Irdische Verheißungen mit ewigem Horizont

Jesaja 62, 6 – 12

6 O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, 7 lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!

            Wer ist das „ich“, das die Wächter bestellt? Der Prophet? Oder ist es Gott selbst, der sie einsetzt? So wie unsereiner gegen das Vergessen einen Knoten ins Taschentuch macht, so setzt Gott Wächter ein, die seinem Vergessen wehren sollen, die ihn erinnern sollen. Wächter – Menschen oder Engel? „hamaskirímberufliche Erinnerer, Staatssekretäre Gottes.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 3, Stuttgart 1988, S. 273) So wird der doch etliche Jahre spätere Prophet Sacharja sagen: Da hob der Engel des HERRN an und sprach: HERR Zebaoth, wie lange noch willst du dich nicht erbarmen über Jerusalem und über die Städte Judas, über die du zornig bist schon siebzig Jahre?“ (Sacharja 1,12) Der Engel des Herrn wehrt dem, dass Gott sein Erbarmen vergisst.

        Man könnte also sagen: die Wächter sind Engel, die vor Gott für Israel einstehen. Und alle irdische Fürbitte vor Gott, für Israel, für die Welt, für Menschen, die einem lieb sind, ist nur ein Einstimmen in dieses Rufen der himmlischen Wächter. Aber das ist auch gewollt: Das Rufen der himmlischen Wächter findet seine Fortsetzung im Rufen der irdischen Wächter, auch auf den zerstörten Mauern Jerusalems.

            Wenn das so stimmt, gilt also: Die Wächter auf der Mauer rufen nicht nach den Menschen. Sie rufen nicht nach Glauben bei uns. Sie rufen nach Gott. Es sind Wächter, die Gott erinnern! Das ist am Ende, wenn es um ein menschliches Rufen geht, ein kühnes Unternehmen: Menschen voller Schuld erinnern den heiligen Gott. In die Herrlichkeit Gottes hinein soll der Wächterruf dringen, damit Gott aus seiner Herrlichkeit heraustritt in unsere Nacht.

            Es braucht Menschen, die um Gottes Aufmerksamkeit ringen, darum, sao dass sie diese Aufmerksamkeit unaufhörlich auf ihren Ort lenken. Es braucht Menschen, die vor Gott für ihren Ort einstehen. Der Prophet sagt im Auftrag Gottes: Es ist wichtiger, dass ihr mir, Gott, in den Ohren liegt als dass ihr den Menschen auf die Nerven geht!  Das ist die Kühnheit, in der Fürbitte getan wird: Wir rufen Gott sein Volk ins Gedächtnis. Das ist die tiefste Begründung aller Fürbitte, bis heute – Gott selbst will sie. Und es ist das Versprechen Gottes: Ich will mich von eurem Rufen bewegen lassen. Wie lange sollen wir noch warten, Gott? Tue endlich was für unser Heil. Lass dich nicht hängen. Mache dein Wort an uns wahrt. Lass es kein leeres Wort sein und unsere Hoffnungen auf Dich nicht leere Hoffnungen bleiben.

8 Der HERR hat geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm: Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du so viel Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen, 9 sondern die es einsammeln, sollen’s auch essen und den HERRN rühmen, und die ihn einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums.

           Das war die Wirklichkeit der Juden: Sie mussten für die Supermacht Babylon arbeiten und hatten selbst nichts davon. Sie waren Fremdarbeiter ohne Rechte, gerade so geduldet, aber nie geachtet. „Bislang geschah es immer wieder, dass die eingebrachte Ernte von Feinden genommen und verzehrt wurde, dass auch die mit großer Mühe zustande gebrachte Lese an die Feinde verfiel, der Wein von ihnen getrunken wurde.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S. 220)  Wenn sie jetzt in ihr eigenes Land, in ihrer Stadt zurückkehrten, dann sollte es damit ein Ende haben.

            Was das Erinnern Gottes  bewirkt: Es soll aufhören, dass Menschen arbeiten, ohne die Früchte ihrer Arbeit genießen zu können. Es soll aufhören, dass die einen sich krumm legen und die anderen davon profitieren. Es soll aufhören, dass die einen ein Leben voller Mühe und Sorgen zubringen und die anderen das Leben schrankenlos genießen. Es ist nicht mehr und nicht weniger als das Ende der „entfremdeten Arbeit“, von dem Karl Marx geträumt hat – als jüdischer Mensch in den Spuren der biblischen Prophetie -, das hier angesagt wird. Keine Abschöpfung mehr durch die Besitzer der Produktionsmittel, durch die Kapitalgeber, um das schlimmere Wort zu meiden. „Feinde“ und „Fremde“ gibt es nicht nur von außen. Ihre Rolle wird oft genug von den eigenen Volksgenossen gespielt.

            Übertragen auf uns, unsere Dörfer, unseren Ort: Wir sollen uns um Gottes willen dafür einsetzen, dass Menschen den Ertrag ihrer Lebensarbeit auch wirklich ernten können. Wir sollen uns darum kümmern, dass in unserer Gemeinschaft nicht einer auf Kosten des anderen lebt, der Starke immer stärker wird und der Schwächere sich irgendwann unterwerfen muß. Wir sollen darauf achten, dass keiner als „Fremder” unter die Räder kommt. Wir sollen darauf achten, dass unser Ort ein Ort zum Leben wird.

10 Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker! 11 Siehe, der HERR lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! 12 Man wird sie nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des HERRN«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.

            Es sind irdische Verheißungen, die nach einem Handeln jetzt und hier verlangen. Prophetie meint immer auch veränderte Gegenwart und meint nie Vertröstung auf den St. Nimmerleinstag. Das Hören der Prophetie beansprucht Hände und Füße und eben nicht nur die Träume. Darum: Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Wer an die Zukunft des kommenden Reiches glaubt, der wird Zeichen aufrichten, jetzt. Wer glaubt, dass Erlösung und Gemeinschaft Gottes Ziel mit uns ist, der wird gar nicht anders können als hier und heute schon die Gemeinschaft der Glaubenden und auch die Gemeinschaft mit denen, die noch nicht oder nicht mehr glauben, zu suchen. Der wird gar nicht anders können, als in kleinen Schritten darum zu ringen, dass das Leben bei uns schon mehr gelingt, gerechter wird, liebevoller, aufmerksamer füreinander.

            Das Versprechen Gottes gilt uns: Wer so mit meiner Gegenwart rechnet, wird Wege finden, auf die schon das Licht der Zukunft Gottes fällt. Und Gemeinde wird erfahren, wie sie  zum  Lebens-Ort wird, in der schon das Licht der Zukunft aufleuchtet, auf die wir bei Gott hoffen. Das will Gott von uns: Wir sollen als Gemeinde sein Einladungsprospekt sein, der in vielen den Gedanken weckt: Das ist das Leben, nach dem ich mich sehne.

            Es ist das Bild, das den Lesern des Alten Testamentes vertraut ist: Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! Als Jakob aus Mesopotamien, aus der Zeit in der Fremde, bei Laban zurück kehrt, da ist es genau so: Was er in der Fremde gewonnen hat,  „Ziegen, Böcke,  Schafe, zwanzig Widder, säugende Kamele mit ihren Füllen, Kühe und Stiere,  Eselinnen und zehn Esel, dazu seine Frauen und Kinder“ (1. Mose 32,15) – das alles zieht vor ihm her. Wie Jakob damals kommt auch Gott nicht mit leeren Händen.  

             Es ist eine wechselseitiger Zug: aus dem Exil kehren Menschen zurück und ziehen auf die Stadt zu. Aus der Stadt ziehen ihnen die entgegen, die schon früher heimkehren durften. Die Spätheimkehrer stören nicht, sondern sie sind willkommen. „Aufgerufen sind die jetzt in Jerusalem schon Wohnenden, durch die Tore Jerusalems auszuziehen, um „dem Volk“, den noch zu erwartenden Exilierten den Weg zu bahnen.“ (C.Westermann, Das Buch Jesaja 40 – 66, ATD 19., Göttingen 1966 S.301)

            Noch einmal: andere Namen. Namen, die Hoffnung tragen und Hoffnung wecken, weil sie von Gott kommen. „Heiliges Volk«, »Erlöste des HERRN«, »Gesuchte«, »Nicht mehr verlassene Stadt«. Es sind Namen, die vor aller Welt bezeugen, dass Gott mit seinem Volk und seiner Stadt einen neuen Anfang gesetzt hat. Es sind dennoch auch Namen, in denen die schwierige Vergangenheit nicht übersprungen, nicht einfach ausgeblendet und weggedrückt wird – war doch Jerusalem lange eine verlassene Stadt, eine, die sich verlaufen hat und die es vergessen hatte, dass Gott sie sucht.

             „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt!“ Dieser Vers ist wunderschön – und gefährlich zugleich. Es singt sich leicht: Tochter Zion freue dich! Aber es lebt sich nicht so leicht. Jesus, den ich in diesem Vers ungenannt doch mithöre, wurde als der Kommende in Jerusalem hinaus gestoßen, vor die Tore der Stadt, hingerichtet auf Golgatha. Der Jubel des Einzugs war schnell verklungen. Die falsche Sicherheit zu wissen, wie der Messias, das Heil zu kommen hat, hat die Erfüllung der Verheißung zur verborgenen Erfüllung gemacht und hat Menschen blind sein lassen für diese Erfüllung. Das ist eine bleibende Mahnung an alle Sicherheit, die schon alles zu wissen glaubt.

 

Gott, Du siehst Deine Stadt Jerusalem mit ihren Wunden, ihrem Schmerz – und hast sie lieb. Du siehst Deine Menschen, uns, mit unseren Wunden, unserem Schmerz, unserer Schuld – und hast uns lieb

Deine Liebe macht liebenswert, schön, wertvoll.

Danke, dass Du Deine Liebe nicht davon abhängig machst, was ist, wie wir sind. Deine Liebe öffnet uns den Weg in ein neues Leben als Antwort auf das Geschenk Deiner Liebe. Amen