Statt Sack und Asche

Jesaja 61, 7 – 11

7 Dafür, dass mein Volk doppelte Schmach trug und Schande ihr Teil war, sollen sie doppelten Anteil besitzen in ihrem Lande und ewige Freude haben.

            Schon einmal war die Rede von der doppelten Schmach und Schande: „Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.“(40,2) Am Anfang des Trostbuches. Das wird hier aufgegriffen und weitergeführt: „Auf doppelte Schmach folgt ein doppeltes Erbe.“(H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.215) Die Strafe, die Schande findet eine Antwort, die ihr entspricht. Das Erbarmen der Liebe gibt doppelt zurück. Das erinnert auch an den Schluss des Hiob-Buches. „Und der HERR wandte das Geschick Hiobs, als er für seine Freunde Fürbitte tat. Und der HERR gab Hiob doppelt so viel, wie er gehabt hatte.“ (Hiob 42,10) Waren die Schande und Strafe zeitlich begrenzt, so ist die Antwort Gottes, Anteil am Land und Freude ewig. Unbegrenzt. Das meint Verdoppelung.   

  8 Denn ich bin der HERR, und Raub und Unrecht hasst; ich will ihnen den Lohn in Treue geben und einen ewigen Bund mit ihnen schließen. 9 Und man soll ihr Geschlecht kennen unter den Heiden und ihre Nachkommen unter den Völkern, dass, wer sie sehen wird, erkennen soll, dass sie ein Geschlecht sind, gesegnet vom HERRN.

            Diese Umkehr, die Verdoppelung hat ihren alleinigen Grund im Wesen Gottes: der das Recht liebt. Weil Gott ist, wie er ist, kann er nicht genug tun im Zurechtbringen, im Aufhelfen. Weil Gott ist, wie er ist, will er einen neuen, einen ewigen Bund mit ihnen schließen. Das Wort, das die Luther-Bibel mit „Bund“ übersetzt – berit – kann auch sachgemäß mit „Bestimmung, Verpflichtung oder Verfügung“ (H.J.Kraus, aaO.; S.216) übersetzt werden. Hilfreich daran ist, das so deutlich wird: Es geht nicht um eine privilegierte Partnerschaft Israels mit Gott, sondern es geht um eine Bestimmung, die Israel von Gott auferlegt wird: An diesem Volk soll erkennbar sein, wie Gott handelt und an diesem Volk soll erkennbar sein, wie die Antwort eines Volkes, einer Gemeinschaft auf das gnädige Handeln Gottes aussieht.

            Es ist eine unglaublich große Erwartung, die Gott an seine Leute hat: ER will aus ihnen das Muster für alle Völker machen. Er will sie zum Licht in der Welt machen, zur Kontrast-Gesellschaft gegen die Gesellschaft, die die Traurigen trostlos lässt, die Hungernden hungrig, die Elenden im Elend, die Schwachen niedergedrückt und die Belasteten unter ihren Lasten, bis sie schließlich innerlich und äußerlich zusammenbrechen.

            Zweimal wird denen, die sich von diesem Auftrag in Gang setzen lassen, die mit diesem Auftrag erreicht werden, Ewiges verheißen: Ewige Freude ‑ ein ewiger Bund. Das ist doch unsere Not, dass so wenig Ewiges in unserem Leben ist: Wir sind unbeständig in unserem Beten, in unserer Treue, in unserem Glauben, in unseren Taten. Wir sind so sehr vom Wechsel, vom ständig neuen Tun geprägt, dass wir schon eine Tugend daraus machen. Darum behauptet unsere Zeit:  Der Mensch braucht Abwechslung, Tapetenwechsel ‑ und so wechseln wir: Hemden und Frauen, Regierungen und Währungen, Vorbilder und Ideale, Überzeugungen und Götter.

            Aber nun sagt Gott: Deine Flatterhaftigkeit, deine Unbeständigkeit umschließe ich mit meiner Treue, deine Schwankungen sind umschlossen von meiner Beständigkeit. Gott lässt das Werk seiner Hände nicht los ‑ nicht in der Zeit und nicht in der Ewigkeit. Wir sind eingeschlossen in Gottes Treue und damit kommt in unser Leben seine Ewigkeit.

            Das Merkwürdige: Gott wird diesen Bund nicht leid. Auch nicht, wenn sein Volk hinter dieser seiner Bestimmung zurück bleibt. Wenn es den Bund als Privileg nur für sich selbst und nicht als Aufgabe an der Welt und den Völkern versteht. Er hält die Bundestreue und er arbeitet unermüdlich an der „Bundeserneuerung“. Darum erzählt die Hebräische Bibel von der folge der Bundesschlüsse Gottes – über Noah zu Abraham, zu Mose mit dem Ausblick auf den neuen Bund, der in die Herzen geschrieben ist. In dieser Kette der Bundesschlüsse hält gott zäh an seiner Bundestreue fest, aller menschlichen Untreu und allem Verzagen zum Trotz.

Darauf bauen wir ja auch, wir Christen, von Anfang an:

 „Mein treuer Gott, auf deiner Seite  bleibt dieser Bund wohl feste stehn;
wenn aber ich ihn überschreite, so lass mich nicht verloren gehn;
nimm mich, dein Kind, zu Gnaden an, wenn ich hab einen Fall getan.“                       J.J. Rambach 1735, EG 200

    Im Hintergrund klingen Ausgleichs- und Entschädigungsgedanken mit. Wer vorher viel gelitten hat, der soll es jetzt umso besser haben. Wer vorher Not erlebt hat, der soll jetzt Gutes erfahren. Der „arme Lazarus“ ist so einer, der in Abrahams Schoß entschädigt wird für alles Leiden seines Lebens. Wir lehnen das leicht ab, zumal, wenn es uns gut geht. Aber ich glaube, dass es im Denken vieler anderer, die auf der Schattenseite des Lebens stehen, so ein Denken gibt, das verständlich ist: Die Gerechtigkeit Gottes wird für einen himmlischen Ausgleich sorgen.

 10 Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. 11 Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der HERR Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Heidenvölkern.

             Es ist ein langer Weg, den diese Verse vollziehen. Aus der Verheißung kommt neues Handeln. Der Blick weiter sich. Und am Ende steht „Ich freue mich im Herrn.“ Es ist eine Form der Aneignung dessen, was der Gesalbte Gottes angesagt hat, was da als inneres Bild vor Augen steht. Was in seinen Worten für alle gesagt wird, verheißen wird, verändert das persönliche Leben. Es kommt beim Ich an und lässt mich nicht so bleiben, wie ich war.

            In den Texten des Jesaja ist das kein Widerspruch, sondern eine sachgemäße, notwendige Klammer: Neben das Loblied der Gemeinde tritt der Psalm des Einzelnen. Weil der neue Anfang des Volkes ja immer auch darauf zielt, dass Einzelne einen neuen Anfang machen. In den Augen des Jesaja kommt das Heil für das Volk immer auch in der Gestalt des Heils für den einzelnen und wird das Heil das einzelnen eingebettet in den Weg des Volkes.

           Die Kleider des Heils, der Mantel der Gerechtigkeit – das ist die neue Gewandung von Gott her, die neue Lebenswirklichkeit. Festgewänder treten an die Stelle von Sack und Büßergewand, von Sklavenschurz und Trauerkleid. Es sind die Kleider der Rettung, die die Zeit der Entblößung und Schändung als Vergangenheit markieren. Gott zieht sie mir an, zieht sie uns an – nicht wir selbst. In sie darf das „ich“ hinein wachsen – das Ich des damals antwortenden Hörers so gut wie ich heute. Wo das geschieht, wird die enge Grenze des Volkes, der Rasse, der Religion auf-gesprengt und geweitet in die Völkerwelt hinein.

 

Du Gesalbter, Menschensohn und Gotteskind, Du hast das gelebt: Freiheit für Gebundene. Trost den Traurigen. Neues Sehen für Blinde. Neue Schritte den Lahmen.

Du hat das gelebt. Du rufst uns in ein Leben in Deiner Spur. Du schenkst uns Deinen Geist, damit wir trösten, aufrichten, befreien, ermutigen, das Leben neu sehen und annehmen lehren und selbst lernen.

Gib uns Deinen Geist, Anteil an Deiner Weite, Deiner Liebe, Deiner Kraft, Deiner Zukunft. Amen