Komm in unser armes Leben

Jesaja 64, 4 – 11

 4 Du begegnetest denen, die Gerechtigkeit übten und auf deinen Wegen deiner gedachten.

              Wenn, weil der Himmel verschlossen ist, gibt es kein Leben. Fällt kein Licht auf die Erde. Wenn der Himmel verschlossen ist, prallen die Gebete ab, gehen alle Hilferufe ins Leere. Die bleierne Zeit breitet sich aus. Der Schrei nach dem Zerreißen des Himmels ist ein Schrei nach dem geöffneten Himmel. Es ist der Ruf nach einer neuen Gotteserscheinung.

            Das ist die Hoffnung: „Man kann nach Gottes Maßstäben leben, wie wenn seine volle Gegenwart schon Realität wäre.“ (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 2. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1990, S.313) Wenn Gott also neu kommt, dann wird er doch auf die treffen, einige, vielleicht wenige, vielleicht gar nur einen, der Gerechtigkeit übte und Gottes auf seinen Wegen gedachte. Betern, die nach ihm rufen und fragen.

 Siehe, du zürntest, als wir von alters her gegen dich sündigten und abtrünnig wurden. 5 Aber nun sind wir alle wie die Unreinen, und alle unsre Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Kleid. Wir sind alle verwelkt wie die Blätter, und unsre Sünden tragen uns davon wie der Wind. 6 Niemand ruft deinen Namen an oder macht sich auf, dass er sich an dich halte; denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen und lässt uns vergehen unter der Gewalt unsrer Schuld.

               Das ist bewegend, dass hier nicht ein blindes Verhängnis beklagt wird. Es kommt zur Einsicht in die Schuld des Volkes. Es ist die Konsequenz eines verfehlten Weges, auf dem Israel in die Irre gegangen ist, dass es nun vor den Trümmern steht und in Trümmern haust. Es ist nicht nur Fehl-Verhalten einer Generation, sondern es ist das Verhaltens des Volkes von alters her. Und das schmerzt umso mehr, weil die Fallhöhe des Volkes so hoch war. Die Stadt, die zum Himmel erhoben war, die in ihrer Mitte den Wohnort Gottes glaubte, die ist ins tiefe Elend gestürzt. Das Volk, das sich sicher war, Gott auf seiner Seite zu haben, das ist ausgeliefert an diese Misere. Wie verwehendes Laub, wie verwelkte Blätter ist das Volk – auch hier klingen wieder Psalmworte an:

„Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras,                                                                         er blüht wie eine Blume auf dem Felde;                                                                         wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da,                                                     und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.“            Psalm 103, 15 – 16

            Nicht das Einzelschicksal ist im Blick – dem ganzen Volk droht dieses Verwehen im Wind. „Alles liegt daran, dass die lebendige Verbindung mit Gott im Anrufen und im Vertrauen zerstört wurde.“ (C.Westermann, Das Buch Jesaja 40 – 66, ATD 19., Göttingen 1966, S.315) Befleckt durch Schuld, verwelkt wie Laub, ausgedörrt – so steht das Volk da.

               Es wird vergehen. Es ist keine Rettung. Das Gebet verstummt, weil Gott sich verhüllt. Sein Angesicht verbirgt, sich nicht rufen lässt. Sich dem Volk entzieht und verweigert, das seinen Namen anruft. Die Gottesfinsternis der Zeit hat beide Seiten – dass Gott sich zurückzieht und dass er nicht mehr gesucht wird. Wo keiner nach Gott sucht und fragt, da schweigt Gott, hüllt er sich ein in Schweigen. Da bleiben wir allein in der Gotteseinsamkeit, die wir selbst erwählt haben. Sie ist nicht einfach nur Schicksal, sie ist immer auch eigene Schuld.

 7 Aber nun, HERR, du bist doch unser Vater. Wir sind Ton, du bist unser Töpfer, und wir alle sind deiner Hände Werk. 8 HERR, zürne nicht so sehr und gedenke nicht ewig der Sünde! Sieh doch an, dass wir alle dein Volk sind! 9 Deine heiligen Städte sind zur Wüste geworden, Zion ist zur Wüste geworden, Jerusalem liegt zerstört. 10 Das Haus unsrer Heiligkeit und Herrlichkeit, in dem dich unsre Väter gelobt haben, ist mit Feuer verbrannt, und alles, was wir Schönes hatten, ist zuschanden gemacht. 11 HERR, willst du bei alledem noch zögern und schweigen und uns so sehr niederschlagen?

             Aus dem Eingeständnis der eigenen Schuld wird der Schrei nach Hilfe, nach Erbarmen, nach neuer Nähe. Unser Vater ruft die Gemeinde, die betet und will die väterliche Zuwendung – Strenge  und Liebe in einem. Es ist eine Spannung zwischen dem Vorsatz: Aber du bist doch unser Vater und dem danach folgenden Bildwort. Im Vater-Wort meldet sich ein letzter Rest von Vertrauen zu Wort: Als Vater wird Gott doch sein Volk, seinen Sohn nicht aufgeben. „Der Glaube nimmt die kommende Zuwendung schon vorweg und übt die Kinder-Sprache: Zürne nicht, Jahwe, so sehr.“ (D. Schneider, aaO.; S.314) Das ist die Hoffnung der Propheten auch in ihren Gerichts-Ansagen. Das ist auch die Hoffnung der Gemeinde in diesem Gebet: der Vater nimmt sich seines Sohnes neu an.

            Das Töpfer-Wort dagegen hebt völlig auf die Souveränität Gottes ab. Er entscheidet. An ihm hängt alles. Er ist nicht gebunden in seinem Werk mit dem Ton. Dieses Bild vom Töpfer und Ton wird Paulus Jahrhunderte später aufgreifen. Wie Jesaja wird auch Paulus ganz stark hervorheben: Gott ist frei. Auch hier ist das wohl die Botschaft: Du, Gott, hast uns in Händen. Und darin das Vertrauen: Du lässt das Werk deiner Hände nicht.  So wie es auch der Psalmbeter hofft:

 „HERR, deine Güte ist ewig.                                                                                                 Das Werk deiner Hände wollest du nicht lassen.“            Psalm 138,8

             Mit allen diesen Worten verbunden ist die Akzeptanz des Gerichtes. Jerusalem ist zerstört, der Tempel liegt in Trümmern, aus Kulturland ist Wüste geworden. Alle Schönheit des Lebens, des Volkes, des Landes ist dahin. Das ist die Folge der Schuld und das Werk des gerechten Gerichtes Gottes. Und es ist eines der großen Wunder der Weltgeschichte, dass Israel all seine Untergänge überstanden hat und dass der Glaube Israels alle Katastrophen des Volkes überstanden hat.

             Das steckt als Tiefensicht hinter den Worten des Jesaja: Weil wir uns abgewendet haben und Gott sich verweigert, sind wir zurück geworfen auf uns selbst und ahnen nur zu sehr: damit sind wir den zerstörerischen Kräften, die in uns schlummern, ausgeliefert. „homo homini lupus.“ (Th. Hobbes, Elementa philosophica de cive. Amsterdam 1657) Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Das hat der Staatstheoretiker des 17. Jahrhundert, den 30-jährigen Krieg noch vor Augen, Hobbes gewusst.  

          Und wir – siebzig Jahre nach dem großen Morden? Siebzig Jahre, durch die sich eine Kette unerklärter Kriege zieht. Eine Blutspur des Leidens. An der vorläufigem Ende der „Entwicklung“ es steht, dass über 60 Millionen auf der Flucht sind. Tendenz: steigend. Wie harmlos ist demgegenüber die heutige Sicht der Dinge. Wir glauben an das Gute im Menschen, in einer Welt, die in Flammen steht, im großen Stil und im kleinen privaten Umfeld. Wir glauben an Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in einer Welt, die sich entsolidarisiert, in der die Zahl der Armen überproportional wächst, aber auch die der Super-Reichen. Beispiel: Der Fußballer Christiano Ronaldo „verdient“, nein, erhält ca. 88 Millionen € im Jahr! Der deutsche Weltmeister Meus Özil kommt nur auf ca. 19 Millionen. (www.vermoegenmagazin.de/10-bestbezahlten-sportler-2015) In einer Welt, in der Mord und Totschlag an der Tagesordnung sind, in der Gewalt wieder ein probates Mittel ist, um Geländegewinne zu erzwingen und zu erreichen – sowohl territoriale als auch wirtschaftliche. In der die Freiheit auf dem Marktplatz der social medias öffentlich verendet. In der Brüderlichkeit der „Woche der Brüderlichkeit“ vorbehalten bleibt, aber schon lange keine Handlungsdirektive mehr ist für das Handeln der viel beschworenen Staatengemeinschaft.

           Wir haben uns längst kollektiv von Gott abgewendet, ihn für öffentlich irrelevant erklärt und gestatten ihm allenfalls noch eine Existenz im privaten Herrgottswinkel, gerade noch so geduldet, ein wenig antiquiert und museumsreif. Ich befürchte: Unsere hochgemute öffentliche Abschaffung Gottes wird uns bitter auf die Füße fallen. Weil sie Hand in Hand geht mit der Auslieferung an die Menschen, an die „lupi“, an die Vernunft, die so eiskalt und rational funktioniert, ohne jede Empathie, an die legitimen Interessen von Staaten, Gruppen und Verbänden und den Märkten.

          Die Worte des Jesaja vor 2500 Jahren beschreiben, was dabei herauskommt bei der Abkehr von Gott, bei seiner Abschaffung und der Verweigerung Gottes, sich wieder neu zuzuwenden:  Deine heiligen Städte sind zur Wüste geworden, Zion ist zur Wüste geworden, Jerusalem liegt zerstört. Das Haus unsrer Heiligkeit und Herrlichkeit, in dem dich unsre Väter gelobt haben, ist mit Feuer verbrannt, und alles, was wir Schönes hatten, ist zuschanden gemacht. So harmlos ist es nicht, sich die Gottlosigkeit als Grundlage der Gesellschaft zu eigen zu machen, ein säkularer Staat zu werden.

            Was bleibt, ist der zaghafte Ruf, die kaum in Worte zu fassende Bitte: Herr, willst Du dabei bleiben oder öffnest Du noch einmal einen anderen Weg?

„Komm in unser dürres Leben, Jesus, nur wenn du es füllst                                     Kann es wachsen, kann es blühen, Früchte tragen, die du willst.“                                                 M. Siebald, CD Worte wie Brot, 1994

             Anders wird bis heute auch bei uns Glaubens‑ und Lebensnot nicht gewendet: als dass wir Gott ohne jeden Rechtsanspruch, ohne alles Verdienst und Pochen auf die eigene Würdigkeit neu in unser Leben rufen und dass er wirklich kommt, dass er neu zu uns spricht. Er, den wir  klagend und verzagt hoffend neu hineinrufen in unser Leben.

            Das gehört zusammen: Der Ruf, ja, der Schrei nach Gottes Kommen, nach seinem Advent und die Bereitschaft, ihn aufzunehmen, ihm das eigene Leben ganz neu zu geben, auch mit allem, was gegen uns spricht. „Wir alle sind hier, damit uns Gott in die Hand nimmt, damit er ein Feuer in uns entfacht und wir brennen. Jawohl. Es vergehe die Welt, es komme die Gnade.“ (R. Bohren, Prophet in dürftiger Zeit, Auslegungen von Jesaja 56 – 66, Neukirchen 1969, S.140f.)Was für eine herbe Botschaft.

 

Gott, Du  – Ewiger Erhabener Heiliger. Komm herunter aus Deiner Herrlichkeit in unser Leben, in unsere Welt

Komm hinein in das Dunkel, in den Zweifel, in die Verwirrung, in die Erschöpfung unserer Wege.  Komm hinein in die hilflosen Fragen,in die Ohnmacht, in den Schmerz, in die Trauer über dem zerbrechlichen und zerbrochenen Leben.

Komm hinein in die Hast, in das Rennen. In das Jagen ohne Rast. Komm hinein in die Sehnsucht nach Recht, in die Mühe ohne Frucht, in die Furcht vor einem Leben ohne Gnade.

Komm Du zu uns, damit wir den Himmel wieder offen glauben können, aufgespannt über unsere Erde, über uns. Komm Du zu uns, damit Dein Himmel unsere Erde berührt und heilt und segnet. Amen