Gott – nicht zu fassen

Jesaja 66, 1 – 4

1 So spricht der HERR: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße! Was ist denn das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet, oder welches ist die Stätte, da ich ruhen sollte? 2 Meine Hand hat alles gemacht, was da ist, spricht der HERR.

             Hier klingt die alte Kritik wieder an, die schon vor dem Bau des ersten Tempels zu hören war. Wer Gott einen Tempel bauen will, der muss wissen, das kein Haus und kein Herz Gott zu fassen vermag. Und die Kritik ist noch einmal schärfer, weil ja da die Trümmer des zerstörten Tempels zu sehen sind.

           Es ist zugleich eine Warnung: Bildet euch nicht ein, ihr könntet durch einen Tempel-Neubau Gottes habhaft werden. „Man wird wohl davon ausgehen können, dass in der nachexilischen Gemeinde nicht nur der Neubau des Jerusalemer Tempels gefordert wurde, sondern dass der Wiederaufbau forciert wurde mit der Parole: Nur dann kann das eschatologische Heil ausbrechen, wenn der Tempel wieder errichtet ist.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.245) Diesen Stimmen tritt der Prophet entgegen mit dem Spruch des HERRN.

              Ich lese dieses Worte weiter als eine Warnung über alle Zeiten hinweg, auch an uns. Bildet euch nicht ein, ihr könntet Gott in irgendein Gebäude einsperren, das ihr ihm errichtet – ob es das Gebäude eures frommen Lebens ist, eurer selbst gemachten Gerechtigkeit, eurer so richtigen Theologie. Der Schöpfer des Himmels und der Erde ist nicht angewiesen auf Tempel, auf Gotteshäuser, auf Wohnorte, die Menschen ihm anweisen, auf Herrgottswinkel und Gebets-Kämmerchen, Häuser der Stille, die wir ihm zugestehen.

Ich sehe aber auf den Elenden und auf den, der zerbrochenen Geistes ist und der erzittert vor meinem Wort.

                   Es ist nicht der Ort, der die Erreichbarkeit Gottes ausmacht. Gott lässt sich erreichen, überall, dann, wenn einer erzittert vor meinem Wort. Sich ihm hinhält, elend, wie er ist. Es ist die innere Haltung, um die es geht: Das zerbrochene Herz, der demütige Geist. Es geht um die Haltung dessen, der weiß, dass er nichts zu bringen hat, nichts fordern kann, dass alles Opfer nur das Eine ausdrücken kann: ich gebe Dir mich selbst in die Hände. Sieh Du mich gnädig an. Jesus wird viel später zu der Frau am Jakobsbrunnen sagen: „Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden. Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben.“(Johannes 4, 21 – 23)

         Es ist eine wichtige Frage: Sind diese Worte an das Volk als Kollektiv gerichtet? Israel ist dann der Elende, der zerbrochenen Geistes ist. Oder ist es hier dann doch so, dass es um Einzelne, um Individuen geht? Es gibt in diesem einen Volk Israel die, die nicht hören, die nicht mehr nach Gottes Wort fragen. Die sich selbst genug sind. Es gibt, Gott sei Dank, aber auch die anderen, unten, „Fußkranke“ in den Augen der Starken und Mächtigen, Elende, Abgehängte, die wissen, dass sie Gott nötig haben, die noch zittern vor dem Wort. Für die Gottes Güte nicht selbstverständlich ist, sondern zum Staunen, Geschenk.

             Eine steile Aktualisierung: „Zittern vor einem Wort, das kennen wir vielleicht vor Prüfungen. Aber Zittern vor Gottes Wort? In der Tat. Dann hätte der Theologe gut studiert, der das Zittern gelernt hätte. Ich meine ja: Exegese (Auslegung der Bibel) müsste dann eine Anleitung sein zum Zittern und Homiletik (Predigtlehre) eine Zitterübung. Wir Theologen versuchen, „den Text in den Griff zu bekommen“. Und der ist angesehen unter uns, der sich souverän gibt, eigenwillig, eine neue Theologie und möglichst auch eine neue Moral verkündigt, die Theologie und Moral des mündigen Menschen.“ (R. Bohren, Prophet in dürftiger Zeit, Auslegungen von Jesaja 56 – 66, Neukirchen 1969,S.161)

                Es sind provozierende Worte für eine Zeit, die wieder und wieder fragt – politisch Verantwortliche, Wirtschaftsführer, Sportfunktionäre, Lehrer, Polizeisprecher, Eltern: Haben Sie das Problem im Griff? Oder haben Sie wenigstens einen Plan B? Wer die Dinge nicht im Griff hat, taugt in dieser Sichtweise nichts. Aber die, die nichts im Griff haben, nichts in Händen haben, nichts vorweisen können, ausgerechnet die empfangen die Verheißung. Der Weg zu Gott öffnet sich. So sagt es der Prophet ihnen zu, den Elenden, den Zerschlagenen, den Verlierern, denen, die zittern und nichts fest in Händen haben.

             Ich füge die weitergehende Provokation hinzu: „Eine Theologie, die nichts weiß vom Zittern, weiß nichts von Gottes Wirklichkeit; und eine Moral, die Gottes-Furcht nicht kennt, dokumentiert nur die alte Sünde.“ (R. Bohren, ebda.) Wie fremd fühlen sich diese Worte in unserer Zeit heute an! Wie aus einem anderen Jahrtausend, wie von einem anderen Stern.

3 Wer einen Stier schlachtet, gleicht dem, der einen Mann erschlägt; wer ein Schaf opfert, gleicht dem, der einem Hund das Genick bricht; wer ein Speisopfer bringt, gleicht dem, der Schweineblut spendet; wer Weihrauch anzündet, gleicht dem, der Götzen verehrt:

          Es ist ja äußerlich kein Unterschied: der ein Tier opfert, tut nichts anderes, als der ein Tier schlachtet. Bis heute gibt es ja auch in anderen Religionen genau diesen Zusammenhang: weltliches und rituelles Schlachten geschieht durch die gleichen Leute. Geht es nur darum, dass es verschiedene Leute sein sollen? Oder geht es um eine radikale Kritik an allen Opfern? „Eine solche Verdammung der legitimen Opferhandlungen geht weit hinaus über alles, was sonst im Alten Testament kritisch zum Opfer gesagt wird.“ (C.Westermann, Das Buch Jesaja 40 – 66, ATD 19., Göttingen 1966, S.328) Näher liegt das andere. Man opfert, aber man ändert nichts am eigenen Leben. Gott wird gewissermaßen mit Ersatzleistungen abgespeist. Statt Gehorsam und Vertrauen – Opfer.

 Wahrlich, wie sie Lust haben an ihren eigenen Wegen und ihre Seele Gefallen hat an ihren Gräueln, 4 so will auch ich Lust daran haben, dass ich ihnen wehe tue, und ich will über sie kommen lassen, wovor ihnen graut.

             „Menschen erwählen ihre eigenen Wege – Gott erwählt seine Reaktion darauf.“ (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 2. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1990, S.329) Nicht die Außenseite einer Handlung, was wir sehen, ist entscheidend. Entscheidend ist, was Gott sieht, was und wen er ansieht. Und Gott schaut darauf: In welcher Haltung wird geopfert?  Gott schaut auf die Innenseite – hier: auf die Lust an den eigenen Wegen, auf das, woran die Seele Gefallen hat. Was er da sieht, ist eine Verkrümmung in sich selbst. In allem Opfer geht es immer nur um das eigene Ich. Nie um Gott. Die Lust dieser Opfernden sucht nur sich selbst.

Denn ich rief und niemand antwortete, ich redete und sie hörten nicht und taten, was mir nicht gefiel, und hatten ihre Lust an dem, woran ich kein Wohlgefallen hatte.

          „Der Herr aber sieht das Herz an.“(1. Samuel 16,7) Es sind verschlossene Herzen, die Gott wahrnimmt. Ohren auf Durchzug. Das Reden und Rufen Gottes ist ein Reden und Rufen in den Wind. Herausgekommen ist bei diesen verschlossenen Ohren und Herzen ein Tun, was mir nicht gefiel, woran ich kein Wohlgefallen hatte. Sind es nur Gruppen im Volk, die so ohne Gott leben? Oder sind es doch alle, weil niemand antwortet, sie nicht hören.

            Einmal mehr drängt sich mir die Frage auf: Steht Gott vor der Bankrott-Erklärung seiner Geduld? Erlebt er, dass es nicht mit Liebe getan ist, nicht mit den immer neuen Anläufen, das Volk zurückzurufen? Kämpft in Gott manchmal doch Zorn mit Geduld und gewinnt Oberhand? Es wäre kein Wunder, wenn man sich Gottes Predigt-Bilanz unvoreingenommen ansieht: Seine Propheten mahnen, warnen und rufen mit fortlaufenden Erfolg. Da ist kein Hören. Da ist kein Umkehren. Da ist nur Weiter so. Wir sind o.k. und bescheinigen es uns gegenseitig: Ich bin o.k. Du bist o.k. Was soll Gott da noch zu meckern haben. Wir sind doch die Guten.

 

Heiliger allmächtiger Gott, wie viele Gedanken mache ich mir über Dich. Wie viele Bilder von Dir trage ich in mir. Wie viele Worte sage ich zu Dir.

Bewahre mich davor zu glauben, dass meine Gedanken Dich fassen, meine Bilder Deine Wirklichkeit abbilden, meine Worte Dir gerecht werden.

Gott, sieh Du mein Herz an. Sieh Du mich an, der sich sehnt nach Dir, der sich öffnet vor Dir, der zerschlagen ist und keinen anderen Weg weiß als seine Zuflucht zu suchen in Dir.  Amen