Fülle aus Gott

Jesaja 66, 5 – 14

5 Hört des HERRN Wort, die ihr erzittert vor seinem Wort: Es sprechen eure Brüder, die euch hassen und verstoßen um meines Namens willen: »Lasst doch den HERRN sich verherrlichen, dass wir eure Freude mitansehen«, – doch sie sollen zuschanden werden. 6 Horch, Lärm aus der Stadt! Horch, vom Tempel her! Horch, der HERR vergilt seinen Feinden!

             „Der Gott der Propheten und unser Gott ist kein „lieber Gott“, Wohl wird es einmal von ihm heißen, dass er „die Liebe“ ist; aber ein „lieber Gott“ ist er nicht. Nein, nein. Nein.“ (R. Bohren, Prophet in dürftiger Zeit, Auslegungen von Jesaja 56 – 66, Neukirchen 1969, S. 164) Die vor ihm, vor seinem Wort  zittern, die wissen das. Sie wissen, dass sie auf Gottes Fragen nicht eines antworten können. „Siehe, ich bin zu gering, was soll ich antworten? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen. Einmal hab ich geredet und will nicht mehr antworten, ein zweites Mal geredet und will’s nicht wieder tun.“ Hiob 40,4-5) So steht es um den Menschen vor Gott, wenn er seine eigene Situation unverhüllt sieht.

             Es hat ihn immer schon gegeben, den hasserfüllten Blick auf Israel, auf Jerusalem, auf das Volk Gottes. Als da dieser kümmerliche Haufen aus dem Exil zurück kehrt, da sind die Völker ringsum auf dem Plan, ihnen das Leben schwer zu machen, sie daran zu erinnern: Ihr habt die Treue eures Gottes verspielt. Und diese Feinde haben ja Recht. Was Israel erlitten hat im Untergang und im Exil, das hat es selbst über sich gebracht, das ist die Folge seiner Schuld.

              Doch es ist noch bedrängender. Es geht nicht nur um gehässige Feinde von außen. Durch das Volk geht ein Riss. Haus an Haus wohnt man beieinander und ist doch durch Welten getrennt. Gruppenbildungen in Israel. „Es ist bemerkenswert: Die Majorität der vom Wort Gottes abgewandten „Bruder“ stößt die Minorität, die „vor den Wort Jahwes erzittert“, aus.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S. 248) Später wird das Wort, das die Lutherbibel mit „verstoßen“ übersetzt, „im Talmud zum Terminus technicus für die Ausstoßung aus der Synagoge.“ (H.J.Kraus, ebda.)

               Es kann Angst machen: Im Volk Gottes sind die in der Minderheit, von der Ausstoßung durch die Mehrheit bedroht, denen es ernst ist mit dem Wort Gottes. Luther hat es Zeit Lebens geglaubt, dass die „wahre Kirche“ eine Kirche ist, die bedrängt ist, die angefeindet wird, die eben nicht jedermanns Liebling ist.  Es ist ein kurzer Schritt zu der Einsicht: „Wer Gottes Wort ablehnt, lehnt auch die ab, die dieses Wort Gottes ernst nehmen. Der Gotteshaß der Abtrünnigen ist natürlich keine Gottesleugnung, er ist vielmehr der radikale Zweifel an dem, was Gott durch seinen Boten ankündigte.“ (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 2. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1990, S.329)   

             Und doch hält Jesaja es durch, die so als Verfolger der Brüder Auftretenden sind immer noch Brüder. Aber das Gericht steht schon vor der Tür. Vom Tempel her kündigt sich neues Geschehen an. Die Vergeltung Gottes. An den Feinden. Diesmal sind ziemlich zweifelsfrei die Völker im Blick, die äußeren Feinde Israels. Das legt die Parallele nahe, in der auch das Wort Vergelten gebraucht wird: „Nach den Taten wird er vergelten, mit Grimm seinen Widersachern, mit Vergeltung seinen Feinden; ja, den Inseln will er heimzahlen.“(59,18) Für heutige Leser erschreckend. Gott ist auch ein vergeltender Gott und eben nicht nur der immerzu vergebende.

           Wieder stößt mich dieser Gedanken auf die Herausforderung, Gott nicht einseitig zu sehen, zu beschreiben. Mir das nicht durchgehen zu lassen, dass ich nur den erbarmenden Gott glaube. Nein, ich glaube auch an den heiligen Gott – wie sonst sollte sein Erbarmen denn auch kraftvoll sein.

  7 Ehe sie Wehen bekommt, hat sie geboren; ehe sie in Kindsnöte kommt, ist sie eines Knaben genesen.8 Wer hat solches je gehört? Wer hat solches je gesehen? Ward ein Land an “einem” Tage geboren? Ist ein Volk auf einmal zur Welt gekommen? Kaum in Wehen, hat Zion schon ihre Kinder geboren.

             Was sie aber nicht zu sehen vermögen: der Zorn, das Gericht ist nicht Gottes letztes Wort über sein Volk. Nein, es gibt neues Leben – fast wie eine Sturzgeburt. Mit diesem Bild wird ja ein bisschen die Situation der Heimkehr erhellt. Die Sturzgeburt kommt so schnell, dass die Vorbereitungen für das neue Kind noch gar nicht recht fertig sein können. „So wenig eine Geburt aufzuhalten ist, so wenig ist der Plan Gottes aufzuhalten.“ (R. Bohren, aaO.; S.166)

                     So ist es mit Jerusalem auch: Die Heimkehr kommt nicht als würdige Wallfahrt in wohl vorbereitete Umstände, sondern sie gleicht mehr einem Einzug in eine Bauruine. Alles ist halbfertig, die Trümmer liegen noch herum – und doch: Jerusalem hat wieder Zukunft, wieder neues Leben. Wo nur noch Tod zu sehen, da ist wieder Leben und Fruchtbarkeit. Und es ist Gottes Ja über der Stadt, die sein Gericht erfahren hat, das neues Eden werden lässt.

 9 Sollte ich das Kind den Mutterschoß durchbrechen und nicht auch geboren werden lassen?, spricht der HERR. Sollte ich, der gebären lässt, den Schoß verschließen?, spricht dein Gott.

             Das ist ein Wort an die Skeptiker, die sich nicht so recht freuen können über der Heimkehr. Die nur die Schwierigkeiten sehen. Was wäre das für Ein Gott, der einen Anfang macht, die Geburt einleitet, aber sie nicht ans Ziel bringt. Der aus der Geburt eine Totgeburt werden lässt. Bleibt das Heil, so mögen machen gefragt haben, nicht auf halbem Weg stecken, kommt nicht durch den Geburtskanal durch ans Licht der Welt? So ganz gegen die Regeln des Lebens  wird Gott nie und nimmer handeln.

  10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an dem Reichtum ihrer Mutterbrust.

                Was für schöne Bilder. Was für ein Wechsel. Gerade, wer das ganze Jesaja-Buch in den Blick nimmt, der spürt: hier bricht sich die Freude neue Bahn. Hier wird das Leben und Gott, der das Leben gibt, neu gefeiert. Es gibt kaum ein innigeres Bild für diese Feier des Lebens als das Bild einer stillenden Mutter, als das Bild einer tröstenden Mutter, die ihr Kind auf den Schoß nimmt.

                        Heile, heile Gänsje
Es is bald widder gut,
Es Kätzje hat e Schwänzje
Es is bald widder gut,
Heile heile Mausespeck
In hunnerd Jahr is alles weg.                        E. Neger, Mainz

            Das ist kein biblischer Text, nicht einmal ein besonders sinnreicher Text, auch nicht große Dichtung. Aber wie oft haben Mütter ihr Kind auf den Schoß genommen, das Kind tränen-überströmt und dieses Lied gesungen – und alles musste gut werden. Es ist Trost im Alltag des Lebens, unprätentiös, schlicht.  Solcher Trost macht stark, das Leben zu bestehen.

 12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihre Kinder sollen auf dem Arme getragen werden, und auf den Knien wird man sie liebkosen. 13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. 14 Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

            Bilder des Überflusses. Gesprochen zu Leuten, um die alles in Trümmern liegt. Die irgendwie an der Sinnhaftigkeit des Wiederaufbaus zweifeln. Der Cantus firmus: Trost. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Das ist nicht gewohnte Redeweise, wenn von Gott gesprochen wird.

Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt,                                                                                 so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.            Psalm 103,13 

              Hier tritt, gleichwertig und von einer großen Innigkeit geprägt daneben trösten, wie einen seine Mutter tröstet. „Der Gott Israels ist nicht maskulinisch festzulegen und in seiner Geschlechtlichkeit zu fixieren.“ (H.J.Kraus, aaO.; s.251) Einmal mehr ist die Erinnerung angebracht: Unser Reden von Gott ist immer ein Reden in Bildern, das sich seiner Wirklichkeit nähert, das sie für uns „begreifbar“ machen soll, das ihn aber nie und nimmer „definieren“, begrenzen kann.

                    In Zeiten wie denen, die unsere Kirche gerade durchmacht, wirken die  folgenden Worte, unglaublich kühn:  „Johannes Calvin versteht das Mutter-Gleichnis als Versprechen für die Gemeinde; das Gottesvolk soll gleichsam eine Bevölkerungsexplosion erleben: Die Gemeinde soll dermaßen wieder aufgerichtet werden, dass sie reiche Fülle hat, Nachwuchs hat, mag sie jetzt auch eine Weile kinderlos und unfruchtbar erscheinen… dies Gotteswerk soll jäh und unerwartet kommen.“ So ist´s versprochen.“ (R. Bohren, Prophet in dürftiger Zeit, Auslegungen von Jesaja 56 – 66, Neukirchen 1969, S.167)

              

So innig wie der Prophet von Gott zu reden vermag, von dem mütterlichen Gott, so innig spricht Jesus vom Vater. Von seiner Einheit mit dem Vater. Wer das zur Kenntnis nimmt, nicht nur so obenhin, der kann gar nicht anders als die Einheit des Redens von Gott zwischen den Texten der Hebräischen Bibel und den Texten des neuen Testamentes zu bekennen. Es gibt kein Bild von Gott im Neuen Testament, das nicht in den alten Texten schon vorgeformt wäre. Das Neue am Neuen Testament ist nicht ein neues Gottesbild – hier der barmherzige, da der strafenden und rachsüchtige Gott – das Neue am Neuen Testament ist einzig Jesus – das menschgewordene Bild des Ewigen. Der eingeborene Sohn. „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“(Johannes 1,14)

             Frieden, der die Welt umgreift. Frieden, der das kleinste Kind einschließt genau wie die große Stadt. Fülle, die in Gott ihren Ursprung hat. Weit hinaus gehend über alles, was wir uns in unseren optimistischen Programmen vom „Wachsen gegen den Trend“ zu versprechen wagen. Aber eben auch ganz anders wie alle die Parolen, die nur noch den geordneten Rückzug der Kirche zu glauben lehren.

           

Ach Gott, wie oft ist es in unserem Leben ein Hin und Her, ein Schwanken und Wanken zwischen Angst und Freude, Furcht und Vertrauen, Schmerz und Glück.

Wie oft  rufst Du uns zur Freude, und wir reden von unseren Ängsten. Du rufst zum Vertrauen und wir bleiben stecken in tausend Fragen und Klagen.

Schenke Du, dass die Freude neu in unser Leben hinein geboren wird, dass wir geborgen sind bei Dir, wie als Kind an der Brust der Mutter. Amen