerweise nicht sonderlich aufregend. Natürlich gibt es eine routinierte Ehrfurcht. Natürlich auch einen frommen Schauer. Und es gibt eine gelernte und eingeübte innere Haltung, die weiß: Ich bin in der Gegenwart des Göttlichen. Und doch geschieht dann, was nicht natürlich, nicht gewohnt, sondern Durchbruch durch das Alltägliche ist. Ein Engel tritt auf den Plan. Keine Beschreibung, keine Erklärung – einfach so. Da steht plötzlich ein Gottesbote, einer aus der Welt Gottes, die unsichtbar in unsere Welt hineinragt und sie umschließt.  Was bleibt, ist Erschrecken.

            Das theologische richtige Wissen `Wir leben in der Gottesgegenwart.’ wird völlig überholt, wenn sich diese Gegenwart Gottes plötzlich in ein Leben hinein manifestiert, wenn sie augenscheinlich wird. Die theologisch richtigen Sätze können ja auch immunisieren, abschotten gegen umstürzende Erfahrungen. Ob es deshalb so ist, dass gerade die, die es alltäglich mit dem Heiligen zu tun haben, besonders erschrecken, wenn es auf einmal nicht totes Papier, bloßer Buchstabe, historische Erinnerung, Ritual ist?

            Manchmal spüre ich die feinen Risse, die die festen Wände meines Lebenshauses durchziehen, Manchmal überfällt mich eine Ahnung, dass es nur eine hauchdünne Schicht ist, die meine Wirklichkeit von der Wirklichkeit Gottes trennt. Nicht offen und überschreitbar für mich. Der Überschritt in diesen Raum, den upper room der Spirituals, ist mir versperrt. Wohl aber offen für Gott und seine Boten. Wenn es nach Gottes Zeit so weit ist, dann wird er seine Gegenwart kundtun, in meine Lebenszeit hinein. Und ich werde erschrecken.

13 Aber der Engel sprach zu ihm: Fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein Gebet ist erhört, und deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Johannes geben. 14 Und du wirst Freude und Wonne haben, und viele werden sich über seine Geburt freuen. 15 Denn er wird groß sein vor dem Herrn; Wein und starkes Getränk wird er nicht trinken und wird schon von Mutterleib an erfüllt werden mit dem Heiligen Geist. 16 Und er wird vom Volk Israel viele zu dem Herrn, ihrem Gott, bekehren. 17 Und er wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft Elias, zu bekehren die Herzen der Väter zu den Kindern und die Ungehorsamen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten dem Herrn ein Volk, das wohl vorbereitet ist.

               „Wie immer, wenn ein Mensch sich der oberen Welt gegenüber gestellt sieht, ist auch bei Zacharias der erste Eindruck Furcht und Schrecken.“(K.H. Rengstorf, aaO.; S.21)   Der Engel nimmt sie ihm – indem er ankündigt, was dieser Geburt folgen wird, was diesem Kind folgen wird: Freude und Wonne.

          Was keiner wissen kann, kommt hier zur Sprache – die Zukunft eines Kindes, das noch gar nicht da ist, vielleicht noch nicht einmal schon gezeugt. Das ist eine Sicht auf das Leben, die uns heute fast völlig abgeht: Vor den Augen Gottes ist schon offenbar, was werden wird. Nicht festgelegt, nicht determiniert, aber offenbar. Gott hat seine Hand schon auf dieses Kind gelegt, das noch im Mutterleib verborgen ist. Er hat schon seinen Weg mit ihm im Auge. „Der Sohn, den Elisabeth gebären wird, bekommt durch Gott seinen Namen; das an den Vater als Hausherrn übergebene Recht der Namensgebung nimmt Gott selbst wahr.“ (W. Grundmann, aaO.; S.50) Es ist ein großer Weg und es ist eine große Aufgabe, die auf dieses Kind Johannes wartet: Er soll die Elia-Rolle übernehmen – Vorläufer, Wegbereiter, Herold für das Kommen Gottes.

 

Gott, immer schon bist Du da. Immer schon bist Du nah. Nur wir sehen Dich nicht. Unsere Augen sind blind für Deine Gegenwart – zu sehr beschäftigt mit uns, unseren Dingen, der Tagesordnung der Welt.

Wenn Dein Engel kommt erschrecken wir, schrecken auf aus unserem Alltag und sehen, dass es mehr gibt, als was wir alltäglich sehen, fühlen, schmecken, riechen, machen.

Gott, sende Deine Engel auch heute, damit wir aufschrecken. Amen