Gottes Hoffnung – Kein Heilsautomatismus

Jesaja 65, 11 – 16

11 Aber ihr, die ihr den HERRN verlasst und meines heiligen Berges vergesst und dem Gad einen Tisch zurichtet und dem Meni vom Trankopfer voll einschenkt, – 12 wohlan, euch will ich dem Schwert übergeben, dass ihr euch alle zur Schlachtung hinknien müsst; denn ich rief und ihr habt nicht geantwortet, ich redete und ihr habt nicht gehört, sondern tatet, was mir nicht gefiel, und erwähltet, wonach ich kein Verlangen hatte.

             Auf das Heilswort folgt ein Unheilswort. Nicht aus heiterem Himmel, sondern weil es Menschen gibt, die das Heilswort hören, sich aber davon nicht bewegen und berühren lassen. „Jahwes Knechten und Erwählten (65,9) stehen Menschen gegenüber, die den Gott Israels verlassen und den heiligen Berg vergessen haben, Menschen also, die den Namen Gottes nicht mehr anrufen und das Heiligtum auf dem Zion nicht mehr aufsuchen.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.238) Statt dessen halten sie sich an die Schicksalsgötter, Gad und Meni. „Was man bei den genannten Gottheiten sucht, ist Glück, Steigerung des Lebensgefühls.“ (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 2. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1990, S.321) Wie schrecklich aber sind, die so suchen, betrogen. Statt Glück das Schwert, statt Leben die Schlachtung.

     Die ernste Kehrseite: Gottes Hoffnung setzt keinen Heils-Automatismus in Gang. Es ist möglich, was unmöglich erscheint: die Gaben Gottes zu missachten. Die Liebe Gottes zu ignorieren. Die Hoffnung Gottes für lächerlich zu halten. Es ist möglich zu sagen: Gott – ach, der hat ausgespielt. Ich brauche die Hypothese Gott nicht für mein Leben. Es ist möglich, Gott für Schwachsinn zu halten, für Priestererfindung und Priesterbetrug, für einen billigen Trost für kleine Kinder und alte Leute, für die Verlierer im Kampf des Lebens. Aber was so unmöglich möglich ist, führt das Leben in eine Sackgasse. Daran lässt der Prophet keinen Zweifel.

            Aus einer Predigt: „Ich meine, wir wissen hierzulande, was das heißt, dem Glücksgott zu dienen, was das heißt, dem Erfolg, dem Wohlstand nachzulaufen und nicht nach Gottes Wort zu fragen. Wir wissen, was das heißt, dem Schicksalsgott den Mischtrank zu füllen, resignieren, sagen: Ich kann ja nichts machen. Ich halte es für den gefährlichsten Götzendienst von uns Christen, die Hände in den Schoß zu legen und der Welt ihren Lauf zu lassen.“ (R. Bohren, Prophet in dürftiger Zeit, Auslegungen von Jesaja 56 – 66, Neukirchen 1969, S.151f.)

 13 Darum spricht Gott der HERR: Siehe, meine Knechte sollen essen, ihr aber sollt hungern; siehe, meine Knechte sollen trinken, ihr aber sollt dürsten. Siehe, meine Knechte sollen fröhlich sein, ihr aber sollt zuschanden werden; 14 siehe, meine Knechte sollen vor Herzenslust jauchzen, ihr aber sollt vor Herzeleid schreien und vor Jammer heulen. 15 Und ihr sollt euren Namen meinen Auserwählten zum Fluch überlassen »Dass dich Gott der HERR töte«; aber meine Knechte wird man mit einem andern Namen nennen.

             Was für ein Kontrast: Hier der Tod, da das Leben. Die an den Tafeln der Götzen sitzen, werden am Ende hungern und dürsten. Die sich aber an den unsichtbaren Gott halten, werden Leben in Fülle erfahren.

             Das alles ist möglich und Gott antwortet nicht mit Blitz und Donner und erschlägt den, der ihn  so abschreibt. Aber es bleibt kein Zweifel: Gott drängt sich nicht mit Gewalt auf. Gott nimmt sein Volk – und uns – in der Entscheidung ernst, die wir fällen. Wer ohne Gott leben will, der muss es dann auch. Er kann sich nicht an Gott sättigen. Er kann sich nicht mit seinem Wort trösten. Er kann sich nicht in seiner Freude freuen. Was Gott seinen Leuten zugedacht hat, will angenommen sein. So wie Geschenke ausgepackt sein wollen, damit sie zur Freude führen.

            Es gibt keine wörtliche Parallele, aber es gibt eine innere Übereinstimmung. Beim Landtag von Sichem legt Josua dem Volk die Alternativen vor: „So fürchtet nun den HERRN und dient ihm treulich und rechtschaffen und lasst fahren die Götter, denen eure Väter gedient haben jenseits des Euphratstroms und in Ägypten, und dient dem HERRN. Gefällt es euch aber nicht, dem HERRN zu dienen, so wählt euch heute, wem ihr dienen wollt: den Göttern, denen eure Väter gedient haben jenseits des Stroms, oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr wohnt. Ich aber und mein Haus wollen dem HERRN dienen.“ (Josua 24, 14 -15)

            Was Jesaja hier beschreibt ist die Spaltung des Volkes Gottes. Eine Spaltung, in der Heil und Unheil im Schwange sind. Es ist der Hinweis, dass es keinen Heils-Automatismus gibt, oder je gegeben hat. Immer ist der Einzelne gefragt. Nie macht die Zugehörigkeit oder die Abstammung das eigene Vertrauen und die eigene Entscheidung überflüssig. Die Frage steht vor Israel und vor jedem einzelnen Israeliten, vor der Christenheit und vor jeder einzelnen Christin und jedem einzelnen Christen: Lasse ich mich von Gott suchen? Lasse ich es mir gefallen, dass er sich von mir finden lassen will?

            Ich versuche eine Übertragung: Wer in unserer Zeit die Rettung des christlichen Abendlandes auf seine Fahnen schreiben will, der muss sein eigenes Leben in Übereinstimmung mit den Wegen Gottes bringen. Der muss sich selbst einüben in Barmherzigkeit, in Treue, in den Schutz der schwachen, der Vergessenen. Die Bewahrung des Christlichen in Europa ist zuallererst  und ausschließlich eine Frage an mein Gottvertrauen – es ist keine Frage, die auf der  politischen Bühne entschieden wird.

             Es bleibt dabei: Gott liebt wie verrückt und seine Liebe geht aufs Ganze. Sie hat nur eine Grenze. Die bestimmt nicht Gott, sondern die bestimmen wir. Wer sich Gottes Liebe nicht gefallen lässt, muss ohne sie leben. Er wird sehen, wie andere unter dieser Liebe aufblühen, wie sie ihnen den Rücken stärkt, Hoffnung gibt, wie sie Schritte fest und gewiss werden lässt. Aber er selbst wird von dieser Liebe nicht getragen werden. Er hat nur sich  selbst.

            Wenn ich das sehe, brauche ich keine Hölle mehr, keine Vorstellung von einem strafenden Gott und irgendwelchen sadistischen Foltern für die „Ungläubigen“.  Mir reicht völlig: zurückgeworfen auf sich selbst, ganz auf sich alleine gestellt. Das ist das große Gefängnis, ohne Stacheldraht und Mauern: Immer nur ich. Immer allein ich selbst. Da ist kein Halt und keine Zuflucht außerhalb. Keine Liebe, der ich mich anvertrauen könnte, unergründlich, grundlos, bedingungslos.

            Mir geht auf, dass die Lebensperspektive des Existentialismus wohl näher an dieser biblischen Sicht des Menschen ohne Gott ist als die wohlfeilen Reden heutzutage. Wir haben diese „Hölle“ nur mit den reichen Gütern einer kapitalistischen Wohlstandgesellschaft und den atemlosen Events der Erlebnisgesellschaft schön dekoriert. Aber es ist uns bleibt eine höllische Einsamkeit: Ich, ich, nur ich.

 16 Wer sich segnen wird auf Erden, der wird sich im Namen des wahrhaftigen Gottes segnen, und wer schwören wird auf Erden, der wird bei dem wahrhaftigen Gott schwören. Denn die früheren Ängste sind vergessen und vor meinen Augen entschwunden.

            Am Ende steht der Segen. „Segnen und Schwören sind machtgeladene, folgenreiche Worte, die im Alten Testament ihre Macht und Wirksamkeit bei Gott erfahren und empfangen.“ (H.J.Kraus, aaO.; S. 239)  Im Segen unterstellt sich ein Mensch der Obhut Gottes. Wer gesegnet wird, der darf glauben: Gottes Angesicht ist auf mich gerichtet mit Augen voller Liebe. Gottes Gegenwart umhüllt alles, was in meinem Leben ist, das Gute und das Schwere, das Schöne und das Beängstigende, den Schmerz und das Glück.

             Es ist ein Vorgriff in eiine Zukunft, die noch aussteht: Denn die früheren Ängste sind vergessen und vor meinen Augen entschwunden. Der Prophet sieht schon, was noch werden muss. Ob man ihm das vorgehalten hat? Jesaja, das ist doch nur Zukunftsmusik! Er sagt seiin wort in bedrängte und dürftige Zeiten hinein.

           Jahrhunderte später, an einem Abend, auf das sich das Dunkel der Nacht und das Dunkel der Angst senkt, wird wieder einer über das Dunkel hinweg die Zukunft sehen und das Ende der Angst ansagen. Alle Angst muss weichen, wo er ist, Jesus, der sagt: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost. Ich habe die Welt überwunden.“ (Johannes 16, 33 )

 

Gott, Du Erbarmer voller Geduld, wie oft habe ich wohl Deine ausgebreiteten Arme übersehen. Wie oft habe ich Deine Hoffnung enttäuscht, dass Du von mir gesucht wirst und ich mich von Dir finden lasse.

Und doch hältst Du Deine Hoffnung fest, lässt Dich auf sie festlegen, festnageln.

Du wählst die Liebe, die Geduld, den Schmerz, die Treue und hältst daran fest gegen alle Enttäuschung

Das ist mir zu hoch. Ich kann es nicht begreifen. Und doch bist Du noch immer bei mir und ich darf bei Dir sein, mein Leben lang. Amen