Komm!

Jesaja 66, 15 – 24

15 Denn siehe, der HERR wird kommen mit Feuer und seine Wagen wie ein Wetter, dass er vergelte im Grimm seines Zorns und mit Schelten in Feuerflammen. 16 Denn der HERR wird durch Feuer die ganze Erde richten und durch sein Schwert alles Fleisch, und der vom HERRN Getöteten werden viele sein. 17 Die sich heiligen und reinigen für das Opfer in den Gärten dem einen nach, der in der Mitte ist, und Schweinefleisch essen, gräuliches Getier und Mäuse, die sollen miteinander weggerafft werden, spricht der HERR

            Das ist die Kehrseite.  „Jahwe kommt im Feuer. „Feuer“ ist in diesem Zusammenhang die verzehrende Macht, vor der kein Mensch bestehen kann.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.251) Nichts, wonach man sich sehnen würde. Heute fragen wir sofort: Hat hier nicht die Rachsucht das Wort? Aber hier ist nicht von der Vergeltung gegenüber irgendwelchen Feinden Israels die Rede. Sondern vom Richten der ganzen Erde und allen Fleisches. Gottes Gericht geht über alle.

              Ich höre das auch als ein Wort an die, die sagen: Wir sind doch noch einmal davon gekommen. Mehr noch: wir sind zurückgekehrt. Wir sind Gottes Neuanfang. Wer die Erfahrung der nationalen und religiösen Katastrophe hinter sich hat und zugleich ihre Folgen vor Augen, der wird wohl gar nicht anders können, als warnend zu sagen: Seid euch nicht sicher. Seid euch dessen bewusst, dass ihr vor Gott verantwortlich seid für euch, für eure Worte, für eure Taten und dass Gott nicht einfach großzügig fünf gerade sein lässt.

           Wieder komme ich zurück zu der Überlegung, die mich seit Tagen beschäftigt: Was richtet das bei uns an, dass wir nur noch von dem guten Gott reden, dem lieben Gott, dem Gott voller Erbarmen und Gnade? Braucht es die Rede vom Gericht, vom Zorn Gottes, damit wir die Botschaft von der Gnade und der Güte nicht verderben? In einem fiktiven Gespräch legt es der Autor Gott in den Mund: „Er habe das Böse geschaffen, weil er gedacht habe: Wie soll man das Gute erkennen, wenn es das Böse nicht gebe? Wie könne man den Tag begrüßen, wenn man die Nacht nicht habe? Wie sei es möglich, das Leben zu schätzen, wenn es den Tod nicht gebe?“( A. Hacke, Süddeutsche Zeitung Magazin Heft 48/2015)

         Es ist eine erschreckende Ahnung: Der verengte und einseitige Blick auf den gnädigen und gütigen Gott verdirbt die Gnade, macht die Güte gleichgültig, lässt die Treue achselzuckend zur Kenntnis nehmen: Na und? Es ist wohl wahr: So wie der nicht weiß, was Satt-sein ist, der den Hunger nie kennen gelernt hat, der nicht weiß, wie kostbar Gesundheit ist, der den Schmerz und die Krankheit nur vom Hörensagen kennt, so steht es auch um die, die vom Gericht Gottes nichts wissen. Erst vor der dunklen Folie des Gerichtes leuchtet das Erbarmen in seinem vollen Glanz, wird die Güte und Vergebung Gottes in ihrer Kostbarkeit geschmeckt.

       Nicht zuletzt deshalb: am Hellsten leuchtet die Gnade Gottes auf in die schrecklichen Zeichen des Kreuzes. Am Gekreuzigten. Er ist das Zeichen dafür, wie weit Gott in seiner Liebe geht. Bis zum Äußersten. Bis in das Dunkel des Gerichtes.

18 Ich kenne ihre Werke und ihre Gedanken und komme, um alle Völker und Zungen zu versammeln, dass sie kommen und meine Herrlichkeit sehen. 19 Und ich will ein Zeichen unter ihnen aufrichten und einige von ihnen, die errettet sind, zu den Völkern senden, nach Tarsis, nach Put und Lud, nach Meschech und Rosch, nach Tubal und Jawan und zu den fernen Inseln, wo man nichts von mir gehört hat und die meine Herrlichkeit nicht gesehen haben; und sie sollen meine Herrlichkeit unter den Völkern verkündigen.

            Man spürt sofort die Spannung zum unmittelbar zuvor Gesagten. Da ist vom Weltgericht die Rede, hier aber vom Sammeln, vom Sehen der Herrlichkeit Gottes, von Retten und Geretteten auch. „Der hier spricht, sagt damit: Das Kommen Gottes zum Weltgericht ist nicht der letzte Akt.“ (C.Westermann, Das Buch Jesaja 40 – 66, ATD 19., Göttingen 1966, S.337)

               Zu der zeitlichen Erweiterung tritt die gegenwärtige, räumliche Erweiterung. Es ist zu klein gedacht von Gott, wenn Israel exklusiv als das Volk Gottes gesehen wird. Es ist zu klein gedacht von diesem versprengten Haufen im Jerusalem, wenn er nur sich selbst irgendwie neu organisieren soll. Die Sammelaktion Gottes wird ausgeweitet auf die Völker. Bis zu den fernen Inseln.

            Wenn Paulus in seiner Bibel eine Stelle gesucht hätte, die seine Sendung zu den Heiden legitimiert, von Gott her ins Recht setzt – hier ist sie. Es ist die Erfahrung der ersten Gemeinde, die hier im prophetischen Wort vorweggenommen wird. Die sich selbst gerettet erfahren haben, werden gesandt. Die Suche Gottes nach Mitarbeitern geht so: retten und senden. Sie haben nichts anderes weiterzugeben als ihre eigene Erfahrung: dass Gott rettet. Dass er der Retter ist. Σωτήρ.

        „Hier ist zum ersten Mal ganz eindeutig von Mission in unseren Sinn die Rede: Sendung einzelner Menschen zu den fernen Völkern, um dort die Herrlichkeit Gottes zu verkünden… Man kann nur mit Staunen konstatieren, dass hier, am Rande des Alten Testamentes der Weg Gottes von dem kleinen Raum des erwählten Volkes in die weite Welt hinein schon gesehen ist.“ (C.Westermann, ebda.) Nur ein – winziger – Einwand: Jesaja ist für mich nicht am Rand des Alten Testamentes, sondern doch sehr in der Mitte.

              Was ist das für ein Zeichen, das da aufgerichtet wird? Lese ich als Christ zu viel, wenn ich hier das Kreuz mitlese, den Gekreuzigten, das große Zeichen der Liebe Gottes zu mir und aller Welt? Enteigne ich damit Israel? Nehme ich ihm seinen Propheten weg? Aber für mich ist Jesus von Nazareth das große Heilszeichen, der unbedingte Liebeswille, von dem der dritte Jesaja auf den Spuren des ersten und des zweiten Jesaja nicht müde wird zu sagen.

 Nichts, nichts hat dich getrieben zu mir vom Himmelszelt
Als das geliebte Lieben, damit du alle Welt
In ihren tausend Plagen und großen Jammerlast,
Die kein Mund kann aussagen, so fest umfangen hast.                                                                                                                P Gerhardt, 1653, EG 11

        Das Ziel Gottes mit diesem armen „Würmlein Jakob“ (Jesaja 41,14),  mit diesen Boten ist die Wallfahrt der Völker zum Zionsberg, ist das Rufen der Völker zu dem Herrn der Herrlichkeit. Es ist, als würde der dritte Jesaja den zweiten Jesaja mit eigenen Worten neu zur Sprache bringen: „Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wieder zu bringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.“(49, 6) Das ist die große Leidenschaft Gottes, dass er alle seine Völker sammelt in seiner Stadt, unter seinen Flügeln und dass ihm nichts verloren geht, kein Volk, kein Mensch, keine Tat der Liebe.

20 Und sie werden alle eure Brüder aus allen Völkern herbringen dem HERRN zum Weihgeschenk auf Rossen und Wagen, in Sänften, auf Maultieren und Dromedaren nach Jerusalem zu meinem heiligen Berge, spricht der HERR, gleichwie Israel die Opfergaben in reinem Gefäße zum Hause des HERRN bringt.

            Und die aus aller Herren Länder hin zukommen zu der Stadt Gottes, die sollen alles mitbringen, was es an “Wahrem, Gutem, Schönem” (Inschrift über dem Portal der Alten Oper Frankfrut/M) in ihrer Kultur gibt. Nichts von den Schätzen der Menschheit soll verloren gehen. Nichts wird entwertet, nichts wird verachtet. Menschen kommen und sie bringen die Werke ihrer Hände mit. Was man in Israel nicht wusste und nicht glaubte, das wird jetzt offenbar: die da kommen und gebracht werden sind alle eure Brüder aus allen Völkern.  Es sind eben nicht nur die Israeliten aus der Diaspora, die kommen – es sind alle aus allen Völkern. Das ist eine Form der Verherrlichung Gottes.

21 Und ich will auch aus ihnen Priester und Leviten nehmen, spricht der HERR. 22 Denn wie der neue Himmel und die neue Erde, die ich mache, vor mir Bestand haben, spricht der HERR, so soll auch euer Geschlecht und Name Bestand haben. 23 Und alles Fleisch wird einen Neumond nach dem andern und einen Sabbat nach dem andern kommen, um vor mir anzubeten, spricht der HERR.

             Wie so oft: Linien, die sich durch die ganze Schrift ziehen. „Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht; die ihr einst »nicht ein Volk« wart, nun aber »Gottes Volk« seid, und einst nicht in Gnaden wart, nun aber in Gnaden seid.“ (1. Petrus 2, 9 -10) Das ist Verheißung, aber gerade, weil es Verheißung ist, keine Garantie. Es ist Ruf zum Vertrauen auf die Zukunft, die Gott eröffnet und bereitet hat und deshalb auch Ruf zum Gehorsam. Diesem Ruf bleibt Gott treu. Die Frage an uns heißt: Lassen wir uns so rufen zu einer priesterlichen, segnenden, fürbittenden Existenz?

             Gottes Weg mit Israel zielt auf alles Fleisch. Aber gerade weil er das Ganze im Blick hat, bewahrt er die Treue im Kleinen. Weil er alle Welt will, sucht er das Leben seines Volkes. Nicht für einen Augenblick, sondern so, dass es Bestand hat – für immer und ewig. Die neue Schöpfung ist nicht flüchtig, nicht nur eine Moment-Aufnahme.

           Und das Leben seines Volkes findet in dieser Beständigkeit seine Vollendung – so lese ich – in der Anbetung Gottes. Anbetung ist viel mehr als eine Stilfrage, als eine liturgische Expression. Es ist die Form der Existenz, die Gott Recht gibt und dem Recht Gottes dient auf allen seinen Wegen. Vielleicht ist es die bleibende Aufgabe Israels, im Zustrom der Vielen aus den Völkern die Konstante zu sein, darin, dass es die Anbetung Gottes übt und durchhält, in die alle anderen einstimmen.

  24 Und sie werden hinausgehen und schauen die Leichname derer, die von mir abtrünnig waren; denn ihr Wurm wird nicht sterben, und ihr Feuer wird nicht verlöschen, und sie werden allem Fleisch ein Gräuel sein.

            Man könnte sich ein anderes Schlusswort für dieses Buch wünschen. Ein freundlicheres. Aber es ist ein Schluss wie zur Warnung, wie zur Mahnung, diese Vision Gottes nur ja nicht zu versäumen. Darum der Blick auch auf das verweigerte Leben und den verweigerten Glauben.  Das ist der Schmerz Gottes, der von Jesaja nie, auch hier nicht verschwiegen wird: Leben, das nicht an sein Ziel gekommen ist, weil es sich selbst Gott verweigert hat. Wir können von der Liebe Gottes nur so reden, dass wir auch seinen Schmerz zur Sprache bringen.

 

Gott, Du suchst mich, die Menschen neben mir, die mir lieb sind, die mir nicht so lieb sind, die mir gleichgültig sind.

Du sucht uns alle mit Deiner Liebe, in Deiner Geduld, durch Dein Erbarmen. Du hast das Zeichen Deiner suchenden Liebe aufgerichtet mit weit ausgebreiteten Armen – Jesus Deinen Sohn – und lässt uns allen durch ihn sagen: Komm.

Gib, dass ich es höre, und antworte durch mein Leben: Ja ich komme. Und gib, dass ich durch mein Leben andere ermutige auch so zu antworten: Ja ich komme. Amen

 

Ein Gedanke zu „Komm!“

  1. Danke für die wunderbaren Erläuterungen und Erklärungen! Auch bei schwierigeren Texten zeigen Sie immer Aspekte, die man sehen und verstehen kann. Für einfach gestrickte Leser, wie mich, finden Sie dann auch oft einen Liedvers, der einem den Bibeltext plötzlich öffnet. Auch die zahlreichen Zitate aus den verschiedenen Bibelkommentaren sind sehr hilfreich!! Möchte Ihre Ergänzungen zu tägl. Bibellese nicht missen!! Danke und gesegnete Weihnachtstage!!

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