Die Liebe sieht mehr

Jesaja 62, 1 – 5

1 Um Zions willen will ich nicht schweigen, und um Jerusalems willen will ich nicht innehalten, bis seine Gerechtigkeit aufgehe wie ein Glanz und sein Heil brenne wie eine Fackel, 2 dass die Heiden sehen deine Gerechtigkeit und alle Könige deine Herrlichkeit.

            Manchmal ist es für das Begreifen eines Textes hilfreich, sich klar zu machen, in welche Zeit hinein er gesprochen oder geschrieben wird. „In den Zeiten des kümmerlichen Neuanfangs nach dem Exil hört die Erwartung des Kommens Gottes nicht auf.“ (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 2. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1990, S.295)Gerade weil die Verhältnisse schwierig sind, ist die Sehnsucht stark, ist das Aushalten schwer. Es wird zur Anfechtung, zum Fragen: Warum schweigst du, Gott? Warum lässt du uns so lange warten? Worte, Fragen, Schreie, wie man sie sich gut in einem Klagegottesdienst vorstellen kann.

             Die Worte, die wir lesen, wirken wie eine Antwort auf solche Klagen. Es könnte die Antwort Gottes sein: Um Zions willen will ich nicht schweigen, und um Jerusalems willen will ich nicht innehalten. Dann lesen wir hier eine Zusage: Gott hüllt sich nicht in Schweigen und Gott hört auch nicht mit einer halbfertigen Heimkehr auf. Kein Stopp, auch kein Zwischenstopp, bis es erreicht ist: der Glanz der Gerechtigkeit Jerusalems und sein Heil wie eine Fackel. Weithin sichtbar. Weithin ausstrahlend.

              Man kann aber auch überlegen: Macht sich der Prophet, Jesaja mit diesen Worten die Klagen des Volkes zu eigen? Dann würde er sagen: ich will nicht aufhören, Gott zu bedrängen, ihm in den Ohren zu liegen. Er verschärft die Klage des Volkes sogar noch, spitzt sie zu, klagt das Heil ein, das Gott doch schon so oft zugesagt hat. „Dieses Nicht-Ablassen und Nicht-Innehalten kennzeichnet das Amt des Propheten als des Beauftragten, der Fürbitte für sein Volk zu leisten hat und unablässig für die Gemeinde eintritt.“(H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.219) Für dieses Verständnis könnte sprechen, was später, im Vers 6 folgen wird – die Bestellung von Wächtern durch Gott(!), die Gott in den Ohren liegen.

             Ob man nun so oder so liest, man wird anfangen zu begreifen, dass und wie Jerusalem die Sehnsucht der Juden ist. Im Schicksal der Stadt spiegelt sich das eigene Leben. In der großen Wende für Jerusalem, die hier angesagt wird, erhofft wird, gründet alle Hoffnung auf eine Wende im eigenen Leben. Jerusalem soll von der Nähe Gottes von seinem Glanz und seiner Herrlichkeit geradezu durchflutet werden. Es strahlt auf in der Gerechtigkeit, die ihm von Gott her widerfährt. Es leuchtet auf, wird zum Leuchtfeuer für die Völker. 

Und du sollst mit einem neuen Namen genannt werden, welchen des HERRN Mund nennen wird.

           Ein neuer Name! Eine neue Identität. Nicht selbst gewählt, nicht selbstbestimmt. Niemand kann sich eine neue Identität verschaffen. Man kann allenfalls einen neuen Pass bekommen, vielleicht auch einen gefälschten – und so vorspiegeln, es sei etwas anders geworden an einem selbst. Aber hier ist es eindeutig: Der neue Name kommt von Gott her. Er gibt ihn. Er ruft ihn aus. „Der neue Name beschreibt das neue Sein; denn was Gott benennt, das erhält daraus sein Wesen.“ (D. Schneider, aaO.;S.296) Das gilt ja für viele Namensgebung im Alten und im Neuen Testament: Aus Jakob wird Israel, aus Simon wird Petrus, aus Saulus wird Paulus. Immer ist der neue Name Signal eines neuen Weges.

            Dass der neue Name von Gott her kommt, schiebt anderen Namen einen Riegel vor. Wie oft ist das Volk der Juden in der Geschichte mit Schimpfnamen belegt worden. Verlästert worden. Wie oft ist sein Name „Juden“  zum Synonym für Abwertung und Entwertung geworden. Allen diesen Schimpfnamen wird Gott durch seine Namensgebung entgegen treten.

3 Und du wirst sein eine schöne Krone in der Hand des HERRN und ein königlicher Reif in der Hand deines Gottes. 4 Man soll dich nicht mehr nennen »Verlassene« und dein Land nicht mehr »Einsame«, sondern du sollst heißen »Meine Lust« und dein Land »Liebe Frau«; denn der HERR hat Lust an dir, und dein Land hat einen lieben Mann. 5 Denn wie ein junger Mann eine Jungfrau freit, so wird dich dein Erbauer freien, und wie sich ein Bräutigam freut über die Braut, so wird sich dein Gott über dich freuen.

               Das ist Grund genug für alles Handeln Gottes: „Der Herr hat Lust an dir.“ Es ist Gott,  der den Trümmerhaufen Jerusalem in eine schöne Krone verwandelt,. Es ist Gott, der nun neu die Stadt in die Hand nimmt, von der er zuvor im Gericht seinen schützenden Arm zurückgezogen hatte. Er macht sie zu einem Schmuckstück, zu seinem Schmuckstück. tiphæræt. Schmuck. Pracht. „Jerusalem also ist als ein prächtiges Schmuckstück beschrieben, an dem Gott seine Freude hat, ja, das Gott zum Schmuck dient.“ (C.Westermann, Das Buch Jesaja 40 – 66, ATD 19., Göttingen 1966, S.298) Es ist ein wechselseitiges Leuchten – der Glanz Gottes fällt auf die Stadt und der Glanz der Stadt lässt die Herrlichkeit Gottes erahnen.

Freuet euch der schönen Erde, denn sie ist wohl wert der Freud.
O was hat für Herrlichkeiten unser Gott da ausgestreut.

Und doch ist sie seiner Füße reich geschmückter Schemel nur,
ist nur eine schön begabte, wunderreiche Kreatur.

Freuet euch an Mond und Sonne und den Sternen allzumal,
wie sie wandeln, wie sie leuchten über unserm Erdental.

Wenn am Schemel seiner Füße und am Thron schon solcher Schein,                            o was muss an seinem Herzen erst für Glanz und Wonne sein.                                                    P. Spitta 1833, EG 510

            Was der fromme Liederdichter aus der Zeit der Romantik über die Schönheit der Erde sagt, das könnte sachgemäß in der Spur des Propheten auch über die Schönheit Jerusalems gesagt werden. Weil Gott schön ist, wird auch seine Stadt schön und spiegelt die Schönheit Gottes. Nicht auszudenken, wenn wir so unsere Städte sehen könnten – als Spiegel der Schönheit Gottes. Vielleicht würde sich dann auch manches an ihren Schmutzflecken und Elendsquartieren ändern müssen!

            Dass Gott sich so zu seiner Stadt stellt, ist der Grund für den neuen Namen: Meine Braut, Meine Lust, Liebe Frau. Es ist die Nähe Gottes, die Zuwendung Gottes, die die alten Namen überholt. Die alten Namen wirken nur noch wie dunkle Erinnerungen, „shadows in the night“ (B.Dylan, CD 2015). Aber diese Erinnerungen haben  – Gott sei Dank – alle Macht über die Gegenwart verloren. Die Gegenwart ist ganz erfüllt von der Zuwendung, der Nähe Gottes.

           Es ist das Bild von der Braut, das auch hier wieder verwendet wird und damit Innigkeit signalisiert, Treue, unverbrüchlichen Bund. „Neben dem Persönlichen ist hier der Akzent des Verbindlichen und Dauerhaften zu hören.“ (D. Schneider, ebda) Wie weit dieses Bild gespannt wird, zeigt die Offenbarung: „Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herab kommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.“(Offenbarung 21,2)

               Seit Hosea (Kapitel 2) wird das Bild von der Ehe als Gleichnis für das Gott-Israel-Verhältnis verwendet.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 3, Stuttgart 1988, S.272)Bilder haben ihre Grenzen. Sie können auch auf falsche Spuren locken. Für uns ist das Bild von Braut und Bräutigam das Bild einer wechselseitigen, gleichwertigen Liebe. Vor allem ist es auch ein Bild, das auf Individuen bezogen ist. Mit Massenhochzeiten haben wir es im westlichen Kulturkreis nicht so.

              Umso wichtiger ist es, dieses Bild vor Missverständnissen zu schützen: „An den nicht wenigen Stellen im Alten Testament, in denen das Bild der Ehe für das Gottesverhältnis gebraucht wird, ist der Partner Gottes immer eine Gemeinschaft, nie ein Einzelner. Das hat zur Folge, dass der subjektive Ausdruck dieses Verhältnisses immer nur auf der Seite Gottes dargestellt wird, so wie in dem obigen Satz: „ ..so wird sich dein Gott über dich freuen“, niemals auf Seiten des Menschen. Darin ist es begründet, dass die bräutliche oder eheliche Liebe als Bild oder sprachliche Darstellung der subjektiven Einstellung des Menschen zu Gott, wie sie in die christliche Kirche durch die Mystik kam, zutiefst unbiblisch ist.“ (C.Westermann, aaO.; S.299) Selbst wenn ich das harsche Urteil – unbiblisch – nicht teile, und es ein wenig auf die grundsätzliche Skepsis früherer evangelischer Theologie gegenüber der Mystik schiebe, lese ich hier die Aufforderung, sorgsam zu bedenken, ob es angemessen ist, von Nonnen oder Diakonissen als  Bräuten Christi zu reden, die sich ihm anverloben. Ob es angemessen ist, die eigene Liebe zu Gott, zu Christus so ins Bild der Ehe zu fassen.

            Luther hat 1518 geschrieben: „Die Liebe Gottes findet ihren Gegenstand nicht vor, sondern erschafft ihn sich erst. Menschliche Liebe entsteht an ihrem Gegenstand…. Die Sünder sind deshalb schön, weil sie geliebt werden, sie werden nicht deshalb geliebt, weil sie schön sind.“ (M. Luther, Heidelberger Disputation, These 28 in: Luther deutsch. Bd. 1, Göttingen 1983, S. 393) Genau diese Gedanken sind hier ablesbar: Es ist die Lust Gottes, die Jerusalem zur geliebten Stadt, zur liebenswerten Braut macht. Das gilt nicht nur und auch nicht erst  und schon gar nicht ausschließlich für das himmlische, sondern erst recht schon für das so irdische Jerusalem mit seinen tausend Wunden.

 

Mein Gott, Du hast Lust am irdischen Jerusalem, an Deiner Stadt, allen Trümmern zum Trotz, allem Elend zum Trotz.

In Deinen Augen ist Jerusalem schön, weil Du es erwählt hast, weil Du es liebevoll ansiehst.

Verleihe es mir doch, dass ich unsere Kirche so auch ansehe, mit liebevollen Augen, dass ich nicht hinwegsehe über Trümmer, Wunden, Widersprüchlichkeit, dass aber all das die Liebe nicht zum Erliegen bringt. Amen