Gottes Einsamkeit

Jesaja 63, 1 – 6

1 Wer ist der, der von Edom kommt, mit rötlichen Kleidern von Bozra, der so geschmückt ist in seinen Kleidern und einherschreitet in seiner großen Kraft? »Ich bin’s, der in Gerechtigkeit redet, und bin mächtig zu helfen.«

             Das klingt wie eine Einlass-Kontrolle: Wer bist du? Was bringst du mit? Meistens taucht dieses Bild in der Bibel auf, wenn es darum geht, wer auf Gottes Berg kommen darf, wer rein ist für den Zutritt zum Tempel.  So heißt es im Psalm:

„Wer darf auf des HERRN Berg gehen,                                                                                     und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?                 Psalm 24, 2

          Die Frage ist umso dringlicher, als der Kommende von Edom her kommt. einer, dessen Kleider rot gefärbt sind. Das ist zwar die Farbe der edomitischen Berge, wenn das Sonnenlicht auf ihnen liegt. Aber hier geht es nicht um ein Farbspiel in der Sonne.

              Die Wächter  auf der Stadtmauer rufen ihn, der kommt, an und erhalten „Antwort in der Gestalt einer Selbstprädikation… Sie zeigt, dass Gott der von Edom her Kommende ist und es bedarf keiner weiteren Erklärung.“(C.Westermann, Das Buch Jesaja 40 – 66, ATD 19., Göttingen 1966, S.303) Gerechnet haben die Wächter wohl nicht  mit dieser Auskunft, selbst wenn sie es wissen könnten. Aber die Leser des Jesaja-Buches können sich hier schon einen Reim auf das Folgende machen: „Im Alten Testament haben Edom und Seir in den Schilderungen (Visionen) der Gotteserscheinung „vom Sinai her“ einen festen Platz.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.223) Trotzdem ist Edom nicht unbedingt mit positiven Gefühlen belegt. Edom kann auch stellvertretend für alle Völker um Israel herumstehen, für die „Fremdvölker“, vor denen man in Israel immer auf der Hut zu sein hat. Woran sich bis heute nicht wirklich viel geändert hat.

                Man kann schon darüber nachdenken: Kommt Gott nicht immer, selbst wenn wir zu wissen glauben, wie er ist, wer er ist, wie ein Fremder, wie einer aus der Fremde? Kommt er nicht immer so, dass wir auch fragen müssen: Wer bist du?

           Die Antwort an die Wächter:  »Ich bin’s, der in Gerechtigkeit redet, und bin mächtig zu helfen.« Es ist kein Zweifel möglich: Der so redet, ist Gott.  Ich bin es – das ist Gottesrede, Selbstvorstellung. Und was der Kommende von sich sagt: ich bin mächtig zu helfen, das ist ja die Hoffnung Israels. Sie glauben und hoffen auf den Gott, der mächtig ist zu helfen.      

  2 Warum ist denn dein Gewand so rotfarben und dein Kleid wie das eines Keltertreters?

             Und doch sind die Wächter nicht zufrieden mit der Antwort. Sie fragen weiter, fragen nach. Sie fragen nach dem Grund der Gewandfarbe. Es ist rot, wie wenn einer in der Kelter getreten hätte. Bespritzt vom Saft der Trauben. Oder ist er doch einer, der nicht vom Traubensaft bespritzt ist, sondern vom Blut der Feinde? Es scheint, als würde dieses blutrote Gewand sie hindern, ihn als den zu erkennen, der er ist. Weil er so anders ist als sie ihn zu kennen glauben.

  3 »Ich trat die Kelter allein, und niemand unter den Völkern war mit mir. Ich habe sie gekeltert in meinem Zorn und zertreten in meinem Grimm. Da ist ihr Blut auf meine Kleider gespritzt, und ich habe mein ganzes Gewand besudelt. 4 Denn ich hatte einen Tag der Vergeltung mir vorgenommen; das Jahr, die Meinen zu erlösen, war gekommen.

               Wenn der Kommende so gefragt wird – liegt es daran, dass der Prophet auch nicht fertig wird mit diesem Bild? Liegt es daran, dass auch er erschrickt über diesem Kommen? Gott kommt zum Gericht. „Furchtbar stellt sich Gott vor, als Schlachter, dann als Winzer, der die Völker zertritt wie prallreife Trauben. Was ist das für ein Gott, der sich auf solche Weise vorstellt?“ (R. Bohren, Prophet in dürftiger Zeit, Auslegungen von Jesaja 56 – 66, Neukirchen 1969, S. 121)

            Niemand war bei mir, sagt Gott. Er ist einsam, ein großer Einsamer in diesem Handeln, in diesem blutigen Gericht an den Völkern. Der Richter. Der Rächer. Gewalttätig. Grausam. Wie fremd ist uns dieser Gedanke. Wie erschreckend ist es, sich Gott so vorzustellen. Ich fremdele bei diesem Bild, diesem Gott gegenüber. Selbst wenn es um Gott als den Richter geht – das hier ist mir unheimlich. Es erinnert so sehr an die Gewalt, die im Kampf maßlos wird, an blut-befleckte Uniformen, an tödliche Waffen, an Tote, nach denen keiner mehr fragt.

            „Wir sind geneigt, unsere eigenen Züge ins Gottesbild einzutragen: Wir tragen unsere Aggressionstriebe, unsere heimliche Grausamkeit ein; dann betonen wir mit Vorliebe den Gott, der richtet. Gott ist der Richter. Aber er ist nicht ein Richter als Vollstrecker unseres mörderischen Unterbewusstseins“ (R. Bohren, aaO.; S. 122) 

          Aber nun sind auch noch einmal die anderen Sätze zu sagen, die dem Rechnung tragen, dass diese Propheten-Worte auch in der Schrift stehen. Es fällt ja, wenn man nicht nur einzelne Texte liest, sondern sich durch die Zusammenhänge arbeitet, manchmal auch müht, auf:  Unser Abschnitt 63, 1 – 6 steht in einem starken Kontrast zu den vorhergehenden Texten 60 – 62. Da wird das Heil, das Israel, das Jerusalem zugesagt wird, geöffnet für die Völker. Sie haben Teil am Heil Israels. Hier aber: Gericht und radikale Vernichtung.

            Warum? Es ist uns verwehrt, uns einen Gott nach dem Bild unserer unheimlichen Vergeltungssucht zu machen. Aber genauso ist uns – durch diese Worte hier – verwehrt, „uns ein Bild Gottes zu machen nach dem Modell unserer eigenen Harmlosigkeit. Wir erklären dann Gott als die Liebe und verwerfen das Alte Testament, oder machen es wie jene vornehm Basler Dame, die erklärte, sie klammere die ärgerlichen Stellen der Bibel ein, dann müsse sie sich nicht ein zweit Mal an ihnen ärgern.“ (R. Bohren,ebda.) Gott aber ist nicht harmlos. Er ist nicht der „liebe Gott“, bei dem alles gleich gilt und darum auch alles gleichgültig ist.

            Es ist ein Text zum Nachdenken, einer, der in meinen Augen zu den Worten des Jesaja passt: „Zuweilen kommt mir auf dem Weg ein mordlustig aussehender Hund entgegen. Während ich angstvoll dem Unheil ins Auge sehe, ruft die Stimme eines (dem Hund nicht selten ähnlichen sehenden) „Herrchen“: „Der ist lieb.“ Und zuverlässig folgt als weiterer Satz: „Der tut nichts.“ Die vertraute Wortwahl  erlaubt verblüffende Rückschlüsse auf die Rede vom „lieben Gott“: „Der ist lieb – der tut nichts.“  Lieb sein heißt: Nichts tun. „Willst du wohl liebsein?!“ sagt man dem Kind und meint in den meisten Fällen, dass es etwas unterlassen soll. In dieser Logik zeigt nicht nur eine bestimmte Pädagogik ihr Gesicht, sondern auch eine bestimmte Frömmigkeit. Würde – mit Verlaub – Hund, Kind oder Gott „etwas tun“ so wäre es aus mit dem Lieb-Sein. Der „liebe Gott“ ist „lieb“, nicht nur solange er nichts, sondern weil er nichts tut. Vor dem „lieben Gott“ muss man keine Angst haben. Er tut nichts.“(Hrsg; J. Ebach u. a.; Gretchenfrage. Von gGott reden – aber wie? Gütersloh 2002, S.110)

 5 Und ich sah mich um, aber da war kein Helfer, und ich verwunderte mich, dass niemand mir beistand. Da musste mein Arm mir helfen, und mein Zorn stand mir bei.6 Und ich habe die Völker zertreten in meinem Zorn und habe sie trunken gemacht in meinem Grimm und ihr Blut auf die Erde geschüttet.«

            Noch einmal: es ist ein einsamer Gott und ein einsamer Kampf, der hier ausgefochten wird. Dieser „einsame Kampf Gottes erinnert an den mythischen Chaos-Kampf, in dem einer der ganzen zerstörerischen Urflut gegenüber steht und sie besiegt.“ (H.J.Kraus, aaO.; s.223) Mich erinnert er daran, dass der Kampf gegen die Sünde ein Kampf ist, den schlussendlich Gott ganz allein zu führen hat. Als Jesus in der Wüste dem Versucher gegenüber steht, ist kein Helfer da. Als er im Prozess vor dem Hohen Rat steht, ist kein Helfer da.

            Als Jesus am Kreuz von Golgatha hängt, ist kein Helfer da, keiner, der ihm beisteht. Der Himmel schweigt und Menschen sehen nur zu. In dieser Einsamkeit wird das Heil der Welt vollbracht. Die Einsamkeit des Gerichtes ist in meine Augen eine Parallele dazu – es steht keinen Menschen zu, das Gericht Gottes mit zu vollziehen.

            Auch das darf oder muss man vielleicht noch denken: Dass Gott hier allein kämpft, einsam, das muss auch verhindern, dass Menschen, Christen und Christinnen, in Sachen Gottes die Waffen erheben. Unser Gottesstreiter-Sein besteht „allein im Beten und Tun des Gerechten.“ (D. Bonhoeffer) Nicht im Waffeneinsatz. Der Kampf gegen die Sünde wird nicht mit den Waffen der Menschen geführt. In diesem Sinn gibt es keinen gerechtfertigten Krieg.

 

Gott, mein Gott, so kenne ich Dich nicht. Ich weiß Blut am Leib Deines Sohnes. Ich sehe das zerschlagene Gesicht Jesu. Ich ahne den Schmerz und die Angst seines Todes.

Du nimmst in ihm das Gericht auf Dich, damit wir nicht vernichtet werden, zunichte werden, nichts werden.

Ich bitte Dich um Gnade, Erbarmen, Zukunft für Edom, für das vergossene Blut Deiner Kinder.

Zu Dir, dem Richter, dem Gerechten, komme ich und bitte Dich: Lass alles gut sein um seinetwillen, der sich gegeben hat für Edom, für uns. Amen